Misa Teil 19

Er trug die Augen in dem Beutel, als wäre er gerade von einem Einkauf zurückgekommen. Es war ersichtlich, dass die runden Kugeln versuchten nach allen Seiten zu flüchten. Die Regungen in der Tasche glichen einem vollen Netz, in dem die Früchte des Meeres an Bord gehievt wurden. Es war eine lebendige Unruhe, die den Stoff unregelmäßig ausbeulte.

Mario beschleunigte seinen Schritt und strebte eine größere Rasenfläche an. Die Wesen beobachtete uns, aber gingen ihrem Treiben nach. Sie hielten merklich Abstand. Die Zentauren vergrößerten ihn sogar zu uns, denn ihre Herde rappelte sich auf und verschwand auf einer nahe gelegenen Lichtung. Selbst die Elfen hielten sich in angemessener Nähe auf, obwohl ich das bisher so nicht kannte.

Mario suchte sich einen Mittelpunkt aus, und wies Karl, Amanda, George und auch mich an, in einem geziemten Abstand von ihm an den Eckpunkten zu stehen. Wären wir ein Kompass, so hätten wir nun alle vier Himmelsrichtungen abgedeckt. Er stand in der Mitte, und hielt den Beutel vor sich. Bald John hatten wir an einen Baum gesetzt und ihn dort fixiert. Er schimpfte, aber war aufgrund des Knebels, den ihm George eingesetzt hatte, nicht zu verstehen.

„Ich werde die Augen nun auf dem Boden ausleeren. Sie werden in alle Richtungen streben. Bitte verfolgt die, die sich zu euch bewegen, genau. Es werden sich irgendwo Öffnungen zeigen. Wir müssen diese nutzen. Das machen wir am Besten so, dass wir schnell etwas in diese Öffnung stecken. Wenn ihr nichts habt, dann sucht euch gleich etwas. Ein Stab, ein Ast, ein Gewehr. Was auch immer. Wir müssen eine Hebelwirkung erzeugen. Meistens ist eine solche Öffnung ein Einstieg. Durch die Hebelwirkung haben wir die Chance die Klappe, die sich über dem Einstieg verbirgt, zu öffnen. Das klingt primitiv. Aber denkt daran, wir werden die Klappen nicht mit blossem Auge erkennen. Und es nützt auch nichts, wenn wir unsinnig auf den Boden stampfen. Tatsächlich weiß ich nicht einmal, ob sie länger existieren, oder nur für die Augen entstehen. Wie auch immer, es heißt also, dass wir schnell sein müssen. Bitte strengt euch an. Christopher, du nimmst die Waffe von Bald John. Stecke sie bitte einfach in das Loch, wenn sich eines öffnet. Den Rest mache ich.“

Amanda war unruhig, Zuckungen liefen durch ihren Körper. Ihr Messer hielt sie vor sich  in einem rechten Winkel. Bereit zu zustechen. Auf was auch immer. Karl und George hielten jeweils einen großen Ast vor sich. Beide waren vornüber gebeugt, und fixierten den Beutel, den Mario zu drehen begann. Wie einen Sack Murmeln leerte er ihn vor sich aus. Die Augen sprangen auf den Boden und suchten ohne zu Zögern verschiedene Richtungen auf. Sie jagten direkt auf uns zu. Ein jeder von uns mußte sich auf eine ganze Horde Augen konzentrierende durch das Grass schoßen. Sie bemühten  sich ganz offensichtlich , sich unsere Blicken zu entziehen. Sie glänzten in der Sonne, aber schon größere Halme machten es schwer sie zu verfolgen. Sie verbargen sich fast dahinter. Ich sah es an den Bewegungen der Gräser, musste aber schnell feststellen, dass ungefähr die Hälfte der Augen, die mir galten, schon verschwunden waren, bevor ich die Taktik richtig verstand. Sie waren clever. Oder gut programmiert. Oder beides.

Ich wußte es nicht. Ich stand verdattert da, hetzte mit meinem Blick hin und her, und sah es plötzlich. Es glich einem Billardspiel. Urplötzlich tat sich ein Loch auf, und das Auge verschwand. Und so schnell wie das Loch kam, so schnell wollte es sich wieder verschließen. Ich hatte das Gefühl, als hinge ich viel zu lange in der Luft, aber ich sprang. Ich sprang, ohne Rücksicht auf mein Aufkommen oder auf den Sturz und hieb das Gewehr mit beiden Händen in die Öffnung. Ein Schuss löste sich, Rauch quoll heraus, mir dröhnten die Ohren und in meinem Mund befand sich Gras. Alles tat mir weh, aber ich hielt das Gewehr mit beiden Händen in der Öffnung. Der Rückschlag hatte es kurz nach oben springen lassen, aber ich hieb es sofort wieder rein. Erde flog heraus, verteilte sich und es roch nach Pulver, frischem Torf und meinem Schweiß. Das Blut schmeckte metallisch in meinem Mund. Ich glaubte, den Geschmack nie wieder los zu werden.

Bald John brüllte am Baum auf, strampelte mit den Beinen, doch klang nur wie eine Kuh vor der Geburt. Ich verstand kein Wort. Ohnmächtig wäre er mir lieber gewesen.

Ich sah zu den Anderen. Hob meinen Kopf vorsichtig, liess die Hände nicht von dem Gewehr, und bemerkte, dass auch Amanda in einer ähnlichen Position war. Sie kniete zwar, aber auch an ihr klebte Gras und Erde, während sie mit dem Messer kreisrund in der Erde stocherte. Karl stand zwar, aber hieb wie besessen immer wieder in ein Loch, als würde er Butter stampfen. Nur George schaute sich irritiert um, und hatte wohl alle Augen verloren.

