Kategorie: Literatur

In Space we are Punks (vielleicht ein Anfang)

Eine Art Short Story von Jazznrhythm

Wir hatten uns das Raumschiff zusammen geschnorrt. Es war einen Heidenarbeit, und keiner von uns mochte im Nachhinein darüber  reden. Das Ding sah weder gut aus, noch flog es zuverlässig. Aber wir hatten keine Lust dort zu bleiben, wo wir waren, also sattelten wir die Pferde und suchten das Weite.
Unser Väter hatten die Flüge zur Kunst erklärt, aber die Tage waren vorbei, und wir mussten es uns eigentlich nur noch bequem machen. Die Sitze warfen wir raus, und einige Teppiche aus Maultierhaar wurden ins Panoramacockpit gelegt. Baku brachte eine Wasserpfeife mit, und ich rollte das Backgammon-Spiel aus. Wir hatten keine Lust zu schlafen, und wollten die Reise geniessen.
Marlene lief die ganze Zeit nackt herum, und machte Baku ganz irre damit, aber er hatte genug Stoff dabei, um apathisch in den Raum zu starren. Wir hörten die schlimmste Musik, die wir finden konnten, doch die Dienste, die uns das lieferten wechselten ständig und blieben nicht konstant. Eigentlich hätte es schon lange möglich sein sollen, einer Richtung auf die nächsten tausend Jahre zu folgen, aber irgendwie herrschte hier Zensur, dort Nebel und manchmal kam irgendwas dazwischen, was wir nicht verstanden.
Wir hatten alle unsere Ausbildungen abgebrochen. Zu richtigen Berufen taugten wir nicht, und egal was uns das Leben antat, wir waren bereit zurück zu treten. Ich hatte die Augen eines bekifften Mönchs und sah nur durch zwei Schlitze. Es war ein Leiden, dass ich mir auf den langen Reisen zugezogen hatte. Ich sah immer weniger, und war auf dem Weg zu einer Operation, die mir helfen sollte. Marlene wollte mal wieder in den Dschungel, und Baku liebte mich abgöttisch. Wollte es aber mit Marlene treiben. Es war verwirrend, und unsere Hirne begannen sich aufzulösen, wenn wir miteinander sprachen.
Wir knallten die Steine auf das Backgammon, und lauschten mit einem Ohr den regelmäßigen Geräuschen, die das Schiff von sich gab. Es war ein atmender Organismus. Wir mussten auf die Herztöne achten, sonst waren wir verloren. Nach drei Sprüngen war uns schlecht, und weder Baku noch ich hatten Lust irgendetwas zu essen. Marlene lag unter der künstlichen Sonne in unserem Keller, und wir tranken den Eistee, denn wir in den Zwischenwänden lagerten.
Als es fiepte, schob Baku den Teppich beiseite, um dem aufsteigenden Display Raum zu geben. Es materialisierte sich wie der Rauch einer Wasserpfeife und zeigte uns die Umgebung in all ihrer Farbigkeit. Wir durchquerten das Areal der Casinowelten. Eine Gegend, die bekannt für ihre Glücksritter und Arschlöcher war. Hier tanzten die Mädels auf dem Tisch und Haudegen, die uns haushoch überlegen waren, schmissen das Geld in den Ring. Die Casinowelten bestanden aus vier Planeten, die sich bemühten möglichst viele Brücken zueinander zu bauen. Sie sahen sich als Staatenverbund an, leisteten Lobbyarbeit im Sternenrat und hatten eine ganze Menge Probleme wegen ihrer unzüchtigen Bevölkerung. Piraten sahen sie als Hafen an, und wir waren nun umgeben von Piraten.
Unser Schiff wirkte wie die Toilette der Piratenkreuzer, und wir bauten, ja, hofften darauf, dass sie das wirklich so sahen. Alleine, es gab keine Garantie. Tatsächlich bot diese Gegend jedem Schwachsinn Raum, und so legte Baku den Finger an seine Lippe und bedeutete mir zu schweigen. Er tat das mit einer schläfrigen Liebenswürdigkeit, die ermüdenden war. Ich schloss die Augen, lehnte mich zurück. Wir alle hatten von den Scannern gehört, die das All einfach mal so nach Beute abchecken konnten. Auf einer Strecke von hier nach dort, oder noch weiter. Wir wußten es nicht so genau. Unsere Bildung war beschissen. Wir hatten keine Ahnung, was die Piraten konnten.
Wir glitten also so leise weiter, und bewegten uns, als ob Gelee uns einhüllte. Marlene schlief unter der künstlichen Sonne. Das war beruhigend. Das Schiff stöhnte und ächzte, aber das tat es immer. Wir nahmen es nur aufgrund des Sounds, der uns umgab, nie wahr. Aber die Boxen vibrierten nicht mehr und wir wurden der Tatsache gewahr, dass Reisen im All niemals lautlos waren.
Baku befingerte sich in der Körpermitte, da ihm wohl langweilig war. Ich sah das nur, weil ich mal kurz blinzelte, aber die Augen sofort wieder schloss. Das Display tanzte wie eine Fata Morgana zwischen uns, und spielte mit den Kreuzern, die wie Wale zwischen den Casionwelten schwammen. Piratengebiet.
Ich war ein cooles Kerlchen, mich erschütterte nicht viel. Ich war aufgewachsen und groß geworden auf einem berüchtigten Gefängnisplaneten, der eigentlich ein Paradies war. Keine Mauern, und eine Horde von Individualisten aus allen Welten erzog mich. Mein Wissen war auf Raub und Mord und ähnliche Themen begrenzt, aber ich hatte seitdem immer eine Waffe bei mir, die häßlich Löcher in alles reißen konnte. Ich fühlte sie neben mir. Direkt unter meinem Teppich. Ich hielt meine Hand drauf. Ich wartete. Wir trieben dahin. Das Schiff stöhnte. Marlene gab keinen Laut von sich.
Baku dagegen hatte überhaupt keine Ahnung vom Leben. Er war weiß, dicklich, trug seine Haare in alle Himmelsrichtungen. Und hatte sie überall. Ich fand ihn in einem Müllcontainer, in dem er mit einer virtuellen Brille fremde Planeten besah, während er Abfälle fraß. Er glich einem vergessenen Hund, und erst nach drei Jahren bekam ich raus, dass er mich schon immer verstanden hatte. Bis dahin hatte ich ihm jeden Mist erzählt. Das war nicht gut. Ich wollte nicht mit ihm schlafen, aber hatte es wohl mal gesagt. Seitdem tat er Dinge vor mir, die  ich ihm nicht mehr abgewöhnen konnte.
Marlene hatte alles, was wir nicht hatten. Vor allem einen Körper. Baku war ein ungepflegter Fleischbrocken, und ich hatte jedes unwichtige Teil verloren und ersetzt bekommen. Aber Marlene war eine Lichtgestalt unter uns. Sie war weder geformt, noch geändert, noch gerendert, noch aufgehübscht, noch operiert. Mir ging alles nach und nach kaputt. Sie blühte auf. Und durfte sich daher unter die Sonne legen. ich hätte es nicht gewagt. Niemals. Never. Nicht in diesem Leben.
Die Piraten kamen näher, stießen sich wieder ab. Als wären wir Magneten. Wir erregten ihre Aufmerksamkeit. Wir verloren sie. Es machte mich nicht traurig, aber unruhig. Ich war in einer zu schlechten Verfassung, um als Sklave zu taugen, und Baku hatte auch keinen Wert. Aber um Marlene konnte es uns Angst und Bange werden. Also hielten wir weiter den Atem an, flüsterten nicht mal und funkten uns unverständliches Zeug über unsere Augen zu . Baku verstand kein Wort von dem, was ich ihm sagte. Und auch das war viel zu normal.
Der erste Pirat, der sich zwischen uns materialisierte, liess mir nicht mal die Chance nach meiner Waffe zu greifen. Er tauchte dort auf, wo das Display gerade noch die fremden Schiffe gezeigt hatte,  trat sofort auf meine Hand, kickte gekonnt meine Waffe weg und sah mich mit einem schaumigen Grinsen an. Er war der häßlichste Kerl, der mir je begegnet war, und ich wuchs auf einem Gefängnisplaneten auf.
Er beachtete mich jedoch nicht weiter, und auch das war ich gewohnt, sondern drehte sich um und stapfte durch das, was wir Deck nannten. Er schmiss jeden Kram zur Seite, der beweglich war, trat gegen alles, was nach Blech klang, und spuckte verächtlich durch die Gegend. Neben ihm tauchte der nächste Bursche aus, und der bestand quasi nur aus Zöpfe, die bis zur Erde reichten. Er roch wie ein nasser Hund, hatte vorbildliche Zähne, und ein Messer das ebenso glänzte, wenn es beständig über uns schwebte. Er wirkte wie ein Halsabschneider und Henker. Ich lehnte mich zurück, denn es gab nichts mehr für mich zu tun, außer meine Waffe zu suchen. Feuchtigkeit hatte sich um Baku ausgebreitet, und wir ahnten, dass dieses eventuell die letzten interplanetarischen Minuten waren, die wir gemeinsam erlebten. Ich hätte seinen sexuellen Wünschen nachgeben sollen. Alles war besser, als das hier.
Sie sprachen kein Wort. Sie wüteten in unserem Schiff, als wäre es ein Schrotthaufen, in dem sie nach Teile suchten. Sie rissen Kabel aus den Wänden, malträtierten Schläuche und hoben Bodenplatten. Sie brachten Platinen und Teile zu Tage, deren Existenz ich bestritten hätte. Ich glaubte nicht mehr an eine Heimkehr.
Natürlich rettete uns Marlene. Sie köpfte mit angewinkelten Beinen, und einem Sprung aus dem Stand in die Schulterhöhe den Burschen, dessen Zöpfe wie ein Fixstern an mir vorbeiwirbelten, und trat den anderen, der uns zuerst besucht hatte, in einem Staccato aus wilden Fußtritten an die Panoramascheiben. Sie tat dass mit einer Behändigkeit, die mir unverständlich war, und die nicht zu unserer Lautlosigkeit passten. Aber, verdammt, sie war still. Vollkommen ohne Ton, wie das Haar des Zweiten, das an mir vorbeischwebte, und dabei keinen Mucks  von sich gab.  Ihre Beine hatten sich unzüchtig geöffnet und in einer obszönen Geste Schneiden freigelegt, die nur einen Schluss zuliessen. Und dieser machte mir soviel Angst, dass ich krabbelnd fliehen wollte.  Das Schiff hatte seinen Herzstillstand erreicht. Es hörte auf zu atmen. Der erste Pirat rutschte an den Panoramascheiben herab hinterliess eine gelbe Spur, so flüssig wie schleimig war, und der zweite lag mit seiner unteren Hälfte inmitten von technischem Gerümpel. Unser Schiff sah aus wie eine Drogenhölle nach der Razzia.
Buka stellte sich tot. Aber seine Augen waren aufgerissen, sahen Marlene an und färbten sie vor Entsetzen rot, während seine Haut einem frischgeschöpftem Papier glich.
Marlene setzte sich auf den Boden, besah sich das Backgammonspiel und liess etwas krachen, dass wir bisher für Muskeln gehalten haben.
„Du bist ein verdammter Roboter?“
„Yeah!“
„Für was….?“
Sie tippte mir auf die Nase, lachte leise und ihre Pupillen stachen in die meinen, während sie sprach: „Das, für das ich geschaffen wurde, hätte dir gefallenen, aber sorry, vorbei. Nun lass uns einfach das Abenteuer beginnen.“
Baku zog sich hoch. Sah sie an. Ging davon. „Ach, scheisse.“
Es wurde fortan nicht besser. Aber anders.

