1 Jahr mehr. Oder?

Seien wir ehrlich:Blogs reifen zur Blüte, wenn die Tage kürzer werden, die Helligkeit sich verdrückt und das Morgen in weite, dunkle Ferne rückt. Also im Herbst oder Winter. Dann schreiben wir Blogs, Tagebücher, Geschichten und beschäftigen uns mit Literatur.

So soll es sein!

Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn ich von mir erzählen will, dann muss ich zugeben, dass ich es genau so handhabe. Im Sommer, wenn die Sonne hoch steht, die Tage lang sind, die Hitze über dem Feld flirrt, dann gibt es tausend Dinge zu tun. Ich fahre mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und habe immer ein Notizbuch dabei. Und schreibe nichts hinein.

Und habe immer ein digitales Buch dabei. Und lese nichts darin.

Ich fotografiere. Ich schreibe Nachrichten, ich befülle meinen Instagram-Account und fresse die Kilometer, schwitze, trinke, radle. Und bin weit davon entfernt ein Profi zu sein. Und fahre selten dieselbe Strecke, horche nicht in mich hinein und habe keine Ahnung von meinem Puls. Ich mache alles falsch und finde es großartig. Ich bin ausgesprochen zufrieden. Nur kreativer könnte ich sein. Ich bin es nicht.

Ich habe ein Blog…

Tatsächlich habe ich ein Blog. Niemals habe ich mich thematisch damit beschäftigt, um was es gehen soll. Ich habe in der Vergangenheit viel geschrieben, viel abgelegt, viel fotografiert und ich kann mich an die Einzelheiten gar nicht mehr erinnern. Das Blog stand für mich immer für das Schreiben. Das Ding ist eigentlich fett wie ein Buch, aber es wird nie gedruckt werden. Das Ding enthält Kritiken, Ideen, Kolumnen und Rechtschreibfehler ohne Ende. Es hat sich theoretisch und praktisch mit dem Bloggen befasst und ich habe mich über vieles ausgelassen, war ungerecht, polemisch, onanierend, manipulierend, frech und leise, aber auch laut. Ich wollte nie Geld damit verdienen, nie Vorteile, nie populär werden und war jahrelang ganz zufrieden, dass es alle so unter dem Radar rumdümpelt, niemand stört und keinen Shitstorm anzettelt. Ich war froh, dass es keinen Shitstorm gab. Ich dachte manchmal, ich sei zu frech gewesen, aber heute finde ich die Stellen nicht mehr und bin froh darüber.

Literatur

Meine Liebe ist und war Literatur. Je mehr ich darüber weiß, je weniger beschäftige ich mich damit. Das mag kurios klingen, aber ist so. Meinen ersten Computer legte ich mir zu, um Literatur zu machen. Irgendwie. Unbedingt. Ich leitete Foren, lernte Autoren kennen, schrieb immer ein bisschen, aber im Grunde zu wenig. Und je mehr ich im Dialog mit Autoren, Verlagen, Redakteuren, Zeitschriften und überhaupt dem Business war, um so weniger wollte ich noch ein Autor werden. Ich wollte nicht bekannt werden. Ich hatte zu viele Spuren hinterlassen, zu viel Unsinn geschnackt, zu viele Streits angezettelt, zu viele Diskussionen geführt. All das, was man so im Internet macht und wofür es wohl da ist. Ich sagte mir, wenn ich das auslaufen lasse, dann ist ja alles gut.

Und so hetze ich mit dem Fahrrad durchs Land. Im Sommer. Und schreibe keine Zeile und fühle mich verdammt wohl dabei.

Was mich wurmt…

Ich wurde links und rechts überholt. Das geschah mir recht. Blogger wurden zu Influencer, allgemein jünger und waren cleverer, schneller und ungehemmter als ich. Das war mir nicht unangenehm. Wenn dich jemand überholt, dann rutschst du aus dem Fokus. Es gibt keinen Druck mehr, die Klickzahlen sinken, man kann dann machen was man will. Alles gut.

