Die Fliegenden (Ein Anfang mehr..)

“Du wirst deinen Vater töten müssen!”
Ich nickte.
“Du wirst es bald tun müssen!”
Ich nickte wieder.
Ich sah den Rauch, hörte die Hörner und kannte die Zeichen. Die Fliegenden lockten sie hierher. Alles geschah, wie es immer geschah. Kendall hob die Hand zu einem letzten Gruß, und verliess mich. Er schritt gemächlich auf den Versammlungsplatz zu. Im Gehen hörte ich seine letzten Worte noch, die nicht mehr mir galten.
“Wir töten Fliegende!”
Ich wußte das, wir alle wußten das.

Im Laufe der Zeit, die noch immer namenlos war, zogen die verschiedensten Mächte durch unser Land, verwüsteten die Wälder und leiteten die Flüsse um. Das geschah meist sehr schnell. Und mein Volk konnten den Katastrophen, die Naturgewalten glichen, einfach nichts entgegenstellen. Wir hatten starke Zähne, ganz kapitale Klauen, aber keine Waffen, die schon aus der Ferne Löcher in unsere Gegner reißen konnten. Uns friedlich zu nennen, wäre nicht der richtig Ausdruck gewesen, aber Widerstand leisteten wir keinen.

Unsere Zähne waren vorstehend. Und wir kannten kein anderes Volk, dass sie so einsetzen konnten, wie wir das taten. Wir schnitzten mit unseren Zähnen, fällten Bäume, raspelten die Steinrüben klein und bereiteten Mahlzeiten mit ihnen vor. Nicht immer zur gleichen Zeit, durchaus mit dem gehörigen Maß an Hygiene, aber, ja, wir nutzen sie vielseitig. Meine Vorfahren waren Bauern, so wie ich einer war. Ich tat dasselbe wie sie, und mein Vater hatte mir einst alles beigebracht, was wichtig war, bevor er sich die Haut abzog, in die Lüfte erhob und fortan in den Baumwipfeln lebte. Er hatte nun ein andere Familie, vergass uns und legte wilde Netze von Baum zum Baum, die von einem furchtbaren Klebstoff bedeckt waren. Wir reinigten die Netze, wenn wir ihnen beim Fällen der Bäume habhaft wurden, zogen sie immer wieder durchs Wasser bis diese Masse auf den Fasern verschwunden war und webten daraus unsere Kleidung.

Der Klebstoff schmeckte süßlich, weil in den Baumwipfeln all die Früchte wuchsen, an die wir nicht kamen. Alles, was die Fliegenden absonderten, war von Zucker bedeckt. Doch wir mochten keinen Zucker, er machte uns wehrlos, schadete unseren Zähnen und so wuschen wir mit emsigen Bewegungen das Zeug in jenen Fluss, der sich reißend um unsere Siedlung schlängelte.

Es war meine Aufgabe über uns zu wachen, während die Jüngsten den Netzhaufen über die Wiese zum Wasser schleppten. Sie hatten noch das weiße Fell, dass sie durch ihre Wintergeburt bekamen, aber bald, wenn die Sonnen auf ihrem höchsten Punkt standen, sollten sie es verlieren, und wir stopften mit dem, was davon übrig blieb, unsere Kissen aus. Die meisten Dinge hatten wir ganz gut geregelt, und es bereitete uns Freude, zu sehen, wie die Kreise einen Sinn bekamen und sich schlossen.

Die Fliegenden zogen unablässig über uns. Doch weder wachten sie mit uns, noch fühlten sie sich verbunden. Ich glaubte manchmal, meinen Vater zu sehen, aber immer wenn ich nach einem Speer griff, merkte ich, dass er es doch nicht war. Wir konnten sie kaum unterscheiden, dort oben unter den Sonnen. Nahmen uns nicht die Wolken die Sicht, blendeten uns die Sonnen. Sie wirkten wie die Fliegen, die sich auf unsere Hinterlassenschaften stürzten. Ihr Anblick bereitet uns kein Unbehagen, aber auch keine Freude. Tatsächlich verriet ihre andauernde Anwesenheit jedoch unser Lager. Und das wäre Grund genug gewesen, meinen Vater zu töten.