Bücher, die ich las…

Mein Verhältnis zu Buchbesprechungen oder -rezensionen hat sich in den letzten Jahren dramatisch gewandelt. Einst schrieb ich Kritiken gerne, sah mich dazu befähigt und tat das auch sehr, sehr eigenwillig. Im Augenblick nehme ich lieber Abstand davon, und verzichte daher auf ausführliche und ausschweifende Zusammenfassungen und Interpretationen. Der Grund dafür liegt in der Flut der Literaturblogs, sowie den unzähligen Empfehlungen auf den Seiten der Buchhändler und dem Fluch der Spoiler, Trailer, Vor-Interpretationen und formvollendeten Nacherzählungen, die sich mittlerweile überall finden.

Dennoch möchte ich kurz die Titel auflisten, die ich las und dazu zwei-drei Wörter verlieren, die fern jeglicher Objektivität sind, keine literarische Vorbildung beinhalten und sich einen feuchten Kehricht um irgendwas scheren.
Ich mache es einfach.

Ich bat Freunde, mir Bücher zu empfehlen. Manchmal tat ich mich mit den empfohlenen Titeln sehr schwer, manchmal war ich überrascht.

Kazuaki Takano „Extinction“
Es gibt Menschen, die es mögen, wenn Sachbuchthemen als vermeintliche Thriller präsentiert werden. Ich persönlich lehne das ab, und erwarte von dieser Literaturgattung und all seinen Nebengenres, die einen ähnlichen Spannungsbogen haben sollten, wirklich fette Angstgefühle mit dem Protagonisten. Dieses Buch erreichte mich nicht, aber ich gestehe dem Autor zu, dass er von manchen Dingen mehr Ahnung hat als ich.

Bruno Schirra „Der globale Dschihad“
Nein, ernsthaft, das ist nicht das Buch, das man zu diesem Thema lesen sollte. Zu wenig Bemühen um Innenansicht, zuviel aufdringliche Wertung, zuwenig was zum Verständnis dieser Situation beiträgt. Das Buch ist durchaus eine Betrachtung der Situation, aber sie bringt nichts näher, sondern reflektiert nur das, was im Grunde genommen schon bekannt ist.

Behnam T. Said „Islamischer Staat“
Erstaunlich gutes Buch. Sehr darum bemüht, den Hintergrund der Entwicklung zu beleuchten, und damit eine Basis für weitere Betrachtungen zu schaffen. Zurückhaltung in der Wertung, und dennoch distanziert. Empfehlenswert, wenn man sich dem Thema annähern will.

Wolfgang Neskovic „Der CIA Folter Report“
Trocken wie das Baguette von letzter Woche, und mit soviel Verweisen in Akten, das nur die Hälfte am Stück lesbar ist. Trotzdem, auch wenn es kreist und sich wiederholt, auch wenn es ungeniessbar scheint, finden sich darin genug Aussagen, die gelesen werden müssen. Eins von den Büchern, die schon aus Gründern der Mahnung, Bestseller werden müssten.

Tilman Seidensticker „Islamismus“
In den unzähligen Begriffsverwirrungen, die sich momentan überall finden, versucht dieses Buch einen Weg zu schlagen und das Wort „Islamismus“ zu klären. Das ist nicht ganz einfach, und daher ist es wichtig.

Richard Ford „Kanada“
Das ist Slow Motion. Nimmt den Plot in den ersten Seiten schon vorweg, und braucht dann trotzdem ewig, bis er dahin findet. Sprachlich beeindruckend, aber in der Langsamkeit der Entwicklung sucht es seinesgleichen. Die Dinge, die passieren, sind die kleinen, die großen Dinge kleben es nur zusammen. Braucht Zeit, Ruhe und Muse.

Harald Welzer „Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“
Ja, nein, nicht wirklich. Ambitionierter Titel, angerissene Themen, viel Gutes, manches fand ich zu sehr auf die Schulter geklopft und im Zusammenhang dann zu wenig. Ich gebe zu: Ich bin nicht objektiv, und meine Erwartungen waren zu hoch.

