Misa Teil 15

Als Berlin eine geteilte Sehnsuchtsstadt war, lebte nicht nur David Bowie und Iggy Pop diesseits der Mauer, sondern auch Karl. Die Hausbesetzerszene reklamierte die Straße für sich, der Punk hatte seine größten Tage schon hinter sich, aber die Grenze existierte noch in der Doppelhauptstadt. Und im Umfeld einer zusammenbrechenden Zeit, verdeckt Karl die Hälfte seines Gesichtes mit einem Palästinenserschal, schnallte sich den Helm über, schloss die Lederjacke.

Karl stammte aus einem kleinen Dorf in Bayern. Einer Gegend, in der er der Exot war. Sein Haare waren kurz, verstrubbelt, blond gefärbt, mit Eiklar in Stellung gebracht und auf seiner Jacke hatte das A einen Kreis außen um. Was er hörte, das war ungestüm, wilder als der Rest, lauter als alles andere und passte weder hierhin noch dorthin. Und schon gar nicht nach Bayern. Er überwarf sich mit seinen Lehrern, die ihm etwas von seiner Intelligenz erzählten. Er hasste seine Mitschüler, die gerade mal einer neuen Welle aus England folgen wollte, aber niemals nicht den Straßenratten aus London Downtown. Er liebte die Musik, er mochte die Lautstärke, er zerriss seine T-Shirts, bemalte sie selbst und steckte sich Sicherheitsnadeln in die Wange. Es tat weh, es blutete, es entzündete sich, er fieberte, aber all das gehörte dazu.

Karl war groß, er war schwer, er war langsam und hatte einen Gang, der weit ausholend war, und fortan an von dem Geklirres  einiger Ketten und dem schweren Tritt beschlagener Schuhe begleitet wurde.

Er verliess das Dorf, als in Berlin die Nächte durchgetanzt wurden. Das Bier wurde von der Bühne gespuckt, die Mädchen trugen Netzhemden und nichts darunter. Die Jungs auch. Und das Leben hatte einen Geschmack und Geruch, wie er es noch nie zuvor genossen hatte.

Er liebte Berlin. Es waren die Ratten,  die sich alle hielten, es war die Schnorrerei, die funktionierte, und die Nächte, die nie zu Ende waren. Ratten waren tausendmal intelligenter als Hunde. Sie begleiteten die Punks, folgten aufs Wort, fanden ihr eigenes Futter, schliefen in der Armbeuge und waren treuesten Seelen, die man finden konnte. Karl hatte eine, nannte sie Gilbert und nahm sie überall mit.

Wohnraum war knapp in der berstenden Stadt. Berlin zog die Welt an. Sie kamen alle hierher, saßen in improvisierten Kneipen, ernannten Kellerlöcher zu Clubs, spielten auf geliehenen Instrumenten, und lieferten sich Schlachten mit der Polizei. Die Stimmung war aufgeladen. Jeden Tag wurden Häuser besetzt, denn der Platz war knapp in Berlin. Es gab nur eine Mauer, die sich um die ganze Stadt zog. Kein Vor und kein Zurück. Wohnraum wurde teuer. Häuser wurden entmietet, Menschen fanden sich auf der Straße wieder, und die Hausbesetzer zogen in die leeren Häuser.

Häuser besetzen hatte in Berlin Tradition. So fand sich Karl sehr schnell in einer Wohngemeinschaft im dritten Hinterhof wieder. Die Möbel waren selbstgebaut, die Miete wurde auf ein Konto überwiesen, aber nicht an den Besitzer der Wohnung. Es lohnte nicht, an Morgen zu denken, den Morgen könnte der Traum schon vorbei sein, die Polizei die Wohnung stürmen und die Punks auf die Straße setzen. Das war das Lebensgefühl, nach dem sich Karl gesehnt hatte. Ein so entschlossenes Leben im Jetzt, dass er bereit war, dafür zu kämpfen.

Wer die Freiheit genossen hatte, sagte Karl, der ist für immer verdorben, und baute aus Brettern, Einkaufswägen und Pflastersteinen eine Barrikade. Sie warfen die Mülltonnen um, rollten sie zu der Barrikade und jeder wußte ganz genau, dass die Polizei mit Manschaftswagen, Schilden und Knüppel kommen würde.

Karl holte sich ein Bier am Kiosk, setzte es an und trank es in einem Zug leer. Die Idee war, die Straße abzuriegeln. Er bedeutete dem Kioskbesitzer, während er die Flasche zurück gab, die Chance zu nutzen. Jetzt noch zu gehen.

„Du mußt abschliessen. Du musst verschwinden.“ Sprach er auf den alten Mann ein, der die Auslagen einräumte, die Zeitschriftenständer reinholte, die Fensterläden zuklappte und den Laden abschloss.

