Misa

Misa Teil 21

Mario deutete auf das Loch. Dann auf mich:

„Runter!“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

Das Loch sah aus wie ein wilder Kaninchenbau. Ich wusste, in so einem verrecken Menschen, Hunde, alles was dort hineinkroch. Ich hatte keine Lust darin zu verrecken.

„Das ist der Weg nach draußen! Was ist mit euch los? Hat euch der Alte Mann infiziert? Irgendjemand muss darunter.“

„Dann soll George das machen. Er ist der Dünnste von uns. Oder gehe einfach selbst da runter, Mario. Mache es ruhig einfach selbst.“

George trat vom Rand nach vorne. Stellte sich zu Mario, sah uns beide an und deutete ebenfalls auf das Loch.

„Niemals komme ich da durch!“

„Nicht in den Klamotten!“

Ich flüsterte es nur und wandte meinen Kopf absichtlich zur Seite.

„Bitte?“ Herrschte mich George an, während er näher an mich ran trat, meine Augen suchte und sie fixierte.

„Nicht in den Klamotten.“ Wiederholte ich noch einmal. „So wie ich das sehe, müsste es aber ohne Klamotten klappen.“

„Ich soll da nackt runter?“

Ich zuckte mit den Schultern.

George zog sich wiederwillig aus. Er legte seine Kleidung neben das geöffnete Loch. Er faltete sie gekonnte, und achtete darauf, dass sie den Rasen kaum berührten. Sie lag nun da, als wäre sie ein Angebot.

Schliesslich stieg er nackt nach unten. Jeder Krümel dunkle Erde erzeugte einen harten Kontrast auf seiner Haut, als würde man Kakao in frische Milch sprenkeln.

Er glitt in das Loch. Es glich einem Fallen. Mit den Füssen zuerst. Er stöhnte verärgert, aber wirkte dabei als ob er in einem grünen See abtauchte. Fast hätte ich geglaubt, er würde noch mal Luft holen, bevor sein Kopf verschwand. Ich sah noch seine Hand am Rand, als Mario ihm letzte Anweisungen zu rief.

„Du wirst den Boden untern den Füssen verlieren. Vertraue mir. Es wird dir nichts passieren. Du rutscht ab, aber es ist wie eine Bahn. Lass dich einfach fallen. Es ist schon in Ordnung. Gleite einfach rein. Gib nach. Leiste keinen Widerstand. Die Wände werden glatter, es bleibt nicht so unangenehm. Es wird dir nichts passieren.“

„Schmeiss mir bitte meine Kleider hinterher.“

„Machen wir. Suche die Tür.“

Nachdem George von dem Loch verschluckt war, und wir nur noch ein leises Rauschen hörten, dass auf eine Fahrt ins Nichts deutete, kam Mario zu mir und flüsterte mir zu.

„Nun? Ziehe dich aus!“

„Warum?“

Nachdem George in dem Loch verschwand, zog ich mich ebenfalls aus, und folgte ihm. Es war so, wie es Mario beschrieben hatte. Ich verlor sehr bald den Boden unter den Füssen, und musste mich einfach fallen lassen. Ich rutschte ab. Es fühlte sich sehr schnell an, wie ein freier Fall. Und war erstaunlich.

Die Fall beschleunigte sich.  Wir fielen in rasender Geschwindigkeit in das Loch hinab. Die Wände berührten uns jetzt nicht mehr. Dadurch glich es mehr und mehr einem tiefen Sturz, wie ich ihn aus Simulationen kannte. Ein freier Fall im Weltall ist eigentlich kein wirklicher Fall, denn es gibt ja keine klare Fallrichtung, keine Schwerkraft und kein Aufkommen. Je mehr mich nun die Dunkelheit einhüllte, um so mehr verlor ich das Gefühl für die Richtung und Geschwindigkeit. Mich beschlich die Sorge, dass ich im Grunde gar nicht fiel, sondern geführt wurde. Zwar in einer unglaublichen, nicht nachvollziehbaren Geschwindigkeit, aber ich wurde geführt.

Das schien offensichtlich.

Ich konnte nun nichts mehr erkennen. Aber auch wenn dieses Gefühl beunruhigend war, gab es gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich keine Sorge um Schürf- oder Schnittwunden haben musste, denn dieses wurde , ich wußte nicht wie, wohl vermieden. Ich fiel ohne Berührung meiner Umgebung, die jedoch nur Zentimeter von mir entfernt sein konnte. Jegliche Sorge einer Verletzung war wohl unbegründet, und die Panik, die konsequent an die Tür meiner Seele klopfte, versuchte ich zu beruhigen. Mit einer sehr schwachen Logik, die besagte, dass, wenn man so lange, wie wir, hinab stürzte, eigentlich schon ohnmächtig sein müßte.

Die Zeit war aber durch mein Denken, Fühlen, den Luftdruck, der mir entgegen schlug, und die Angst, die trotzdem über alles lag, komplett verzerrt. Ich glaubte an eine Endlosigkeit, ich glaubte an einen Zeitraum, der sich Ewigkeiten hinzieht und ich spürte, wie sich die Basis meines Denkens in blitzschnelle Mikroprozesse auflöste, die mich alle gefangen und für sich einnahmen. Ich fiel und fiel. Und es war unglaublich, wie lange das ging.

Es ging also nach unten. George tonlos voraus, ich dagegen wollte durchgehend schreien, aber bekam kein Wort raus. Mein Mund fühlte sich an wie mit Sandpapier. Vollkommen ausgeschmirgelt.  Meine Zunge klebte am Gaumen, mein Gaumen enthielt kein Speichel, und  die Poren meiner Zunge waren eine Gesteinslandschaft, die durch eine jahrhundertelange Dürre geschaffen wurde.  Kurz: Ich brachte keinen Ton, kein Glucksen, und kein Stöhnen heraus.