Karlove Kausgard „Sterben“
Junge, junge. Sagen wir es so: Wer Richard Fords „Kanada“ schafft, der kommt auch damit klar. Problem für mich: Ich mag den Protagonisten, den Autor, nicht. Vielleicht ist er auch nur zu ehrlich, vielleicht reflektiert er auch falsch. Kein Schimmer. Ist eine große Nummer in seinem Land, und hat im Grunde alles, nur keinen Plot. Das Ding läuft und erzählt und manches braucht man nicht, anderes ist genial ausgedrückt. Schwieriger Fall, bekommt aber eine zweite Chance.

Naomi Klein „Die Entscheidung – Kapitalismus vs Klima“
Jeder mag Naomi Klein, und keiner spielt mit seiner eigenen Inkonsequenz so geschickt wie sie. Das Buch ist lesbar, ein Rundumschlag, mit viel, viel Zeugs, und regelmäßigen Wiederholungen des Grundtenors. Grundsätzlich nicht unsympathisch, kommt man sich hinterher doch so vor, als hätte man bewusst an einem Seminar teilgenommen, das einem das Hirn in eine bestimmte Richtung drücken will. Das ist nicht falsch, weil ja die Botschaft gut ist, aber irgendwie fühle ich mich jetzt schon ein klein wenig indoktriniert.

Lamya Kaddor „Zum Töten bereit“
Das ist ein Buch, das interessant und wirklich dazu passt, wenn man sich gerade durch den Dschungel der Literatur zum Thema IS durcharbeitet. Man wünscht sich, das all die Leute, die mit komischen Plakaten rum marschieren und einfach mal zeigen wollen, dass sie gegen andere Menschen sind, sowas lesen. Aber genau die Leute wird das Buch sicher nicht erreichen. Dabei wäre das der richtige Leserkreis.

Donald Ray Pollock „Knockernstiff“
Muss man lesen, weil dreckig, schonungslos, trocken, immer mittendrin und gut. Was für ein Buch. Alle Wetter.

Hilary Mantel „Wölfe“
Das erste, was ich dachte, war: Wer so schreibt, der hasst seine Leser. Diesen Schreibstil eigenwillig zu nennen, ist untertrieben. Aber Achtung, diese Frau ist wichtig, wird geschätzt, verehrt, mit Preisen ausgezeichnet und geliebt. Im Nachhinein, mit Abstand, hat dieses Buch irgendetwas, aber vor allem bleibt das Gefühl zurück, dass man es geschafft hat. Grammatikalisch ist nichts falsch, trotzdem waren ihre Zeilen für mich die schwersten Brocken der letzten Wochen. Vor einem zweiten Band habe ich mehr als nur Angst.

Siri Hustvedt „Die gleissende Welt“
Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich schwanke zwischen großen Empfindungen der Sympathie für diese Autorin und purer Ablehnung gegenüber dieser Art von Mockumentary in Literaturform. Sowas hat die Chance ein Klassiker zu werden, verlangt aber viel Enthusiasmus und Flexibilität vom Leser. Liess mich vollkommen verwirrt zurück. Großes Verlangen danach irgendetwas zu lesen, was gerade und abgrundtief böse ist.

T.C. Boyle „Hart auf Hart“
Ich finde ja, dass es die Masche eines One-Trick-Ponys ist, wenn man immer wieder nach demselben Rezept arbeitet. Protagonist taucht auf, lebt schon sehr beschissen, und dann wird es beschissener. Shit happens. Trotzdem: Boyle kann schreiben, besser als so mancher anderer. Er seziert den amerikanischen Lebensstil. Er weiß welche Hebel er umlegen muss. Insofern: Liest sich ausgesprochen rasant. Und das war gut.

Zoe Beck „Schwarzblende“
Ich hege große Sympathie für Zoe und möchte was Nettes über sie schreiben. Aber ich gestehe, in der Mitte des Buches suchte ich den Krimi seitenweise. Ich muss schnell was anderes von ihr lesen.

Mike Nicol „Bad Cop“
Ganz ehrlich? Ich habe das Ding fast schon vergessen. Würde man den Plot hierhin kritzeln, dann wäre er komisch, sehr konstruiert, aber würde nach richtig fiesem, netten Trash klingen. Tatsächlich gefällt mir die Erotik der Hauptpersonen nicht, weil es nicht übers Klischee hinausging, und das kann einem soviel verderben…Unglaublich.

James Lee Burke „Sturm über New Orleans“
Es gibt sicherlich immer noch Menschen, die nicht so richtig verstehen, warum es sich bei Katharina eigentlich nur im ersten Moment um eine Naturkatastrophe handelte. James Lee Burke ist mein persönlicher Literatur-Gott. Da wo er steht, kann man nichts mehr falsch machen und nebenan geht es nur noch runter. Sorry. Ich bin parteiisch. Ich liebe alles, was er schreibt. Alles. Lest das.

Greg Iles „Natchez Burning“
Lesen. Das ist so gut geschrieben. Das ist das, was die Autoren in Amerika draufhaben. Dichtes Dings. Fett und überhaupt. Lesen.

Mohamedou Ould Slahi „Guantanamo Tagebuch“
Lesen, weil Mahnung, weil wichtig, weil unglaublich, weil nahe und weil es wirklich nicht zu fassen ist. Und viele Seiten geschwärzt sind. Das muss man gesehen haben.

Rachel Kushner „Flammenwerfer“
Beatliteratur. Würde ich sagen. Lebensgefühl interessant. Verwirrend flockig bis zur ersten Hälfte, danach unschlüssig und aber immer noch nett und sympathisch in der zweiten. Viel weniger radikal als man mir weismachen wollte. Kann nicht schaden, ist jetzt aber auch keine Empfehlung.

John Williams „Butchers Crossing“
Das ist schon große Literatur. Und das ist von jemand, der ganz genau wußte, wie er das Ding rund bekommt. Das ist gutes Handwerk, klasse Recherche, und beschreibt einen dreckigen Job in einer chaotischen Zeit. Es ist zutiefst moralisch und spielt diese Karte nicht aus, und ist einfach ein verflixt guter Western.

Stephen Dobyns „Das Fest der Schlangen“
Ja, gut, chaotisch, durchgeknallt, weiter so. Der Autor kommt auf die Merkliste. Der spinnt sich das Zeug irgendwo zwischen seinen Alpträumen zurecht. Guter Mann. Sehr guter Mann.

Adrian McKinty „Der katholische Bulle“
Hier stimmt eigentlich alles. Lokalkolorit, wunderbarer Zeitrahmen, in den alles reinpasst: Chaos, Gewalt und korrupte Bullen, sowie ein Protagonist, der sich irgendwie geschickt durchschummelt. Ja, das sei empfohlen.

Sebastian Klipper „Konfliktmanagement für Sicherheitsprofis“
Ich finde es gut, dass es so ein Buch gibt. Muss allerdings gleich hinterher schmeissen: Das es so ein Buch gibt, deutete natürlich auch auf eine Misere in den IT-Büros hin. Wichtiges, cleveres Teil, brachte mir persönlich allerdings weniger als ich erhofft hatte. Aber: Könnte eine Hilfe sein, für die die an ihrem Job in der IT verzweifeln.

Fünf Bücher, die man lesen sollte…

Es gibt Zeiten, in denen rühre ich kein Buch an. Keine Zeitschrift. Kein kluges Wort erreicht mir. Gerade mal Comics stapeln sich dann auf dem Nachttischchen. Und das war es dann auch.

Es gibt Bücher, die verderben mir das Lesen für Tage, Wochen und Monate, manchmal für Jahre. Und es gibt Bücher, die mich hungrig zurück lassen.

Momentan bitte ich meine Freunde und Bekannten mir keine Bücher zu schenken, aber mir fünf Titel zu sagen, die sie für wichtig erachten, die ich lesen sollte oder die ich garantiert nicht kenne, aber kennen sollte.

Ich bastle mir eine Liste zurecht, die sich aus Neuerscheinungen und Titeln zusammensetzt, aber mir auch beim Spazierengehen auffallen. Sie wird länger und länger, interessanter und wilder. Am Anfang dachte ich, dass alles in einem Genre hängenbleibt, doch mittlerweile staune ich über das Bevorstehende.

