Misa Teil 20

22.Februar 1778. Mannheim. George stand vor dem trockenen Brunnen des Paradeplatzes und schaute sinnierend drauf. Im diesem Winter hatte sich eine dünne Eisschicht auf dem Boden der Brunnen gebildet. Es war trotzdem ersichtlich, dass diese Brunnen nur das Regenwasser sammelte. Und selbst keinen Wasserlauf hatte. Die Eisschicht war wellig, gebrochen und x-fach zersplittert. Kinder warfen Sand und Steine hinein.  Manche kletterten über die Mauer und schlitterten unter dem Gejohle ihrer Freunde darüber. George schüttelte den Kopf, und sah sich um.

Er war zu früh, der Abend war schon angebrochen, die Dämmerung offenbarte die erleuchteten Fenster. Es wurde immer noch früh dunkel, und er sehnte sich nach dem Sommer.  Er fror. Der Mantel wärmte nur bedingt.

In der Mitte des Platzes  schmückte die  Grupello-Pyramide den Brunnen, und zeigte die vier wasserlosen Flussgötter Rhein, Neckar, Mosel und Donau. Auch auf ihnen hatte sich eine Eisschicht gebildet, ebenso wie auf die restlichen Figuren, mit denen der Brunnen reich ausgestattet war.

Dieser Platz lag im Zentrum von Mannheim, unweit des Schlosses. George wählte ihn gerne als Treffpunkt. Er war leicht zu überschauen, und der Brunnen stand so zentral in der Freifläche, dass man sich nicht verpassen konnte.

Nur einige Gaststätten, und Wohnhäuser säumten den Platz. Er war an seinen Außenrändern von einer Mauer und einem Weg unter einer Baum-Allee umgeben. Um diese Jahreszeit waren die Bäume jedoch noch blattlos, und kleine Eiszapfen glitzerten in der Sonne. Einige Paare flanierten trotzdem darunter, und genossen die klare Winterluft. Der Duft brennenden Holzes drang aus den Kaminen, die feuchte Wärme beschlug die Scheiben der Wohnhäuser.

Es war kalt. George hatte eine Verabredung mit Pieter Meinke im nahegelegen Kaufhaus. Pieter war ein angenehmer junger Mann, der den Ruf der hiesigen Musikschule gefolgt war. Er war einer der Hofmusiker, ein virtuoser Geiger, der gerade in dieser Jahreszeit seine Tage und Nächte mit Proben und Aufführungen verbrachte. Die Kalender quollen vor Aufführungen und Veranstaltungen fast über. Die Stadt zeigte sich von der musikalischen Seite und es war schwer, diesen jungen Mann zu einem Treffen zu bewegen. Es waren nicht wenige Talente, die dem Ruf Mannheims folgten, und der Druck auf die einzelnen Musiker war so groß, dass man selbst in den kleinsten Zimmern, bei privaten Treffen, exzellente Interpretationen junger Komponisten hören konnte. Der Ruf dieser Stadt hallte durch ganz Europa.

George war der Sohn eines Hamburger Kaufmanns, ausgestattet mit einem Salär, dass er von seinem Vater erhielt, um Geschäftskontakte in der Stadt zu knüpfen. Er erlaubte sich die Verhältnisse eines jungen Lebemanns, und schickte seinem Vater regelmäßige Berichte über seine Ausgaben und das Mühsal, die Mannheimer zu langfristigen Handelsbeziehungen zu bewegen. Tatsächlich jedoch bewegte er nicht sehr viel. Die Handelsbeziehungen,  die aus Hamburg über die bestehenden Kanäle und Flüsse erfolgen sollten, kamen nicht recht zu Gange. Georges Vater schimpfte zwar, und war sich durchaus bewusst, dass sein Sohn das Leben in Mannheim wohl genoss, aber er verschob regulierende Handlung auf einen Termin in der nahen Zukunft. Er dachte dabei an seine eigene Jugend, und eine joviale Gelassenheit liess ihn zögern, milde stimmen und so liefen die Dinge in Mannheim für George erstaunlich gut.

Pieter und er wollten eine Komödie von Pierre Carlet de Marivaux ansehen.  „Das Spiel von Liebe und Zufall“ war ein typisch für die Mode der vergangenen Jahre. Eine leichte französische Komödie. Und auch, wenn George das Stück durchaus schon kannte, so war es doch ein angenehmer Anlass Pieter einmal wieder zu treffen. Zwar waren die Konzerte das Zugpferd dieser Tage, aber die Aussicht, ein romantisches, verwickeltes Schauspiel mit diesem zartgliedrigen Menschen zu sehen, der es ihm so angetan hatte, versetzten George in eine Freude, die ihn erwartungsfroh und melancholisch zugleich, über den Platz blicken liess.

Er war zu früh. Er hatte die Einladung per Boten an Pieter überbringen lassen, wohlwissend, dass an diesem Abend keine Probe und Aufführung anstand.

