Misa

Misa Teil 10

(Für die Neueinsteiger: Ich werde mir demnächst mal eine kurze Zusammenfassung schreiben. Das wird etwas schwierig, aber es wird ungefähr so klingen: Mein Name ist Christopher Martin und ich liebe eine Stabheuschrecke. Die heißt Misa. Ich erzähle ihr und allen anderen gerade, wie die Meuterer ein Raumschiff solang verwahrlosen liessen, bis Piraten sich die Überreste schnappten und uns versklavten. Und nun traf ich Abraham Lincoln, der aber seltsamerweise nicht meine Sprache spricht, und ab da wird es komisch, denn ich habe gerade aus einem Zwerg die Luft rausgelassen, um schließlich auf der Flucht durch einen Park den Trapper Bald John Peacock zu treffen, der mich zu seiner Hütte mitnahm.

BTW 1. : Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen. Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

BTW 2.:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

 

Als sie ihn aus seiner Zelle holten, wirkte er so, als sei aller Widerstand gebrochen. Seine Schultern hingen ihm herab. Er stank wie seine eigenen Ausscheidungen, seine Haare waren verfilzt, sein Körper eingefallen und geschwächt. Sie schleiften ihn fast hinter sich her. Doch nach wie vor lagen ihre Gesichter im Dunkeln, war nicht zu erkennen, wer sich hinter ihnen verbarg, und was der Sinn ihrer Handlungen war. Er gab keinen Laut mehr von sich. Seine Augen blickten stumpf zu Boden, sein Mund war fest verschlossen. Er biss die Zähne aufeinander, sprach kein Wort, knurrte nicht, ja, zischte nicht einmal.

„Hast du einen von ihnen erwischt?“

Er zog an dem Joint, sog den Rauch tief ein, hielt ihn in der Lunge, wartete und stieß ihn hustend wieder aus.

„Nein, keinen. Ich weiß, verdammt noch mal, nicht wer sie waren. Ich war immer wieder weggetreten. Ständig. Ich weiß nicht, was die verdammten Kerle mit mir gemacht haben. Keine Ahnung. Nichts gutes nehme ich an.“

Ein feuchter Film zeigte sich in seinen Augen.

„Ich war nicht immer in diesen verdammten Bergen. Und oft war es die Hölle, aber hier gibt es nicht mal echte Eichhörnchen. Nicht eines. Nur diese Trugbilder. Ich haue mir hier das Hirn weg mit dem Zeug, weil sonst nichts passiert.“

Er setzte sich neben mich, zog die Schuhe aus, und liess seine nackten Zehen ein wenig kreisen.

„Wenn man über das Leben nachdenkt, dann sagt man sich, es bedarf doch eigentlich verdammt wenig, um ein zufriedenes Leben zu führen. Muß nicht viel sein. Warmes Essen, Freunde, Musik und guter Wein. Oder Bier. Oder das Zeug, das hier wie Unkraut wächst.“

Er zog wieder an dem Joint. Und beobachtete wie die Glut wieder Kraft fand.

„Aber so ist das nicht. Ich streife tagsüber durch die Parks. Vorbei an diesen Monstern, die sich benehmen, als wären sie Menschen. Ich habe hunderte abgestochen. Ich bin wie von Sinnen über die Wiesen gerannt. Hunderte. Sie zischten wie gefüllte Schweinsblasen. Die Luft entwich ihnen, die Augen rollten davon, und nichts blieb übrig. Nur ein verdammter leerer Sack. Du kannst dich davor stellen, die Elfen alle abmurksen und auf die Reste von so einem Zwerg schauen. Nichts passiert. Vor dir bleibt die Hülle liegen. Keine Ameisen, keine Tiere, keine Würmer. Nichts. Blätter stürzen von den Bäumen. Sie stürzen runter wie Goldsäckchen. Total verrückt. Du drehst dich um, du wendest den Blick ab, du schaust gar nicht mehr hin. Und dann verschwindet es. Die Elfen auch. Dann liegt nichts mehr auf dem Boden. Alles weg.“

Er senkte den Kopf, liess das Kinn auf die Brust baumeln.

„Ich habe es satt.“

„Wir sind Sklaven!“

„Ja, das sind wir. Das Problem ist, dass du den Sinn verstehen willst, Christopher. Du willst es verstehen. Doch so geht das nicht.“

Dann schaute er wieder auf, sein Blick richtete sich über die Baumwipfel.

“Sie haben eine Menge kluger Leute hierher gebracht. Sehr intelligente Menschen. Einige wurden erst geboren, lange nachdem ich verschwunden war. Manche saßen hier, aßen ihr Schüssel leer. Gerade so wie du. Ich sah sie verdammt noch mal nie wieder, Christopher. Ich weiß nicht, warum ich hier sitze. Ich gehe davon aus, dass es keine Verwendung für Trapper gibt. Und auch keine für Vorkoster. Sie beobachten mich. Ich glaube, sie beobachten mich.”

Ich nickte. Es gab sonst nicht viel zu tun. Darum fragte ich, während ich die Schüssel neben mich ins Gras stellte.

“Gibt es hier Katastrophen?”

“Katastrophen?”