In den nächsten Tagen werde ich maximal zwei Sätze pro Buch schreiben, wahrscheinlich auch rückwirkend zu jenen Zeilen, die ich schon hinter mir habe. Mehr als zwei Sätze werden es nicht sein, denn das reicht in der Regel.

Zadie Smith sagte über Karl Over Knausgaard: KARL OVE KNAUSGAARD. MY STRUGGLE. It’s unbelievable. I need the next volume like crack.

Ok, das waren mehr Sätze, aber Grund genug für mich, diesen Knaben zu lesen.

Ich sage demnächst mal was über ihn. Versprochen.

Ah, und wer immer mir nun fünf Titel nennen will, der/die sollte das tun. Unbedingt. Ich bin gespannt.

Frankfurter Buchmesse 2013: Das Schönste und alles, was sonst noch zählt….

Das Schönste an der Buchmesse zuerst: Sie macht immer noch und immer wieder Lust auf das Lesen und Schreiben. Und: Die Anzahl der Bücher bleibt erschlagend. Hier ändert sich wenig. Es gibt auch keinen gefühlten Qualitätsverlust in der Quantität. Insofern kann man jeden Bericht jedes Jahr mit denselben Schlagwörtern füllen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, das sich nun etwas geändert hat.

In all den Jahren zuvor wurde immer wieder davon gesprochen, wie wichtig der digitale Markt für die Buchverlage sei. Und immer wieder berichteten alle Medien darüber, welche radikalen Umwälzungen sich auf der Buchmesse gezeigt hätten. Tatsächlich jedoch versteckten viele Verlage ihr digitales Engagement schamhaft. Es wurde darüber gesprochen, es gab auch Vorträge, aber die Präsenz an den Ständen war trotz allem zurückhaltend.

Veröffentlichungstermine für eBooks, Verweise auf die führenden Plattformen sind man immer noch nicht verlagsübergreifend, aber die meisten Verlage scheuen sich nicht davor nun auch auf ein digitales Konzept zu verweisen. Das Selfpublishing oder auch Printing-on-Demand halte ich persönlich zwar nicht für einen Breitensport und auch nicht für eine Möglichkeit schnell reich zu werden, aber es zeigt sich, das auch grosse Verlage hier ein Potential erkennen, von dem sich möglicherweise der Rahm abschöpfen lässt. Soll heißen: Neben den Gang über einen Agenten und danach über eine Lektor, gibt es z.B. nun auch die Möglichkeit auf einem Ableger des Droemer und Knaur Verlages (Neobooks.com) seine Skripte, Romane und ähnliches hoch zu laden. Das ist ein durchaus interessantes Experiment.

Obwohl große Soft- und Hardware-Anbieter sich darum bemühen, den Einstieg ins eigene eBook so einfach wie möglich zu gestalten, tummeln sich eine Unmenge Anbieter auf dem Markt, die ihre Dienstleistungen rund um dieses Thema zur Verfügung stellen wollen. Ausgestattet mit einem guten Korrekturprogramm, einer nicht zu wilden Vorstellung von Typografie und der netten Kritik durch die Freunde, einer kleinen Netzgemeinde oder ähnlichen Probanden sollte es im Grunde genommen für jeden möglich sein Texte in eBooks zu verwandeln. Dennoch hat sich das Gestrüpp aus unterschiedlichen Plattformen, damit einhergehenden Formaten, differenten Shopsystemen und einer, für den Laien wohl, undurchschaubaren Rechtslage, dazu geführt, dass das eBook nicht unbedingt einfacher zu handhaben ist als eine reguläre Veröffentlichung auf Papier.

Hier springen, vor allem international, ein unüberschaubare Anzahl Firmen ins Boot, die sowohl beim Layout, wie auch bei der Interaktivität, und der medialen Verbreitung helfen wollen. Das ist löblich, erinnert aber an jene Zeit, in der aus allen Ecken Webdesigner herbei eilten, um jedem zu helfen, der seine Bäckerei online bringen wollte. Was zur Folge hatte, dass Webdesign als Dienstleistung in bestimmten Kreisen ein verdorbenes Image hat, ähnlich wie Tattoo- und Nagel-Studios.

Wandelt man als unbefangener Betrachter, der gerne ein Kindle oder Sony Reader nutzt, an den Ständen vorbei, die jedem die Zukunft, eine kundenorientierte und breite Vermarktung, sowie erreichbare Bestseller und möglichen Reichtum versprechen, dann fällt eins auf: Die Stände sind zumeist nicht klein, geschmückt mit Tablets, Monitoren und Touchscreens, aber haben wenig Personal, an Besuchertagen genauso wenig Zulauf und in den seltensten Fällen sichtbare Literatur, auf die sie verweisen können. Im Großen und Ganzen wirkt die Reihe der Verlage unterbrochen, und zurück bleibt so etwas wie eine leichte Verwirrung. Beim Ersten dieser „Publisher“ denkt man: Oha, eBooks! Beim Zweiten fährt einem nur noch: eBooks! durch den Kopf und beim Dritten wird es seltsam und neue Gedanken schleichen sich ein: Wie langweilig wird das wohl in Zukunft sein? Braucht man so etwas wie die Buchmesse in Zukunft noch? Wenn die Haptik weg ist? Ist es dann nur noch eine Branchen-Party? Quasi ein Kongress? Man trifft sich, schaut sich gegenseitig aufs Tablet, isst ein paar Häppchen und freut sich über das Klingeln der Sektkelche? Vielleicht noch ein paar Lesungen, quasi ein Lesungsfestival, aber die Buchmesse, dieser Kult um Rechte, Cover, Veröffentlichungen und Preise, um Einbände, Großdrucke und Präsentationen? In dieser Form? Wenn man nur noch an einer Reihe Tablets vorbei schleicht?

Gefragt haben sich das sicher schon viele. Ich habe hier garantiert keine neuen Gedanken, daher ist bestimmt der Eventcharakter der Buchmesse ohne Zweifel für die Zukunft ein Hauptanziehungspunkt. Jenseits der Bücher. Die Cosplayer mögen so manchen nerven, aber was ich einst für eine fixe Idee hielt, hat sich mittlerweile stark etabliert. Vor allem Fotografen meiner Generation sind anscheinend absolut entzückt von pelzigen Tieren und Schulmädchen mit blauen Haaren. Für die Cosplayer wurde ein eigener Marktbereich geschaffen, in dem nun es ähnlich nerdig zu geht wie auf Märklin-, Briefmarken- oder Mittelaltermärkten. Wer keine Ahnung hat, der wird sie dort auch nicht bekommen, aber dafür das Gefühl, wie es so ist, wenn man mal zur Minderheit gehört bzw. als Fremdkörper wahrgenommen wird.

Auch die Fernsehsender konnten über die Jahre ihre Präsenz immer weiter ausbauen, und gehören damit zu einem großen Anziehungspunkt für die Buchmesse. Mich persönlich wundert seit Jahren, das noch kein einziger Privatsender bisher versucht hatte, auf der Buchmesse Fuß zu fassen. Es wäre interessant zu sehen, wie das ausgeht.

Der Non-Book-Bereich, jenes Angebot, das Thalia z.B. noch im Programm hat und aus allen möglichen Geschenkartikeln besteht, die sich irgendwie im Zusammenhang mit Büchern assoziieren lassen, wird wahrscheinlich auch jede Digitalisierung überleben. Kühlschrankmagnete, Plüschtiere und Reader-Einbände wird man vorerst auf jeden Fall noch brauchen.

