Bücher, die ich las…

Mein Verhältnis zu Buchbesprechungen oder -rezensionen hat sich in den letzten Jahren dramatisch gewandelt. Einst schrieb ich Kritiken gerne, sah mich dazu befähigt und tat das auch sehr, sehr eigenwillig. Im Augenblick nehme ich lieber Abstand davon, und verzichte daher auf ausführliche und ausschweifende Zusammenfassungen und Interpretationen. Der Grund dafür liegt in der Flut der Literaturblogs, sowie den unzähligen Empfehlungen auf den Seiten der Buchhändler und dem Fluch der Spoiler, Trailer, Vor-Interpretationen und formvollendeten Nacherzählungen, die sich mittlerweile überall finden.

Dennoch möchte ich kurz die Titel auflisten, die ich las und dazu zwei-drei Wörter verlieren, die fern jeglicher Objektivität sind, keine literarische Vorbildung beinhalten und sich einen feuchten Kehricht um irgendwas scheren.
Ich mache es einfach.

Ich bat Freunde, mir Bücher zu empfehlen. Manchmal tat ich mich mit den empfohlenen Titeln sehr schwer, manchmal war ich überrascht.

Kazuaki Takano “Extinction”
Es gibt Menschen, die es mögen, wenn Sachbuchthemen als vermeintliche Thriller präsentiert werden. Ich persönlich lehne das ab, und erwarte von dieser Literaturgattung und all seinen Nebengenres, die einen ähnlichen Spannungsbogen haben sollten, wirklich fette Angstgefühle mit dem Protagonisten. Dieses Buch erreichte mich nicht, aber ich gestehe dem Autor zu, dass er von manchen Dingen mehr Ahnung hat als ich.

Bruno Schirra “Der globale Dschihad”
Nein, ernsthaft, das ist nicht das Buch, das man zu diesem Thema lesen sollte. Zu wenig Bemühen um Innenansicht, zuviel aufdringliche Wertung, zuwenig was zum Verständnis dieser Situation beiträgt. Das Buch ist durchaus eine Betrachtung der Situation, aber sie bringt nichts näher, sondern reflektiert nur das, was im Grunde genommen schon bekannt ist.

Behnam T. Said “Islamischer Staat”
Erstaunlich gutes Buch. Sehr darum bemüht, den Hintergrund der Entwicklung zu beleuchten, und damit eine Basis für weitere Betrachtungen zu schaffen. Zurückhaltung in der Wertung, und dennoch distanziert. Empfehlenswert, wenn man sich dem Thema annähern will.

Wolfgang Neskovic “Der CIA Folter Report”
Trocken wie das Baguette von letzter Woche, und mit soviel Verweisen in Akten, das nur die Hälfte am Stück lesbar ist. Trotzdem, auch wenn es kreist und sich wiederholt, auch wenn es ungeniessbar scheint, finden sich darin genug Aussagen, die gelesen werden müssen. Eins von den Büchern, die schon aus Gründern der Mahnung, Bestseller werden müssten.

Tilman Seidensticker “Islamismus”
In den unzähligen Begriffsverwirrungen, die sich momentan überall finden, versucht dieses Buch einen Weg zu schlagen und das Wort “Islamismus” zu klären. Das ist nicht ganz einfach, und daher ist es wichtig.

Richard Ford “Kanada”
Das ist Slow Motion. Nimmt den Plot in den ersten Seiten schon vorweg, und braucht dann trotzdem ewig, bis er dahin findet. Sprachlich beeindruckend, aber in der Langsamkeit der Entwicklung sucht es seinesgleichen. Die Dinge, die passieren, sind die kleinen, die großen Dinge kleben es nur zusammen. Braucht Zeit, Ruhe und Muse.

Harald Welzer “Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand”
Ja, nein, nicht wirklich. Ambitionierter Titel, angerissene Themen, viel Gutes, manches fand ich zu sehr auf die Schulter geklopft und im Zusammenhang dann zu wenig. Ich gebe zu: Ich bin nicht objektiv, und meine Erwartungen waren zu hoch.

