Das Kreuz auf dem Hohen Nistler

Vor einer Woche bin ich, ohne das es mir so recht bewusst war, im Kreis gelaufen, und schließlich vom Weg abgekommen. Oberhalb von Handschuhsheim, im Gebiet des Hohen Nistlers kannte ich mich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht aus. Hier trifft man auf ein Kreuz, das im ersten Moment an ein Gipfelkreuz erinnert. Jedoch ist das hier eher eine Gegend für Spaziergänger, weniger für Bergsteiger. Daher passt das Kreuz nicht so recht in die Landschaft. An das Kreuz genagelt hängt eine Kunstoff-Kameratasche von Kyocera, sowie einige Armbanduhren. In diesem Zusammenhang finden sich auch zwei zerknitterte, farbstichige Aufnahmen einer DC-3a von Classic Wings. Das Kreuz selbst soll an die Menschen erinnern, die am 22.12.1991 an diesem Ort umkamen.
Kreuz auf dem hohen Nistler in Handschuhsheim

Eher lakonisch in seiner lexikalischen Sprache gibt Wikipedia etwas Aufschluss darüber: 22. Dezember – Heidelberg, Deutschland. Eine Douglas DC-3 der Classic Wings Airline kam während eines Rundflugs in Turbulenzen, streifte einen Hügel und stürzte ab. 28 der 32 Menschen an Bord starben.. Tatsächlich hatte die DC-3 zu diesem Zeitpunkt schon ausgedient, und dieser Flug diente eher einem nostalgischen Gefühl, denn einer wirklichen zweckmäßigen Beförderung. Recherchiert man zu diesem Thema, so finden sich erstaunliche Listen und Foren, die sich fast ausschließlich mit Abstürzen beschäftigen und diese unter den eigenartigsten Gesichtspunkten analysieren (Ist Charter gefährlicher? Wie oft stürzte die DC-3 ab?usw.)

Steigt man tiefer in diese Geschichte ein, so findet man dennoch etwas mehr heraus: Passagiere des verunglückten Fluges auf dem Hohen Nistler waren Mitglieder eines Filmteams, das an einer geförderten Satire über Kaffefahrten arbeitete (Seite 115/116). In dieser Satire wurden allerdings keine Wolldecken, sondern Bunker und Bomben angeboten, sowie ein Bombenabwurf in diesem Zusammenhang durchgeführt (war nur geplant, sollte Bestandteil des Films sein).

Rolf Wursters Buch “Nicht nur Profis fallen vom Himmel” scheint innerhalb des Netzes noch die beste und seriöseste Quelle zu sein, für einen Flugzeugabsturz, der durch die Verwechslung von Rhein und Neckar eine eigenartige Komponente bekommt. In einem Forum, das einen längeren Thread zu dem Thema “Unglücksflieger von Frankfurt” hat, finden sich noch weitere Fotos von der Classic Wings DC-3.

28 Menschen starben bei diesem Absturz, 4 überlebten. Einer der Überlebenden – so sagte es irgendeine, nicht mehr auffindbare Zeitungsnotiz im Netz – ging zu Fuß ins Tal.

Kreuz auf dem Hohen Nistler in Handschuhsheim

Dieses Kreuz gab nicht viel Aufschluss über das Unglück selbst, und die Informationen, was sich dort abspielte sind weit verstreut im Netz, so das mir diese Notiz eigentlich nur selber helfen sollte, die Ergebnisse einer kurzen Recherche zu bündeln und vielleicht jemanden zur Verfügung zu stellen, der wie ich eines Tage davor steht, und sich fragt, was es damit auf sich hat.

9 Comments

  1. Timo HercegfiSeptember 5, 2011

    Danke für die gut recherchierten Informationen. Ich wohne selbst seit diesem Jahr in Dossenhein und gehe regelmäßig im Odenwald laufen. Heute hatte ich mich entschlossen mal auf den “Gipfel” des Hohen Nistler zu joggen und ich war ähnlich überrascht ein vermeintliches “Gipfelkreuz” vor mir zu sehen. Die Szene hatte dann irgendwie etwas Gespenstisches.

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  2. Dieter MehlDezember 14, 2011

    Ja das ist richtig, ich war damals der Einsatzleiter vor ort und habe die bergungsarbeiten des THW mit dem Luftfahrtbundseamtes und der Polizei geleitet. Es waren 28 Leute in der DC 3 , einer hat davon überlebt weil er im hinteren Teil der DC 3 war und beim Aufprall herausgeschleudert wurde. Er lief dann in das Tal und hat Hilfe geholt. Der Einsatzort war nur schwer zu finden da es nebelig war und leichter Schneefall bei minus Temperaturen. Wir waren mir der Bergung der Leichen und des Flugzeuges bis zum 24.12. also Heilig Abend beschäftigt.

