Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 2)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, vielleicht auch mehr Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge)

Es war die Analogie, die bestechend die Geschichte der irdischen Handelswege nach spielte. Wir waren die Meuterer, das waren die Piraten. Grobschlächtige, in Kometenhagel gestählte Reisende, die uns Jahrtausende voraus waren, schneller manövrierten und wendiger beim Entern waren. Sie traten unsere Türen ein, als wären sie aus Pappe. Sie atmeten irgendwas ein, dass wohl im luftleeren Raum vorhanden war, und waren uns folglich auch da überlegen. Ihre Haut bestand aus einer Art natürlichem Kevlar, und alles, was wir dazu benutzten, sie zu knacken, versagte. Unsere Hirne drohten zu platzen, und die Köpfe wurden uns zu eng, wenn sie sich uns nur näherten. Sie trugen keine Waffen, doch was sie uns an taten, sofern es physischer Natur war, geschah alleine mit ihrer Muskelkraft. Der Rest war eine psychische Aura, die uns in die Knie zwang und zu spuckenden Idioten machte. Wir erbrachen uns auf dem kompletten Weg in den Bauch ihres Schiffes. Sie hatten uns Ketten aus Licht angelegt, trieben uns zusammen, wie wir es mit einer Herde Büffel getan hätten und leiteten uns durch eine grelle Röhre, die aus nichts als Licht bestand, aus unseren Schleusen in ihr Frachtschiff.

 

Sie sahen alle aus wie Anführer, doch einer trat hervor, machte merklich ruhigere Bewegungen und deutet auf seine Zunge. Er sprach zu uns. In klarem Englisch mit einem sauberen Akzent aus Inner-Boston.

 

Seine Augen betrachteten uns mit einer Mischung aus Missgunst und Wohlgefallen. Ich war nicht sonderlich gut darin, die Gefühlsregungen von fremden Wesen zu verstehen. Kann sein, dass ich alles falsch interpretiert habe.

 

“Ihr seht vollkommen orientierungslos aus! Ihr seid vom Weg abgekommen. Ihr wisst nicht mehr wo ihr seid. Ihr gehört nicht hierher und alles ist euch fremd. Ist es nicht so?”

 

Er sah sich um. Und fuhr fort.

 

“Es ist so. Ich weiß das. Ich kann in euch hineinschauen. Ihr dürft froh sein, dass wir zu euch gekommen sind. Preist uns. Wir geben euch die Führung, die ihr braucht. Die Ordnung, die euer Innerstes begehrt. Ihr dürft eurer Freude Ausdruck verleihen. Die Zeit, in der ihr nicht wusstet, wo ihr hingehört, ist vorbei.”

 

Er schwieg für einen Augenblick. Verharrte für einen Moment und wartete die Wirkung seiner Worte ab.

 

“Ihr gehört uns, ihr verwahrlostes Pack. Uns und niemanden sonst. Ihr seid mein verdammtes Eigentum. Hier ist eure Reise zu ende. Hier geht es nicht mehr weiter. Hier ist euer Ziel. Wir werden euch von euren Seuchen befreien. Wir werden uns so um euch kümmern, wie es nicht mal eure Mütter für euch getan hatten. Wir sind eure verdammten Mütter.”

 

Er trat einen Schritt zurück.

 

“Ihr seid ein erbärmlicher, lumpiger Haufen. Macht euch auf einige Modifizierungen gefasst. “

 

Während er sich abwandte erhob sich ein Stimmengemurmel. Ruckartig schnellte er zurück, drehte sich um und schritt die Mannschaft ab. Er roch an den bärtigen Gesichtern, fühlte den Stoff ihrer Kleidung und beschnüffelte auch diesen.

 

“Ihr seid, Meuterer, nicht wahr? Ihr seid Autoritäten nicht mehr gewohnt? Ihr meint, ihr habt besseres verdient? Ihr dachtet, ihr seid am Ziel? Machen wir es einfach: ich kann eure Köpfe platzen lassen, wie reife Früchte. Ich werde das tun, sobald ich feststelle, dass einer von euch dazu neigt eine Ernte zu zerstören. Ich gehe selektiv vor. Ich bin gut darin. Ich halte nichts davon eine ganze Ernte weg zu kippen, nur weil sie zum Teil verdorben ist. Ihr habt viele Flüssigkeiten in euch. Glaubt mir, ich kann sie zum Kochen bringen. So wie ich es sage, wird es geschehen, wann immer ich das will.”

