Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 1)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, vielleicht auch mehr Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge)

Keine Frage, es war seltsam in eine Stabheuschrecke verliebt zu sein. Ich hatte kein Problem damit, dass irgendjemanden zu erklären. Aber wenn sich Misas Schatten gegen den Horizont abzeichnet, dann erfasste mich ein kleiner Schrecken. Doch die Gewissheit ihrer Liebe ließ mich verharren, und so blieb ich. Die Doppelsonnen versanken blau im Horizont und ich wusste, alles ist gut.

Die Jahre der Gefangenschaft hatten an mir gezehrt und mich zu einem alten, labilen Mann gemacht. Meine Knochen schienen aus Glas, meine Haut war fahl, und kleine Adern durchzogen meine Arme, die mir lang und schlank, zumeist wie Fremdkörper aus der Weste hingen. Wenn es jemand gut mit mir meinte, dann nannte er mich schlaksig, aber Gerippe war das Wort, das alle suchten. Meine Bauchmuskeln waren praktisch verschwunden, die Rippen traten wie Teile einer alten Karosserie heraus und des nachts schwitzte ich das Leben aus mir heraus.

Das Misa mich liebte, war ein Wunder, das ich nicht genug schätzen konnte. Ich hätte sie unter jeder Voraussetzung geliebt. Ich war ihr unendlich dankbar, und in ihren Augen erblickte ich eine solche Güte, wie ich sie ehedem nur bei den Nonnen im Kinderheim erlebt hatte. Mein Vater war einer jener Säufer, die Haus und Hof vertranken. Und mich dazu. Ich wuchs bei den Nonnen auf. In einem der tausend Häuser, die sich auf den heiligen St. Patrick beriefen.

Vor fünf Jahren verlor mein Captain erst seinen Verstand und dann seinen Kopf. Ich war auf einem der Schiffe, die sich im All verfuhren. Man nennte soetwas großspurig Expedition. Wider besseren Wissens.

Der Captain war von allem möglichen überzeugt. Unter anderem davon, Dimensionen zu durchbrechen, Erden zu finden und eine neue Zivilisation aufzubauen. Die alte war noch nicht ganz untergegangen, da dachten wir schon an eine neue. Genauso lief das bei uns.

Die Mannschaft meuterte so blutig, wie sie nur konnte. Jahrhunderte guter Erziehung und moralischer Predigten gingen einfach den Bach runter. Der Kopf explodierte ihm förmlich, als das rote Licht mit einem wilden Zischen seinen Hals durchschnitt. Für einen Augenblick wirkte er, als hätte er einen Heiligenschein, dann war alles vorbei. Die Mannschaft verdrückte sich in ihre Räume und das Schiff trudelte fortan als ein Hort für Orgien durch Raum und Zeit. Es schlimm zu nennen war untertrieben. Die Hölle hatte uns Menschen wieder, und es war schön darin.

Wir fühlten uns gut, aber die Vergänglichkeit nagte sichtbar an uns. Spiele haben die Eigenschaft immer hässlicher zu werden, jedes Level schien erreichbar. Auch das der puren Unmenschlichkeit. Schoss man mit den erbeuteten Waffen erstmals auf alles Getier, das im Frachtraum zu finden war, so ging es dann weiter mit den Schwachen, den Krüppeln, den Introvertierten und denen, auf die bisher noch nicht geschossen wurde. Die Mannschaft, einmal los gelassen, war drauf und dran sich gegenseitig umzubringen. Die Ziellosigkeit wurde zu einem Mangel der Perspektiven und alles ging einfach mal so den Bach hinunter. So war das dann auch noch.

Ich verbrachte die meiste Zeit in meiner Kajüte, verriegelte die Tür und beschäftigte mich mit synthetischen Drogen, seltsamen Nüssen und phantasievollen Pornovideos, die von den Vergnügungen mit fremdartigen Lebewesen erzählten. Es war das zweite Jahr im All für mich. Ich war viel zu alt, und hatte viel zu wenig Erfahrung. Allen diese Kombination hatte mich auf diesen verfluchten Seelenverkäufer gebracht.