Und zuletzt: Das Gastland. Man sollte die Bedeutung nicht unterschätzen. Die Möglichkeit eines Landes sich in einer ganzen Halle in einem ganz eigenen Charakter zu präsentieren, hat Brasilien dieses Jahr ganz überraschend ausgenutzt und präsentiert sich in einer sehr lichten, hellen Halle, die wagemutig modern ein Pappdesign testet. Brasilien zeigt sich damit als sehr stolzes, zukunftsorientiertes Schwellenland, als das man es heutzutage auch verstehen sollte. Zwar verweist Brasilien auf die hohe Anzahl Sänger und Dichter, die sie in den letzten Jahrzehnten hervorbrachten, aber durch die klare Struktur und Helligkeit der Ausstattung erhält man auch eine Ahnung von Brasilia, die immer noch futuristische Hauptstadt. Und die steht immer noch für ein aufstrebendes, modernes Brasilien.

Diese Bereiche, in denen Bücher in ihrer papieren Form durchaus noch eine Rolle spielen, aber nicht müssen, werden möglicherweise das Überleben der Buchmesse auch für die nächsten Jahre sichern können.

Eine Bilder aus der brasilianischen Halle.

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Brasilien

Literarischer Schnelldurchlauf

Wie gesagt, ich vergesse das sowieso sonst, also schnell hingeschrieben:

Wer wissen will, was man so gegen deutschsprachige Literatur haben kann, der lese einfach mal „Sara tanzt“ von Erwin Koch . Unheimlich geheimnisvoll, verwirrend in einer Nebenrealität, verquast, metaphorisch bis dorthinaus und überhaupt mit einem nervenden Plot, der irgendeiner Männerphantasie entspringt, auf die ich jetzt echt nicht eingehen will. Was für ein Ärgernis doch ein Buch sein kann, wenn es so bemüht daher stakst, und auf der ersten Seite im Brustton der Überzeugung zu verkünden sucht: Ich bin Kunst. Oder nicht? Gottogott. Nein, nein, nein.

Franziska Gerstenberg erzählt in „Wie viel Vögel“ so lakonisch und spröde von Nebensächlichkeiten, das man Teile der eigenen Biographie erkennt und ganz verwundert ist, wie jemand sich so daran erinnert, dieses so zu schätzen vermag und daraus etwas formt, das man eher fühlt als wirklich als Geschichte begreift und dennoch das Ende durchaus versteht. Es gäbe bestimmt kein anderes Ende. Wenn man es sich richtig überlegt. Jugendliches Zeug, das altersweise, distanziert mit einer unheimlichen Nähe erzählt wird. Komische berührende Sachen, die etwas von Kleinmädchenfotografien und versoffenen Abenden in glücklichen WGs haben. Seltsam, aber auf jeden Fall so sympathisch, das man es weiter empfehlen möchte, um dann hinterher zu hören, wie denn der andere das fand.

Wenn jemand ein Erzähler ist, dann Heinrich Steinfest in „Mariaschwarz“. Der erzählt wirklich gerne, der schweift ab, der spielt mit Wörtern, der hat Humor, der ist angstfrei, der kapiert Kunst und will sie nicht machen, sondern einfach eine Ecke nehmen, hinter der noch keiner gesehen hat. Den liest man gerne, weil man merkt, das hier jemand sein Handwerk kann, Spaß daran hat und sich auf den Nebenwegen verirren könnte. Lustige Geschwätzigkeit wäre zu harmlos. Er hat eine Meinung, ist ein Menschenfreund, liebt die Liebe, und gemordet wird in diesem Krimi auch, aber irgendwie anders, nebenher oder eher ungern. Es geht auch nicht unbedingt um Aufklärung, doch die ist nicht nebensächlich, jedoch darf das Leben rätselhaft sein und ich habe im Grunde genommen keinen Schimmer, was der da geschrieben hat, aber ich möchte alles von ihm lesen. Der kann schreiben. DER KANN SCHREIBEN! (Ich bin neidisch).

Literarischer Schnelldurchlauf

Ich muss mal ein paar Sachen aufschreiben, sonst vergesse ich sie wieder:

1. „Die Spur des Bienenfressers“ von Nii Parkes ist ja eigentlich gar kein Krimi. Fand ich, nachdem ich es gelesen haben. Eigentlich eher so ein Schelmenroman aus Afrika. Macht aber Spaß, wenn man sich darauf einlässt oder Abstand gefunden hat. Im ersten Moment verflixt irritierend. Funktioniert so Afrika? So aus der Zeit raus gefallen, als sei es ein anderer Planet.

2. Ganz im Ernst, für T.C. Boyle würden mir einige Kraftausdrücke einfallen. Als ich vor Jahren (vor vielen Jahren) eine Rezension zu America schrieb, und vor allem auf das unvermeidliche Eskalieren des Unglücks der Hauptfigur hinwies, die an ihrer Umwelt und dem Unverständnis, das ihr entgegen schlug scheiterte, da meinte man schon damals, das das ja immer so sei bei Boyle. Folglich rührte ich ihn nicht mehr an. Deprimierendes, böses Zeugs, das vor allem mit einer Ironie geschrieben ist, die man naiv bis gehässig nennen könnte, aber trotzdem natürlich durch die Sprache fesselt. Aber gleichzeitig abstösst. Wahrscheinlich alles gewollt. Egal. DTV ist 50 geworden und jetzt legen sie einige Bücher neu auf. Unter anderem auch T.C.Boyle „Der Samurai von Savannah“. Schöner Umschlag, gutes Coverbildchen (das mal so gar nichts mit dem Buch selbst zu tun hat. Was denken die sich eigentlich dabei?) und alles in allem natürlich auch ein wichtiges Buch, aber machen wir uns nichts vor: „América“ liegt definitiv zu nahe an „Der Samurai von Savannah“. Das Scheitern eines Japaners in all seiner Eskalation verführt mich dazu irgendwo meine Rezension von anno 1996 neu raus zu suchen, um den ganzen Kram auf dieses Buch zu stempeln. Kennt sich jemand aus? Schreibt der immer dasselbe?

3. Das nächste Buch kaufte ich im Hamburger Bahnhof Dammtor. Weil ich keine Toilettenmünzen hatte. Und wegen dieser schönen, lockigen Verkäuferin, die mir beim Kauf erklärte, sie lese das Buch auch gerade und es sei sehr lustig, bemerkte ich nicht, das bei einem Buch für 10 €uro ja immer noch keine Münzen auf einen 50 €uro-Schein heraus bekam. Dumm gelaufen. So lustig war es dann doch nicht. „Mitsoukos Restaurant“ von Christoph Peters ist eine durchaus ambitionierte Geschichte über zwei Freunde japanischer Küche und der damit verbundenen Kultur. Wo man dem Einen mal einen Tritt in die Realität geben möchte, da ist der Andere schon darüber hinausgeschossen. Es geht natürlich auch um asiatische Frauen, Teeschalen, dem ewigen Umkreisen und komischen Anekdoten aus einer Gesellschaft, die mit Zen unsere Logik auf den Kopf stellt. Das ist alles nicht schlecht, auch mit viel Verständnis geschildert, aber hin und wieder schleppt sich die Erzählung durch sehr trockene Erklärungen, für Dinge,für die man jetzt eigentlich Begeisterung aufbringen müsste. Kurzweilig an den besten Stellen, reicht es durchaus für Zugfahrten, Sommerabende und relaxte Tage.

4.Alle Wetter. Was so idyllisch und verschroben anfängt und irgendwo im Estnischen beheimatet ist, verschreckt, verwirrt und tut dann doch ziemlich weh. Sofi Oksanen „Fegefeuer“ erlaubt sich Hauptpersonen zu zerlegen und eine sehr persönliche Geschichte der jüngeren estnischen Gesellschaft zu erzählen, die einem so bekannt und unbekannt zugleich erscheint, das man bemüht ist die Distanz zu halten. Was so einfach nicht ist. Es geht um vieles. Um Deutsche, Kommunisten, Russische Mafiosi und was wie große Geschichte klingt, spielt sich wie ein Kammerspiel in einem sehr kleinen Umfeld ab, schockiert, bindet ein und ist so vielschichtig, das man die Figuren verstößt, weil man sie eigentlich mal lieben wollte. Wem drückt man so ein Buch in der Hand, das schön daherkommt, aber nicht schön sein will und so gar nicht die Ironie eines Boyles hat, aber seinen Schrecken durchaus übertrifft?

