Misa

Misa Teil 23

Zugegeben, wir waren überrascht, wie einfach es ging. Wir waren aber auch schockiert über die Dunkelheit, die uns dahinter erwartete. Wir konnten kein Ende des Ganges, der vor uns aufsprang, erkennen. Nicht mal einen Weg. Schon gar kein oben und unten. Es konnte ein neuer Schacht sein, etwas das voraus führt, aber auch eine Wand.

Amanda streckte den Kopf in die offene Tür, und es erschien uns, als ob sie ihn in ein Fass schwarze Tinte gesteckt hätte.

George flüsterte „Magie!“

Aber das ergriff mich nicht. Dieses Gefühl war mir zu trügerisch. Alles hier mußte einer Technik unterliegen, die begreifbar und nachvollziehbar, vor allem reproduzierbar war. Hier konnte es keine Magie geben. Das war ein Versuchsaufbau. Man testete uns aus. Keiner wußte mit unseren Funktionen etwas anzufangen. Ob George als Zeitgenosse Mozarts und Kaufmannssohn ohne Aufgabe, überhaupt eine Funktion übernehmen konnte, war mehr als fraglich.

Und Amanda, Agentin wider Willen, ohne Auftrag, mit großem körperlichen Einsatz? Amanda zog ihren Körper nach, und es war eine fliessende Bewegung, die sie für uns unsichtbar machte, und nur noch schluckende Schwärze zeigt.

Wir hörten sie noch glasklar, doch konnten nichts mehr von ihr sehen.

„Es ist unglaublich dunkel hier, aber es ist ein Gang, wir müssen uns an den Wänden entlang tasten.“

George war wenig begeistert. Er stand vom Boden auf, sah an sich hinab. „Das mit der Kleidung können wir vergessen, oder?“

Dann streckte auch er beide Hände aus. Und verschwand kurz darauf.

Auch ich sah an mir hinab, und dachte, dass ich über gewisse Dinge gar nicht nachdenken sollte. Ich hätte mir Kleider gewünscht. Ich war Vorkoster. Mein Körper war alles andere als ein Tempel und schwankte zwischen Diäten und anderen Extremen. Es gab Dinge, die an mir ganz gut aussahen, aber mit Kleidung hätten sie besser gewirkt. Eine Notsituation, dachte ich. Wir sind auf einem unbekannten Planeten. Rituale, eingehen auf die Bedingungen, Anpassen, Versuchen Kontakt zu Menschen zu bekommen, an dem Kontakt festhalten. Ich hatte das Briefing für solche Situation erhalten. Ich konnte es vor mich herbeten. Ich machte alles richtig. Ich trat in die Schwärze und hatte das Gefühl darin zu versinken, so sehr umgab sie mich. Ich bekam für einen Moment keine Luft mehr, weil ich dachte, ich sei eingeschlossen.

„Seid ihr da?“ Hörte ich Amandas Stimme, aber ich konnte sie nicht riechen, spürte keine menschliche Wärme. Und konnte auch keine Entfernung zu ihr abschätzen.

„Ja.“ flüsterte ich.

„Gut, bleibt stehen, streckt die Arme links und rechts aus. Unter normalen Umständen solltet ihr links und rechts mit den Fingerspitzen eine Wand berühren. Außer ihr habt kürzere Arme als ich. Dann bleibt trotzdem stehen, und schwankt ein wenig hin und her. Ihr müsst die Dimensionen abschätzen. Der Gang ist nicht sehr breit, und scheint nur nach vorne zu gehen. Geht aber trotzdem vorsichtig. Ich konnte bisher keine Unebenheiten feststellen, aber das soll ja nichts heißen.“

„Wo bist du?“

„Vor dir, Christopher, wie du sicherlich schon vermutet hast. Folge mir. Langsam.“

Ich hörte George, aber es war nur ein Schnaufen.

Ich tat, wie mir geheißen. Beide Fingerspitzen berührten die Wände. Meine Arme waren also mindestens gleich lang mit Amandas. Wir hatten eine ähnliche Größe. George war ein wenig kleiner.

„Ich untersuche die rechte Wand. Von euch sollte jemand die linke nehmen. Es kann sein, das wir dem Gang folgen müssen, aber trotzdem möchte ich nichts unversucht lassen. Wir sollten jede Möglichkeit nutzen, eine Öffnung zu finden. Egal wie klein. Egal wo. Egal, was wir damit machen können. Wir wissen nicht, wie das alles hier funktioniert. Und wir sind zu dritt. Wir sollten das ausnutzen.“

„Ja!“ war Georges Antwort.

Ich schwieg.

Es gab in meinen Augen nichts zu sagen. Egal, ob wir zu Dritt waren. Ich hatte mich selten so sehr schutzlos gefühlt.

Wir konnten nur erahnen, wie lange wir dem Gang folgten. Seine Größe erschloss sich uns nicht. Wir gingen also einfach weiter. Unsere barfüssigen Schritte wählten wir vorsichtig. Wir ertasteten genauso den Untergrund, wie wir es mit den Händen taten, und versuchten damit die Unebenheiten zu erforschen, rechtzeitig zu erkennen, und nicht überrascht zu werden.

Der Eindruck innerhalb etwas lebendigem unterwegs zu sein, war auch hier vorhanden. Hier vielleicht stärker noch, weil uns das Licht genommen wurde, und wir uns viel mehr auf unsere Tastsinne verlassen mussten als zuvor.