“Misa, wie wäre dein Leben ohne mich?”
Sie lachte gurrend, stellte sich auf. “Schön. Unbeschreiblich schön!”
Sie schaffte es immer noch mich zu verwirren.
“Aber es ist mit dir auch schön. Unbeschreiblich schön. Also was sollte ich ändern, meine kleine Leibspeise?”
Das war ihr Kosename für mich. Ihre Verwandtschaft fraß solche wie mich mit Freuden und Hingabe. So war das zwischen uns. Ich hatte mich daran gewöhnt. Sie würde mich sowieso nicht fressen. Zuwenig Fleisch, kaum Proteine, wahrscheinlich war ich sogar durchgehend kontaminiert. Man konnte nie wissen.

Wenn Menschen übereinander herfallen, dann gleichen sie keinem bekannten Tier. Denn ihr Trieb hat nichts von dem Hunger der Wölfe oder der Furcht der Bären. Menschen offenbaren dabei eine Freude und Befriedigung, die sie zu den perfekten Schlachtern macht. Aber sie tun das nicht aus Hunger, sie tun das, weil sie es endlich mal können, und dabei wirkt es, als bricht etwas aus ihnen hervor, das wohl irgendwie dazu gehört. Das Schiff hielt uns einen Spiegel vor, dem ich liebend gerne auswich.

Es war, wie gesagt, das zweite Jahr im All für mich. Ich hatte keine Chance mich hochzuschlafen, also nahm ich jeden Job an, in dessen Beschreibung etwas von Planeten und diesen Dingen stand. Eine Expedition schien mir das richtige. In der Geschichtsschreibung ging allem eine Expedition voraus. Die Geschichtsschreibung erzählte überhaupt nur von geglückten Expeditionen. Von den Helden, die zurück kamen. Wir kamen aber gar nicht mehr zurück. Und wenn es nach dem Captain gegangen wäre, dann gab es dafür auch einen guten Grund.

Im Laufe der Zeit hatten wir das kartographierte Universum verlassen. Wir waren wohl auch gesprungen, und ich ahnte, dass bereits jeder, den ich mal kannte, auf der Erde den Weg alles irdische gegangen war. Wir waren zu weit weg, die Meinen zu alt, meine Erinnerung zu schwach und die Drogen zu heftig. So langsam verblasste alles, was hinter mir lag. Ich war gefangen in einer gigantischen Konservenbüchse unter der Herrschaft der größten Spinner, die sich jenseits aller Hoffnung aufhielten.

Man kann mir ja was anderes erzählen, aber der Sinn jeder Expedition ist die Eroberung neuen Lebensraums oder ein technologischer Sprung nach vorne. Wir sollten die Vorarbeit für den imperialistischen Vorstoß machen. Und waren gescheitert. Neben dem Captain war der erste Offizier, seine vielarmige Begleiterin und der Leutnant,den ich wirklich gerne mochte, ein zusammengekehrtes Aschenhäufchen an Bord. Je länger wir vor uns hin trieben, um so eher musste ich mich mit der Tatsache vertraut machen, dass wahrscheinlich auch mein letztes Stündlein geschlagen hatte. Ich war verzichtbarer als die genannten. Ich hatte die Chance mein ganz Leben nach Nahrung Ausschau zu halten. Und zum Teil gelang mir das nur über den kompromisslosen Selbsttest. Ich war ein Vorkoster, trug einen anderen Titel, aber wenn man es auf einen verständlichen Nenner bringen wollte, dann war ich ein Vorkoster. Mein Instrumentarium war beeindruckend, aber am Schluss blieb einfach die persönliche Erfahrung übrig, auf die ich mich stützen musste.

