Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 5)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Ich betrat ein Universum. Einen Sternenhimmel. Eine Karte, die dreidimensional begann mich einzukreisen. Um mir flogen kleine mechanische Planeten, umkreist von ihren Monden, folgend einer Sonne, die glühend in der Mitte stand. Und dann gab es eine Zweite, die die Planeten zu sich riss, sie aus ihrer elliptischen Bahn zog, um sie in einem wilden Tanz zu verführen. All das spielte sich in vollkommener Dunkelheit ab. Das schummrige Licht offenbarte mir erst nach und nach die Dimensionen, die sich in einer Weite auftaten, die ich nicht in einem solchen Raum vermutete hätte. Kaum erkennbar waren die Fäden und Drähte, an denen diese Objekte unablässig gezogen und bewegt wurden. Nur hin und wieder konnte man an den winzigen Reflexionen der künstlichen Sonnenstrahlen erkennen, dass es sich tatsächlich um ein technisches Wunderwerk handelte, dem ein ausgeklügeltes System zu Grunde liegen musste. Ich wurde gewahr, dass ich auf einer Plattform stand und vor mir ein Geländer hatte. Gerne hätte ich mich darauf gestützt und die Details näher betrachtet, doch nach wie vor war ich von den glimmenden Fesseln gefangen.

Lincoln stellte sich neben mich, legte einen Finger an seine Lippen und berührte das Licht um meine Hände. Die Fesseln verschwanden. Ich stand frei auf der Plattform, rieb mir die Gelenke, fuhr mir durch meine Haare und stützte mich dann auf das Geländer. Ich konnte kein Ende des Raumes erkennen, noch sah ich die Maschine, die dieses Wunderwerk antrieb. Alles schien so unendlich und unberührt, dass es mir schien, als sei es aus sich selbst gewachsen. Meine Gedanken suchten verzweifelt nach einer Erklärung, und diese konnte nur sein, dass wir uns im Inneren einer schwarzen Kugel befanden, die den Raum um uns, das ganze Weltall versuchte nachzubilden. Die Sternbilder, die ich hier sah, waren mir fremd. Die Konstellationen schienen keiner Logik zu folgen, die mir bekannt war. Die Formen und Bahnen, die diese Planeten umeinander zogen waren, nach den mir bekannten Regeln, unmöglich. Zwei Sonnen, die gleichermaßen die Planeten, die sie umkreisten, anzogen, führten scheinbar zu einer geschwungenen Acht und wechselten sich in ihrer zentralen Funktion ab. Das konnte nicht sein. Planeten kamen sich dabei so nahe, dass ihre Gravitation zur gegenseitigen Beeinflussung führen musste. Katastrophen konnten auf ihnen ausgelöst werden. Das Gefüge wirkte instabil und fragil. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch nur eine Zivilisation hier eine Chance erhalten sollte. Es war unmöglich, sich auf einem solchen Planeten zu entwickeln und eine nennbare Größe zu erreichen. Es war ein Irrwitz. Sollte dieses die Realität auf dieser Welt sein, dann lud sie eher zum Flüchten als zum Verweilen ein.

Abraham hatte sich neben mich gestellt und besah das Werk mit mir zusammen. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Hin und wieder deutete er auf einen besonderen Planeten, als wollte er mir etwas darüber erklären, doch aus seinem Mund kam nur besänftigende, glucksende Laute. Es wirkte wie ein unterdrücktes Lachen. Es ließ mich vermuten, dass er meine Sprache nicht beherrschte, und dennoch davon ausging, dass ich irgendetwas verstand.

„Ich verstehe nicht, Sir!“

Es war mir unmöglich ihn anders anzureden. Er war der 16te Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Statue stand in Washington seit Jahrhunderten am Ende der National Mall. Am Mount Rushmore hatte man sein Antlitz verewigt. Es war mir eine verdammte Ehre hier mit ihm zu stehen, auch wenn er ein wenig wie der Hausmeister in einem Museum wirkt.

Er sah mich erschrocken an, dann wieder auf das Kunstwerk und schwieg schließlich. Sein Glucksen hatte geklungen wie das Lachen eines Kleinkindes, aber so ganz ohne diesen Ton kam ich mir noch verlassener vor. Ich beobachtete wie er auf einen Planeten, der ungefähr in der Mitte der treibenden Kreise lag, besonders konzentriert deutete. Er befand sich zwischen den Sonnen, also in der Linie, in der sich die Kreise der Acht gerade kreuzen. Seine beiden Seiten wurden nun von den Sonnen beschienen. Tatsächlich war es sicherlich überall auf dem Planeten gerade taghell. Keine Nacht.

