Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 8)

(Für die Neueinsteiger: Ich werde mir demnächst mal eine kurze Zusammenfassung schreiben. Das wird etwas schwierig, aber es wird ungefähr so klingen: Ich liebe eine Stabheuschrecke, die heißt Misa. Ich erzähle ihr und allen anderen gerade, wie die Meuterer ein Raumschiff solang verwahrlosen liessen, bis Piraten sich die Überreste schnappten und uns versklavten. Und nun traf ich Abraham Lincoln, der aber seltsamerweise nicht meine Sprache spricht, und ab da wird es komisch, denn ich habe gerade einem Zwerg die Luft genommen, um schließlich auf der Flucht durch einen Park Bald John Peacock zu treffen, der ein Trapper ist und mir bedeutete mit zu kommen.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Er schien einen Weg zu kennen, der in einem schlängelnden Pfad um alte Bäume, hohe Büsche und über wirre Wurzeln führte.

“Sie sind ein Mensch?”

“Ja, was zum Teufel, soll ich sonst sein? Ein Bär?”

“Ich dachte nur.”

“Sehe ich aus wie ein Bär?  Verdammt! Ich sehe, verdammt noch mal, nicht aus wie ein Bär! Natürlich bin ich ein Mensch.”

“Ich glaube, ich habe Abraham Lincoln getroffen.”

“Ah, verstehe. Ja, ich habe auch schon Daniel Boone getroffen, Buffalo Bill ebenso und selbst Jesse James ist mir schon vor der Nase rumgetanzt. Ich habe ihn geköpft. Ich habe mir geschworen, dass ich solche Typen nicht in meine Nähe lasse. Aber lasse dir gesagt sein, die kommen immer wieder. Die kommen immer wieder.”

“Warum sprechen sie meine Sprache?”

Er drehte sich auf dem Absatz um, starrte mich an und seine Augen verengten sich. “Verdammt, reiß dich zusammen. Sie haben mich aus den verdammten Bergen geholt. Mit diesem Drecksteil von einem Metallding. Flach wie eine Scheibe. Warum sollte ich nicht deine verdammte Sprache sprechen? Was denkst du, mit wem du es hier zu tun hast. Du musst meinen Namen schon gehört haben. Ich bin Bald John Peacock. Was gibt es daran nicht zu verstehen?”

Wir erreichten, nach einem Weg, der keiner klaren Linie folgen sollte, eine Hütte. Aus rohem Holz gezimmert, mit Erde, Stroh und etwas, das aussah wie Wolfskot dazwischen, stand sie auf einer Lichtung inmitten von alten, knorrigen Bäumen. Davor eine Bank, eine Feuerstelle, und einige Pflanzen, die wohl eher zum Rauchen gedacht waren. Er öffnete die Tür, die ohne Schloss auskam und führte mich in seine Stube. Auch hier fand sich eine Feuerstelle in der Mitte des Raums. Darüber ein roher Abzug, der aus Gips oder Ton gefertigt war, darunter stand ein dampfender Topf, der langsam vor sich hin köchelte, und das ganze Haus mit einem würzigen Geruch erfüllte. Er hängte seine lederne Jacke an einen Nagel, der wahrscheinlich ansonsten für Eisenbahnschwellen genutzt wurde, und sich eben nun in der richtigen Höhe für seine Kleidung befand. Ich sah keine Küche, aber einige primitive Möbel, die alles zu enthalten schienen, was er wohl so benötigte. Töpfe,Teller, Tassen; es wirkte als sei alles da. Nichts schien zu fehlen. Ich sah mich um, vor den Fenstern standen diverse Gegenstände, von denen manche eine Funktion hatten, aber andere sollten wahrscheinlich nur den Einblick verhindern. Einige Krüge, die nicht ganz dicht schienen, Strohgestecke, die sinnlos drapiert waren und keiner Ästhetik folgten, sowie kleine Bücherstapel mit der unlesbaren Schrift, die mir ebenfalls schon begegnet war.

“Keine Sorge, das verdammte Zeug ist nicht zum Lesen da, aber es eignet sich hervorragend zum Feuer machen. Ich finde sie überall. Ich habe keinen Schimmer, warum sie das machen. Sie denken wohl dieses verdammte Zeug würde mir irgendwas bedeuten, aber so habe ich immer einen Vorrat an Papier.  Manchmal muss man auch auf die Toilette. Zu irgendwas taugt es auf jeden Fall.”

Ich nickte.  Er deutete auf den Topf.

“Bohnen mit Speck” Es klang nicht begeistert. ” Es ist genug da. Ich esse das seit Jahren, gibt nichts anderes, aber das wiederum satt. Mein Magen ist mit dem Zeug um das doppelte gewachsen. Ich fühle mich wie diese verdammten Luftzwerge. Kann man nichts machen. Tausende von Blumen, die meisten echt, aber sonst nur ungenießbares Zeug.”

