Misa Teil 12

Bald John blieb lange weg. Mario und die Seinen verspeisten soviel Bohnen mit Speck, wie sie vertragen konnten und setzten sich dann vor die Hütte. Amanda sammelte einige trockene Hanfblätter ein, zerrieb diese zwischen ihren Händen, roch an den Innenflächen, und holte eine Pfeife aus den Tiefen ihrer Gewänder. Sie saß schmauchend am Boden und reichte die Pfeife reihum. Mario lehnte ab.

Sie wirkten schlaff und ermattet und bedrohten mich nicht mehr.  Ich hätte gehen können, wenn ich es gewollt hätte, aber es gab keinen Ort, zu dem es sich lohnte zu gehen.

“Ist es überall so?”

Mario lächelte und schaute in die Ferne. “Das kommt darauf an, was du mit überall meinst. Hier ist es überall gleich. Es endet nicht. Wir wissen nicht, wie sie das machen. Aber es gibt keine Chance hier an einen Horizont zu kommen. Es wiederholte sich alles, wenn auch in beliebiger Reihenfolge. Du hast das schon bemerkt, oder? Die Orks spielen, die Zwerge gammeln rum, die Zentauren betrinken sich. Und die Elfen sind schlicht Ungeziefer. Wenn du voran gehst, dann stößt du immer wieder auf sie. Sie variieren in Zahl und Farben, manchmal auch in ihren Handlungen. Manchmal sind die Handlungen fortgeschrittener, je weiter du voran kommst. Das ist verrückt, wenn du bemerkst, wie sich die Zentauren immer mehr betrinken. Manchmal sind sie total besoffen. Dann benehmen sie sich unmöglich. Wälzen sich nur noch im Gras, wiehern blöde vor sich hin und sind auch sonst nicht gerade von gutem Benehmen gezeichnet. Wilde Burschen, aber doch ganz harmlos. Sehen am bedrohlichsten aus. Aber wirklich bedrohlich sind nur die Elfen. Die sind die Pest. Du wirst es schon gemerkt haben.

Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: Nein, außerhalb von hier ist es nicht so. Die Frage ist für dich aber eine andere. Wie kommt man aus diesem Hamsterrad raus?”

Ich antwortete nicht.

“Ich werde dir das nicht sagen. Aber du wirst es erfahren, wenn du dich uns anschliesst. Du wirst es erfahren.”

“Gut, dann frage ich anders. Wart ihr schon außerhalb dieses Parks?”

“Ja, natürlich, auf jeden Fall. Deswegen sind wir hier. Wir wollen dich aus dem Park führen.”

“Andere Frage:  Wie soll ich wissen, dass ihr nicht eine aufgebesserte Variante  dieser Illusionen seid?”

“Wie kannst du wissen, ob Bald John nicht eine aufgebesserte Variante ist? Und hüte dich dein Rasiermesser zu ziehen. Ich würde dich auf der Stelle erschiessen. Gnadenlos. Das sei dir gewiss. Und spätestens dann wäre das geklärt.”

“Würde das nicht auch eine Illusion sagen?”

Mario zuckte mit den Schultern. “Hier ist es wieder. Eines von deinen Problemen. Vertraust du mir, oder nicht.”

“Wenn ich mich euch anschliesse, was wird aus Bald John?”

„Siehst du, genau das sollte nicht dein Problem sein. Wer sagt, dass Bald John hier der Gute, und wir die Schlechten sind? Weil er dir aus dem Märchentopf Essen gegeben hat? Das macht er mit jedem. Dafür ist das Zeug schließlich da. Bedenke, der Mann lebt alleine. Bist du der Erste, der ihn besuchen kam? Wo sind die anderen? Sind sie mit uns gezogen? Liegen sie hier unter der Erde? Nehmen wir sie mit und verscharren sie unter der Erde? Denke darüber nach. Aber nicht zu lange. Und vor allem: Welche Angebote hat dir Bald John gemacht?”

Karl, der die Pfeife wieder zurück an Amanda gab, kicherte ein leichtes, jugendliches Lachen. Es klang wie der aufgeregte Flügelschlag einer Taube. Er beobachtete mich und schmunzelte unablässig. Seine Waffe steckte  wieder in seinem Gurt.