Wenn man mich beschrieb, dann sprach man in den höchsten Tönen von meiner Ruhe und Gelassenheit, doch dieses beschrieb nur mein äußeres Wesen, nicht das, was sich in mir abspielte. Der Groll, der mich zunehmend erfasste, wenn ich sah, wie die Wolken ferner Feuer auf uns zukamen, und die, die zu meinem Vater gehörten, nicht in der Lage waren Abstand von uns zu gewinnen. Sie alle stammten von uns, aber keiner von ihnen fühlte sich noch irgendwie in der Verantwortung. Wir waren aus ihren Eiern gekrochen, hatten uns in ihre Nester gelegt. Nester, die unsere Eltern aufbereitet haben. Das Schicksal meines Volkes nahm unsere Eltern von uns, machte sie zu eingebildeten Fliegern. Und mir wäre es egal gewesen, ob ein Sturm oder eine Distanzwaffe, die sie in der Luft zerfetzt hätte, zu ihrem Absturz beigetragen hätte. Sie waren sowieso schon tot.

Kendall war ein alter Mann. Sein Fell war grau, seine Zähne gelb, doch sein Körper beinhaltete eine Kraft, die mich Staunen machte. Derbe Muskeln durchzogen seine Arme und Beine, und traten merklich hervor, wenn er seinen Worten Ausdruck verleihen wollte. Seine Stimme wurde gerne gehört, wenn wir gemeinsam sprachen, doch etwas schwebte über seiner Existenz, die ihn wirken ließ wie einen Verdammten. Als ob ein Fluch auf ihn lastete, hatte er sich nie zu einem Fliegenden entpuppt. Es gab nicht viele wie ihn. Die Anderen, die Wenigen, die ich kennen lernen konnten, verliessen die Herde und töteten sich selbst. Sie zerfiele in sich, gaben auf, und suchten
sich einen Abgrund oder eine Schlucht, in die sie sich stürzen konnten.

“Wachst du über uns, Tenda?”
“Ja”, erwiderte ich und sah, wie die Sonnen auf meinen schneeweißen Sohn schienen. Er sah mir überhaupt nicht ähnlich. Er wirkte wie ein zusammgefegtes Fellknäul, das eigentlich über den Boden rollen sollte. Er hatte keine Füße, und seine Stimme klang wie das Plätschern einer Quelle. So leicht, ohner Ernst und unablässig plapperte er mich an.
“Ja, das tue ich.”
“Wie weit sind sie von uns entfernt?”
“Eine Tagesreise, aber sie werden langsamer.”
“Werden sie uns töten?”
“Ich denke schon, sie werden unsere Hütten abbrennen, uns das Fell über die Ohren ziehen und die dicksten von uns auf einem Spieß braten.”
Er kicherte in sich hinein, und rannte davon. Also doch Füße. Man mag darüber streiten, was wir unseren Kindern erzählen sollten. Aber selbst wenn eine der Doppelsonnen auf den Wald fallen würde, unsere Kinder hatten keine Angst davor. Es war der Vorteil der Kinderheit, dass ihnen eine Angstfreiheit gewährt wurde. Unser Schrecken und unser Schmerz belastete sie nicht. Sie hätten es sowieso nicht verstanden.

Die Fliegenden wirkten wie Insekten. Sie hatten eine zerbrechliche Gestalt, durchsichtige Flügel und schlanke Körper. Manche von uns neigten dazu sie schön zu nennen, und die eigene Existenz als Mühsal zu betrachten. Als sei die Fähigkeit zu fliegen eine Art Belohnung für ein rechtschaffendes Leben. Ich sah zu ihnen hoch und mich verwirrte die Nutzlosgkeit ihrer Existenz. Wenn dieses eine Belohnung war, warum war es dann unser erklärtes Ziel sie zu töten? Wo Fliegende waren, da waren wir auch. Nicht wir folgten ihnn, sondern sie folgten uns. Die Gründe dafür waren uns nicht bekannt, denn es gab nichts, was sie uns mitteilten. Sie suchten unsere Nähe, doch berührten uns nicht. Sie lockten die Zwerge, Trolle, Orks und Elfen auf unsere Fährten, und keiner von diesen Wesen war uns wohlgesonnen.

