Misa Teil 13

Ich schloss mich ihnen an. Es gab keine Grund dazu, aber es fühlte sich trotzdem wie Verrat an. Im Gegensatz zu Bald John gaben sie sich keine Mühe ihre Spuren zu verdecken. Wir gingen direkt zum Park. Quer durch die Büsche, und Karl sah aus, als ob er alle Bäume fällen würde, die uns im Weg standen. Er tat es nicht. Aber man konnte sich etwas darunter vorstellen.

„Achtet auf die Augen!“ sagte Mario noch, und dann ging es los.

Die Strategie war, jeden Zwerg, jede Elfe, jeden Troll und jeden Ork zu metzeln. Wo immer wir sie antrafen, wie immer sie beschäftigt waren, wortlos zog Amanda das Messer durch, versenkten es in ihre Körper, schnitten ihnen die Kehlen auf, und rammten es rein.Irgendwo. Wo auch immer.

Sie ging schnell, zügig und geübt vor. Es war nichts neues für sie. Sie, Karl und George waren wirklich ein eingespieltes Team, in dem jeder seine Aufgabe hatte. Wie ein Ballett vollzogen sie ihre Schritte, ein jeder in seiner Rolle und mit der absoluten Kenntnis seiner Aufgaben. Karl, wuchtig und mit großen Pranken ausgestattet, schnappte sich einen der Zwerge, hielt in Amanda hin, diese stieß zu, und George sammelte die Augen. Er war emsig, fasste sie, sobald sie aus dem Kopf fielen, schnappte sie noch im Fall und warf sie in einen Beutel, denn er dafür bei sich trug. Sie gaben keinen Schuss ab. Alles war akkurat und fast von einer seltsamen Schönheit. Wie jedes Handwerk, das man beobachten darf. Ihre Handlungen waren leise und effizient. Die Hüllen liessen sie liegen. Nur die Augen wurden gesammelt.

Die Hauptarbeit übernahmen Karl und Amanda. Karl war für das Fangen, Schnappen und Festhalten zuständig. Er ging viel leiser vor, als man ihn aufgrund seiner schweren Gestalt zugetraut hätte. Elfen schnappte er am Bein, wenn sie ihm zu nahe kamen. Hingen sie kreischend in seiner Hand, dann griff er ihre Flügel, riss sie aus, drehte ihren Kopf nach hinten und bog ihn, bis der Hals aufplatzte. Meistens ging das, bis auf das wilde Kreischen der Elfen, sehr tonlos von statten. Ich wagte nicht zu atmen, als ich ihnen zusah. Der Beutel von George wurde immer schwerer. Die Augen bewegten sich auch in dem Beutel weiter, aber er hielt das obere Ende fest und trug ihn wie ein dreckiges Welpen vor sich her. Er war so schnell zur Stelle – man hätte ihm das nicht zugetraut, wenn man es mit seiner Laune vergleicht, die er noch vor einer Viertelstunde hat.

Mario besah sich alles wie auf einem Spaziergang. Er schlenderte neben mir hinter ihnen her, lobte das Wetter, die Sicht und erläuterte mir, warum die Augen so wichtig waren.

“Wir haben natürlich nicht die leiseste Ahnung, wie das alles hier funktioniert, aber wir haben festgestellt, dass die Augen wichtig sind. Sie verschwinden auf einem anderen Weg als die Körper, und sie kennen ihren Weg selbständig. Und sie verschwinden schnell. Sie dürfen eigentlich überhaupt nicht auf dem Boden aufkommen. Sind sie dort, dann hast du verloren. Sie sind fix, aber eben nur auf dem Boden.”

“Und wohin verschwinden sie?”

“Das wußten wir lange Zeit selbst nicht, aber ich werde es dir zeigen. Warte es ab.”

Ein Ork taumelte auf uns zu. Er stellte sich vor Karl, hob seinen Federballschläger just in dem Moment, als Karl mit einem Faustschlag in die Knie hieb und Amanda über Karl hinweg sprang. Sie rammte ihr Messer an verschiedenen Stellen in den Bauch des Orks, zog es bis zu den Hosenbeinen durch und fing mit der anderen Hand die Augen auf, um sie zu George zu schmeißen. Bisher hatten sie noch kein einziges Auge verloren. Wir liessen eine Spur der Verwüstung hinter uns. Nach kurzer Zeit fanden sich immer wieder  die leeren Hüllen der Wesen auf unserem Weg. Mario schritt gemächlich hinterher. Es eilte nicht, viel eher wirkte es als, lustwandle er. Fast belustigt verfolgte er das Treiben seiner drei Kampfgefährten. Er kritisierte leise ihre Handlungen, wies sie zu mehr Effektivität an, choreographierte die Details und lächelte. Er wirkte wie der Impresario einer Wander-Theatergruppe. Er bemerkte meine Gedanken.

