Misa Teil 14

Vom 16. bis  17. Mai 1960 fand die Pariser Gipfelkonferenz statt. Der kalte Krieg war dabei an sich selbst zu verrecken. Die Stadt war angefüllt mit Reportern und Journalisten aller großen Sender, Zeitungen und Zeitschriften. Die Reiseschreibmaschinen klapperten in den Hotelzimmer, die Notizblöcke wurden gezückt. Überall schienen sie zu sein. In den Cafés schlugen sie sich auf die Schultern, reichten ihre Informationen weiter, erfragten neu, besetzten die Telefone und versuchten immer eine Nase voraus zu sein.

Amanda hatte ein eigenes Büchlein. Einen kleinen, roten Terminkalender, den sie zusammen mit ihrer silbernen Zigarettenetui in ihrer Handtasche trug. Sie schrieb die Hotels, die Adressen, die Zimmernummern hinein. Sie wußte, dass nicht alle Reporter echt waren. Sie spürte etwas in der Luft, das ihre Sinne flattern liess, ihre Angst nährte und ihre Handlungen minimierte. Sie wirkte kühl, fast schon arrogant.

Sie hatte einen Termin für diesen Abend. Die Gespräche liefern nicht gut. Die Amerikaner hatte versucht die Sowjetunion aus zu spionieren. Das Flugzeug war nun im Besitz der Sowjets. Es sah nicht gut aus.

Beide Seiten beharrten auf ihrer Version der Geschichte.

Chrutschtschow war wütend, die Fronten verhärtet, und in einigen Geheimdienstkreisen gingen die wildesten Gerüchte herum. Auch Amanda, die die meiste Zeit in einem Cafe an der Champs-Élysées verbrachte, hatte davon gehört. Sie beobachtete das Kommen und Gehen der Reporter, schlug die Beine übereinander, und machte sich hin und wieder eine Notizen. Die Begleitung der sowjetischen Delegation hatte es tagsüber vorgezogen, Paris zu erkunden. Nun saßen sie unweit von Amanda, lasen das Menu und betrachteten den Verkehr.

Amanda hatte noch zwei weitere Termine an diesem Tag. Einer fand in einem Vorort von Paris statt, fast schon einem Dorf. In einem Landhotel residierte ein Angehöriger des amerikanischen CIAs, der ihre Dienste erbat. Sie wußte, dass er lediglich als Koordinator im Hintergrund tätig war. Jemand, der zwar seit seiner Einreise nach Frankreich beobachtete wurde, aber selbst nicht in Erscheinung treten wollte. Die Vermutung war, dass er nur an der Auswertung der Materialen beteiligt war. Umso wichtiger war ihr Einsatz. Hier liefen, so vermutete man die Fäden zusammen. Nach dem Abschuss des amerikanischen Piloten Gary Powers waren die Amerikaner versessen darauf, weitere Deutungen der Sowjets rechtzeitig zu erkennen und auszuwerten. Präsident Eisenhower, der die politische Verantwortung für den Spionageflug übernahm,  wollte die richtigen Analysen. Er wollte alles wissen. Er bestand auf seiner Version.

Amanda sollte Mark Millcoin erst in einem Bistro treffen. Gebucht wurde sie für die ganze Nacht, aber das Treffen musste möglichst schlicht und unverdächtig erscheinen, denn natürlich vermutete auch Mark, wie alle in Paris, dass er unter Beobachtung stand. Um nicht weiter aufzufallen,  hatte er den Namen Bert Jenkins gewählt, die Haare zurück gegellt, und sein Brille weggelassen. Ein amerikanischer  Handwerkers, der sich einfach mal die Stadt der Liebe und die französischen Mädchen ansehen wollte. In der Stadt waren die Hotelzimmer wegen der Konferenz schlicht zu teuer, erzählte er dem Zoll. Daher zog er es vor, eher auf dem Land zu wohnen. Hier war es noch bezahlbar, und die französischen Frauen seien ja überall o-la-la. Auf die Frage an den Hotelportier, wo er den diese kennenlernen können, empfahl ihm der beflissene Mann hinter den Tresen, im Vertrauen und unter der Hand, der Besitzer dürfe nichts erfahren, Amanda. Diese wartete schon auf den Anruf, hatte über ihre Concierge schon den Kassiber  mit Dossier über Mark erhalten. Und auch das Taxi für die Landpartie sollte sie rechtzeitig abholen. Alles war vorbereitet. Sie liebte es, wenn alles wie in einem Urwerk ineinander griff, und so gut funktionierte.

Der andere Termin sollte bereits am Nachmittag stattfinden, und nur deswegen saß sie in dem Cafe.

Ein junger Mann setzte sich ihr gegenüber.

“Pardon, ich hätte fragen sollen, nicht wahr?”

Sie sah ihn amüsiert an. Er war eine auffallend angenehme Erscheinung. Farblich dezent gekleidet, aber von einem guten Schneider ausgestattet. Er bewies Geschmack, hatte einen leichten Akzent, der darauf hin deutete, dass er kein Franzose war, und seine Fingernägel waren manikürt. Er bemerkte ihren Blick und sah sie auffordernd an.

Sie sog leise die Luft ein,  wandte sich von ihm ab und blickte auf die Straße.

“Ich bin verabredet.”