Karlove Kausgard “Sterben”
Junge, junge. Sagen wir es so: Wer Richard Fords “Kanada” schafft, der kommt auch damit klar. Problem für mich: Ich mag den Protagonisten, den Autor, nicht. Vielleicht ist er auch nur zu ehrlich, vielleicht reflektiert er auch falsch. Kein Schimmer. Ist eine große Nummer in seinem Land, und hat im Grunde alles, nur keinen Plot. Das Ding läuft und erzählt und manches braucht man nicht, anderes ist genial ausgedrückt. Schwieriger Fall, bekommt aber eine zweite Chance.

Naomi Klein “Die Entscheidung – Kapitalismus vs Klima”
Jeder mag Naomi Klein, und keiner spielt mit seiner eigenen Inkonsequenz so geschickt wie sie. Das Buch ist lesbar, ein Rundumschlag, mit viel, viel Zeugs, und regelmäßigen Wiederholungen des Grundtenors. Grundsätzlich nicht unsympathisch, kommt man sich hinterher doch so vor, als hätte man bewusst an einem Seminar teilgenommen, das einem das Hirn in eine bestimmte Richtung drücken will. Das ist nicht falsch, weil ja die Botschaft gut ist, aber irgendwie fühle ich mich jetzt schon ein klein wenig indoktriniert.

Lamya Kaddor “Zum Töten bereit”
Das ist ein Buch, das interessant und wirklich dazu passt, wenn man sich gerade durch den Dschungel der Literatur zum Thema IS durcharbeitet. Man wünscht sich, das all die Leute, die mit komischen Plakaten rum marschieren und einfach mal zeigen wollen, dass sie gegen andere Menschen sind, sowas lesen. Aber genau die Leute wird das Buch sicher nicht erreichen. Dabei wäre das der richtige Leserkreis.

Donald Ray Pollock “Knockernstiff”
Muss man lesen, weil dreckig, schonungslos, trocken, immer mittendrin und gut. Was für ein Buch. Alle Wetter.

Hilary Mantel “Wölfe”
Das erste, was ich dachte, war: Wer so schreibt, der hasst seine Leser. Diesen Schreibstil eigenwillig zu nennen, ist untertrieben. Aber Achtung, diese Frau ist wichtig, wird geschätzt, verehrt, mit Preisen ausgezeichnet und geliebt. Im Nachhinein, mit Abstand, hat dieses Buch irgendetwas, aber vor allem bleibt das Gefühl zurück, dass man es geschafft hat. Grammatikalisch ist nichts falsch, trotzdem waren ihre Zeilen für mich die schwersten Brocken der letzten Wochen. Vor einem zweiten Band habe ich mehr als nur Angst.

Siri Hustvedt “Die gleissende Welt”
Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich schwanke zwischen großen Empfindungen der Sympathie für diese Autorin und purer Ablehnung gegenüber dieser Art von Mockumentary in Literaturform. Sowas hat die Chance ein Klassiker zu werden, verlangt aber viel Enthusiasmus und Flexibilität vom Leser. Liess mich vollkommen verwirrt zurück. Großes Verlangen danach irgendetwas zu lesen, was gerade und abgrundtief böse ist.

T.C. Boyle “Hart auf Hart”
Ich finde ja, dass es die Masche eines One-Trick-Ponys ist, wenn man immer wieder nach demselben Rezept arbeitet. Protagonist taucht auf, lebt schon sehr beschissen, und dann wird es beschissener. Shit happens. Trotzdem: Boyle kann schreiben, besser als so mancher anderer. Er seziert den amerikanischen Lebensstil. Er weiß welche Hebel er umlegen muss. Insofern: Liest sich ausgesprochen rasant. Und das war gut.

Zoe Beck “Schwarzblende”
Ich hege große Sympathie für Zoe und möchte was Nettes über sie schreiben. Aber ich gestehe, in der Mitte des Buches suchte ich den Krimi seitenweise. Ich muss schnell was anderes von ihr lesen.