5.Irgendwie herausragend ist Liane Dirks „Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“. Das ist jene Art Buch, die man während dem Lesen sofort empfehlen möchte. Es kommt leichtfüssig, federnd daher. Erzählt mit einem charmanten Humor die Geschichte einer Hamburger Familie, die zwar chaotisch scheint, aber so variantenreich in ihren Details gezeichnet wird, das man sich in dieses Buch schnell einfindet, es in einem Rutsch lesen möchte und dann, irgendwo in der Mitte, erschrickt und sich fragt: Himmel, wem habe das jetzt empfohlen? Denn, was einen hier umgarnt, rein zieht und wie eine Sommerlektüre scheint, das ist alles andere als ein Leichtgewicht. Die Schwere kommt unvermittelt, plötzlich und wie ein dumpfer Schlag in den Magen. Aber weil Liane Dirks eine sehr eigene Art des Schreibens hat, die sofort meine Sympathie errang, da sie spielerisch da ran geht und weiß wie man das Herz des Lesers mit dem Hirn kurzschließt macht das alles Sinn, ist alles rund und ein verdammt gutes Buch.

..try to find out for yourself…

Walter Flanagan ! Walter Flanagan! Walter Flanagan! Und Kevin Smith!

Bedauerlicherweise ist das Superheldengenre in den Comics vollkommen den Bach runter gegangen. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Es ist Mainstream. Und die dicken Nerds, die mit schwarzen, bedruckten T-Shirts schüchtern vor dem Zeichner ihrer Träume stehen, sind die Inkarnation des zahlungskräftigen Lesers in den Vierzigern. Was das heißen soll? Den Kram liest keiner mehr, außer es fehlt die Freundin und sonstige Beschäftigungen. Die Bücher sind so teuer, das sie fürs Taschengeld nicht mehr in Frage kommen und den Geruch der Bettdeckenliteratur ist das komplette Genre schon heute los. Da gibt es nix Undergroundiges mehr, keine versteckten Botschaften, nur noch Strampelhosen-Inzucht.

Ich mag natürlich Alex Ross und, ok, irgendwann fand ich Kurt Busiek genial. Mittlerweile ist aber klar, was hier passiert ist. Sowohl Alex Ross, mit seinem hohen künstlerischen Anspruch, wie auch Kurt Busiek mit seinem lexikalischen Wissen des DC-Universums, haben ihr Bestes getan, um die beiden Verlage DC und Marvel dorthin zu bringen, wo sie schon immer hin wollten: Mitten in die amerikanische Tradition, in die Folklore, Kultur und als einen wichtigen Bestandteil von all diesem ins täglich Bewußtsein.

Das ist alles ganz nett, ungeheuer dramatisch, aber eben in weiten Teilen langweilig. Wo Kurt Busiek auftaucht, dort wimmelt es vor Helden, die sich nur mit wilden, göttlichen, total abgefahrenen Problemen wie Zeitinkonsistenzen und unendlichen Krisen beschäftigen. Schlimm. Die Bilder sehen aus, als hätte man in einem Fußballstadion den Karneval in Rio gefeiert. Mehr Helden, noch mehr Helden, mehr, mehr, und niemanden vergessen, der irgendwann in den Sechzigern irgendwo mal für zwei Heftnummern aufgetaucht ist. Und die Kommentatoren schlagen Purzelbäume. Alle Wetter. Was der Busiek alles weiß. Guter Mann.

Oder Alex Ross. Großartiger Zeichner, genialer Graphiker, macht aus Superhelden Coffee-Table-Books. Helden, so hyperrealistisch, das es fast wehtut. Psychologie in Zeichnungen. Danach kann man nie mehr unbefangen einen Witz über das DC-Personal machen. Superman sieht wie eine John Wayne Ausgabe mit Rückenproblemen aus und die Kämpfe sind kein unschuldiges Wrestling mehr, sondern bösartiges, tief schürfendes Gemetzel, das an Urängsten nagt. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Und in solch einer Situation kommt der gute Herr Smith, bringt einen begabten Mann aus seiner Schauspielerriege als Zeichner mit, der sich Walter Flanagan nennt, und haut ein verwirrendes Werk böser Batman-Literatur hin, die nach einer Verfilmung schreit. Im Einzelnen kamen die Hefte bestimmt sehr belanglos rüber, im Ganzen jedoch eröffnet Kakofonie und Teufelskreis eine epische Breite, die so manche ironische Blickwinkel zulässt und sofort zum wieder lesen einlädt. War Kakofonie noch ein kleiner Meilenstein in der Beziehung zum Joker, die einige ungewöhnliche Betrachtungsweisen zuließ (Joker mit Bart! Joker bei Verstand! Joker stirbt, nicht, doch, gleich…), so fragte ich mich beim Lesen vom Teufelskreis immer mal wieder, warum das und jenes jetzt passiert, wo es doch scheinbar keinen Sinn ergab. Und das war das Schönste: Am Schluss des ersten Teils ergab es Sinn. Mehr als ich befürchtet, gedacht und erhofft hatte.

Es dauert ungefähr 10 Jahre von einem guten Batman-Band, der die Qualität hat, die Zeit zu überstehen, bis zum Nächsten. Mit Kakofonie ist es dem Duo Smith/Flanagan gelungen einen kleinen Meilenstein zu etablieren, der zwar einige historische Verweise enthält, aber sich im Großen und Ganzen alleine auf die Figuren aus dem Stammpersonal und die Geschichte selbst verlässt. Ohne das dabei Gotham untergeht, der Mond auf die Erde fällt, oder ein Zeichner versucht die Mona Lisa der Comics zu kreiren. Walter Flanagan hat einen sehr klaren, manchmal lockeren, lakonischen Strich, der im Detail hin und wieder sogar so bösartig wird, das man sein Werk nicht unbedingt feinsinnigen Menschen geben möchte. Dabei schreckt er auch nicht vor dem Schock der klaren Aussage zurück, keine Chance (und es will mir dabei immer noch nicht vertraut sein, das die Strumpfhosenhelden sich heute in so einer blutigen Landschaft bewegen..)

Ich mache hier keine Spoiler, möchte nichts verraten, außer das was ihr oben in der Klammer seht, aber mal soviel: Die Marvel Noir-Reihe könnt ihr im Regal stehen lassen, da ist mir noch nichts Gutes untergekommen, was sich zu lesen lohnt. Das Pferd wird sowieso gerade richtig totgeritten. Die Batman-Reihe von Kevin Smith/Walter Flanagan kommt viel unscheinbarer daher und ist auch nicht überall erhältlich, enthält aber das Potential ein Klassiker zu werden, obwohl und gerade weil der gute Bruce Wayne endlich mal wieder eher mit sich selbst kämpft, als mit seinen Gegnern. Und das macht er überzeugend.

Als Kevin Smith in der Filmbranche richtig etabliert war, verloren seine Filme den Charme der frühen Jahre. In der Comicgeschichte ist er immer noch annähernd so bekannt. Mag sein, das es daran liegt, das man hier wieder seine handwerklichen Fertigkeit im Storytelling erkennen kann.

Unten am Fluss

Jedes Jahr. Jedes Jahr ist Buchmesse. Jedes Jahr geht es um die Zukunft des Lesens. Jedes Jahr ist die Rede von dem elektronischem Buch. Dieses Jahr ist es das Ding. Endlich. Jetzt. Wie letztes Jahr. Und vorletztes Jahr und überhaupt in jedem Jahr, in dem die Buchmesse nach der Einführung des Privat-PCs stattfand.

Aber dieses Jahr gibt es ein App. Letztes Jahr nur epub. Und den Kindle.

