Misa Teil 11

Als ich die Augen aufschlug, war der Himmel verdeckt und große Schatten lagen über mir. Augenpaare starrten mich an. Gesichter senkten sich herab, kamen näher, schlugen mir ihren Atem ins Gesicht und ich erahnte ihre Speisen und Zahnprobleme. Eine Hand tätschelte meine Wange und außerhalb meines Sichtfeldes erklang eine volltönende, tiefe Stimme.

“Und? Wacht er auf?”

“Er ist wach. Wir haben ihm wohl einen Riesenschreck eingejagt.”

“Hat ihm der alte John wohl wieder etwas eingeredet. Einziger Mensch und so. Der Halunke. Unterschlägt uns immer.”

Ich schob die Hand beiseite, blinzelte, und wollte aufstehen.

Ein leises Klicken liess mich abrupt abbremsen.

“Richtig, Bursche, ganz langsam. Keine hektischen Bewegungen. Ist nicht gut für den Kreislauf, weißt du. Du darfst aufstehen, aber mache bitte keine schnellen Bewegungen.”

Ich stützte mich ab. Und sah mich um. Sie waren zu viert, in verschiedenfarbige Tücher und einem stillosen Gemisch gekleidet. Sie schienen keine Acht darauf zu haben, und betrachteten Kleidung wohl nur als etwas, das eine Funktion erfüllen sollte. Einer von ihnen, der Breiteste und Kräftigste von allen hielt in seinen behaarten Händen eine Waffe, die älter als der Stammbaum meiner Familie sein musste. Neben ihm stand eine Frau, eingehüllt in einer faszinierenden Mischung aus Männer- und Damenbekleidung aller Jahrhunderte. Sie trug ihr rotes Haar wie ein geschleudertes Meerschweinchen. Die kurzen Haare standen in alle Richtungen, wirkten fest wie die Stachel eines Igels und waren von unterschiedlicher Höhe und Dichte. In ihrem Gesicht zeichnete sich alles ab, von der schlechten Gesellschaft durch ihre Gefährten, bis zu dem Gebrauch aller Substanzen, die zum Vergessen beitragen konnte. Ihr Körper war drahtig und muskulös. Um ihre Arme rankten sich die Adern wie Efeu um einen Baum, und ihre Augen blitzten mich böse an.

Sie hatte eine Ausstrahlung, die sie wie ein schöner Raufbold wirken liess, aber ihre Haltung drückte mir gegenüber nur Verachtung aus. Der Mann mit der Waffe wirkte dagegen nur belustigt. Er schmunzelte, als er sah, wie vorsichtig ich mich erhob, und wie zaghaft meine Bewegungen waren. Sie wirkte als würde sie mich hassen. Ihr Wortführer, der Bald John erwähnte, stand etwas abseits und hatte den Blick auf die Hütte gerichtet. Demonstrativ steckte eine Waffe in seinem Bauchgurt, auf die er eine Hand ruhen liess. Es war ganz offensichtlich, dass sie mit John keine Freundschaft verband.

Aber ich hatte gedacht, er lebte hier alleine.

Neben dem Anführer, der ein südländisches Aussehen hatte, und eine gesunde, beneidenswerte Bräune zur Schau trug, stand ein Junge, der eher unschlüssig wirkte. Als sei er in etwas geraten, dessen Folgen er nicht abschätzen konnte. Er war von schlanker Gestalt, einer papierenen Blässe, unter der man kleine Adern entdecken konnten, mit langen schmalen Fingern und abgestimmter Kleidung. Er trug ausschließlich schwarz. Ein Kontrast, der seine Blässe und seine dunklen Haaren nur noch betonte. Auch seine Augen offenbarten eine verwirrende Dunkelheit, die ihn rätselhaft wirken liess. Aber wahrscheinlich, so dachte ich, war er nur das verzogene Gör eines dieser Typen.

Ich stand auf, drehte mich zur Hütte um, und hoffte das Bald John die Situation aufklären konnte. Doch obwohl die Tür offen war, war er nirgendwo zu sehen.

“Du brauchst dich nicht umzuschauen, der gute John, hat sich verdrückt. Das macht er immer so, wenn wir kommen. Will jemand Bohnen mit Speck? Lass uns reingehen, er hat nichts dagegen.  Er hat genug davon.”

Mit diesen Worten trat ihr Anführer in die Hütte. Die anderen folgten ihm, und schoben mich mit sich. Er lachte leise, als er fünf Schüsseln aus dem Schrank nahm, jedem von uns eine gab, und dann die Löffel austeilte.

“Für mich bitte nicht.”

“Du wirst essen müssen, du hast eine lange Reise vor dir.”

“Ich denke nicht.”

“Doch!” Er ging zum Topf, füllte seine Schüssel mit einer Kelle, reichte sie mir und nahm mir die meinige ab. “Iss. Wir diskutieren nicht darüber. Aber ich werde dir alles erklären!”