“Oh, du wunderst dich? Nun, ich bin der Kopf. Sie sind die Hände. Das ist alles gut so, wie es ist. So ist es effizient, schnell und sauber. Findest du nicht auch?”

“Ich wundere mich. Die Zahl der Zwerge, Orks und Elfen ist doch unendlich. Was also soll das bringen?”

“Nur weil man sie offensichtlich nicht besiegen kann, muss man nicht aufgeben, oder? Was wir hier machen, dass dient nicht ihrer Dezimierung.  Tatsächlich haben wir es nur mit einer sehr kleinen Menge Wesen zu tun. Und zwar gerade so viele, wie sich immer zusammenrotten. Du wirst nie zwei gleiche Zwerge, zum Beispiel in einer Gruppe, treffen. Vollkommen unmöglich. Aber du wirst immer mal wieder eine kleinere oder größere Truppe antreffen. Du wirst es sehen und verstehen. Wir müssen den Ursprung finden.”

“Den Ursprung?“

“Ja, den Ursprung von all dem hier. Den müssen wir finden. Und das werden wir tun. Mit oder ohne deine Hilfe.”

„Und du meinst, all diese Wesen sind immer nur Spiegelungen? Klone?“

„Klone? Ja, es gab schon mal jemanden, der dieses Wort gebrauchte. Mir ist es nicht geläufig. Aber ich gehe davon aus, dass ein Klon ein genetisches Abbild eines lebenden Wesens ist. Das ist hier aber nicht der Fall. Ich hoffe du siehst den Unterschied. Schau auf den Boden.“

Ich sah hinab und blickte auf die augenlose Hülle eines Zwerges. Mario beugte sich hinab, bewegte die Hülle, drehte sie um, und legte ihre Unterseite nach oben. Wie auf Kommando stoben Insekten darunter hervor und verteilten sich gleichmäßig.

„Ameisen! Bald John hält das für ein Wunder. Er glaubt, es würde irgendetwas erklären, wenn er hinter das Geheimnis kommen würde. Aber es ist einfach. Es sind Ameisen. Könnten wir darunter schauen, dann würden wir sehen, dass es eine schwarze Schicht ist, die den Boden bedeckt, sobald eine Hülle darauf fällt. Aber bringt uns das weiter?“ Er sah mich fragend an, aber wartete meine Antwort nicht ab. „Nein, keinen Deut. Denn was wir erfahren, das ist: Wir haben es hier mit einer organischen Hülle zu tun, die sich mithilfe der Beißwerkzeuge und Säure der Ameisen zersetzt. Es verbirgt sich also tatsächlich etwas lebendes dahinter, aber nicht das, was wir vermuten. Es muss kein Tier sein, es kann auch rein pflanzlich sein. Aber was wir mit Sicherheit wissen, es handelt sich nicht um das Abbild eines lebenden Wesens. Es sind keine Klone. Sie haben keine Gehirne, nur eine dicke Schale. Lässt man die Luft raus, dann bleibt nichts übrig, außer die Augen. Und die sind von sich aus so clever, dass sie sofort, wenn sie die Gelegenheit haben, verschwinden.  Was heißt das? Was lernen wir, kleiner Christopher? Die Augen beinhalten viel wertvollere Informationen als die Körper, und die Augen sterben nicht. Sie haben ein Eigenleben, auch wenn der Wirtskörper stirbt. Und wohin rollen sie? Irgendwohin, wo sie neue Wirtskörper finden. Dann beginnt der Kreislauf von vorne. Daher ist zum Beispiel eine Frage essentiell: Wieviel Augen müssen wir haben, bis wir diesen Wahnsinn aufhalten können? Wieviele dieser Luftgestalten müssen wir morden? Denke mal darüber nach.“

Und wieder griff sich Karl eine Elfe, drehte ihr den Kopf um, riss ihr die Flüge aus, quetschte die Augen in Georges Beutel und schmiss den erschlaffenden Körper nach hinten. Ich wich ihr aus. Amanda sah mich kurz an, strahlte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und stürzte sich schreiend auf eine Gruppe Zentauren. Sie sprang dem Anführer, einem großen, edlen Burschen mit wallender Mähne, auf den Rücken, griff in sein Haar, und zog im das Messer über die Kehle. George rannte herbei, stellte sich unter den Kopf und fing abermals die Augen auf. Der Zentaure sank zu Boden. Sie schienen Spaß zu haben. Alle zusammen.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

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