Ganz persönlich: Lesungen – lieber nicht!

Einleitend ist zu sagen, ich möchte einfach nicht in das Hohenlied für Lesungen und Slam-Poetry einstimmen. Ich schätze und respektiere jeden, der sich vor einem schweigenden, andächtigem Publikum wohl fühlt. Mir geht es anders.

Es wird jedem Autor angeraten, die Chance auf Lesungen nicht ungenutzt zu lassen. In einer Phase, in der es Sinn macht sich möglichst viele Einnahmequellen quasi als Claims abzustecken, und diese Möglichkeiten auch noch auszubauen, wäre es die vollkommen falsche Empfehlung, von Lesungen die Finger zu lassen. Im Gegenteil, es ist wahrscheinlich eine der besten Methoden mit seinen Lesern in Kontakt zu kommen. Wenn man das will. Man sitzt ihnen gegenüber, und niemals bekommt man so schnell eine Reaktion auf das eigene Werk. Oder es kommt zu keiner Reaktion. Auch möglich. Es überwindet Distanzen und schafft Begegnungen. Es gibt also so manches Positive über Lesungen zu sagen. Das wird auch zu Genüge gemacht.

Ich möchte dagegen halten! Natürlich möchte ich mich um einen verantwortungsbewußten Umgang bemühen, aber trotzdem, meine Botschaft bleibt: Lasst mich bloss in Ruhe damit!

Autoren sind nicht die besten Interpreten ihrer Werke

Grundsätzlich, und das schicke einfach mal voraus, sehe ich einen Autor nicht als den besten Interpreten seiner Werke an. Auf die Frage, wer das besser könnte, will ich antworten: Jeder, der lesen kann. Denn das ist der Grund, warum ein Autor sich an sein Publikum wendet. Er möchte erleben, dass seine Werke in den Händen anderer Menschen richtig verstanden und vor allem gelesen werden. Wenn ich das wirklich wollte, hätte ich ja auch Sänger, Schauspieler oder Synchronsprecher werden könne. Dazu habe ich nicht das Zeug, die Ausbildung und die Stimme. Und wenn es möglich ist, das zu lernen, so will ich es nicht. Ein Autor sitzt stunden-,tage- oder jahrelang einsam vor einem Bildschirm oder einem Berg Blätter. Er schreibt stumm vor sich hin. Er ist nicht unbedingt das sozialste Wesen, auch wenn es nicht möglich ist alle und jeden über einen Kamm zu scheren, aber im Gegensatz zu anderen Beschäftigungen setzt das Dasein als Autor eine gewisse Einsamkeit und einen gewissen Rückzug voraus. Er oder Sie machen sehr, sehr viel mit sich selbst aus. Geht es um eine Veröffentlichung, dann geht es um Überwindung. Stolz ist eine gute Motivation, aber auch nicht unbedingt ausreichend.

Die Fehleinschätzung über sich selbst

Kommt es zur Lesung, dann wird erwartet, dass ein Autor seine Werke flüssig, quasi auswendig spricht und vorliest. Es wird erwartet, dass die besten Stellen, die Perlen präsentiert werden. Sozusagen exemplarisch für das ganze Buch. Ja, das die Essenz des Buches vorgeführt wird. Tatsächlich sind die wenigsten Menschen in der Lage ihre wichtigsten, schönsten Stellen auszuwählen. Sie mögen dies und das als herausragend und gelungen empfinden, und das sicherlich zu recht, aber ob das Publikum, das so unvertraut mit dem Buch an sich ist, hier mitgeht, das werden gerade die Autoren oftmals am wenigsten nachempfinden können. Die Fehleinschätzung über sich selbst, ist die Größte überhaupt, die man sich im Leben leisten kann.

Autoren sind keine Sprecher – eigentlich sind sie Schweiger

Ich mag in verschiedenen Tonlagen und Stimmen schreiben können. Ich kann sogar Kinderbücher so vorlesen. Aber ich verliere mich in einem unausgegorenen Hin und her, wenn ich das bei meinen eigenen Texten machen sollte. Ich würde, quasi im laufenden Betrieb, vergessen welche Stimme ich für den Helden und welch andere Betonung für die Heldin gewählt hätte. Kann man üben. Kann man aber auch jemanden überlassen, der hier einfach besser ist. Künstler jeder Richtung haben gerne etwas introvertiertes, beobachtendes an sich. Es gibt welche, die nur unter Alkohol die Party schmeissen, und sich so aus der Klause rauswagen. Ihnen zuzutrauen, dass sie in einem stocknüchtern Saal, in dem sich kunstbeflissene Leute zurückhaltend gegenseitig anhüsteln, die richtige Geschwindigkeit für ihren Vortrag finden, dass ist mutig. Ich rase in meine Texte rein, erwarte Lacher, finde keine, bremse ab, spüre Unverständnis, werde unsicher und vergesse jegliche Betonung, weil einer monotoner Roboter die Herrschaft über mich übernommen hat. Und hinterher rede ich besonders viel Scheisse, weil ich mich bemühe, so etwas wie Intelligenz öffentlich zu präsentieren. Das Gegenteil ist der Fall. Gäbe es ein Double, ich würde es verehren, bezahlen und irgendwie an mich binden. In der Öffentlichkeit dürfte jeder meinen Namen tragen, Hauptsache, ich hätte meine Ruhe.

Lesungen sind nicht Punk

Die Atmosphäre einer Lesung ist bezaubernd zurückhaltend, still, andächtig und kulturbeflissen. Das Publikum lässt den Autoren ihren Raum, senkt sich in sich hinein. Und lauscht. Ich bin mit Punk und den neuen Wilden aufgewachsen. Diese Ruhe kannte ich nur an Orten, an denen der Glaube an etwas Großes vorausgesetzt wird. Ich mochte die Nahbarkeit und die Unruhe. Könnte aber natürlich in dieser Atmosphäre kaum lesen.  Trotzdem und daher ist diese tatsächliche Distanz einer normalen Lesung für mich unerträglich. Innerhalb dieser Performance kann es bei lustigen Texten ein Lacher geben, aber bei ernsthaften, dramatischen Werken bleibt nur endloses Schweigen. Und das über den kompletten Zeitraum. Eher kein Szenenapplaus und kein Punkt, an dem der Vortragende in seinem Redefluss bestärkt wird. Wer kommt jetzt noch mit? Wer hört jetzt noch zu? Sind noch alle da? Hochsehen bringt keine Erleichterung. Die Gesichter des Publikums zeigen keine Regung. Und man versteht alles. Handkes Publikumsbeschimpfungen, und auch die Symphonie mit dem Paukenschlag.

Ich möchte keine Lesungen halten. Ich habe es schon getan. Im Nachhinein weiß ich, dass man mir nur ein Podium geben muss, und ich drehe auf wie der kleine Hulk, wirble meine Worte über die Hörenden, decke sie ein mit Ungereimtheiten zu und rede so schwubbelig über meine Texte, als wäre es ein Polizeiverhör, in dem ich alles sagen darf, nur nicht wo ich in der Mordnacht war.

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