Der Autor und der Tod

Früher mordete ich mit Leidenschaft. Ich tat es gerne, ausdauernd und immer wieder. Es war ein stilistisches Mittel um Spannung zu erzeugen. Helden, Nebenfiguren und überhaupt alle Protagonisten starben grundsätzlich am Ende. Eine Verfahrensweise, die auch Hemingway gerne verwendete. Der Tod als Abschluss. Was sollte danach noch kommen?  Der Tod also auch als unumkehrbare Logik.
Ich hatte keine Skrupel. Das war eine Geschichte, das waren meine Helden. Warum also sollte ich sie nicht dahin meucheln? Wollte ich von einem Killer erzählen, dann war eine Leiche nicht genug. Wohl wissend, dass der Serienkiller die Ausnahme, und nicht die Regel ist. Aber mit jeder Leiche dachte ich, die Spannung zu erhöhen. Tatsächlich ist das ein Irrtum. Das große Monster führt immer zu dem nächstgrößeren Monster.

Das nächstgrößere Monster

Wer anfängt zu morden, der hört nicht mehr so schnell damit auf. Und darf das auch nicht. In Schlachten zog ich mit dem Schwert blutige Kreise, im Kugelhagel starben die Besten. Der Tod war ein Element des Kinos. Nicht mehr und nicht weniger. Er wird banalisiert und anonymisiert. Und ist dadurch vor allem nicht mehr eins: er ist nicht echt. Aber was nicht echt ist, das wird auch nicht echt . An was ich dabei nicht dachte, das war die Unmöglichkeit auf diese Weise die Distanz zwischen der Geschichte und dem Leser abzubauen. Ich wollte den Leser verführen, einbeziehen und zu einem Akteur machen. Auch wenn es sich dabei um einen geführten und geleiteten Mitspieler handelt. Es reicht mir nicht, ihn in die Beobachterrolle zu sehen. Ich wollte, das er leidet und mitlacht, zittert und erbebt. Sicher ist das viel verlangt und ein hehres Ziel. Vielleicht nie erreichbar. Aber schon der Weg dahin ist wichtig. Und der richtige.

Der Tod als ständiger Begleiter

Die Tragik eines Todes wird in den meisten Romanen, Filmen und Erzählungen mit einer scheinbaren dramatischen Notwendigkeit hintergangen. Der Tod ist ärgerlich, und in einem abgesteckten Rahmen tragisch, aber er dient in der Regel nicht der Traumatisierung der handelnden Personen sondern dem Rhythmus der Geschichte. Der ja erhalten bleiben muss. Der Tod ist genau jenes Element in den meisten Werken, das ein gewisses fremdeln zum Geschehen ausmacht. Dass er quasi so lapidar und folgerichtig ist, führt dazu, dass sich das Mitgefühl in Grenzen hält, die Nachvollziehbarkeit nicht gegeben ist und der wohlige Schauer als angenehm empfunden wird.
Aber die Geschichte bleibt das Papier, das zwischen uns steht. Zwischen mir und dem Leser. Ich war lange Zeit sehr unberührt vom Tod. Er kam sehr lange überhaupt nicht in meinem Leben vor. Die Tragweite konnte ich verdrängen. Er war ein viel zu seltener Gast. Seine Besuche zu weit weg.
Erst sehr spät riss er Lücken in mein Leben und das meiner Freunde. Und es geschah automatisch. Jeder Mensch hat jemanden, der ihn liebt. Jeder Verlust ist unwiederbringlich.

Jeder Tod hat eine Geschichte davor und danach

Ich bekam das Gefühl nicht wirklich das Ausmaß verstanden zu haben. Als ob ich nur die halbe Geschichte erzählt hätte. Und als ob ich den Leser nicht ernst genommen hätte. Plötzlich konnte ich die Toten nicht einfach am Wegesrand liegen lassen. Es zwang mich etwas dazu ihnen Gesichter und Gefährten zu geben. Ihr Leben im Nachhinein einer Wertschätzung angedeihen zu lassen.
Ich schreibe gerne kraftvolle Stories mit agilen Helden, die Dinge unlogisch und kompromisslos regeln. Ich mag es, wenn sie körperlich agieren. Verletzungen, Leiden gehört dazu. Aber sterben? Ich habe eine Scheu sie sterben zu lassen. Auch ihre Gegner versuche ich zu verschonen. Und, so seltsam es klingen mag, es fühlt sich ehrlicher, wahrer und besser an.

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