“Eines verstehe ich nicht. Und das macht mich wirklich stutzig. Wieso weiß jeder von mir, und vor allem, welche Funktion ich habe? Ihr kennt mich. Bald John wußte von mir. Niemand ist überrascht. ”

“Das stimmt. Wie soll ich dir das erklären? Als man mich entführte, da waren die Schreibmaschinen gerade mal elektrisch. Ich lebte auf einer Ranch. Meine Tage verbrachte ich über der Buchhaltung meines Vaters oder auf der Weide. Und es war eine große Weide. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eines Tages Dinge geben sollten, die Mechanik durch organische Modifikationen ersetzen konnten.“ Er sprach Modifikationen wie das spanische Mexiko aus und spuckte mir das Wort in aller Sanftheit entgegen. Es lag viel darin, aber vor allem eine Menge Verachtung. ” Kommen Menschen , dann ist das wie in eine Bahnhofshalle. Wir erfahren das alle. Alle. Aber nur bei Menschen. Wir hören das hier.” Er tippte sich an die Stirn.

“Warum? Wozu soll das gut sein?”

“Ich vermute, sie wollen unser Wissen. Ich gehe davon aus, dass sie keine Ressourcen verschwenden wollen. Ein Trapper und ein Vorkoster. Keiner von euch beiden passt in diese Welt. Es ist nicht ganz klar, was man eigentlich mit euch anfangen soll. Diese Information könnte etwas bewegen. Mein Denken verändern, ihnen etwas zugänglich machen, was ihnen verwehrt blieb. Sie streuen also Infos. Sporadisch und greifen sich irgendwas ab. Ich bin mir nicht ganz im Klaren was, aber es ergibt, wenn man länger darüber nachdenkt, einen Sinn.”

“Nicht wirklich.”

“Doch. Hast du dich umgeschaut, als sie dich hierher geführt hatten? Dieser Planet beherbergt unglaublich viele Rassen. Eine Anzahl, wie du sie noch nie gesehen hast. Egal von wo du kommst. Sie versklaven alles und jeden. Und melken uns. Sie wollen unsere Wissen, unsere Kunst, unsere Welt. Sie wissen genau, dass sie an bestimmte Dinge nur kommen, wenn sie unsere Umgebung erhalten. So funktioniert das. Nur so.”

Argentinien war nicht mehr dasselbe Land wie zuvor, als Peron 1973 seine zweite Amtszeit erlebte. Nach einer kurze Phase der Demokratie ergab sich das Land wieder der Diktatur. Mario la Plata gehörte einer reichen Rancherfamilie an. Seine Jugend verbrachte er mit Klavierspielen, Fechten, einem Privatlehrer, der sich auf der Estancia langweilte, und dem Nachstellen der Zimmermädchen. Was in Buenos Aires passiert, das berührte ihn kaum, denn die Estancia war groß, die Weideflächen umfassten fast 1000 Hektar, und die Dörfer am Rande lebten in einer solchen Abhängigkeit, dass ihre Einwohner fast zum Eigentum der La Platas gerechnet werden konnten.

Sein Vater hatte Wert darauf gelegt, dass auch Mario das Handwerk der Gauchos lernte, und so ritt er mit ihnen über die Flächen, trieb die Rinder an, und aß mit ihnen abends am Lagerfeuer.

Peron starb am 1. Juli 1973, und die Lage wurde nicht besser. Die Politik glich einem Tanz auf seinem Grab, aber auch dieses liess Mario unberührt. Er lebte ein Leben, dass schon seine Großväter vor ihm, genau in derselben Art und Weise geführt hatten.

Im Westen der Estancia, wo die Weideflächen fast schon übergingen in die Ausläufer der Anden, fanden sich einige tote Rinder. Zumeist Kühe, die trächtig waren. Ihnen war der Bauch aufgeschnitten, aber man fand nirgendwo die Kälber. Die Kühe verbluteten auf der Weide, und Vögel rißen sich Stücke aus den Gedärmen. Mario zog sich ein Tuch vor den Mund, sprang von seinem Pferd und besah sich die toten Tiere. Hier lebten kaum Menschen. Und die, die hier lebten standen in Lohn und Brot bei seinem Vater. Es ging ihnen gut. Ihre Eltern hatten unter seinen Eltern gearbeitet. Alles hatte seine Ordnung. Keiner von ihnen würde es wagen, seine Rinder zu töten.

Die anderen Gauchos standen etwas abseits. Der Himmel verdunkelte sich über ihnen, die Pferde scheuten. Marios Pferd riß sich los, galoppierte davon, eine Gruppe Gauchos hinterher. Er sah ihnen verwundert nach, hörte noch die Vögel, die aufgeregt das Weite suchten, aber dann verliess ihn jegliche Erinnerung. Und er fand sich wieder in einem flackernden Raum, umgeben von Menschen, die seine Sprache nicht verstanden.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

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