Pieter besaß die hellste Haut, die sich Gregor vorstellen konnte. Er wollte die blutleeren Lippen küssen, als er ihn auf sich zu kommen sah. Er wollte so vieles, doch er lächelte Pieter zur Begrüßung nur an. Der Platz war bereits sehr leer, und Pieters Schritte auf dem rauen Boden waren gut zu vernehmen. Sie sahen sich an, in einem Einvernehmen, dass ihnen eine verkürzte Andeutung eines Grußes erlaubte, obwohl der Raum zwischen ihnen erfüllt war mit ihrer Freude.

Pieter wirkte angespannt und erholt zu gleich. Eine zufriedene Erschöpfung, die die letzten Tage auszeichnete, hatte sein asketisches Äußere betont, aber auch eine Reife in sein Gesicht gezeichnet, die George, den immer eine gewisse Jugendlichkeit auszeichnete, faszinierte. Er sieht wunderschön aus, dachte George und betrachtete ihn verwundert. Es war zwar in diesem Winter gewesen, in dem er Pieter zum letzten Mal traf, aber seit den Feierlichkeiten, die am 4 November wie jedes Jahr in Mannheim begannen, waren die Möglichkeiten für ein gemeinsames Treffen stark eingeschränkt. Zwar besuchte George jedes Konzert, das ihm möglich war, aber auch dann erhaschte er nur einen Blick, ein Augenzwinkern, ein kleines Zeichen von Pieter. Mehr Hoffnung als Verheißung.

Ein Schal aus reiner Schurwolle, in reinstem Weiß, war um den Hals des Musikers gewickelt, halb verborgen von dem schwarzen Mantel, der ihn umgab. Er trug eine Perücke und einen Hut, was die Reinheit seiner Gesichtsfarbe nur noch betonte.

Trotz der Ruhe, die er ausstrahlte, schwang seine Stimme über, als er davon erzählte, was gerade in Mannheim passierte, seit dieser Wunderknabe aus Österreich unter ihnen weilte.

„Mozart ist in der Stadt. Er ist ein Wunderkind. Wir werden ihn nicht halten können, aber es ist die richtige Zeit, der richtige Moment, und seine Kompositionen sind scheinbar so einfach, so unberührt und von solcher unvergleichlichen Unschuld und Spielfreude.“ Er war hingerissen. George liess sich nur zu gerne von Pieters Begeisterung anstecken.

Sie waren vom Brunnen auf dem Weg zum Kaufhaus. George genoss den Klang von Pieters Stimme. Die eiskalte, klare Luft spannte seine Haut, und er sah seinem Atem nach. Sie stießen beide kleine Wolken in den Nachthimmel.

Die Nacht suchte die Geräusch zu schlucken, und der Stimme von Pieter gab sie eine Leichtigkeit, die ungetrübt ihre Begeisterung zu George trug.

„Wir werden ihn wirklich nicht halten können, diesen Mozart. Zu unstet ist dieses Genie. Getrieben von etwas, das wir nicht erfassen können. Aber er begeistert sich für diese Saison. Er taucht bei vielen Konzerten auf. Ist im Publikum. Mannheim scheint ihm zu gefallen. Er wird einer der besten unserer Zeit sein. Vielleicht sogar der Beste.“

„Werdet ihr Komposition von ihm spielen?“

„Ich hoffe es. Ich hoffe, dass man sich um ihn bemühen wird. Doch wahrscheinlich wird das nicht der Fall sein. Wir sind in der Förderung neuer Talente nicht geschickt. Im Grunde fürchte ich eine Verlegung von allem. Vielleicht ist das die letzte Saison in Mannheim. Vielleicht wird es nie wieder so wie vorher.“

Schlagartig wechselte die Stimmung Pieters. Sie kamen an den Torbogen des Kaufhauses an. George hielt ihm am Arm.

„Was soll das heißen?“

„Es gehen die Gerüchte um, dass die ganze Schule nach München wechselt.“

„Nach München? Wieso nach München?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und was wird dann aus uns?“ rief George entsetzt.

„Gibt es ein uns?“

„Pieter, ich weiß nicht was ich sagen soll. Es tut mir leid.“

Pieter schüttelte traurig den Kopf. „Muss es nicht, aber der Umzug nach München bedeutet auch mein Umzug. Ich bin dem Orchester verpflichtet. Ich lebe davon.“

George blieb stehen. Sah sich um, und stellte fest, dass niemand anderer in der Vorhalle weilte. Er trat an Pieter, sah ihn an, bis sich ihre Gesichter fast berührten.

„Ich verzehre mich nach dir, Pieter. Es ist nur die Kunst und deine Leidenschaft dafür, die mich tröstet.  Du weißt das.“

„Ich weiß.“

„Wie kannst du daran denken nach München zu gehen?“

„Wie soll ich daran denken, was anderes zu tun? Kein Vater zahlt mir ein Salär fürs Nichtstun.“

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top