“Oh, ich vergass mich vorzustellen. Clemens Trolling. Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeiten, aber wir haben nicht sehr viel Zeit.”

Ihre Blicke trafen sich für einen Sekundenbruchteil.

“Sie?”

“Deutschland, BND.”

“Organisation Gehlen.”

“Nein”. Er schmunzelte. “Wir nennen uns nicht mehr so. ”

“Ich versuche es kurz zu machen, wir haben wenig Zeit. Und ich möchte sie bitten, diese Informationen, die ich ihnen jetzt gebe, nur sehr verkürzt und verschlüsselt ihrem leitenden Agenten zu geben.”

“Ich kann mir Notizen machen?” Sie griff nach ihrem Notizbuch.

“Ich bitte sie davon abzusehen. Wir möchten im Zusammenhang nicht genannt werden. Offiziell sind wir hier nicht tätig. Dieses ist kein Treffen, das aufgrund der normalen Kanäle stattfindet. Tatsächlich wird keine Stelle in oder außerhalb von Deutschland den Sachverhalt bestätigen.”

“Ich würde gerne sagen, dass ich verstehe, aber ich verstehe ehrlich gesagt nichts.” Amanda zog eine Zigarette aus ihrem Etui und zündete sie an. “Sie auch?”

“Nein, danke. Mein Asthma. ” Er hielt kurz innen. “Staunen sie nicht so. Beim BND gibt es auch Asthmatiker.”

“Ich wollte nicht…” Sie winkte ab.

“Nun, wir wissen von ihrem Treffen mit Mark Millcoin. Das ist übrigens seine dritte Identität, wie es uns bekannt ist. Sie haben das Treffen geschickt eingefädelt, mein Respekt. Allerdings muß ich ihnen mitteilen, dass Mark Millcoin nicht als Analyst im Land ist. Der CIA mag das denken, sie vielleicht auch. Dieses ist jedoch ein Irrtum.”

Er sah sich um. Beugte sich vor, lächelte sie an und wer ihn beobachtete, der würde nun davon ausgehen, hier würde zärtliche Geheimnisse ausgetauscht, denn sie hielt die Hand vor ihren Mund, als ihr leises, kehliges Lachen erklang.

“Der Krieg ist nun 15 Jahre vorbei, und die meisten Ratten haben ihren Unterschlupf gefunden. Auch Mark Millcoin hat eine bequeme Zukunft gefunden. Es sei ihm gegönnt, wenn er stumm und leise mit seinem verseuchten Nazihirn innerhalb der CIA einen Beamtenstatus erfüllt hätte. Jedoch, die geben niemals Ruhe. Und so ist er das, was wir Schläfer nennen würden. Aber das trifft es nicht, denn wirklich geschlafen hat er eigentlich nie. Im Gegenteil, wir haben Kassiber gefunden, die darauf hindeuten, dass eine starke deutschnationale Gruppierung sich mit der zunehmenden Demokratisierung nicht abfinden will. Denen ist Adenauer zu links, und Chrutschtschow der Feind, und mit Eisenhower können sie auch nichts anfangen, aber das Chaos eines Zusammenbruchs wäre der richtige Moment für einen Neuanfang.”

Sie schwieg.

“Schon seit einigen Wochen geht das Gerücht um, dass im Schatten der Pariser Konferenz ein Attentat geplant ist. Wir wissen allerdings nicht, wer das Opfer sein soll. Wir wissen nur, dass es stattfinden wird. Die Planung ist soweit festgezurrt, dass es am letzten Tag passieren wird. Wir wissen auch wer daran unmittelbar beteiligt ist, und da kommen wir auf Mark Millcoin. Eigentlich Markus Malkum. Auffallend die ersten Buchstaben im Vor und Nachnamen, nicht wahr? Er scheint einen gewissen Humor zu haben. Wir sind ihm schon verflixt nahe gekommen, aber sie werden all das stoppen müssen.”

“Ich besorge Informationen. Ich stoppe gar nichts.”

“Ich reiche ihnen eine Zeitung, nehmen sie sie. Ziehen sie sie zu sich. Lesen sie die Überschriften, und wenn ich gegangen bin, dann holen sie den Inhalt heraus. Es ist eine Waffe, die problemlos in eine Hand- oder Manteltasche passt.”

“Ich kann damit nicht umgehen. Wer kam auf diese verrückte Idee?” protestierte sie.

“Sie müssen damit nicht umgehen, sie müssen sie ihm auf die Brust halten und abdrücken.”

“Sind sie vollkommen durch gedreht? Wie soll ich das machen?”

“Haben sie wirklich noch nie mit einer Waffe geschossen?”

“Nein, um Gottes Willen, warum sollte ich?”

“Sie sind eine Agentin.”

“Sie haben vollkommen falsche Vorstellungen von mir. Erlauben sie mir, das ich gehe. ” Mit diesen Worten stand sie auf.

Clemens riss die Augen, starrte sei erschrocken an und kippte vornüber. Sein Rücken wirkte makellos, die Kleidung abgemessen, wertvoll, aber der Riss zwischen den Schulterblättern war neu,  Flüssigkeit färbte die Ränder, und erst dann sah sie das Blut, schlug die Zeitung auf, nahm die Waffe und rannte die Champs-Élysées hinunter.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

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