In Misas Augen spiegelte ich mich tausendfach. Ich konnte da rein fallen, mich darin verlieren, aber am Schluss barg es auch die schreckliche Wahrheit, dass ich einem endlos gehäuteten Lurch glich. Die Doppelsonne zwang mich, mich täglich mit Melkfett einzureiben. Das war nicht einfach, auf einem Planeten ohne Kühe, Euter und überhaupt irgendetwas, dass nur im entferntesten mit Milch zu tun hatte. Ich hatte noch einen Vorrat, aber es war abzusehen, wann ich mit Blasen übersät war.

Nach der Meuterei steuerten wir keinen Planeten mehr an. Davor taten wir das oft. Es war unsere Aufgabe neue Welten zu entdecken. Das klang grundsätzlich gut, und hätte uns ja wirklich etwas bringen können, wenn wir nicht zu hundert Prozent auf Welten getroffen wären, die unserer Steinzeit entsprachen. Sprechende Schlingpflanzen, diktatorische Käfer, Polypen, die ein Adelsgeschlecht begründeten und ähnliche barbarische Formen früher Kulturen. Keine Technologie, die der unseren entsprach. Nichts, was uns auch nur einen Schritt weiterbrachte. Endlose Weiten. Endloser Raum. Endlose Langeweile.

Die Toten ließen wir hinter uns und schmissen sie mit schöner Regelmäßigkeit über Bord. Anfangs hielt irgendjemand eine Rede, die klang, als würden Monster die menschliche Sprache nachahmen. Später hob man nur noch den Becher voll Wodka gen Fenster, und sagte gar nichts mehr. Es waren zu viele. Wir hinterließen eine Spur aus gut konservierten Körpern, die stocksteif vor Kälte, wie gefriergetrocknet, fremde Wege kreuzen sollten. Der Kopf des Captains lag, halb verbrannt, in einer Vitrine auf der Brücke. Die Meuterer kamen vorbei, spuckten darauf und spielten dann an sich oder an den Instrumenten rum. Beides konnte ähnlich fatal ausgehen. Zurückfliegen war keine Option. Zum Einen waren die Bedingungen eher unangenehm und versprachen nicht besser zu werden. Zum Anderen drohte jedem Meuterer in einem Schiff der Erde der Tod. Anders war dieser Seuche nicht Herr zu werden. Einem Strafvollzug, der auf Humanität baute, gab man keine Chance mehr. Es waren sowieso zu viele Menschen.

“Warst du vorher schon mal mit einem Menschen zusammen, Misa?”
“Nein, warum sollte ich?”
“Ich weiß nicht, du liebst mich…und”
“Ich liebe dich, mein kleiner Häutling, weil du so bist wie wir. Was soll ich mit den Fleischklöpsen, die hier immer wieder landen?”
Ich war unterzuckert, drohte zu verbrennen, aber sie liebte mich? Ging es mir nicht gut?

Wir wurden in einem Handstreich erobert und unterworfen. Keiner der Meuterer wusste überhaupt, wie man eins der Schilde hochfahren konnte. Kein Passwort funktionierte. Das Schiff weigerte sich trotzig auch nur einen Befehl auszuführen, der nicht vom Captain ausgesprochen wurde. Es beharrte auf seinem Standpunkt, ließ die Schilde unten und wutschnaubende Meuterer wurden in den Dreck gestoßen, wo sie jeden verfluchten, einschließlich sich selbst, der sie auf diese Idee gebracht hatte.

Unsere Eroberer waren Sklavenhalter, Sklaventreiber und im Grunde die übelsten Verbrecher, die jemals einem Menschen gewahr wurden. Sie schimpften sich eine technologisch höher stehende Rasse, aber sicherlich hatten sie nur alles zusammengeklaubt, was sie zu uns gebracht hatte.

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge, und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht. Ich habe keine richtige Verwendung dafür. Aber ich mag sie doch…und möchte sie niemanden vorenthalten. Es gibt eine Seite auf der ich einige. gesammelt habe.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top