Misa Teil 16

Paris 1960. Das Taxi kam wie verabredet. Der Fahrer schwieg, wartete keine Anweisungen ab und fuhr sofort lost.  Er steuerte stoisch. Fuhr langsam um die Kurven, wie ein kleines Boot, dass ruhig im Fluss des Verkehrs aus der Stadt steuerte.

Amanda sah aus dem Fenster auf das abendliche Treiben in Paris. Sie sah die Roller vor den Bistros, die rauchenden Gäste, die in den Straßencafes saßen, und die Paare, die langsam bummelnd an den Schaufenster vorbeigingen. Es war Abend, und Paris schien wie geschaffen dafür.  Die ersten Laternen widerstrahlten in der Seine. Und die Wärme der Sonne wollte nur langsam weichen. Noch immer wurden die Scheiben der Citroen und Renaults herab gekurbelt. Rufe schallten über die Straßen, während die Ladenbesitzer ihre Auslagen einpackten.

Sie verließen Paris, befanden sich bald auf einer Landstraße, auf der sich der Taxifahrer eine Zigarette anzündete und ihr das Päckchen nach hinten reichte.

“Danke, nein!”

Amanda lächelte ihm in den Rückspiegel freundlich an, und sah wieder aus dem Fenster. Kontrollierte ihr Make-up. Überprüfte ihr Lächeln. Legte den Kopf schief und versuchte zu entspannen. Unruhe hatte sie erfasst. Ungewöhnlich. Es strengte sie an.

Sie fühlte die Waffe in ihrer Tasche, und es kam ihr vor, als ob sich ihre Haltung geändert hatte. Die Waffe wurde zum Mittelpunkt ihrer Gedanken. Alles drehte sich um sie. Sie spielte den Abend durch. Sie wollte sie wegschmeißen, sie behielt sie bei sich. Spätestens morgen, dachte sie, würden die Zeitungen über den Mord in der Champs-Elyse berichten. Sie zu beschreiben fiel den anderen Gästen sicherlich leicht.

Die Sonne ging unter. Sie tauchte die Landschaft in eine Symphonie aus grellen Farben. Das Rot und Orange färbte das Innere des Wagens ein. Sie kamen an dem Bistro an. Das Taxi rollte langsam über den Markplatz davor. Sie war hier noch nie. Es sah wie überall aus, aber das war auch das Problem. Sie ahnte, dass sie hier nie wieder wegkommen würde.

Ein Brunnen schmückte den zentralen Platz, vor dem Bistro standen noch Tische und Stühle, ein Fahrradfahrer nahm sein Gefährt von einer Hauswand, blickte sie lächelnd an und fuhr davon. Ein Idyll. Sie tippte dem Taxifahrer auf die Schulter.

“Bitte bleiben sie noch eine Stunde hier.”

“Das ist so nicht ausgemacht.” brummte er. “Wer bezahlt mir das?”

“Ich mache das.”

“Und wenn sie nicht kommen? Das hier ist nicht gerade die beste Gegend für ein Taxi.”

“Ich komme.” Sie reichte ihm ein paar Scheine. “Nehmen sie das als Anzahlung. Nur eine Stunde. Dann fahren wir wieder zurück.”

Mark Millcoin erwartete sie. Sie erkannte ihn sofort. Es war ein typisch dörfliches Bistro. Die Einrichtung hatte ihre beste Zeit überdauert, der Staub, gedacht und tatsächlich, sammelte sich in mannigfaltigen Formen auf alten Uhren, der Jukebox und den Dingen, die einstmals liebevoll als Interieur bezeichnet wurden. Mark war der einzige Gast, der städtisch wirkte. Es war einfach ihn zu erkennen. Er passte nicht hierher, er lächelte zu stark und das Glas vor ihm war halbleer.

Die weitern Gäste waren unverkennbar Einheimische. Ein Mann und eine Frau, die im Hintergrund beisammen saßen, die Köpfe zusammen steckten und leise miteinander sprachen. Dorfklatsch, dachte Amanda, und lächelte Mark an. Er eilte auf sie zu, stellte sich höflich vor,  mit einem unverkennbaren amerikanischen Akzent, den er sich entweder sehr gut anerzogen hatte, oder der echt war. Und nichts von dem, was dieser scheinbare BND-Mitarbeiter behauptet hatte, entsprach der Wahrheit.

Der Hauswein war ein schwerer Merlot. Mark korrespondierte schon eine ganze Weile mit dem Getränk, war schon beim zweiten Glas, dementsprechend gelöst und lud Amanda, ehe sie protestierten konnte, zu einem Glas ein. Er selbst nahm ein weiteres, stieß mit ihr an. Er rauchte amerikanische Zigaretten. Auf der Schachtel sah sie das Dromedar und die Pyramiden dahinter. Er bot ihr eine an, sprach von seiner Heimat in Amerika, dem wunderbaren Paris, den Sehenswürdigkeiten, erkundigte sich nach ihrem Wohnort, ihrer Herkunft, lachte etwas zu laut, aber blieb erstaunlich höflich und zurückhaltend.

Die Waffe lag in der Tasche, die Tasche stand auf der Theke, umgeben von Glasrändern und Spuren ausgedrückter Zigaretten.

Sie streute Anteile einer erfundenen Biographie ein, die sie immer wieder verwendete, und ihr mittlerweile so leicht und geübt über die Lippen kamen, als wären sie tatsächlich Teile ihrer Identität. Sie hatte sie hundert mal erzählt. Einzige Tochter eines französischen Militärangehörigen, wuchs in den Kolonien auf, aber nach all dem Durcheinander, der Umstürze und möglichen Revolutionen der Einheimischen, hatte sie sehr früh beschlossen, dass sie zu den Stätten ihrer Vorfahren wollte. Sie wollte einfach nach Paris. Und lebte nun gerne dort.