Pentat hielt sich einen ganzen Zoo aus Sklaven. Die verschiedensten Reiche und Planeten hatte bereits geplündert. Er liebte dieses Leben. Und das Leben liebte ganz offensichtlich ihn. Er befand sich damit in einer langen Tradition der Sklavenjäger. Ging man seinen fruchtbaren Stammbaum zurück, dann fand man nicht nur eine schier unendliche Zahl an Nachkommen, Kinder und Enkelkinder, die weit verstreut überall lebten, wo Leben überhaupt möglich war, sondern auch eine klare Linie und handwerkliche Kunst im Halten und Züchten von Sklaven. Für Pentat und die Seinen war es eine logische Schlussfolgerung, dass es da draußen Wesen gab, die ihrer Führung bedurften. Dahinter befand sich kein böser Wille, sondern lediglich die Einhaltung einer galaktischen Ordnung. So musste das sein. So war es halt.

Sie selbst gaben sich ausgesprochen schöngeistige Namen und waren bereit ihr Tun und Handeln jederzeit zu glorifizieren. Sie waren Weltenklärer. Ihre Aufgabe war es, die Dinge, die in Unordnung gerieten, in Ordnung zu bringen.

Ihr Schiff war ein organisches und mechanisches Wunder zugleich. Es war, wie das meiste, dem wir begegneten, aus gefestigtem Licht. Scheinbar atmete es auch, es lebte irgendwie. Wir hörten überall ein asmathisches Schnaufen, und konnten es nicht zuordnen.

„Meinst wir sind im Bauch eines Wals?“
„Eines Wals? Nein, wir sind im Inneren eines Schiffes. Wie kommst du auf einen Wal?“
Bengal, der in einem vernünftigen Leben in der Kombüse arbeitete, ständig gegen sein Übergewicht kämpfte, und auch sonst eher plump war, stand mühselig auf. Vorsichtig tastet er die Wände ab.
„Es lebt. Es hat einen Puls. Oder so was ähnliches. Ich fühle es. Ich höre es schon die ganze Zeit.“

Wie vieles andere, erstrahlten die Wände in einem flackernden Leuchten, das immer wieder in sich zusammen zu sacken schien, um dann wieder neu zu erstehen. Man konnte durchaus einen Rhythmus erkennen, aber gleichzeitig, war auch eine durchgehende Unruhe zu spüren. Ich schloss wieder und wieder die Augen, doch in der höchsten Helligkeit durchbrach es selbst meine Lider. Mein Schlaf in diesem Raum war unruhig, wie der eines Tieres, das fern seiner schützenden Höhle war.

Sie hatten uns zu viert eingesperrt, aber die zwei Burschen, mit der wir uns die Zelle teilten, beschäftigten sich vornehmlich mit sich selbst, sprachen eine mir unbekannte Sprache und suchten keinen Kontakt zu uns. Bengal war mir schon lange bekannt. Ich mochte seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Selbst seine Naivität erschien mir klug. Sprach er doch einfach alles aus, was ihm in den Sinn kam. Es war schwer vorstellbar, aber er war ein begnadeter Tänzer. Und seine Augen waren geschaffen um jeder Seele Raum zu geben.

Sie hatten ihn in die Kombüse gesteckt, weil er sich geschickt erwies im Anrichten der Speisen, und ein Auge für die Details hatte.

„Bengal war ein netter Junge.“
Misa sah zu mir auf. Ihr Lippen wölbten sich spöttisch nach vorne.
„Du hast schon von ihm erzählt. Du warst in ihn verliebt.“
„Nein!“
„Doch, ich weiß, wie die Liebe klingt!“
Sie wusste, wie die Liebe klingt. Ja, das wusste sie.

Bengal streckte sich neben mir aus.
„Was wird geschehen?“
„Nicht mehr viel. Ich denke, das meiste ist schon geschehen.“
„Werden wir das überleben?“
„Nur wenn sie uns als Investition betrachten.“

Und sie betrachteten uns als Investition. Pentat hatte ganze Abhandlungen über die Haltung, Aufzucht und Jagd auf Sklaven geschrieben. Kontext war wohl, dass ein schneller Materialverschleiß nicht das Ziel sein konnte. Würden wir zu schnell schwach, dann hatte sich die Jagd nicht gelohnt. Würden wir zu dick, dann wären die Investitionskosten ebenfalls zu hoch, weil dicke Wesen zur Unbeweglichkeit neigten, und damit nicht gewinnbringenden arbeiten. Die Portionen, die Bengal gereicht wurden, waren kleiner als die meinen. Er wurde zweimal am Tag aus dem Raum geholt und kam verschwitzt wieder.