Mir war unklar, wo ich mich eigentlich befand, und daher deutete ich ebenfalls auf den Planeten, und nickte, weil mir nichts besseres einfiel. Als nächstes deutete ich auf mich, auf ihn und zurück auf den Planeten. Wenn das unsere Kommunikation sein sollte, dann war sie mühselig, aber reichte aus, um wenigstens etwas zu erklären. Er nickte ebenfalls. Ich befand mich also auf einer Kugel, die um zwei Sonnen kreiste. Sollte ich dieses jemals, außerhalb dieses Raumes, jemanden erklären wollen, dachte ich, würde ich wahrscheinlich als der größte Lügner der Galaxis bezeichnet. Diesen Planeten musste es förmlich zerreißen, wenn er an den Kreuzpunkt der beiden Umkreisungen geriet. Naturkatastrophen kamen hier sicherlich so zuverlässig wie eine Jahreszeit.

Noch immer sah ich kein Ende des Raumes. Im Gegenteil, je stärker sich meine Augen an das Licht gewöhnten, um so eher erblickte ich eine Tiefe, die weitere Systeme offenbarte. Jedoch war es mir nicht möglich tiefer in das System einzudringen. Die Plattform gewährte mir keinen weiteren Schritt. Ich stand auf eine Aussichtspunkt, der kleiner und kleiner wirkte, aber mir keine variable Möglichkeit gab, all dieses zu erfassen. Der Präsident schien zu verstehen, was mich bewegte, denn ich beugte mich soweit über das Geländer, dass mir übel wurde, als ich versuchte die tatsächliche Tiefe zu erfassen. Es gab einfach keinen sichtbaren Endpunkt, denn auch nach unten, wo sich zwar alle Schnüre, Fäden und Drähte mehr und mehr zu einem Strang vereinigten, sah ich schwach das Leuchten und Glimmen ferner Sterne.

Er berührte meine Schulter, und als ich nicht sogleich reagierte, griff er mit einer Hand an mein Kind und drehte meinen Kopf zu sich. Seine Augen blickten mich an, sein Mund gab wieder diese gluckernden Laute von sich und mit der anderen, freien Hand malte er einen Kreis in die Luft. Die Maschine bewegte sich wohl. Sehr langsam zwar, aber die Positionen aller Objekte konnte sich verändern, und ermöglichte wohl innerhalb eines Zeitraumes einen jeweils anderen Blick darauf. Somit war es durchaus möglich tiefer hinein zu dringen, aber ich hatte keine Hoffnung, dass mich das näher an die Erde oder an ein bekanntes Gestirn brachte. All das hier war mir unbekannt. Es gehorchte nicht mal meinem Verständnis. Und überwarf alles, was ich als Vorkoster jemals gelernt hatte. Ich stöhnte leise, und Abraham zog mich mit sich. Wir verließen den Raum auf demselben Weg, auf den wir ihn betreten hatten.

Die Tür schloss sich hinter uns und wir standen wieder in der bescheidenen Kargheit, die schon mein erster Eindruck war, als ich seine Behausung betrat. Allerdings erblickte ich nun weitere Türen, aus ganz unterschiedlichen Materialien, die sich scheinbar nahtlos in das natürliche Mauerwerk integrierten. Dieser fensterlose Raum, der wohl einer Höhle glich, war in erster Linie die Empfangsstätte, die ihre Geheimnisse nicht preisgab, wenn man sie durch die Vordertür betrat. Hatte man seine Augen an die schummrige Umgebung gewöhnt, so gab es mehr zu sehen, und alles was mich umgab war mitnichten eine bloße Schlichtheit, sondern ein verzwicktes System an Zugängen, von denen Abraham abermals einen öffnete und mich sogleich mit hinein bat.

Es handelte sich um einen spartanischen Raum, ausgestattet mit einem Bett, einer Kommode, über der ein Spiegel angebracht war, vor dem wiederum eine Waschschüssel, ein Stück Seife, ein Kamm und Handtuch lag. Erstaunlicherweise fand sich hier auch ein Rasiermesser. Ich bemühte mich, meiner Verwunderung keinen Ausdruck zu verleihen. Da sich hier Abraham Lincoln befand, machte die Ausstattung Sinn. Zeitgemäß war sie nicht. Diese Dinge waren mir nur aus Museen bekannt. Gemessen an meiner Verwahrlosung brauchte ich sie aber unbedingt. Ich warf ihm einen Blick zu, er nickte, wies mich hinein und verließ den Raum. Ganz offensichtlich war das alles für mich gedacht. In der Schüssel befand sich warmes Wasser, in das ich vorsichtig meine Hand sinken ließ. Ich zog sie wieder heraus, leckte daran wie eine junge Katze an der Milch, und stellte beruhigt fest, dass es sich tatsächlich nur um Wasser handelte. Die Seife roch nach Rosen, doch trotzdem schien mir die Ausstattung nicht vollständig. Ich stand vor der Kommode, legte das Handtuch, nachdem ich mir die Hände getrocknet hatte, wieder beiseite, besah mir die Sammlung und überlegte.

