Ich schreibe doch nicht unter meinem Namen!

Warum verwenden Autoren ein Pseudonym? Macht es nicht Sinn zu den eigenen Werken zu stehen? Können sie nicht dazu stehen?

In einer Welt, die sich so sehr uneins ist über den Datenschutz, und in der das Verständnis, was Datenschutz ist, keinen gemeinsamen Nenner findet, macht es vielleicht Sinn das Pseudonym nicht nur in einem historischen Kontext zu sehen.  Ich kann selbstverständlich nicht sagen, warum andere Autoren ein Pseudonym benutzen, aber ich kann die Entscheidung für mich selbst begründen.

Ich veröffentliche seit meinem 15 Lebensjahr. Nicht sehr erfolgreich, sonst würdet ihr mich alle kennen. In einer Zeit, in der das Internet maximal ein Versprechen für die Zukunft war, aber nur in Universitäten fern unseres Landes existent, gab ich für kurze Momente eine Literaturzeitschrift heraus, deren Auflage so regional und begrenzt war, dass die Geschichte sie einfach überspült hat. In diversen seltsamen Blättchen fanden sich Kritiken und Rezensionen. Und mit dem Aufkommen von BTX, Compuserve, AOL und ähnlichen Kürzeln war ich dann auch online in Literatur und Autorengruppen aktiv. Dort dann aber zumeist unter Pseudonymen bzw. erfundenen Namen. Es war in der Anfangszeit des Internets vollkommen normal, dass der Klarname nicht auftauchte und jeder seine Identität änderte, geheim hielt oder wunschgemäß lebte. Es gab keine Klarnamenpflicht, keine wirkliche Online-Kriminalität, die der Rede wert gewesen wäre, und es war vollkommen egal, wie alt, groß, schwer oder seltsam dein Gegenüber in Chats und Foren war. Die gute, alte Zeit eben. Heute würde so ein Treiben mit größerer Skepsis betrachtet, und es gibt ein Ruf nach Transparenz und Authentizität. Natürlich weiß man von den Nachteilen, die sich durch Popularität ergeben, aber es herrscht ein allgemeines Verlangen nach einem Näherrücken, einem Greifbar sein und danach einen Ansprechpartner zu haben, auch wenn er in der Ferne eigentlich nicht wirklich existent ist oder ihm/ihr auch gar nichts an dieser Nähe liegt.

Facebook, Google und ähnliche Communities sehen einen großen Bedarf darin, ihre Nutzer möglichst realistisch, nahe und kommerziell verwertbar abzubilden. Sie legen ihren Anwendern mannigfaltige Hürden in den Weg, um die Nutzung von Decknamen möglichst einzuschränken und am Besten zu verbieten.

In jungen Autorenkreisen, die sich online in einem Umfeld der großen elektronischen und Self-Publishing-Distributoren bewegen gibt es zwei Richtung. Eine, die einen genretypischen Namen in einer möglichst anglo-amerikanischen Form verwendet,und eine, die mit Recht sagt, dass die eigene Leistung auch unter dem eigenen Namen auf dem Markt kommen soll, um einen Bezug zu sich selber zu haben, und um zu beweisen, dass man zu seinen Veröffentlichungen steht.

Letztere Haltung impliziert, dass ein Pseudonym keine wirkliche Verantwortung in dem eigenen Werk sieht und eher eine spielerische Haltung zu dem Autorendasein oder den damit verbundenen Büchern hat. Etwa so, als würde man gerne die Genres wechseln wie das Unterhemd, und sich lieber mit einem wohlklingenden anderen Namen darin bewegen, als mit dem eigenen Image, das unter Umständen festgelegt und damit verbrannt ist. Das mag durchaus so sein, dass es sich so verhält. Ich kann das verstehen, und möchte es nicht verurteilen. Es gibt Gründe, so lange zu experimentieren, bis man eine vertretbare Form gefunden hat. Es gibt auch Gründe, warum man seine Jugendsünden vielleicht einfach hinter sich lassen will. Oder es gibt ebenso Gründe, warum man seine Leserschaft nicht mit einem Genrewechsel verprellen will. Denn die Erwartungen der Fans sind manchmal eine Zwangsjacke. Wenn man denn Fans hat. Bei mir kam es nie dazu, also rede ich einfach aus einem Second-Hand-Nähkästchen.

Historisch gesehen ist die Reihe der Autoren, die Pseudonyme verwendet haben, prominent und lang. Und mit gesteigerter Popularität, und bedingt durch Vertragsklauseln, hat so mancher Autor oft nur die eine Chance gesehen mal etwas ganz anderes zu machen, wenn er sich ein Pseudonym zu eigen machte.