Nach seiner Information setzte man ihn nach seinen Fähigkeiten ein. Er wurde die meiste Zeit in einen Raum gebracht, den er gerne als Küche identifizierte. Dort musste er etwas klein hacken, was sich schrecklich quirlig bewegte, aber nicht zu bluten vermochte. Er jagte diese grünen Dinger stundenlang vor sich her, bis er ihnen habhaft wurde, schlug alles ab, was abzuschlagen war, und schmiss es in eine grüne Brühe. Er war nicht der Einzige, der das tat, aber nach seinem Empfinden, der langsamste, den sie auftreiben konnten.

„Sie sind verteufelt glitschig, diese Mistviecher. Ich weiß nicht, aus welchem Schleim sie kommen, aber ich habe den Eindruck, sie tunken sie vorher in Melkfett..“
„Melkfett?“
„..oder so etwas ähnliches. Keine Ahnung. Sie machen das wahrscheinlich, weil sie meine Jagd danach belustigt. Sie scheinen einen eigenartigen Humor zu haben.“

In der grünen Brühe erlahmte ihre Beweglichkeit, aber es war nicht zu sagen, ob sie dadurch verstarben, vorher schon tot waren, oder ob es für sie überhaupt einen Zustand gab, den man Leben oder Tod nennen konnte. Bengal wollte sie als Pflanzen sehen, denn er behandelte sie bestenfalls wie Zwiebeln und je kleiner er die Teile zusammen hackte, um so einfach war für ihn der Vorgang.

„Zwiebeln?“
Er zuckte mit den Schultern. Machte die Bewegung des zerhackens, schob das imaginäre Gemüse in einer Pantomime zusammen und zeigte auf ein gedachtes Häufchen.
„Sie zerfallen in Schichten und am Schluss wirkt es eher wie bei Zwiebeln. Schichten über Schichten. Aber ich muss nicht weinen dabei. Eigentlich lässt es mich ziemlich kalt.“

Für einen Vorkoster gab es erstmals keine Aufgaben. So blieb ich lange Zeit alleine, wälzte mich über den Boden, versuchte mir in die Zehen zu beißen und mir vorzustellen, welche Dinge ich in meinem Leben noch erleben wollte. Einige waren so schmutzig, dass ich sie nicht mehr erwähnen werde.

„Nein, Misa, ich werde sie auch dir nicht erzählen.“
„Aber das kannst du. Mir ist nichts menschliches fremd.“
„Du bist kein Mensch!“
„Eben, mein Appetithappen!“
Sie schmatzte genüsslich, aber ihre Augen hatten einen sehr gierigen Blick auf mich gerichtet. Was Stabheuschrecken mit dir machen können, dass möchtest du irgendwann nicht mehr missen.

Ich dachte an Bücher, die ich mal gelesen hatte, an Filme, die ich einst sah. Ich erzählte sie mir neu, flüsterte sie den Wänden zu, aber schmückte sie auch aus. Ich sang Lieder, die mir einst meine Eltern beigebracht hatte. Trommelte auf die Wände und versuchte zu tanzen. Die Reaktionen des Schiffes waren ganz unterschiedlich. Zwischendurch fühlte mich berührt, aber ich befürchtete, es handle sich hierbei um die Vorstufe zu einem kochenden Hirn. Ich ging der Sache nicht nach. Ich tanzte einfach weiter. Später, wenn Bengal wieder zurück war, fragte ich ihn nach Schrittfolgen, und so ein begnadeter Tänzer wie er war, reizte es ihn sehr, mir alles bei zu bringen. Er nahm sich die Zeit, schloss mich in seine Arme und führte mich.

Ich begann mit meinem Leben abzuschließen. Die wahre Aufregung konnte nur noch in meinem Kopf geschehen, am Ende meines Lebens, da war ich mir sicher, würde ich erkennen, dass ich meine Zeit in Kajüten und Gefängnissen verplempert hatte. Ich war nicht dafür gemacht, herausragendes zu schaffen, oder etwas zu entdecken. Ich wollte auch gar nichts mehr davon.

 

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge, und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht. Ich habe keine richtige Verwendung dafür. Aber ich mag sie doch…und möchte sie niemanden vorenthalten. Es gibt eine Seite auf der ich einige. gesammelt habe.)

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