Selbst wenn sich irgendjemand einmal richtig anstrengen sollte, die Daten über die Angehörigen der Armee in den Kolonien waren kaum zu finden. Und es war somit kein Problem für sie, ihre Spuren zu verwischen und eine Leben zu führen, dass vor 3 Jahren in ganz Frankreich noch nicht existent war.

Mark nickte wissend, nahm noch einen Schluck Merlot, stieß mit ihr an. Ihre Vornamen waren ab sofort die beliebtere Anrede, und der Wirt begann bereits die Tische zusammen zu klappen, und herein zu tragen. Es sah nicht so aus, als ob seine Gäste noch das Interesse an einer lauen Nacht hatten. Weitere, das wußte er, würden nicht mehr kommen. Der Abend versprach ruhig zu werden, und eigentlich dachte er schon an daheim.

Auch Mark und Amanda verstanden das als  Vorschlag den Ort zu wechseln. Mark lächelte, scherzte und  so machten sie sich auf den Weg zum Hotel. Amanda mochte keine Anspielungen, sie zog es vor konkret damit umzugehen. Mark war Kunde, er hatte dafür bezahlt. Und nur in seinem Hotelzimmer hätte sie eine Chance.

Er rief den Wirt zu sich, verlangte die Rechnung, legte das Geld in den Teller, nahm Amanda spontan in den Arm und zog ihren Mund zu sich und küsste sie. Er tat das wortlos, überraschend, und vor allem so, als würden sie sich schon seit Jahren kennen. Mit einer bestimmten Sanftheit, die ihr zu vertraut schien, aber nicht so unangenehm war, wie sie vermutet hatte, wenn er sie gefragt hätte. Sie war verwirrt, versteifte sich, aber tat dieses eher unbestimmt.

Er winkte dem Wirt, zog sie mit sich, öffnete die Tür und trat auf den abendlichen Platz. Sie sah das Taxi gegenüber dem Bistro mit ausgeschaltetem Motor und verdunkelten Lichtern stehen. Sie drehte sich um die Achse, besah sich die Straße, lachte kurz auf und sagte dann mit einem Lächeln: “Was für ein schöner Abend.”

“Ja, das ist es.”

Auch das Paar, das einem Tisch im hinteren Teil des Bistros gesessen hatte, zahlte. Sie taten das eilig, man hörte ihre Stimmen, sie schienen erregt, und durch die Glastür war zu erkennen, dass sie mit Besorgnis einen Blick auf die Dunkelheit warfen.

Auch der Taxifahrer beobachtete sie, wie Mark, den Arm um sie legte,  über den Platz schritt, und ihr Komplimente über dieses wunderschöne Frankreich, den lauen Abend, ihr Parfüm zuflüsterte. Fast war sie bereit alles zu vergessen, was ihr heute mitgeteilt wurde, doch nach wie vor, war ihre Haltung auf das ungewohnte Gewicht in ihrer Handtasche abgestimmt.

Die Tür des Bistros klingelte kurz, als sie geöffnet wurde. Sie hatte das Windspiel, das in der Ecke der Tür hing, und sich bei jedem Luftzug regte, vorher nicht wahrgenommen. Jetzt klang es fremd genug, um aufzufallen. Und ihren Blick nochmal zurück auf die Tür zu ziehen. Das Paar eilte durch. Er hatte seine Hände in den Tischen vergraben, sie senkte den Blick. Sie wirkten beide noch sehr jung. In diesem Dorf gab es sicherlich nur diesen Platz, an dem sich die Beiden treffen konnten. Die Romantik, die in ihrer Unschuld, diesem Treffen anhing, spülte Erinnerungen hoch, die sie sich normalerweise nur in sehr einsamen Momenten gestattete. Es liess sie kurz innehalten, ein Schmunzeln offenbaren, aber gleich darauf beschleunigte sie ihre Schritte, um mit Mark mitzuhalten, der ihr vorauseilte.

“Monsieur, können sie bitte kurz mal stehen bleiben?” hörte sie die Stimmen hinter sich, aber bezog sie weder auf sich, noch auf Mark, der es erst gar nicht bemerkte.

“Monsieur. Bitte!”

Es war die Stimme des jungen Mannes. Sie dreht sich um, das Paar eilte ihnen entgegen. Beide schienen aufgeregt, wollten aufholen und blieben kurz vor ihnen stehen.

“Bert Jenkins?” fragte die Frau.

Mark, der sich umgedreht hatte, sah sie an, grinste, und wartet ab.

Der junge Mann zog ein Messer aus seinen Hosentaschen, liess es aufspringen, hielt es kurz vor sich und überwand innerhalb eines Augenzuckens die Distanz zwischen sich und Mark. Er griff sich den Nacken Marks, zog ihn zu sich her, als wollte er ihm einen Kuss geben, sah ihm in die Augen, zischte “Faschist!” und stach zu.

Erst einmal. Mark riss die Augen auf.

Dann ein zweites Mal.  Mark stöhnte. Griff nach seinem Bauch.

Dann ein drittes Mal. Mark brach zusammen.

Amanda unterdrückte einen Schrei. Sie wunderte sich über die Lautlosigkeit, sah Mark auf dem Boden und überlegte einen Moment zu lange, ob sie Hilfe leisten sollte. Zwei Morde an einem Tag. Sie sah den Fliehenden nach, dachte, sie müsste schreien, aber tat nichts. Drehte sich um und ging zum Taxi.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

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