Er griff sich eine Schüssel, einen steinernen Löffel, füllte die Schüssel und reichte sie mir.

Ich umgriff sie mit beiden Händen, zog den Geruch ein. “Riecht gut!”

“Jaja, “nickte er “, klar, beim ersten mal. Riecht es verdammt gut. Aber mittlerweile hängt mir das Zeug in den Kleidern, in meinen Haaren, ich furze es und schlafe damit ein. Dieser verdammte Topf füllt sich immer von alleine. Ich bekomme ihn nicht leer, die Glut nicht aus und wenn ich was geraucht habe, könnte ich den Kram fressen bis ich, verdammt noch mal, umfalle. In tödlichen Dosen. Das macht mich noch fertig.”

Mit der Schüssel in der Hand trat ich vor die Tür und sah in die Sonne. Ein kleines Wäldchen erstreckte sich vor mir,  das ruhig verharrte, da sich kein Wind regte. Er trat neben mich, hob ein welkes Marihuana-Blatt nach oben, hielt es mir vor die Nase  und wartete bis ich den Geruch einsog.

“Verdammt guter Stoff!” Er bedeutete mir noch mal zu schnüffeln. “Verdammt guter Stoff. Das, was man hier braucht. Sie verstehen schon, wie es geht. Sie haben es eigentlich wirklich drauf. Aber im Detail, im verdammten Detail…” Er liess das Blatt fallen und es stürzte wie ein Stein zu Boden. “…im verdammten Detail pfuschen sie einfach. Blödes Pack. Solche Fehler macht man nicht.”

Als er wieder reingehen wollte, hielt ich ihn zurück.

“Was bedeutet das?”

“Das bedeutet, mein lieber Christopher, das hier nichts stimmt. Du musst das Zeug kontinuierlich konsumieren, um nicht ganz neben der Spur zu laufen.  Ohne das verdammte Grass wäre ich schon lange vollkommen durchgeknallt. Aber du wirst alles erfahren. Alles. Warte es ab.””

Bald John Peacock war Trapper. So um 1820, als die Welt noch ganz anders und scheinbar in Ordnung war, verbrachte er seine Tage mit dem, was Trapper eben so machen. Er stellte Fallen, stapfte in den Bergen rum, mied menschliche Ansiedlungen und tötete Tiere, wo immer er sie antraf. Seinen Frühling genoss er, nach dem Verkauf der Felle, in Freudenhäuser, hielt alle Nutten aus, denen er habhaft werden konnten, und die ihn ertrugen, bis er den Sommer bei irgendwelchen Indianer verbringen konnten, die sich seiner erbarmten. Im Winter mordete er jeden Iltis, jeden Bären und jeden Fuchs, der ihm begegnete. Das Winterfell war kostbar. Das ging lange Zeit recht gut. Er kam in Gegenden, in denen sich keine Menschen rumtrieben,  war meistens alleine, und eigentlich mit dem Leben zufrieden. Viel hatte er nicht erwartet. Viel musste es nicht. Sein. Alles war okay, es ging zwar nicht voran, aber es bescherte ihm ein Auskommen und eine Möglichkeit das Jahr rum zu bringen.

Die Dinge hatten ihre Ordnung, und selbst wenn er zappelnd unter einer Lawine lag, und sich danach tropfnass, halb erfroren und verschwitzt wieder zurück in seine Behausung schleppte. Alles war gut. Es gab niemanden, dem er Rechenschaft ablegen musste. Und wenn er einen Finger in irgendwelche Körperöffnungen stecken wollte, dann tat er das einfach. Und wenn er im Sommer nackt drei Tage durch den Wald laufen wollte, dann tat er das auch. Die Indianer schüttelten den Kopf, aber liessen ihn am Leben. Er galt als harmlos. Das war zwar kein Prädikat, das er sich selbst geben wollte, aber so lange die Dinge so liefen, wie sie eben liefen, ertrug er das. Seine Waffen trug er immer bei sich. Schwere, eiserne Teile, die ihm die Sicherheit gaben aus jeder verdammten Situation wieder heraus zu kommen. Er trug den Gürtel tief, und wenn er die Hände baumeln liess, dann hatte er sie sofort im Griff. Er mochte keine Spielchen. Wenn es ums schießen ging, dann schoß er zuerst. Das klärte alles recht schnell. Und mit einem Fußtritt kickte er die Leichen den Abhang runter, ging seines Weges, und im Frühling, wenn die Schneeschmelze alles mit sich riß, dann verschwanden die Leichen, waren ein Festessen für die Wölfe oder fanden sich einfach hundert Meilen weiter.  Sachen passieren.

Misa grinste, strich mir über meinen Arm, und ich spürte, wie sich meine Haare aufstellten.

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge. Und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Es gibt eine Seite auf der ich einige gesammelt habe.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

 

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