Mike Nicol “Bad Cop”
Ganz ehrlich? Ich habe das Ding fast schon vergessen. Würde man den Plot hierhin kritzeln, dann wäre er komisch, sehr konstruiert, aber würde nach richtig fiesem, netten Trash klingen. Tatsächlich gefällt mir die Erotik der Hauptpersonen nicht, weil es nicht übers Klischee hinausging, und das kann einem soviel verderben…Unglaublich.

James Lee Burke “Sturm über New Orleans”
Es gibt sicherlich immer noch Menschen, die nicht so richtig verstehen, warum es sich bei Katharina eigentlich nur im ersten Moment um eine Naturkatastrophe handelte. James Lee Burke ist mein persönlicher Literatur-Gott. Da wo er steht, kann man nichts mehr falsch machen und nebenan geht es nur noch runter. Sorry. Ich bin parteiisch. Ich liebe alles, was er schreibt. Alles. Lest das.

Greg Iles “Natchez Burning”
Lesen. Das ist so gut geschrieben. Das ist das, was die Autoren in Amerika draufhaben. Dichtes Dings. Fett und überhaupt. Lesen.

Mohamedou Ould Slahi “Guantanamo Tagebuch”
Lesen, weil Mahnung, weil wichtig, weil unglaublich, weil nahe und weil es wirklich nicht zu fassen ist. Und viele Seiten geschwärzt sind. Das muss man gesehen haben.

Rachel Kushner “Flammenwerfer”
Beatliteratur. Würde ich sagen. Lebensgefühl interessant. Verwirrend flockig bis zur ersten Hälfte, danach unschlüssig und aber immer noch nett und sympathisch in der zweiten. Viel weniger radikal als man mir weismachen wollte. Kann nicht schaden, ist jetzt aber auch keine Empfehlung.

John Williams “Butchers Crossing”
Das ist schon große Literatur. Und das ist von jemand, der ganz genau wußte, wie er das Ding rund bekommt. Das ist gutes Handwerk, klasse Recherche, und beschreibt einen dreckigen Job in einer chaotischen Zeit. Es ist zutiefst moralisch und spielt diese Karte nicht aus, und ist einfach ein verflixt guter Western.

Stephen Dobyns “Das Fest der Schlangen”
Ja, gut, chaotisch, durchgeknallt, weiter so. Der Autor kommt auf die Merkliste. Der spinnt sich das Zeug irgendwo zwischen seinen Alpträumen zurecht. Guter Mann. Sehr guter Mann.

Adrian McKinty “Der katholische Bulle”
Hier stimmt eigentlich alles. Lokalkolorit, wunderbarer Zeitrahmen, in den alles reinpasst: Chaos, Gewalt und korrupte Bullen, sowie ein Protagonist, der sich irgendwie geschickt durchschummelt. Ja, das sei empfohlen.

Sebastian Klipper “Konfliktmanagement für Sicherheitsprofis”
Ich finde es gut, dass es so ein Buch gibt. Muss allerdings gleich hinterher schmeissen: Das es so ein Buch gibt, deutete natürlich auch auf eine Misere in den IT-Büros hin. Wichtiges, cleveres Teil, brachte mir persönlich allerdings weniger als ich erhofft hatte. Aber: Könnte eine Hilfe sein, für die die an ihrem Job in der IT verzweifeln.

2 Comments

  1. aebbyOktober 15, 2015

    Hallo Andreas, irgendwie hatte ich Deinen Blog aus den Augen verloren, kürzlich daran gedacht, wiedergefunden und freue mich, dass Du immer noch schreibst. Deine Kurzrezensionen gefallen mir besser viel als (und nützen mir mehr) als die langatmigen Besprechungen beim Online-Buchhändler, die Du auch an anderer Stelle erwähnst, viele Grüße Aebby

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  2. aebbyOktober 15, 2015

    P.S. zur Einordnung, wir waren uns zu Urzeiten mal in der fotocommunity begegnet.

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