Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 4)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Die Gabe der Stadt war offenkundig. Als wir durch Gänge gestossen wurden, verloren wir die Orientierung. Es war müßig die Treppen zu zählen, die verschiedenen Aufzüge zu beschreiben, oder all die Stahlröhren, die irgendwas mit uns machten, bis wir woanders wieder zu Bewusstsein kamen. Während wir am Anfang einer Strafkolonne glichen, die im Gänseschritt vorgeführt werden sollten, wurden wir langsam aber sicher getrennt. Ich verlor Bengal schneller aus den Augen, als ich diesem Umstand gewahr werden konnte. Keine Chance sich zu verabschieden. Er verschwand einfach, und Türen schlossen sich geräuschvoll, während ich gleichzeitig wieder eine Treppe tiefer nach unten geführt wurde. So ging das immer weiter. Tiefer und tiefer ging es in den Bauch der Stadt. Ich kam an prunkvollen Hauseingängen vorbei. Ich sah Ornamente, die mir bekannt vorkamen, aber auch Malereien, die mir fremder nicht sein konnten. Stilistisch grenzenlos versammelte sich hier alles, was Wesen, unabhängig von ihrer Herkunft schaffen konnten. Die Wesen jedoch selbst bekam ich kaum zu Gesicht. Sie verbargen ihr Antlitz, wenn wir vorüberschritten, oder versteckten sich hinter Vorsprüngen. Sie eilten uns voraus, oder hinterher, aber niemand sah mich direkt an. Das. was ich als Ordnung begriff, als ich von oben herab sah, löste sich in eine angstvolle Gemeinschaft auf, die mir auswich.

Neben mir schritten zwei von Pentats Leuten. Sie waren schweigsam, trugen eine stark ausgeprägte Rüstung, und waren, wie ich jetzt erkannte, auch gegenüber den übrigen Bewohnern verhältnismäßig groß. Ihre Hände glichen Pranken, in denen mein Kopf verschwinden konnte. Sie verzichteten darauf mich mehr als notwendig zu berühren, aber das konnte auch durchaus daran liegen, dass sie mich eher als niederes Wesen sahen. Ich lief gebückt, meine Kleidung, einst eine Uniform, schlotterte an mir, und ich musste meine Hosen halten, damit sie nicht rutschten. Unter meinen Haaren juckte es, als ob Insekten ein Nest darin gebaut hatten. Ich konnte meine Hände nicht nutzen, um das nachzuprüfen, denn nach wie vor betrachteten sie es als notwendig mich zu fesseln. Es gab keinen Ort, an den ich hätte flüchten können. Es gab keine Technologie, die ich auch nur ansatzweise begriffen hätte, und ich stank in jede Windrichtung. Aber sie musste mich fesseln. Außer Pentat selbst, und dieser fast akzentfrei, sprach niemand mit uns. Auch diese beiden Exemplare schwiegen mich geflissentlich an. Es war überhaupt sehr ruhig um mich herum. Menschenansammlungen hatten immer einen Grundpegel an Lärm. Vor allem, wenn es sich um eine Stadt handelte. Um eine Stadt dieser Größenordnung, die in ihrer Tiefe kein Ende nehmen wollte. Doch hier war nichts zu hören. Es war viel zu ruhig. Ich hörte das Reiben meiner Kleidung, verhuschte Schritte, wenn jemand an uns vorbei eilte, aber sonst nichts.

Fast hätte ich unseren Spaziergang ziellos genannt, als sie an eine Tür klopften. Es war eine Tür, die eher altertümlich wirkte. Ich hätte das Material, das unter ihrem Klopfen dumpf klang, Holz nennen wollen, aber es war schwierig an solch einem Ort Vergleiche zu ziehen. Hier in dieser Tiefe wirkten die Weg, eigentlich Höhlen, ungleich älter, verkommener, technologiefeindlich. Tageslicht erreichte uns praktisch überhaupt nicht mehr, und die Wände waren von einem leuchtenden, seltsam verteilten Material bedeckt. Ich hätte es gerne berührt. Die Behausung vor der wir standen,  wirkte eher wie aus einem Felsen gewaschen als künstlich aufgebaut. Die Zeichnungen und Schnitzereien, die sich hier über die Wände zogen waren so unterschiedlich im Detail, dass alles darauf hindeutete, dass hier schon Generation an Handwerkern ihr Glück versuchten. Wenn ich mir das erklären wollte, dann nur damit, dass diese Stadt aus sich selbst gewachsen war und die Höhe gesucht hatte. Wir mussten sehr tief unten sein. Ich bezweifelte fast, das es noch mehr Ebenen in die Tiefe gab.

Als sich die Tür öffnet, trat mir ein vertrautes Gesicht entgegen. So vertraut, dass ich fast Freude empfand. Der prägnante Bart, dieser glasklare Blick und überhaupt diese asketische Figur hatte ich schon in so manchen Geschichtsbüchern gesehen. Er trug eine Schürze, sah mich erstaunt an, zog die Stirn kraus und warf dann ein Auge auf meine Begleiter. Mit bleckenden Zähnen grunzte er einige unverständliche Laute, die zornig wirkten. Es gab einen zischenden Disput, der von Schnalzlauten begleitet wurde, aber dann trat er beiseite und liess uns hinein. Seine Wohnung war karg. Wir befanden uns in einem spärlich beleuchtenden Zimmer. Hier war nichts, was auf Dekoration oder Erholung deutete. Trotzdem wirkte alles bekannt und sehr irdisch.