Der Kräftigste von Ihnen hielt immer noch seine Waffe auf mich gerichtet, aber strahlte mich an, als hätte er gerade einen neuen Freund gefunden. Erst als er die dampfende Schüssel in seinen Händen hielt, legte er die Waffe zwischen seine Füße und zwinkerte mir zu.

Zuletzt bekamen der Junge etwas, der die Schüssel wortlos anstarrte und langsam mit seinem Löffel in dem Eintopf rührte.

Wir saßen im Kreis. Auf Kisten, Fässer, einem Stapel Steine und aufgehäuften Holzscheiten. Keiner sprach ein Wort, wir alle aßen schweigend. Ich, weil mir so geheißen wurde, die Anderen, weil es wohl alles einen Sinn ergab, der sich mir noch nicht erschloss.

Der Wortführer sprach als erstes wieder. Seine Stimme hatte ein tiefes, raues Timbre mit einem Slang, der eine spanische Herkunft vermuten liess. Sein Lachen war, als fände es hinter verschlossenen Türen statt. Es klang dumpf und tief, und schien irgendwo aus einem Winkel seines Bauches zu kommen. Er wirkte freundlich aufgrund dieser basslastigen Belustigung, aber ich konnte mich täuschen. Die Frau veränderte ihre Mimik während des Essens so schnell, dass ich an ihrem Verstand zweifelte. Sie rollte mit den Augen, bewegte ihren Kopf so ruckartig wie ein Huhn auf der Körnersuche und kicherte an den unpassenden Stellen, in denen wir alle schwiegen. So, als lausche sie unerhörten Witzen, die wir nicht mitbekamen.

“Bald John hat dir nicht von uns erzählt, oder? ”

Ich schwieg, rührte in dem Eintopf vor mir und nahm einen Löffel davon in den Mund.

“Er macht das nie. Der alte Mann liebt die Einsamkeit. Das mit dem Bären hat ihn schwer mitgenommen. Du hast die Narben gesehen, oder? Man denkt Bald sei sein Spitzname, wegen der Glatze.  Aber eigentlich geht es um die Streifen, diese Tatze, die ihm übers Hirn gezogen wurde. Peacock ist sein Kampfname. Muss man wissen, dann versteht man das besser. Eigentlich ist er selber ein Bär. Er hat diesen Schlag auf den Kopf bekommen, seitdem tickt er nicht mehr richtig. Meistens sagt er die Wahrheit. Aber er mag keine Menschen. Vergiss das nie. Der Mann hat solange mit Tieren gelebt, bis er selbst ein Tier war.  Würde mich nicht wundern, wenn er genauso viele Tiere wie Menschen getötet hat. Würde mich wirklich nicht wundern.”

Er reichte mir die Hand.

“Mario la Plata. Rinderzüchter. Argentinien. Die besten Rinder überhaupt. Aber du siehst nicht so aus, als würdest du jemals davon gekostet haben. ”

Er lachte. “Obwohl du Vorkoster bist!”

Er sah die anderen lachend an, und wie auf Kommando lachten nun auch sie.

“Ein Witz!” Er schlug mir auf die Schulter, der Eintopf schwappte über, ich verbrannte mir die Finger, fluchte und sah ihn böse an. Aber er strahlte nur. “Ein Witz, mein Freund!”

“Wie auch immer,” fuhr er fort, “wir sind hier, um dich aus diesem Elend zu befreien. Du kannst hier bleiben und mit Bald John irgendwelche Spielchen spielen, aber die Zeit wird nicht vergehen, und du wirst hier niemals wieder heraus kommen. Wenn einem ein Bär auf den Kopf geschlagen hat, dann mag das eine akzeptable Option sein. Aber schaue dich an: Du bist wütend, verwirrt, du willst hier nicht bleiben. Du kommst aus einer Zivilisation. Nicht einer solchen, wie ich. Versteht sich. Ich hatte Ländereien, ein Schloss…Du hattest kein Schloss, oder? Es kann nicht jeder ein Schloss haben. Wäre ja nichts besonderes.”

“Karl, das ist unser eigener Bär, kommt aus Deutschland. Sein Schloss war sehr klein, lag in Berlin und direkt an einer Mauer. Amanda hatte alles, und wahrscheinlich alle Männer ihres Zeitalters. Paris war wild. Aber ich habe keine Ahnung, welches Paris das war. Vielleicht kannte ich sie einst. Aber nicht mit dieser Frisur. Ich war oft in Paris.  Und der kleine George will uns nicht mehr von der Seite weichen. Manchmal denke ich, er ist ein schwindsüchtiger Romantiker, der ein Vampir sein will, aber ich glaube, er war eine Zeitgenosse Mozarts. Er ist musisch begabt, ich ahne und weiß das, aber wir warten seit zwei Jahren auf sein Meisterwerk, doch alles was er macht, das ist,  dass er uns unflätig beschimpft bis wir ihm irgendwann die Zunge rausschneiden müssen. ”

Er stand auf, und verbeugte sich. “Gestatten, wir sind die Jungs, die Bald John Peacock am Meisten haßt. Willst du dich uns anschliessen?”

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top