Misa Teil 18

Der Schuss kam überraschend. Es klang zuerst als ob ein Pfeil durch ein Baum flog. So raschelte es in den Blättern und zerteilte er die  Luft. Knapp und warm an meiner Wange vorbei, um sich schließlich ein anderes weiches Ziel zu suchen.

George, der gerade zu Amanda eilen wollte, zuckte zusammen, fasste sich an den Arm, liess dabei den Beutel fallen, und wäre nicht Amandas schnelle Reaktion, so wäre alles umsonst gewesen. Für einen kurzen Augenblick fielen die Augen, hing der Beutel in der Luft, sah ich die Zukunft. Und die sah nicht gut aus.

Mario fuhr herum.

„Verdammt,“ brüllte eine tiefe Stimme hinter uns. Bald John Peacock stürzte den Weg zu uns hinab. Er wirkte wütend. Und das Gewehr, das er in nur einer Hand auf uns hielt, machte es nur bedrohlicher. „Verdammte Drecksbande!“

Er blieb plötzlich stehen. Hob das Gewehr nun mit zwei Händen und zielte auf Mario. Ich sah seinen Finger am Abzug, konnte mich nicht rühren und mein Mund trocknete schlagartig aus. Wieder sah ich den nächsten Moment vor mir. Ich glaubte den zweiten Schuss schon zu hören, sah Mario fallen, stürzen, das Blut und alles was kommen würde. Wie Bald John nachlud, noch mal schoß, wie wir alle fielen. Wie ich fiel. Ich glaubte, dass sei mein Ende. Mein verdammtes Ende.

„Du willst hier nicht weg, John! Du hast dich hier eingerichtet, du elender Waldschrat. Aber das kannst du nicht von uns erwarten. Das nicht.“

Mario versuchte langsam auf ihn zuzugehen.

Doch Johns Augen wurden enger, zu kleinen Schlitzen.

„Komm keinen verdammten Schritt weiter, Mario La Plata. Keinen verdammten Schritt. Dein Leben ist hier keinen verdammter Cent. Komm näher, und meine Kugel sitzt genau zwischen deinen Augen. Dein verdammter Jüngling hat nur Glück gehabt. Das weißt du. Denke darüber nach. Aber nicht zu lange. Du hast keine Zeit. Dein Bursche soll den Beutel fallen lassen.“

„Du willst vielleicht bleiben, alter Mann…“

„Nein, Mario, lüge sie nicht an. Versuche nicht mich anzulügen. Du weißt, was, verdammt noch mal kommt, du weißt es. Du verschweigst es ihnen allen. Du tust gut daran, Mario. Aber du hast sie alle geholt. Wie soll das weitergehen? Wer von ihnen weiß Bescheid? Karl? Amanda? Dieses Bürschchen? Und nun nimmst du Christopher mit? Wo soll das, verdammt noch mal, enden?“

„In der Freiheit, John!“

„In der Freiheit? Hast du ihnen erzählt, was passiert, wenn du den verdammten Augen folgst? Du warst doch schon da draußen. Du bist verdammt noch mal in meiner Stube gesessen und hast mir erzählt, was kommt. Die Hölle ist ein verdammt lieblicher Ort dagegen.“

Mario lachte auf. „In deiner Stube? Du sitzt in einem Käfig. Sie haben dir was gegeben, du gaukelst uns allen vor, dass es eine Harmonie gibt, und du versuchst zu beweisen, dass man sich da einfinden kann. Aber, im Gegensatz zu dir, du wildes Tier, haben wir immer mit Menschen gelebt. Wir haben uns gesucht. Wir haben uns gefunden. Wir wollen hier raus. Koste es was es wolle. Ich will zur Erde zurück. Ich will heim, Bald John. Ich will heim.“

Bald John trat näher, zielte immer noch auf Mario und schwenkte rüber zu Amanda.

Ich sah den Glanz in seinen Augen. Er hatte feuchte Augen.