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  3. Alex S.Januar 27, 2012

    Bei diesem Absturz sind einige meiner ehemaligen Lehrer ums Leben gekommen. Was ich auch nicht verstehe, ist die Tatsache, dass so viele Jahre nach dem Unglück immer noch Trümmerteile des Flugzeugs auf dem hohen Nistler zu finden sind! Zum Vergleich:Nach dem Absturz einer Militärmaschine bei Lampertheim wurde der Wald akribisch von jeglichen Kleinteilen “gereinigt”.

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  4. EckhardMärz 11, 2012

    Hallo seit dem Absturz war ich immer mal wieder oben. Mal findet man Teile, mal keine, heute ein Stück Plexiglasscheibe. Ich denke, die Wildschweine legen einiges wieder frei. Es war heute frisch “gepflügt”.

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  5. troncaJuni 25, 2012

    Hallo, Grüße aus Hamburg. Bin gerade dabei Fotos für die Nachwelt zu scannen. Unter anderem eben solche vom Rundflug mit dieser Maschine, anläßlich des 40. Geburtstas meiner Frau. Die Piloten haben sich damals alle Mühe gegeben uns eine tolle Erinnerung zu bereiten, nicht ahnend daß sie dadurch bei meinem Schatz erhebliche Übelkeit erzeugten, und damit die eigendliche Freude konterkarrierten. Ich selbst fand den Flug toll. Habe erst viel später vom Absturz gehört und war sehr erschüttert. Herzlich Grüße

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  6. RolandMai 15, 2013

    ich war damals kurz nach dem Absturz an der Stelle. Es stecken teilweise noch zerrissene Alublech
    stücke des Rumpfes in den Baumstämmen. Klar wäre es für Wanderer interessant zu wissen was damals dort passierte, das Schild gibt ja wenig her, aber zum Glück gibt es ja mittlerweile suchmaschinen.

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  7. Tobias BJuni 3, 2013

    Danke für die Infos, ich stand soeben selber zufällig davor (auch ein Neuling in der Umgebung und mit dem Rad unterwegs). Bevor ich den Waldweg unterhalb des Kreuzes verlassen habe und auf dem (eher) Trampelpfad gefahren bin, dachte ich mir noch, ich kehre um, weil es hier wohl nicht weitergeht. Weit gefehlt, da habe ich eine beeindruckende Entdeckung gemacht, rein zufällig.

    Mögen die Verstorbenen Frieden finden.

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  8. RobertJanuar 13, 2014

    Ich war Anfang 1992 kurz nach dem Absturz an der Unglücksstellestelle und im Januar 2014 nochmal da.
    Das Kreuz ist jetzt entfernt, dafür ist jetzt ein großer Findling aus Sandstein da mit Aufschrift und einem Bild der DC-3, aber keine angaben zu den Opferzahlen.
    Ohne den Findling hätte ich die Stelle nicht wiedererkannt, vor 22 Jahren sah der Wald doch recht anders aus, man erkennt die Schneise auch nicht mehr.
    Das Flugzeug hatte damals eine Schneise in den Wald geschlagen und etliche Baumkronen abgerissen und ich kann bestätigen, dass Alublechteile in einigen Metern Höhe in den Bäumen feststeckten. Sehr erstaunlich , daß 4 Menschen den Absturz überlebt haben und das einer tatsächlich ins mehrere KM entfernte Heidelberg laufen konnte.
    Muss für die Feuerwehr und Retter 2 Tage vor Weihnachten ein übler Einsatz gewesen sein, dort 28 mehr oder weniger zerstückelte Leichen von der Bergkuppe runterzuholen, von den Angehörigen natürlich ganz zu schweigen !

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  9. HerbertMärz 16, 2015

    Wenn man bedenkt, dass 1991 Handys noch nicht verbreitet waren, dann musste der Ueberlebende kilometerweit bei Nebel verletzt durch unbekanntes Gebiet laufen. Bestenfalls sind es nach Handschuhsheim einige Kilometer von da oben, muss auch fuer die anderen Ueberlebenden der blanke Horror gewesen sein, dort zwischen 28 Leichen auf Hilfe zu warten.
    Wenn der eine Passagier nicht noch haette laufen koennen, waere das bei der Kaelte nicht gut ausgegangen, denn der Absturz wurde im Tal von niemandem gesehen, da der Gipfel
    in Wolken lag, es gab auch kein Feuer.

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