Die Handhabung dieser Gegenstände war mir nur aus Dokumentationen vertraut, daher erschlossen sich nicht sofort die Fehler, aber bei genauerer Betrachtung schien es mir nicht vollständig. Die Kommode hatte vier Schubladen. Die sich alle in ihrer Breite über die komplette Kommode erstreckten. Der Raum selber besaß keine Fenster, was den Eindruck einer Höhle verstärkte. Gleichzeitig schien all das hier genau für mich bestimmt. Gegenüber der Tür, durch die ich eingetreten war, gab es eine weitere Tür zwischen Bett und Kommode. Sie war in einem Weiß gestrichen, dass sich dem Gelb verblichener Fensterahmen angeglichen hatte. So als hätte sie ihre beste Zeit schon hinter sich. Meine erste Vermutung war, dass es sich bei dem Raum hinter dieser Tür um ein Badezimmer handelte, aber das ergab keinen Sinn, wenn die Waschüssel vor dem Spiegel stand.

Ich zog die oberste Schublade der Kommode auf. In ihr befanden sich einige Schriftstücke mit unverständlichen Hieroglyphen. Das Material glich eindeutig Papier, aber als ich versuchte, es zu zerreißen, war dieses nicht möglich. Ich wog ein dickes Buch in der Hand. Der Einband ließ auf eine Bibel schließen, auch die Bilder darin, die ich bei einem flüchtigen Durchblättern erblickte, hatten biblische Motive. Einige erschlossen sich sofort. So waren Adam und Eva im Paradies ein Motiv, dass es in dieser Form nur in der Bibel geben konnte. Aber alle Zeichen, die sich an einer mir fremden Keilschrift orientierten, hatten so gar nichts mit den Schreibweisen zu tun, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen hatte. Ich versuchte Hinweise auf bekannte Wörter zu finden. So mussten die Namen Adam und Eva doch in irgend einer Weise wiederholt werden und mich in die Lage zu versetzen, zu mindestens einen Teil dieser Schriften zu entziffern. Doch meine Kenntnisse erwiesen sich als nicht ausreichend. Ich hoffte auf mehr Ruhe und eine zweite Chance. Also legte ich die Bibel zurück. Neben der Bibel fand ich ein Superhelden-Comic im Stil von Jack Kirby, ebenfalls in allen Sprechblasen und Panels mit dieser unerklärlichen Schrift ausgestattet, sowie einige handgeschriebenen Briefe mit einer wunderschönen schwungvollen Handschrift, die sowohl Zeit, wie auch Übung und einen Sinn fürs Detail verriet. Unter all dem lag noch eine zerlesene Ausgabe eines Playboys, noch in Papierformat, angenehm bieder, ausgestattet mit Mädchen, die alle aussahen wie die Großmutter meiner Großmutter in deren Jugend. Ich bemühte mich die Biografie des Playmates vom Mittelteil zu entziffern, aber auch das gelang mir nicht. Ich schloss die Schublade wieder, und zog die zweite, darunter liegende auf.

Im Anbetracht der Rede von Pentat ergab nichts einen Sinn, schon gar nicht die Tatsache, dass sich in der zweiten Schublade Bekleidungstücke befanden, die irgendwo im Rokoko angesiedelt waren. In einer abstrus dekadenten Welt musste man Dinge wie diese roten Westen mit Goldborten, ebensolchen Knöpfen und aufgerüschten Hemden getragen haben. Die Hosen waren knielang, ebenso wie die Strümpfe, nur in die entgegen gesetzte Richtung. Die Teile dieser Ausstattungen zogen sich bis hinunter in die letzte Schublade, in der sich unbequeme Lackschuhe befanden, mit denen man vielleicht tanzen konnte. Sollte ich diese Dinge anziehen, würde ich aussehen, wie ein Geck am Hofe des Sonnenkönigs.

Das Rasiermesser war vollkommen unnütz. Zwar war es erschreckend scharf und trug dazu bei, dass ich rote Spuren im Handtuch zurück ließ, aber ohne Schaum oder zu mindestens einen Pinsel zerschnitt ich mir nur fachgerecht mein Kinn. Und genau das tat ich dann. Ich sah aus als hätte mich Bengal als eines seiner Kleinstlebewesen betrachtet.

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge. Und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Es gibt eine Seite auf der ich einige gesammelt habe.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top