„Lass sie fallen, Amanda! Du bist jetzt schon kurz davor verrückt zu werden. Schau dich an, was aus dir geworden ist. Es wird schlimmer, Amanda.“ Und zu Mario gewandt. „Die Erde, so wie du sie dir vorstellst, gibt es nicht mehr. Die verdammte Erde ist Geschichte.  Es gibt kein Weg zurück, du verdammter Rinderbaron. Keinen Weg, denn du nehmen kannst.“

Und plötzlich sprang ich vor. Und weiß nicht, was mich da geritten hatte. Wie ich auf die verdammte Idee kam. Und dabei sah ich seine feuchten Augen. Nochmal. Ganz nahe. Seinen verwirrten Blick, als er das Gewehr blitzschnell dreht, und mir den Kolben ins Gesicht schlug. Ich hörte etwas krachen, fühlte für eine Moment nichts. Es war als ob mich ein Sturm beiseite fegte. Dann lag ich im Waldboden, spuckte Blut, hörte Bald John stöhnen, und Amanda zu mir rennen. Mario schrie. Und erst in den nächsten Momenten, die mir den Wald wieder brachten, hörte ich seine Worte. „Fesselt ihn. Mit irgendwas, nur fesselt ihn.“

Ich dachte, er meinte mich. Ich wollte mich wehren, aber Amanda drückte mich runter, zeigte mir ihr blutiges Messer und flüsterte mir viel zu nahe ins Ohr: „Danke!“

Für einen kurzen Augenblick. In dem Bald John sich entschloss, mich nicht zu erschiessen,  änderte er sein Sichtfeld, blickte zu mir, schlug mir den Kolben seines Gewehres mit voller Wucht gegen meinen verrückten Schädel, und sah sich überraschend vom Messer Amandas getroffen, dass urplötzlich in seinem Oberschenkel stak, ihm die Kraft raubte, und zu seinem Sturz führte. Karl war sofort bei ihm. Er riß Bald John das Messer raus, reichte es Amanda, band das Bein ab, drückte auf die Wunde, und hieb Bald John mit der Faust ins Gesicht. All das in Sekunden. Zu schnell, als das ich auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte. Ich sank zurück. Mein Kopf fühlte sich an, wie ein Scherbenhaufen. Mein Gehirn hatte die Seite gewechselt. Eine Taubheit befiel mich. Ich schmeckte Blut, spuckte Blut, langte mir mit der Hand an die Nase, und sah auf die Innenfläche und erschrak von all dem Rot, dass sich mit der schwarzen Erde vermischte.

Amanda war immer noch über mir, beobachtete mich und sprach langsam auf mich ein.

„Alles klar? Du siehst Scheiße aus. Kannst du aufstehen? Kannst du gehen? Wir müssen weg.“

Ich versuchte mich auf meine Ellenbogen zu stützten, aber brach wieder ein.

„Ein Moment“ versuchte ich zu sagen. Aber ich blubberte nur unverständlich vor mich hin. Ich verstand mich selbst nicht. Schloss die Augen, und als alles dunkel war, fühlte es sich besser an. Die Stimmen entfernten sich. Verschwanden hinter einer Wand.

Diese war aus Nebel. Und sehr dunkel. Ich könnte hier bleiben, dachte ich. Alles gut, dachte ich.

Und bekam eine Ohrfeige.

Ich riss die Augen auf.

Amanda sah mich immer noch an.

„Reiß´ dich bitte zusammen. Wir müssen hier weg.“

„Ja,“ sagte ich, und spuckte Flüssigkeit aus. Dann hob mich etwas hoch, und es wirkte, als ob ich stehe, aber alles drehte sich und ich sah Karls Pranken, die mich festhielten.

Meine Kleindung, ich sah hinunter. Sah aus, als hätte ich ein Schwein geschlachtet. Ich hielt meine Hand hoch, sie wirkte glitschig, glänzend rot. Ich tropfte aus der Nase, spuckte aus dem Mund. Ich musste Wunden haben, so groß wie Kanonenlöcher. Mein Kopf war ein wilder Gedankenbrei und meine Muskeln alle Mus. Ich wollte mich wieder setzen.

„Bleib stehen,“ knurrt Karl hinter mir, und hielt mich fest. „Wenn du dich noch einmal hinsetzt, dann bleibst du hier.“

Bald John lag auf dem Rücken. Er blinzelte leicht, aber ihm schien es nicht viel besser zu gehen. Sie hatten ihn gefesselt. Und er starrte wortlos in den Himmel. Hin und wieder blinzelte er, aber er sah aus wie ein Tier, dass auf seine Chance wartete. Kein Widerstand, nur das Leben, dass aufgeben wollte.

George war zu uns getreten. Er blickte erst mich an, verzog das Gesicht, und dann hinunter zu Bald John. „Was machen wir mit ihnen?“

Mario überlegte überhaupt nicht. Er schnappte sich den Beutel von Amanda, und ging einfach los.

„Wir nehmen beide mit.“

George stöhnte.

Mario lachte. „Ich habe es gehört, George.“

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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