Amanda war irgendwo in meinem Rücken. Aber schon durch diese undurchdringliche Dunkelheit, die es mir nicht mal ermöglichte mich selbst zu betrachten, konnte ich sie weder sehen noch hören. Schon gar nicht im Anbetracht dessen, dass es mich übermenschliche Anstrengungen kostete, den Kopf zu bewegen. Kaum eine Chance.

Und je tiefer wir fielen, um stärker nahm die Dunkelheit zu. Umso mehr entzog sich uns jegliche Helligkeit, jeglicher Schatten, jegliche Ungenauigkeiten im Blick. Ich sah, im Fall, keinen Unterschied mehr, ob ich meine Augen schloss, oder offen hielt. Es war genau dieselbe Nacht, genau dieselbe traumlose Schwärze, die mich umgab. Eine Schwärze, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Denn wäre mir das jemals passiert, dann hätte ich vermutet, erblindet zu sein. Es war gleichermaßen erschreckend wie faszinierend. Und vollkommen anders, als ich mir eine solche Dunkelheit jemals vorgestellt hatte.

Es stellte sich nach einiger Zeit die Sorge ein, dass wir nirgendwo aufkämen. Die bisherige Umgebung war so albtraumhaft und variantenreich, sogar in sich selbst lebendig, dass ich das Gefühl bekam, es wäre hier ein Leichtes, die mir bekannte Physik vollkommen außer Kraft zu setzen. Allein die Tatsache, dass ich mir Gedanken über einen Fall machen konnte, während ich fiel, war so abstrus, dass ich bereit, war meiner Panik jeden benötigten Raum zu gewähren. Dann also immer tiefer, verflucht.

Ich ging davon aus, wenn ich aus diesem Irrwitz irgendwo, wo auch immer, ankommen sollte, wahrscheinlich zerplatzen würde wie eine reife Tomate. Es blieb mir gar nichts anderes übrig. Die Geschwindigkeit nahm zwar nicht zu, aber auch das machte mir nur klar, hier konnte etwas nicht stimmen. Wer immer uns das antat, hatte uns dazu verführt in ein galaktisches Rohrpostsystem zu treten, in dem wir wahrscheinlich, als Fremdkörper erkannt, bis zu unserem Verrotten herum sausen konnten. Warum auch nicht?

Wir waren nackt. Keine Kunstfasern hingen an uns. Recycling und der Kompostierung unserer fleischlichen Hüllen hätte also nichts im Wege gestanden. Ich fand es ausgesprochen bedauerlich, Amanda und George in einer überwindbaren Entfernung nackt zu wissen. Und gleichzeitig zu ahnen, wie wir in Kürze gemeinsam, in tausend Fetzten gerissen irgendwo herumliegen würden. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Zustand der Nacktheit zu anderen Optionen führen hätte können.

Ich war mir sicher, dass Mario wahrscheinlich ewig auf seinen Türöffner warten würde. Das Einzige, was man auf diesem Planeten wohl mit Sicherheit hatte, war wohl Zeit. Und so betrachtet gab das alles sogar einen Sinn.

Ich hielt Georges Fall für tonlos, tatsächlich, so erfuhr ich später, schrie er durchaus, war aber bereits zu weit von mir entfernt, um ihn zu vernehmen. Amanda dagegen, das bestätigte sie mir, war leise, wie ich es von ihr erwartet hatte. Ich ging sowieso von einer entgegen eilenden Zerschmettern unserer Körper aus. War so. Dachte ich.

Das Ankommen glich allerdings eher einem Gleiten. Anders als vermutet, sanken wir hinab. Unser Sturz nahm an Geschwindigkeit ab, wir kamen auf einer Art unsichtbares Luftpolster an, dass uns ausbremste, abfing und einzeln weiter transportierte. Anders als erwartet, schlugen wir daher nicht auf, sondern fanden uns in einem schmucklosen, absolut kargen Raum wieder. Hier war nichts, außer einer schwach beleuchtenden Tür.

Der Raum war rund, die Wand scheinbar glatt. Alles in einem gleichbleibenden Grauton. Die Wand, die sich um uns zog, die Tür – alles in demselben Grauton.

George saß schon auf dem Boden, als ich ankam. Nackt und blass saß er da. Er wirkte erschöpft. Seine Jugendlichkeit konnte nicht die  Dinge verbergen, die geschahen und ihm unheimlich waren. Ihn mit seinen Alpträumen konfrontierten.

Er sah mich erstaunt an. Auch Schrecken war ins einem Blick erkennbar. Auch er hatte mich wohl nicht gehört, und auch nicht mit mir gerechnet. Ich konnte es in seinen Augen ablesen, aber als er mir die Frage stellte, war es eindeutig:

“Was soll das?”

“War nicht mein Idee.” Ich stand vor ihm, nackt wie er selbst,  und wußte nicht, ob ich versuchen sollte, meine Blöße zu bedecken. Ich war irgendwie froh, denn er tat es nicht.

Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen wärmend über seine Beine. Er rieb sich die Haut, betrachtete die Erdspuren, die noch an ihm verblieben waren und wandte sich wieder mir zu.

“Ok, und wie geht es nun weiter?”

“Das weiß ich auch nicht. Ich dachte, du wärst schon mal hier gewesen?”

“Ich nicht. Mario allerdings schon. Er mir jedoch nicht gesagt, wie es jetzt weiter geht. Keine Ahnung.”

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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