Mario ging direkt zu Karl. Er stellte sich neben ihn, klopfte ihm auf die Schulter und bedeutete ihm, er könne jetzt mal aufhören. Dann kniete er nieder, strich das Gras mit Beiden Händen auseinander und besah sich die Öffnung.

„Wie tief kommst du rein?“

Karl wackelte mit dem Kopf. „Ca. 20 Zentimeter. Es scheint aber tiefer zu gehen.“

Mario tastete den Ast ab. „Das könnte reichen. Bitte sei vorsichtig. Wenn der Ast bricht, dann ist diese Chance vorbei. Ich schaue mir mal die anderen an, und wir gucken, bei wem es am Besten klappt.“ Und zu Bald John Henry gewandt. „Halts Maul, alter Mann. Du kommst mit uns. Also sei froh, wenn es schnell geht.“

Bald John heulte auf.

Mario sah mich zweifelnd an, beugte sich runter zu mir, und schob die Erde beiseite.

„Du hast hinein geschossen. Wolltest du das Auge töten, oder sie warnen?“

„Sorry, das war keine Absicht. Ich wollte nicht schießen.“

Er grub mit beiden Händen neben dem Gewehrschaft, warf etwas Erde beiseite und überlegt. „Ich denke nicht, dass es etwas ausmacht. Wir sollten vorsichtig versuchen, die Platte zu heben. Mache dir keine Gedanken darüber, ob das Gewehr Schaden nimmt. Es ist sonst zu nichts nutze. Und der Einzige, der daran hängt, ist John. Stehe mal auf. Ich halte das fest.“

Ich stand auf.

Mario hielt das Gewehr fest, bat mich aber dann, es wieder zu nehmen und seitlich zu neigen. Bis ich Widerstand spüren, dann sollte ich die Hebelwirkung nutzen und so tun als wollte ich etwas Größeres lösen. Er trat einen Meter zurück. Beobachtete mich. Und ich tat wie mir hier geheißen, aber nichts bewegte sich. Kein Zentimeter hob sich. Das Gewehr gab nicht nach, was beruhigend war, aber der Boden ebenfalls nicht. Mario schwieg und sah mir einfach nur zu. Dann deutete er mir an, mehrmals die Position zu wechseln. Nichts tat sich.

„Liegt das an mir?“

„Möglich. Lass Karl mal ran. Ich halte es fest.“

Mario hielt das Gewehr wieder fest, drückte den Kolben tiefer in das Loch und ich wechselte zu Karl. Ich hielt nun seinen Ast. Amanda und George beobachteten uns.

Ich schwitzte.  Aber wenn ich mir mit der Hand über das Gesicht wischte, dann war sie voll Blut, Erde und Gras. Meine komplette Kleidung war mittlerweile befleckt und wirkte, als ob ich mich über Monate und Tage durch Morast bewegt hätte. Ich sah zu den Zwergen hin, die uns unbeteiligt beobachteten. Aber ich hörte ihr Gemurmel. Diese komische Sprache der Welpen, in der sie scheinbar kommunizierten. Wie konnten sie überhaupt kommunizieren? Würden sie damit nicht eine Art Eigenleben und Individualität beweisen?

Karl spuckte in seine Hände, ging in die Knie, und zog an dem Gewehr. Nichts rührte sich. Es stak in der Erde wie das Schwert von König Artus. Er hängte sich mit seinem Gewicht daran. Mario stellte sich neben ihn, blickte auf die Erde und versuchte etwas festzustellen. Aber es gab nichts.

„Wechsle die Position.“

Karl drehte sich um den Kolben und zog nun von der anderen Seite. Das Gewehr veränderte unter dem Druck den Winkel. Es neigte sich etwas mehr. Karl schwitzte. Er stöhnte, und es gab ein leicht schnarrendes Geräusch. Etwa wie das eines Reißverschlusses, der schnell aufgezogen wurde. Es wurde lauter. Ich sah in Marios Gesicht. Er fieberte, er wagte nicht sich zu regen, aber ein Lächeln kam über seine Lippen, das hektische Zuckungen in den Mundwinkeln aufwies. Wir waren nahe dran. Wir waren so nahe dran.

Und brachen die Klappe schließlich auf. Als sie sich löste, das Gras aufriß, da erschien es uns leichter als gedacht, aber die Adern an Karls Kopf drohten zerplatzen. Er wischte sich die Nässe von der Stirn, grinste und setzte sich zu Boden, während wir in das Loch hinein sahen. Es wirkte gleichermaßen dunkel wie tief.

Wir würden schwerlich alle durch passen.

„Was machen wir mit Bald John?“

„Wir schmeissen ihn rein.“ blaffte mich Mario an. „Was sollen wir sonst mit ihm machen? Freiwillig geht er nicht mit, und wir müssen wissen, wie tief das runter geht.“

„Du bist da schon mal runter? Wer sagt mir,  das wir nicht stecken bleiben? Das ist ein Gang für die Augen. Die sind, weiß Gott, kleiner.“

Mario schüttelte den Kopf, strich sie die Haare zurück und legte sich auf den Bauch. „Das reicht. Selbst für Karl.“

Karl besah sich das kurz „Nie im Leben passe ich da rein. Wo denkst du hin? Wenn ich da reingehe, dann ist alles vorbei. Ihr müsst einen anderen Weg finden.“

„Was für einen anderen Weg?“ Der Ärger war Mario anzusehen. „Was für einen anderen Weg, frage ich?“

„Es muss einen anderen Weg geben. Auf jeden Fall gibt es einen anderen Weg. Das ist gar keine Frage. Wir sind schließlich durch eine Tür hierher gekommen. Eine einfach, normale Tür, und durch die gehe ich wieder hinaus.“

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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