Ich hatte mich zu der Nutzung eines Pseudonyms entschlossen, als ich merkte, das mir ein mögliches Autorendasein (das ich im Grunde nicht erfülle,und das sich auf seltsame Blogs beschränken mag) ein neues Klischee bietet, in dem ich mich nicht wohl fühlte. Ich schreibe leidenschaftlich gerne. Ungefähr so leidenschaftlich gerne, wie ich Rad fahre. Aber beides, Rad fahren und schreiben, mache ich einsam, für mich, unter großer Beschallung und in immer neue Richtungen. Ich schreibe nicht im Team, habe keinen Buddy, der mir über die Schulter schaut, gebe meine Sachen keinem Lektor und möchte auch nicht darüber reden. Wenn mich Menschen darauf ansprechen, was ich da mache, dann versuche ich das Gespräch weg zu drängen, über etwas anderes zu reden und Alkohol oder sonstige Drogen zu finden. Wenn ich Bücher bekomme, in denen meine Kurzgeschichten sind, dann lege ich sie ungeöffnet beiseite. Wenn ich Anfragen für Veröffentlichungen bekomme, dann zögere ich sie raus, finde Gründe dagegen, und verschleppe Entscheidungen. Wenn ich nach meinem Preis gefragt werde, dann verschenke ich meine Werke. Wenn mich jemand auf meiner Arbeit auf meinem Blog anspricht, dann schreibe ich nichts mehr darin.

Warum ist das so? Die Erklärung ist banal und einfach. Das was ich tue, soll nicht dazu führen, dass ich mein Leben ändern muss, dass irgendetwas populär wird. Das was ich tue, hier – in diesem oder einem anderen Blog – mache ich, weil ich es kann und weil ich glaube, die verdammte Verpflichtung zu haben es tun zu müssen. Aber man würde mir und meinem Leben schaden, wenn man mich darauf reduzieren würde, oder es zum Thema in meiner Umgebung macht. Ich schöpfe eine Energie, Kraft, Leidenschaft und Wut aus einem stinknormalen Leben, das es mir erlaubt unter dem Radar durch zu fliegen. Hier bilden sich die Geschichten und ihre Kraft.

Kafka wird immer erwähnt, wenn es darum geht, wie man im Verborgenen Großes schaffen kann, und wie ein Autor sich einer Fehleinschätzung hingeben kann. Aber ich wäre verrückt, mich mit Kafka zu vergleichen. Und es macht auch nicht sonderlich viel Spaß jemanden als Beispiel anzuführen, bei dem sich tausend Wissenschaftler bemühen der Legendenbildung entgegen zu wirken. Aber nehmen wir mal Vivian Maier, diese großartige, geheimnisvolle Fotografin, deren Werke eher zufällig nach ihrem Tod entdeckt wurde. Von der man meinen könnte, sie hätte ihr Talent nicht gekannt, die aber nie nach Ruhm und Anerkennung strebte, sondern einfach nur das tat, was sie konnte.

Und das ist einer der Punkte. Ein Pseudonym erlaubt mir ein bescheidenes, zufriedenes Leben zu führen, in dem mich keiner darauf anspricht, was ich gerade schreibe, in dem ich keine Pitches, keine Zusammenfassungen, keine Werbung und keine Anbiederung machen muss. Ich bin doch nicht der Fachmann für Selbstpromotion, und will das auch nicht sein. Und ich würde mich schämen, wenn ich die Welt mit Dingen überschwemmen würde, die meinen Namen oder den meines Pseudonymes tragen würden, nur damit dieser bekannt wird.  Aber ich finde es verdammt großartig, wenn hin und wieder einer meine Texte liest. Schweigend vielleicht, ohne Kommentar, aber was soll’s? Wenn er oder sie zurück kommt, dann ist das mehr als wenn mir Freunde, virtuell oder echt, aus Sympathie auf die Schulter schlagen und mich loben. Sie sind Freunde, sie machen das für mich, sie tragen zu meinem Wohlbefinden bei und ich schätze sie dafür. Aber geiler ist es schon, wenn der Unbekannt wieder zurück kommt, und meinen Blog abonniert. Ohne mich zu kennen. Ohne mich zu sehen.

Die letzte Frage ist, ob man mit dem Pseudonym überhaupt Verantwortung übernimmt. Ja, mein Pseudonym ist ein Name, den ich hege und pflege. Er ist  leicht aufzulösen. Ich hatte mich mal um eine stärkere Abgrenzung bemüht, aber mittlerweile weiß ich, wenn ich nicht einen verdammten Shitstorm auslöse, dann stalkt da sowieso niemand. So gut bin ich jetzt auch nicht, und die Groupies, auf die ich schon mein ganzes Leben hoffe, die sind irgendwie auch ausgestorben.

Trotzdem, der Name, den ich verwende, um irgendwas in den Handel zu bekomme, ist generell ein anderer als jener, der hier im Impressum steht. Und das ist wichtig. Und mir lieb, aber ich würde ihn nie so nutzen, dass er morgen verbrannt, nicht mehr brauchbar oder schlicht mit Dingen verbunden ist, die ich so schnell wie möglich wieder loswerden will. Ich will mein Pseudonym hegen und pflegen, es vor Ungemach schützen, und als Rüstung gebrauchen. Dafür muss es ein ernsthafter, glaubwürdiger Charakter sein, an dem ich hänge, der mir nicht zur Lüge dient und authentisch mein Schreiben unterstützt, um mir die Freiheit zu geben, die Dinge zu tun, die ich so liebe.

Darum ein Pseudonym.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top