“Erdbeben, Stürme, ungewöhnliche Erscheinungen.”

“Ich will verdammt sein, wenn es hier keine ungewöhnlichen Erscheinungen gibt.” Er lachte. “Nein, ich weiß was du meinst. Ich verstehe. Ich vermute, es passiert innerhalb längerer Zeiträume etwas, das ich als eine Zeitwende sehe. Für ein paar Tage kommt ein Wind auf. Die Blätter fliegen aufwärts. Es gibt hier normalerweise keinen Wind. Und Blätter, die auf dem Boden liegen, bleiben auch immer da liegen. Außer ich bewege sie. Wundert mich sowieso warum sie überhaupt zu Boden fallen. Es gibt keinen Winter. Kein Schnee. Keine Wölfe. Aber der Sommer ist gleichzeitig ein Herbst. Sie werfen viel durcheinander. Ziemlich schlampig. ”

“Also keine Götter?”

“Verdammt noch mal, nein, keine Götter. Nein. Verdammt. Nein.”

Er stand wieder auf, barfuß ging er zurück ins Haus, in der Tür drehte er sich nochmal um.

“Du kannst hier schlafen.”

“Ich habe ein Bett. Und es ist noch nicht Abend.”

“Es ist egal, ob es Abend ist. Glaubst du es ändert sich irgendwas? Verdammter Narr. Suche mal dein Bett. Viel Spaß.”

“Du meinst, ich finde es nicht wieder?”

“Du bist durch eine Tür gekommen, nicht wahr? Siehst du irgendwo diese verdammte Tür? Wenn sie wollen, dass du den Raum wieder findest, dann wirst du ihn wiederfinden. Keine Frage.”

Er trat in die Hütte.

Ich blieb sitzen. Eine Art Erschöpfung beschlich mich schon seit unserer Unterhaltung. Es machte kaum Sinn den Ausgang zu finden. Ich vermisste Bengal, der mit seinen klaren Gedanken eine Stütze in ausweglosen Situationen sein konnte.

Bald John war wahrscheinlich der einzige Mensch, der lange genug hier war, um mir eine Erklärung zu geben, für das was hier passierte. Auch wenn er selbst nicht wußte, wie diese Dinge alle zusammen hingen. Und er konnte sich hier bewegen. Er wußte wie er zurück zu seiner Hütte fand. Ich war in diesem Park hilflos. Ich wußte, der Weg zur Tür konnte nur in kleinen Schritten erfolgen. Ich mußte mir die Gegend erarbeiten.

Ich zog meine Jacke aus, rollte sie zusammen, setzte das Bündel hinter mir ab und legte mich zurück. Mein Kopf ruhte auf der Jacke, mein Blick richtete sich nach oben. Der Himmel war unbedeckt. Einige Wolken verharrten still und bewegten sich nicht weiter. Wie auf einem Gemälde oder Foto. Kein Wind. Es gibt hier keinen Wind hatte Bald John gesagt. Das mag daran liegen, dass wir vielleicht gar nicht im Freien waren. Tatsächlich befanden wir uns ja sehr viel tiefer in einer großen Stadt. Dieses konnte nur ein Raum sein, auch wenn die Dimensionen unendliche Ausmaße zu haben schienen.

Über mir durfte sich daher kein Himmel befinden, sondern eine Kuppel. Und wäre das so, dann würde es erklären, warum sich die Wolken nicht bewegen.

„Bewegen sich die Wolken?“ rief ich zur Hütte.

„Wie sollten die verdammten Dinger das tun?“ Er trat wieder heraus. „Sie haben sich noch nie bewegt. Es sind immer dieselben Wolken. Sie bleiben einfach da hängen. Wie ein verdammtes Mobile.“

„Bewegen sie sich auch nicht, wenn der Wind kommt?“

„Nein, kein Stück.“ Er sah hinauf. „Ich wollte, ich würde mal wieder einen verdammten Sternenhimmel sehen.“ Mit der rechten Hand deutete er auf eine Wolke, die links von mir am Himmel stand. Sie sah aus, als sei sie von einem Flugzeug durchschnitten worden. „Ich lag oft so wie du da. Und wenn es wirr wurde in meinem Kopf, dann gab ich ihnen Namen. Ich wollte mich an all die Frauen erinnern, die mir schon begegneten. Die Huren. Wunderschöne Frauen. Fantastische Frauen. Ich war so meschugge, das ich die da oben Mary nannte. Manchmal, ich bin ein verdammt sentimentaler Idiot, spreche ich mit ihr. In ihrer Nähe befindet sich Georgia. Sie ist die reine Freude. Verdammt. Ich wollte dir das nicht erzählen.“ Er drehte sich wieder um und trat zurück in das Dunkel seiner Hütte.

Mary war schöner als Georgia, aber das lag natürlich im Auge des Betrachters.

 

Zur Erklärung: Manchmal, wenn ich Zeit habe, und denke, ich sollte eigentlich mehr schreiben, aber genau weiß, dass ich nicht richtig dazu komme, dann schreibe ich einfach Anfänge. Und die sind fast kleine Geschichten, aber haben kein Ende. Oder vielleicht doch. Es gibt eine Seite auf der ich einige gesammelt habe.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

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