Es gibt eine deutsche Buchreihe, die ich nicht mag. Ich mochte sie schon als kleiner Junge nicht, und daran hat sich nichts geändert. Ich hatte einige schmale Bände und weiß daher noch, das die Reihe drei Worte als Bezeichnung hatte, die ausgesprochen einprägsam waren. Es handelt sich dabei um eine pädagogisch wertvolle Buchreihe, in der anhand von diversen farbigen Zeichnungen, hervorgehobenen Texten und großformatigen Seiten scheinbar komplexe Themen erklärt werden. Scheinbar deshalb, weil sie sie nur anreissen können, also quasi als Teaser funktionieren. Das Kind, in der Regel der Junge, kann das Thema, sofern es ihn dann wirklich interessiert – so scheint der Hintergedanke zu sein – dann selbst weiter recherchieren. Im Normalfall ist es allerdings so: Oma, Tante und viele andere haben ein Weihnachtsgeschenk, das es in unendlicher Form gibt, weil die Bandreihe nie endet und schmeißen den Halbwüchsigen damit an Festtagen zu. Die Zahl der Themen reichte locker dazu aus Interesse in Desinteresse zu wandeln.

Was ich daran nicht mochte, das war eigentlich nur, das es schlicht Kinderkram war. Natürlich soll es das sein, vollkommen korrekt. Aber es überforderte mich ziemlich, kleine aufbereitete Häppchen zu konsumieren, die mir keine Möglichkeit boten, weiter zu fragen, zu bohren und irgendwas heraus zu bekommen. Ich war tierisch gelangweilt,und benutzte die Bände im Stapel als Abschussrampe für mein Matchbox-Autos. Im Schülerhort hieben wir damit entweder auf den Tisch, was sehr laut knallte, oder uns gegenseitig auf den Kopf. Richtig gelesen hatte das dort sowieso keiner.

Es gibt einen englisch amerikanischen Verlag, der unter einem Doppelnamen firmiert. Er zeichnet sich durch weitgehend weiße Schutzumschlägen aus, die durchsetzt sind von angeordneten Zeichnungen der behandelten Thematik. Auch diese Bücher sind sehr graphisch aufbereitet, und enthalten geradezu unglaublich knallige, aber akkurate Zeichnungen zu jenen Themen, die sie für den Leser sinnbildlich darstellen wollen. Die Bücher strotzen vor visueller Kraft, ihrem Detailreichtum und ihren Optionen die Welt multimedial zu erfahren. Diese Bücher fallen auf. Sie stehen im Regal und allein schon durch die uniforme Aufmachung, die auf weißem Grund – neben dem großen Logo – die spektakulärsten Bilder in vielfältiger Form zeigen, sind sie beeindruckend präsent.

Die Produkte dieses Verlages sind sehr beliebt, sehr erfolgreich und werden daher gerne kopiert. Der Verlag bringt seine Bücher in allen Sprachen raus. Und wird natürlich auch in allen Sprachen entsprechend nachgemacht, das Konzept wird mit leichtem Abwandlungen variiert und große Teile des angloamerikanischen Buchmarktes sind mittlerweile von dem Stil der Herausgeber beeinflusst. Klappt man diese Bücher auf, so fällt das Auge immer erst auf ein Bild, dann ein weiteres, dann seitliche Texte, hervorgehobenen Texte, weiterführende Texte und Tipps. Das Konzept des Buches vermittelt den Eindruck, als ob man auf Wunsch die Möglichkeit hat, tiefer liegende Informationen zu schürfen. Tatsächlich jedoch ist es eher so, das relevante Informationen, die möglicherweise durch ihre Zahlenspielerei eher den Textfluss stören, ausgelagert werden und an anderer Stelle angebracht sind. Überhaupt scheint Textfluss nicht unbedingt das Thema zu sein, sondern eher der suchende Blick. Ähnlich wie in einer Programmzeitschrift , in der das Auge vertraute Dinge sucht.

Je multimedialer ein Buch in den letzten Jahren wurde, umso unruhiger schien es zu werden. Waren früher Illustrationen rare, textbegleitende Massnahmen zur Verdeutlichung eines Umstandes oder zur Erhöhung der Dichte, oder einfach nur, damit man beim Vorlesen etwas zu zeigen hatte, ist es heute oftmals schon ein Problem ein Buch vorzulesen, wenn es nicht gleich einen Ablaufplan mitliefert.

Epub. Eink. Sony-Reader. Kindle. Ich war dabei. Nichts schien mir so genial, wie ein Display, das kein Strom verbraucht, wenn es seinen Inhalt darstellt. Ich hatte in den letzten Jahren das Problem, das ich den Besitz materieller Güter, deren symbolischer Wert den tatsächlichen übersteigt, als Belastung empfand, wenn ich sie nicht nutzen konnte. Soll heißen: Bücher, die teilweise über ein Jahrzehnt ungelesen, oder nicht wieder gelesen, in meinem Schrank standen und sich dort vermehrten, bereiteten mir eher Sorge als Freude. Sie waren Arbeit, Miete, in ihrem Äußeren erdrückend, und außer einer exquisiten Wärmedämmung erweckten sie lediglich den Eindruck, ich hätte noch etwas nicht abgeschlossen, müsste noch etwas erledigen. Zugegeben, möglicherweise ist das therapierbar, aber anderseits: Vielleicht muss man so etwas überhaupt nicht therapieren. Ich tat alles, um meine Bücher loszuwerden. Weitgehend alle. Außer die Fotobände.
Also epub. Tausende von Büchern, alle fitzelig klein, und trotzdem plan darstell- und im Park lesbar sind. Ohne Regale. Ohne Kistenschleppen. Genial. Die Beschränkungen der eInk-Geräte (keine Bewegung, keine Farbe, begrenzte Darstellung, kein Touchscreen, keine Notizen) empfand ich als Vorteil. Die ersten Geräte waren fern des Netzes, und erst das Kindle war ein Shop zum mitschleppen, der es einem erlaubte hier und dort immer wieder etwas einzukaufen. Neil Gaiman schwärmte auf den Amazon-Seiten. Und Neil Gaiman darf alles. Wenn Neil Gaiman sagt, das seine Tochter mit dem Kindle klarkam, dann war das für mich schon eine Nacht lang Kampf, ob ich mir das Ding nicht zulegen.

Es war dann doch der Sony-Reader 505. Jetzt ausverkauft. Sagt Sony. Und Thalia .Aber wahrscheinlich pendelt irgendwo noch ein Zug mit eine ganzen Ladung herum und wird sie nicht los. Wenn ihr ihn seht: Kaufen! Den Zug! Den Reader!
Wer heute, knapp 1 ½ Jahre später einen Sony Reader 505 hat, der hat quasi eine elektrische Schreibmaschine. Schon was modernes, aber heute will das keiner mehr – außer Leute, die Angst vor Maus und Bildschirm haben.
Gegen alle Kindles, Ipads und Blackberrys: Ich gebe ihn nicht her, und wer mir noch einen verkaufen will, weil er ihn gerne loswerden möchte, der darf mir einen Preis nennen.

Im Zusammenhang mit der Buchmesse wird jede Woche eine Innovation in die Menge geworfen, die eigentlich eher auf die Ifa passt. Wieder ist die Rede vom Buch mit Links und Klicks und medialen Beiträgen, mit Audiodateien und Anbindung an Google Earths, Raum für eigene Notizen, sowie der Option Filme über den Autor, seine Ideen und seine Lebensweise zu sehen.

Aber es ist genauso, wie es bei all diesen Kinderbüchern war: Es kommt kein Lesefluss mehr zustande, im Gegenteil das Thema Lesefluss, wahrscheinlich das Wort an sich, ist verschwunden.

