Misa

Misa Teil 22

Nach Amandas Ankunft, die von George genauso verwirrt angesehen wurde, gab sie sich nicht die geringste Mühe, ihm auch nur irgendwas zu erklären. Wir sahen wir uns schockiert an, und hatten im Ganzen tatsächlich mehr Fragen als Antworten. Die Struktur des Raumes war uns gänzlich unbekannt. Die Wand, die uns umgaben, waren mitnichten aus einem Metal oder Stein, wie wir am Anfang vermutete hatten.

Unsere Kleidung liess auf sich warten. Sie folgte uns nicht. Vielleicht hatte sich das Loch oberhalb wieder geschlossen. Vielleicht hatte sie einen anderen Weg genommen. Was wußten wir schon von diesen Abläufen. Das war uns alles mehr als fremd, und im Augenblick versuchte ich erstmal die Zeit zu finden, meine Mitreisenden zu betrachten. Aber es gelang mir kaum, denn Amanda sah mich durchdringend und kritisch an. Ich fühlte mich ertappt.

George erhob sich langsam. Er begann die Wand zu berühren. Er strich darüber, und schrak zurück.

“Verflucht!” Stieß er aus. “Magie!”

Dann berührte er sie jedoch wieder. Und tastete sie vorsichtig ab.

“Es ist”, sagte er heiser, “als ob man ein Tier streichelt.”

“Es lebt?” Ich hielt meine Hand neben die seine. Ich konnte es fühlen. Die Wand hat eine Hautstruktur. Sie glich der Haut eines Elefanten. Ich konnte eine Unruhe dahinter verspüren, aber auch einen Herzschlag, ein leichtes Beben und alles in allem, eine Reaktion auf meine Berührung. Es war eindeutig Haut. Es war fast so, wie in dem Raumschiff. Entweder lebte der ganze Planet ein Leben, das wir so nicht kannten, oder man hatte es geschafft, eine organische Mechanik in alles zu integrieren. Eine Mechanik, die mich ratlos machte.

George liess nicht mehr von der Wand ab. Er betastete sie hektisch und eingehender. Er fuhr rauf und runter, manchmal schneller, manchmal langsamer. Als würde er etwas suchen.

“Warum gehen wir nicht durch die Tür?” fragte ich.

“Verschlossen. Das war das Erste, was ich probiert habe. Lässt sich nicht öffnen. Schon gar nicht, wenn man sich unsere Ausrüstung besieht.”

“Wir haben keine.”

“Eben.”

Er begann an der Wand zu kratzen.

Zusammenfassend und mit einem Humor, den wir nicht aufbringen konnten, hätte man unsere derzeitige Verfassung einen „nackten Sturz“ nennen können. Wir waren also in einem organischen Raum, tasteten die Wand nun gemeinsam ab und vermieden es unsere Blöße zu thematisieren. Die Vorstellung, was dieser Raum tatsächlich sein könnte, reichten wir uns mit geflüsterten Worten zu. Wie Jonas im Wal, vermuteten wir auch hier, dass wir im Inneren, wenn nicht gar dem Magen eines Tieres sein könnten. Jedoch sprach die Trockenheit der Wände, die sich eher wie die Außenhaut eines Wesens anfühlte, dafür in kargen, warmen Gegenden zu leben. Es hatte die Konsistenz weichen Leders. Zwar verbunden mit einer Rauheit, aber gleichzeitig mit einer ungeschützten Note, die auf eine Verletzlichkeit hindeutete. Wir mussten uns bewußt machen, dass es sich hier um den Ort handelte, in dem die Augen landeten.

Die Wesen, die diesen Planeten bevölkerten, waren entweder geniale Diebe, oder aber sie kopierten gekonnt nicht nur die Teile der menschlichen Kultur, sondern hatten sich ein Wissen zusammengetragen, dass in der Biomechanik um so viele Jahrzehnte weiter war, als unser eigenes. Sie hatten das Thema wohl auf die Spitze getrieben, und wurden dabei nicht gebremst, von unserem Ethikverständnis, oder sonstigen Hürden, die wir nur mühsam überwanden.

Umgebungen dieser Art und dieser Form waren für mich bis dato undenkbar. Doch hier handelte es sich nicht um eine Petrischale, in der ein Experiment stattfand. Hier waren wir das Experiment.

Raumschiffe, die scheinbar atmeten,  Wände, die mit unseren Berührungen kommunizierten, dabei wohl Gefühle oder wenigstens Reaktionen zeigten, also uns gewahr wurden, bedeutete auch, der Fehler, den wir in diesem System gerade darstellten,  wurde schon lange erkannt.  Wir waren keine Augen, hier befanden sich drei Menschen, die versuchten, einen Weg nach draußen zu finden. Das war alles andere als vertrauenserweckend.

Amanda hatte sich auf die oberen Reihen der Wand konzentriert. Ich tastete ihnen gegenüber auf der anderen Seite alles ab. Man konnte den Raum mit zehn Schritten durcheilen. Die einzige Tür, die keine Öffnung aufwies, aber wohl den Rahmen, in dem sie sich bewegen konnte und eine Art Scharnier, dass darauf schließen liess, dass  wir es hier nicht mit einer Variante zu tun hatten, die zur Seite gleitet, war unbeweglich. Auch ich hatte mein Glück versucht. In dem ganzen Raum fand sich nichts, nicht einmal Staub. Er war klinisch rein, nicht wirklich gut ausgeleuchtet, aber hell genug, um darin gemeinsam zu agieren.