Mir wurde schwindlig, da ich dem Geschehen nicht glauben wollte. Dieses war entweder ein fiebriger Traum oder, so beschlich mich das Gefühl, hier erlaubte sich jemand einen bösen Streich. So sehr einige Erklärungen möglich waren, so wenig konnte ich  fassen, was ich hier sah.  Der Mann, der ganz offensichtlich aus Fleisch und Blut, und noch immer in einer eigenartigen Diskussion mit den beiden Wächtern verwickelt war, war seit tausenden von Jahren tot. Es sahen ihn so viele Menschen sterben, dass er sich unmöglich hier befinden konnte.

Ich stützte mich an die Wand, mein Herz pochte wie wild. Die Schläge polterten hörbar in mir und Schweiß trat auf meine Stirn. Auch wenn es keiner so nannte, aber das musste der Moment sein, in dem sie das Hirn weichkochten. Oder dieses war nur der Übergang von allem, und mein Wahnsinn liess mich nicht mehr los. So oder so konnte das nicht Abraham Lincoln sein.

„Es war nicht Abraham Lincoln!“

„Er sah aber aus wie Abraham Lincoln,Misa!“

„Ich kenne deinen Abraham Lincoln zwar nicht, aber er kann es nicht gewesen sein!“

Die beiden Wächter wirkten unschlüssig. Sie bewegten sich ein klein wenig nach vorne, traten näher an Lincoln und bleckten ihre Zähne. Er musste ihren Atem spüren. Ihre Zuschaute, die sie durch die Zähne stießen, klangen nun wütender. Sie achteten überhaupt nicht mehr auf mich, und für einige verwirrende Millisekunden sann ich über eine Flucht nach. Doch ich schätze, ich wäre nicht weit gekommen. Abraham Lincoln war der erste Mensch, den ich – außer den Meuterern – hier gesehen hatte.

Der Mann stand unbeirrt vor den Beiden. Er sah sie durchdringend an, wich keinen Schritt zurück und ahmte ihre Laute gekonnt nach. Doch er sprach mehr, blähte die Nüstern, beschrieb mit kleinen Handbewegungen die Umstände und drängte sie schliesslich hinaus. Einen letzten mißmutigen Blick auf mich, dann hatten sie uns verlassen. Und wir waren alleine.

Abraham Lincoln wischte sich die Hände an der Schürze ab. Er betrachtete mich ruhig, sein Kopf nickte ein zwei mal, dann wandte er sich ab von mir und liess mich alleine stehen. Er ging an die gegenüberliegende Seite des schmucklosen Raumes, an der sich wiederum eine Tür befand, die der Eingangstür glich und öffnete diese. Ich ging davon aus, dass hier der Weg in seine Privatgemächer führte. Dem Drang ihm zu folgen, wollte ich nicht nachgeben, so verharrte ich und wartete auf ein Zeichen.

Alles, in diesem Raum, schien aus Holz, Stein oder Metallen gefertigt, wie ich sie aus Dokumentationen kannte. Die Türen hatten beide schwere Beschläge und Schlösser, die einen mechanischen Ursprung und Grund haben mussten. Die Räumlichkeiten, die Abraham betreten hatte, lagen für mich im Dunkeln, kein Licht drang heraus, wohl aber schnarrende Geräusche, als ob ein ein gut justiertes Räderwerk seine Dienste tat.

Abrahams Hand zeigte plötzlich aus der geöffnete Tür, machte einige rotierende, ungewöhnliche Bewegungen und lockte mich dann hinter sich her. Der Zeigefinger krümmte sich, und deutete, gleich dem Nicken eines Hahnes, hinein in die Dunkelheit hinter dem Türrahmen. Ich folgte ihm.

Ein guter Vorkoster muss eine gesunde Mischung aus Unerschrockenheit, Tapferkeit und Furcht vorweisen können. Ich war es gewohnt, mich auf ungewöhnliche Dinge einzulassen. Es war Teil meiner Ausbildung, meine Vernunft nicht ausschließlich vor meine Neugier zu stellen. Es war üblich, einen Vorkoster mit seinem Instrumentarium immer im zweiten oder gar ersten Trupp auf unbekanntes Terrain zu senden. Es bestand ja durchaus die Möglichkeit, dass Vorräte  zur Neige gingen, und die Mannschaft, die betreut wurde, auf neue Speisevarianten angewiesen waren. Natürlich war ich als Vorkoster ausgestattet mit allerhand Gerätschaften, die ich in der Regel in verschiedenen Taschen meiner Uniform verstaute, und konnte daher Gefahren ausschliessen oder eben rechtzeitig erkennen. Aber am Schluss, angesichts der Konfrontation mit neuen Speisen, blieb mir tatsächlich nur der Selbsttest. Ich musste mich auf das Unbekannte einlassen.

Ich folgte ihm also und trat in das Zimmer.

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge. Und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Es gibt eine Seite auf der ich einige gesammelt habe.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

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