Gegen Mittag saß ich alleine am Fluß. Die Netze lagen zum Trocknen aus, und meine Augen brannte entsetzlich. Ich war es nicht gewohnt, in den hellen Mittagssonnen in die Helligkeit zu starren. Die beiden Sonnen waren unbedeckt, und die Schatten, die sie erzeugten bildeten im Wald ein schwarzes Netz, dass sich flirrend über mein komplettes Sichtfeld erstreckte. Der Rauch in der Ferne verschwand fast hinter dem blendenden Licht, und ich musste mich konzentrieren, um überhaupt zu erahnen, wie weit sie noch von mir entfernt waren.

Kendall brachte mir eine Tasse kaltes Rübenwasser. Kleine Stücken schwammen darin, die ich mit den Nägeln meiner Klauen herausfischte und lutschte. Er wendet seine Augen in die Richtung, in die ich starrte.

“Ich kann nichts erkennen!”
“Du bist ein alter Mann, Kendall!”
“So alt nun auch nicht.”
“Ich meinte, gräme dich nicht, es ist normal, das ich mehr sehe als du. Sie haben ihre ursprüngliche Geschwindigkeit wieder aufgenommen. Sie scheinen besser voran zu kommen. Das ist nicht gut.”
“Wie lange noch?”
“Nicht mehr ein Tag.”
“Was werden sie tun?”
“Das hat mich mein Sohn auch schon gefragt, und ich habe ihm gesagt, dass sie uns töten werden. Die Dicksten kommen auf einen Spieß.” Ich sah ihn an. “Das betrifft dich nicht, Kendall. Sie werden unsere Frauen vergewaltigen…”
“Das glaube ich nicht.”
“Wenn es Orks sind.…”
“”Was sind sie?”
“Verfluchte Elfen, und wir müssen heute abend, in der Dunkelheit verschwinden. Die Fliegenden dürfen es nicht mitbekommen. Sonst haben wir keine Chance.”

Ich hasste es, Kendall zu belügen, aber der Geruch, der über den Fluss schwebte, verriet mir, dass die Zeit wesentlich knapper war. Doch wir konnten unmöglich tagsüber fliehen. Die Fliegenden würden uns folgen, als wären sie Motten und wir das Licht. Mit jeder Brise wehte der Geruch der Elfen herüber. Schwefelminze. Sie waren Ausgeburten ihrer verdammten Hölle. Schwarz glitzernden blinkten sie im Wald, doch das Sonnelicht der Doppelsonne hinderte sie daran, hinter den Blättern hervor zu kommen. Zwischen ihrer Vorhut und uns lag nur noch der Fluss. Sie verhielten sich ruhig. Kein Ton kam über ihre Lippen, aber der stechende Geruch der Schwefelminze wurde wieder und wieder über das kräuselnde Wasser getragen. Kendall roch vieles nicht mehr, sah manches nicht, aber hatte bestimmt eine Ahnung, das ich ihn belog. Er beugte sich zu mir, sein alter Atem strich über mein Gesicht, als er mit seiner Klaue mein Kinn hob, in meine Augen sah und mich leise und unterdrückt anheischte. “Du bist es nicht, Tenda. Du bist nicht der, der uns führen kann, und so sehr ich dich schätze, mein Sohn, ich werde es verhindern, dass deine Eitelkeit mein Volk verführt. Lüge mich nie mehr an, Bauer, nie mehr, sage ich dir.” Er sah kurz über den Fluss. “Ich warne jetzt die Versammlung, und die Frauen und Kinder werden das Dorf verlassen. Komme dazu, wenn die Sonnen untergehen, wir werden bereit sein. Du hättest es vermasselt, dass sollte dir immmer bewusst sein.”

Mein Fluchen vernahm er nicht, es ging unter im Rauschen des Flusses. Ich schloss die Augen für einen Moment, sah die Elfen und schwang in Gedanken einen Speer. Doch rührte mich nicht. Fluchte wieder und wieder. Ich hatte noch niemals jemanden mit einem Speer angegriffen. Mein Vater würde der Erste sein.

 

( Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge, und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht. Ich habe keine richtige Verwendung dafür. Aber ich mag sie doch…und möchte sie niemanden vorenthalten. Es gibt eine Seite auf der ich einige. gesammelt habe.)

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