Es hatte etwa äußerst diabolisches an sich.

„Ich fühle mich wie eine Figur in einem Spiel.“ Ich bemühte mich einen Plauderton zu bewahren, der es mir erlaubte ungestört die Stille zu durchbrechen, während wir konzentriert nach Unebenheiten, Verschlüssen oder etwas suchten, was entweder weiterhalf oder die verdammte Tür öffnete. Wie auch immer sie funktionierte.

„Ich glaube, wir werden beobachtet.“

George drehte sich zu mir um, schüttelte den Kopf und wollte schon weitermachen, dann beschloss er doch noch auf mich zu reagieren. Aber es ging ein Zögern voraus.

„Natürlich werden wir beobachtet. Du hast doch nicht gedacht, dass unser Eintreffen unbeobachtet bleibt? Alles, was wir hier tun, ist ein Experiment.“

„Du sagst das, weil du es weißt, oder weil du es vermutest?“

„Ich sage das, weil meine Vermutung lange genug währt, um eine Wahrheit zu sein. Du kannst nicht so dumm sein, das du es nicht auch denkst. Wir gehören einer Versuchsanordnung an. Wir werden konfrontiert, mit Dingen, die sie mit uns in Verbindung bringen. Und sie warten unsere Reaktionen ab. Zwerge, Orks, Trolle, Elfen. Keine Ahnung, wo sie das herhaben, sie scheinen nur bestimmte Informationen über uns zu haben. Aber an denen halten sie wohl fest, und sie versuchen sie in eine Reihe zu bringen, die die Dinge erklären.“

„Toll…“

„Nein, mitnichten, überhaupt nicht. Aber du darfst auch hier nicht davon ausgehen, dass du irgendetwas machst, dass sie nicht wissen. Du bist ein Sklave. Wir wissen das, und du bist noch nicht lange genug da. Sklave heißt, nichts von dem, was hier geschieht, auf deinem freien Willen basiert. Das ist ein Hamsterkäfig, ein Experiment. Du kannst nicht sterben, das ist das Problem. Damit haben sie dich. Schwer zu verstehen?“

„Und warum weißt du das?“

„Oh, ich hatte genug Zeit bisher, darüber nachzudenken, oder?“

All das, war wider der Natur, wie ich sie verstand. Ich hatte mich umgedreht um, Amanda und George zu beobachten. Faszination und Abscheu wechselten in ihren Gesichtern ab. Unsere schutzlose Nacktheit verstärkte jedes Wort von George. Die unvergängliche Jugendlichkeit von George und Amanda stand im Kontrast zu meiner eigenen Körperlichkeit, die ich als unvollkommen empfand, und bei weitem nicht so kleidsam. Die Situation war verwirrend genug, und meine Angst und Panik wechselten in der Hoffnungslosigkeit mit allen möglichen Ideen ab. Ich konnte nicht hinterher sagen, ich hätte nie daran gedacht. Ich dachte an alles, und vieles, was ich verpasst hatte und um manches, um das ich sie beneidete. Und dennoch waren sie mir so fremd, und nicht mal wirkliche Gefährten für mich. Ich wußte, für jeden Weg, den ich hier rausfinden würde, hätte ich sie zurückgelassen. Ich hatte nur ein Ziel, und das war, weg von diesem Alptraum. Wenn sie mir halfen, war ich bereit, jede Schicksalsgemeinschaft zu akzeptieren. Taten sie es nicht, dann würde ich keinen Gedanken an diese Menschen verschwenden. Mit ihnen verband mich nichts. Nur der Irrsinn einer Situation, in der ich alleine durchgedreht wäre. Und hätte ich eine Waffe gehabt, dann hätte ich diese Wand bis aufs Blut malträtiert.

Das wir irgendwann doch hinausfanden, hatten wir Georg zu verdanken, der sich mehr und mehr in die Richtung des Bodens bewegte, und in der Nähe der Tür eine Stelle fand, an der er die Hand unter die Wand schieben konnte. Nicht weit, aber weit genug, um das Gefühl zu haben, unter einen Vorhang zu greifen.

„Es sind Augen, verflucht!“ schimpfte er. „Warum suchen wir in der Höhe? Was für ein Quatsch. Wenn dieses wirklich für Augen ist, dann gibt es entweder eine Öffnung hier unten oder einen Mechanismus, an den sie rankommen.“

„Selbständige Augen machen mir schon Kopfweh, aber die Tatsache, dass es ein Mechanismus in Bodennähe gibt, den sie bedienen können, mutet mir absurd an.“

„Aber hier ist eine Öffnung, und ich kann rein fassen.“

„Du wirst hinterher keine Hand mehr haben.“

„Sei ruhig, Christopher.“ mahnte mich Amanda, kniete zu George, griff ebenfalls unter der Wand, und näherte sich in dieser Position der Tür.

Sie flüsterte, als ob sie ein Mantra aufzählen würde.

„Es muss sich was tun. Augen haben keine Finger. Es muss ein Sinn darin liegen. Es muss einfach sein.“ Sie glitt zur Tür, robbte auf den Knien weiter. George beobachtete sie und stellte seine Versuche ein. Und plötzlich sprang die Tür auf.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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