Karl war bei jeder Schlacht dabei. Es gab ihm einen Schub. Er wirkte wie ein Fremdkörper inmitten er schmächtigen Jungs aus der Großstadt. Herausragend aus jeder Gruppe, fiel er auf, darum trug er den Helm, eine Pilotenbrille, und das Tuch aus Palästina. Auf dem Rücken seiner Lederjacke hatte er mit weißer Farbe ein Fadenkreuz gemalt.

Darunter stand. „Schieß doch, Bulle!“

Er tanzte die ganze Nacht durch Pogo, trank Bier, spuckte es auf der Straße regelmäßig aus, und ging zurück in den Club. Nach einem Monat hatte er seine erste Freundin. Ein kleines, zerbrechliches Wesen, das am laufenden Band Zigaretten drehte, alles in Frage stellte, und erst in seinen Armen ruhiger wurde. Sie war brüsk, unentschlossen, von daheim fortgelaufen und nannte sich Desaster. Die meisten nannten sie aber Desi. Das machte es einfacher.

An schlechten Tagen färbte sie sich die Haare, an guten zog sie lachend mit ihm durch die Straßen Berlins, schnorrte das Geld für genug Bier zusammen und dann lagen sie sturzbetrunken unter einem Baum, philosophierten über das Leben und erzählten sich Geschichten über eine Jugend, die soweit zurück schien. Dabei waren sie so jung, wie man nur sein konnte, um die ganze Unschuld der Hoffnung noch zu besitzen.

Karl probierte alles aus. Das Leben, das er hinter sich gelassen hatte, war eine Welt, die komplex und einfach, alles in sich trug, was ihm mal Sicherheit gegeben hatte. Jetzt war alles im Fluß, bot ihm neues, und so schniefte er das Koks, drückte selbst Heroin, schmiss sich Acid ein und rannte voll Überdruss als erste in der Schlacht den Knüppeln entgegen. Neben ihm gingen die Pflastersteine wie ein Regen nieder, vor ihm mähten die Wasserwerfer die ersten Reihen um.

Er brüllte „Bullenschweine!“, warf sich gegen sie, schmiss sie um, rannte wieder lachend davon. Und verbarg sich in einer Seitengasse.

Hinter ihm hörte er die Schreie, die Rufe, die Durchsagen und das Getümmel aus krachenden Rüstungen, kreischenden Mädchen, ängstlichen Menschen und immer wieder Weisungen, die Straße zu räumen. Er keuchte. Zog sich den Helm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die wildgefärbten Haare. Er achtete darauf, dass sie sich wieder aufstellten. Dann lehnte er sich an die Hauswand, stützte sich auf eine Mülltone, kramte nach einem Feuerzeug und zündete sich eine Zigarette an.

Die Gasse  war eine zu kleine Baulücke zwischen zwei Häuser. Eigentlich hatte jemand diese Lücke mit einer Tür geschlossen, aber sie stand nun offen und bot einen Weg in einen Hinterhof. Berlins System der Hinterhöfe war archaisch, kompliziert, weitreichend und immer wieder der richtige Ort für Entdeckung. Karl sah sich um. Die Polizisten rannten an der Gasse vorbei. Er liess seinen Helm baumeln, zog nochmal den Rauch ein und entfernte sich durch die Gasse noch weiter von der Straße. Seine Ketten klimperten leise an der Hose, seine Schuhe machten metallische Geräusche auf dem Pflaster. Er brauchte sich nicht vorsichtig zu bewegen, sie würden ihn sowieso hören, dachte er. So ging er weiter,  an einer Mauer vorbei, die ihn vom ersten Innenhof abhielt. Aber er sah, dass er weiter kam, und so ging er noch ein Stück.

Im nächsten Innenhof befand sich ein Gebäude, das einer alten Werkstatt glich. Große Tore, die auch als Garagen dienen konnten und aus dem letzten Jahrhundert stammen mussten, standen offen. Er trat auf das Gebäude und erwartete die Geräusche von Schmiedearbeiten, aber nichts dergleichen war zu hören.

Er öffnete eine der Garagentüren noch ein Stück weiter, sah hinein, und harrte aus bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Direkt vor ihm stand ein gepanzertes Wesen, das ihn unbekümmert ansah. Die Haut des Wesens war alt, wirkte ungewöhnlich fest, wie die Lederhaut einer Echse und sein Blick wirkte spöttisch.

„Pech!“ sprach das Wesen in einem einem höflichen Ton, der begleitet wurde von einem englischen Akzent. „Ich werde dein Hirn kochen, dich versklaven und das war es dann. Vergiss alles andere. Falscher Ort, falsche Zeit, keine Autoritäten, und nach dir haben wir sowieso nicht gesucht.“

Karl holte mit dem Helm aus, schlug zu und wurde nach hinten geschleudert, bevor er die Folgen seines Schlages erfahren konnte. Er landete in einem Raum mit einer schlechten Lichtorgel, die dumpf vor sich hinflackerte. Und verbrachte dort Jahre. Oder Monate. Oder nur endlose Sekunden.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top