Prosaisch gesagt ist Lesefluss die Beschreibung eines komplexen Vorganges. Fast als organische Einheit. Und wer meint, das sei das Wort zum Sonntag, der mag recht haben: Jepp, Apokalypse! Lasst mich einfach mal der konservative Geist sein und erklären. Früher setzte sich das unbekannte Wesen Leser in die Gartenlaube, auf eine Decke oder an den Kamin gelehnt mit einem Buch und las es. Manchmal an einem Stück, bis die Kühle vom Gras aufstieg, der Kamin erlosch oder die Sonne am untergehen war. Warum das funktionierte, hatte damit zu tun, das es hin und wieder das Gefühl gab unendlich viel Zeit zu haben, und gleichzeitig an einem anderen Ort zu verschwinden. Sich in diesem einzufinden und mit Piraten einen Kampf auszufechten (die man sich alle samt und sonders in ihrer Physiognomie selbst ausgedacht hat. Obwohl sie durchaus rudimentär beschrieben waren.)
Karl May, der ein Rad abhatte, was sein Verhältnis zu Abenteuerromanen anbelangte, konnte einst sehr gut beschreiben, welch schädlichen Einfluss die Welten maskierter Helden auf ihn hatte. Und wie weit er damit von seiner sächsischen Heimat abdriften durfte, der kränkliche, gebeutelte Junge. Bücher, so wie man sie schon auf Pergamentrollen schrieb, offenbarten ihr Geheimnis nur dann, wenn man dem Leser Deutungspielraum liess. Diesen hatte er auszufüllen. Seine Aufgabe.

Wenn ich heute sehe, wie man sich bemüht, Büchern Klang, bewegte Bilder und klickbare Tiefen zu geben, dann kann ich mir nicht vorstellen, jemals noch mal einen Raum eigenständig zu beherrschen und diesen in Kooperation mit dem Buch zu gestalten. Der Leser ist mitnichten der Konsument, als der er von den innovativen Verlagen gesehen wird, er ist eigentlich ein Regisseur. Er verfilmt ein Skript, das ihm vorliegt, und das ist Arbeit. Gute Bücher erschöpfen, sie inspirieren, sie munter auf und sie werden getragen. In Taschen, in Herzen und weitergegeben. Das ist der Sinn eines Buches.
Schon dieses war einer der Fehler: Elektronische Bücher, diese Mikroben im Datenreich, kann man nicht weitergeben. Begrenzt wird es gewährt, aber mit Notizen, Spuren von Tomatensosse und Tränenflecken?

Das hätte ich in Kauf genommen .Auch das man mit ihnen keine Schuhe ausstopfen, keinen Fisch einwickeln und kein Briefpapier basteln kann. Hätte ich überlebt. Aber das Teufelchen, das man nun aus der Box springen liess, das möchte ich doch gerne wieder rein drücken.
Belletristik schreit natürlich nach einem gradlinigen Lesefluss, an dessen Ufer es keine Verzweigungen gibt. Non-Fiction dagegen wäre doch wie gemacht für das multimediale Buch. Verweise, Verlinkungen, all das für Querleser, die sich über Wikipedia einarbeiten können und damit eine Grundlage für Recherchearbeit bekommen. Das Buch also als Startpunkt in die Unendlichkeit. Also genau das, was heute das Web darstellt.

Ein Buch, auch ein Sachbuch, ist für mich eher die geschlossene Flasche mit einem Buddelschiff, das ich von allen Seiten betrachten kann. Ich kann es vielleicht auch zerstören und rausholen, aber es bleibt eine sehr enge Angelegenheit. Diese allerdings erschöpfend. Ich finde auch Hinweise für weitere Anknüpfungspunkte, diese aber fern davon. Das Buch war immer ein abgeschlossene Universum, ausgelegt um möglichst umfassend über etwas zu unterrichten oder zu unterhalten.

Doch um den Faden zurück zu spinnen: Das Buch ist ja nicht unschuldig. Die Verlage arbeiten ja schon seit Jahren darauf hin. So gibt es Bücher mit quäkenden Mikroprozessoren, Anschlüsse an neue Technologien und eben oben genannte Sachbücher, die wie schreiende Webseiten daherkommen, den Blick des Lesern über relevante und unwichtige Informationen gleichermaßen schweifen lassen wollen um ihn dann mit einer üppigen Grafik einzufangen. Und das wird ja gekauft.

Spinne ich ein bisschen rum, dann darf ich jetzt sagen, das also sowieso keiner mehr liest. Was ja wohl gelogen ist. Pauschal würde ich behaupten: Frauen lesen. Und es ist geradezu unglaublich was Frauen lesen. Bergeweise Bücher. Belletristik ohne Ende. Wer Frauen kennenlernen will, der solll in Buchhandlungen gehen. Dort sind die Schönsten. Immer, jederzeit.

Wer kauft Computerzeitschriften? Männer. Sie kaufen Berge von Computerzeitschriften. Sie stapeln sie, lesen sie, reissen sie auseinander, heben sie auf und lesen sie dennoch nie wieder.
Wer erfährt nun als erstes von einem elektronischen Buch? Wer wird es unglaublich interessant finden? Wer wird damit rumspielen wollen? Und wer wird hier als Kunde gesehen? Liebe Verlage, lernt mal eure Kunden kennen. Es muss doch irgendetwas falsch laufen, wenn man seit über zwanzig Jahren ein Produkt launchen will, an das sich einfach kein Kundeninteresse entzündet und es jedes Jahr hochjubelt.

Wie können Verlage, die berufsmäßig mit Papier und dem gedruckten Wort befasst sind, so falsch liegen und die positiven Eigenschaften ihres Produktes nicht kennen : Ruhe, Nutzbarkeit in fast jeder Umgebung, tragbar, weitgehend unabhängig von Energiequellen, einfach recyclebar, günstig im Erwerb, möglicher Wiederverkaufs- und Weitergabewert, produziert irgendwo süchtig machende Stoffe etc. ?

Wieso versucht man mit aller Gewalt ein Produkt, das sich milliardenfach immer noch verkauft, auf die Ebene 2.0 zu heben, es damit für unvollkommen zu erklären, obwohl ab zu sehen ist, das man quantitativ durchaus noch Gewinne einfahren kann, wenn man qualitativ aufrüstet. Ich meine, mal ernsthaft: Geht es dem Carlsen-Verlag irgendwie schlecht?

Wie gesagt, ich liebe epubs, sie kommen dem, was ich bei einem Buch fand, am nächsten. Trotzdem ist es mir vollkommen klar: Sie stellen nur einen Ersatz dar. Sie sind nichts neues, sondern dem Nachempfunden, das mir seit vielen Jahren zusagt und Freude bereitet. Sie sind so gut an dieses Produkt angelehnt, das ich damit zufrieden sein kann und nichts vermissen muss. Trotzdem lese ich Papierbücher. Problemlos. Und es bleiben immer dieselben Dinge, die ich an diesen beiden Formaten schätze: Autarkes, unabhängiges Geniessen, eines unaufdringlichen Mediums, das ablenkungs- und störungsfrei daherkommt.

Sorry, aber dafür gibt es kein App.

The walking dead

Ich habe mich sehr spät mit Zombies befasst. Sie sind wirklich nicht mein Thema. Im Grunde war mir das zu einfach, und zum großen Teil auch noch zu abstoßend, als das ich mich damit länger beschäftigen wollte. „The walking dead“ von Robert Kirkman, über einen ehemaligen Polizisten, der seine Familie in einem zombieverseuchten Amerika sucht, war dann eher der Versuch in einem Regal noch irgendwas zu finden, was man lesen konnte.

Ich war überrascht. Das war gut geschrieben und hatte Hand und Fuß. Die Geschichte drehte sich im Grunde mehr um das Zusammen- und Überleben der letzten Menschen, die ihre kleinen Probleme im Angesicht der Bedrohung lösen mussten. Vor allem die ethischen Fragen tauchten auf, so wie der Versuch die Bedrohung als Übel mit Heilungschance zu betrachten. Kirkman ging das Ding von allen Seiten an, suchte neue Aspekte, wurde niemals wirklich zynisch und ihm gelang es eine sehr ernsthafte, nachvollziehbare Linie bei zu behalten.

Ich habe keine Ahnung, wie sehr das nun bei der Verfilmung als TV-Serie gelungen ist. Der Trailer lässt das Schlimmste und Beste gleichzeitig befürchten. Ich hoffe nur, Robert Kirkman hat sich das Zepter nicht aus der Hand nehmen lassen und noch ein bißchen Einfluss gehabt, denn dann ist es großartig.