Für sich kann man ja immer noch sagen, dass man der Beste ist. Und wie ein alter Sack von der Erfahrung schwärmen, die man so hat. Wie Heu. Das so ein alter Sack ja locker in sich behält. Man kann sich vor dem Spiegel hinstellen und sagen: “Hey, ich battle euch alle in Grund und Boden!”

Gebt mir verdammt noch mal nur eine Chance!

Jedes Jahr bucht mir 1&1 einen Betrag für diese Seite ab, den ich zweifelnd betrachte und dann einfach vergesse. Ich nehme mir dann manchmal vor: Kill das Ding, mache es platt. Schmeisse es weg. Vor allem dann sage ich mir das, wenn WordPress mir mit einem Update wieder einmal alles verhagelt hat. Wenn ich wieder mal alle meinen alten Kenntnisse raus krame und wieder versuche das Ding zum Leben zu erwecken. Und das passiert regelmäßig. Andauernd. Shit happens. Vor allem hier. Ich habe eine Freude mit dem Ding! Ich kann euch sagen!

Aber ich traue mich nicht, die Seite endgültig zu schliessen. Ich schaffe es nicht. Es gibt ein, zwei Artikel die gut waren. Die richtig gut waren, die Klicks bekamen. Nichts tolles, aber etwas, das mal irgendjemand, irgendwann geholfen hat. Eine Ahnung, von dem was ich leisten könnte, wenn ich wollte, und den Entschluss dazu bei Laune halten könnte und mal weniger Radfahren würde.

Hat man davon geleckt, von diesem Ansatz einer Anerkennung, dann wird man gierig, und will mehr. Unbedingt. Aber so einfach ist das nicht. Zumal ich mich einen feuchten Kehricht um die Regeln gekümmert habe, die ich zwar kannte, aber als übertrieben sinnlos betrachtete. Wie gesagt, man hat mich links und rechts überholt, und das war ein Kinderspiel. Ich bin ein verbohrter, alter Sack, der sich für den Besten hält, und damit auf die Schnauze fällt. So einfach ist das. Und das wurmt. Und das zu schreiben noch viel mehr.

Darum:

1 Jahr!

Blogs sind dazu da, richtig große Versprechen zu machen. Immer wieder. Und so oft wie möglich. Ankündigungen und Vorschauen. Und sie präsentieren das Scheitern unnachgiebig wie kein zweites Medium, und dann verschwinden sie.

Die Buchmesse hat in meinem Blog keinen Akkreditierungsgrund gesehen und eventuell hat sie recht (Verdammt!Verdammt!Verdammt!). Eine gute Freundin meinte, ich solle einfach mehr schreiben.

1 verfluchtes Jahr!

Meine Work-Life-Balance ist etwas aus dem Tritt geraten. Wenn ich mal viel Zeit habe und Lust auf ein großes, dramatisches Thema, dann haue ich das hier rein, aber im Augenblick nur soviel: Die Zeit ist reif. Aber ich sollte sie nicht übermäßig strapazieren. Also ein Jahr gebe ich diesem Blog noch. Ein Jahr, in dem ich mich nicht darum schere, wieviele Wörter ein Artikel braucht und welche Regeln ich damit breche, dass ich zu schnell und zu viel schreibe. 1 Jahr, in dem ich mich ausgiebig mit Literatur beschäftigen werde, in dem ich hier eine thematische Grenze ziehe und Literatur zum hauptsächlichen Thema mache, das lediglich unterbrochen wird von Radfahren, Bildern und Musik. Ihr habt jetzt die Eckpunkte. Darum geht es hier. Dieses ist kein Gemischtwarenladen. Dieses ist nur unbegrenztes Ausufern, die Lust am Fabulieren und die grundsätzliche Sprunghaftigkeit von koffeingeladenen Gedanken.

Nach dem Jahr sollte es mindestens 10 Leute geben, die mich dazu überreden, weiter zu machen, sonst klappt mein Ego zusammen und diese Seiten wandern ins digitale Nirvana. Irgendwann ist Konsequenz nötig. Ich bin schließlich alt genug.

Deal?

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