Der Erste, der von uns die Routine und schrittweise Bewegung nach vorne mit einem Ruf unterbrach, war wieder George.

„Moment, stopp. Halt. Ich habe was.“

Ich blieb abrupt stehen, verharrte und wagte kaum mehr meinen Atem auszustoßen. Ich lauschte in den Gang hinein, dorthin wo ich George vermutete.

„Ich habe etwas gespürt. Eine Öffnung. Moment.“

Ich konnte nicht sehen, was er tat. Aber ich ging davon aus, dass er seine Hand in etwas steckte.

„Bist du dir sicher“ fragte ich ihn.

„Ja, bitte warte. Einen Augenblick. Ich bin mit der Hand drin. Es weitete sich, es wird tiefer. Es ist eine Öffnung. Ich stecke nun beide Hände hinein. Es funktioniert. Die Arme.“

„Hör damit auf! Du weißt nicht, was das ist.“

Vor meinem geistigen Auge spielten sich die wildesten Dinge ab, doch ich hörte weder Kau- , noch Schluckgeräusche. George klang nicht sonderlich ängstlich.

„Ich kann die Öffnung erweitern. Ich glaube, da passt ein Mensch durch. Es ist wie ein Vorhang. Ich habe das Ende noch nicht gefunden.“

„Wir könnten verdaut werden.“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Oder das Gegenteil.“

Keiner antwortete mir.

Amanda mischte sich mit entschlossener Stimme ein. „Passt da wirklich ein Mensch durch?“

„Ich gehe davon aus.“

„Ich gehe.“

„Du bist verrückt.“ Ich versuchte einen Schritt zu ihr zu machen, war aber komplett ohne Orientierung. Ich spürte nur einen Duft, den ich ihr zuordnete, eine kurze Berührung und dann war sie wohl an mir vorbei. Wer konnte das schon sagen.

„Ich gehe da rein. Es ist die einzige Möglichkeit. Jemand von uns, muß das probieren, sonst geht es nicht weiter.“

„Wir könnten den Gang…“

„Nein.“ Sie war wirklich entschlossen. „Es macht keinen Sinn, diesem Gang weiter zu folgen. Wir wissen, dass es hier möglich ist, unendliche Landschaften zu erzeugen. Wir wissen, dass das eine ihrer Fähigkeiten ist. Wir haben schon oben, in den Parks einen Weg finden müssen, der diese Unendlichkeit durchbricht. Und auch das war kein normaler, sondern eher schmaler Durchgang.  Wir müssen mit diesem Wissen weitermachen. Es geht nicht anders. Dieser Gang muss kein Ende finden. Das sollte uns klar sein.“

Sie hatte recht. Keine Chance ihr zu widersprechen. Ich zuckte ungesehen mit den Achseln. War sowieso egal, was ich so tat. Sie nahm die Dinge in die Hand.

Ich konnte nur ahnen, wie sie ihren Oberkörper in die Öffnung schob und schließlich komplett darin verschwand.

Wir folgten wir. Erstaunlich war natürlich, dass wir uns dabei nicht im Weg standen, sondern wie die Teile eines Reißverschlusses einfach unsere Position einnahmen und Amanda, der Mutigen folgten.

Die Verengung, durch die wir uns bewegte, war – wie erwartet – vollkommen beängstigend. Es schloss sich eine weiche, fleischige Wand so feste um uns, wie wir uns gerade noch ein beklemmendes Atmen erlauben konnten. Wir stießen die Luft hektisch ein und aus, da wir fühlten, es könnte sich in den nächsten Minuten um rares Gut handeln, das uns entzogen werden sollte. Die Wand fasste also eine Person, umgab sie mit sanfter Gewalt, und berührte uns an allen Gliedmaßen, in dem sie sich unseren Körpern anpasste, als wäre ihre Konsistenz aus Gelatine, oder eben ein Qualle. Ihre Nachgiebigkeit schien ihre Bestimmung und führende Eigenschaft zu sein. Gleichzeitig blieb es nach wie vor dunkel, sie verbot mit ihrer kompletten Umhüllung den Blick nach vorne oder nach hinten. Jede Bewegung folgte der Fluss der Wand, sie umspülte uns nicht wie Wasser, doch gab gleichsam dem Element nach. Dennoch schien es nicht so, als sei das Ziel uns jemals wieder freizugeben. Im Gegenteil, es war noch schwerer als zuvor auszumachen, ob all das zu einem Ende oder in einen Verdauungstrakt führen würde. Aber das wäre dann wahrscheinlich das Ende gewesen. Es übertraf die Dunkelheit, die uns vorher eingehüllt hatte, aber es schloss sich ein Gefühl der körperlichen Bedrängung an.

Wir durchquerten die Wand, trotz allem, fast widerstandslos. Zwar war diese intensive Umarmung in ihrer Körperlichkeit alles andere als angenehm, aber die Flexibilität des Materials half uns den Weg fort zu führen. Wir konnten uns, nach einer Weile, in der wir uns tastend suchten, schließlich zur Orientierung und Sicherheit an den Händen halten. Wie kleine Kinder in einem Wald bildeten wir eine Kette, aber es erleichterte uns das Vorankommen. Amanda ging fast entschlossen voraus. Ich folgte ihr drängend, um endlich ein Ziel vor meinen Augen zu haben. Nach mir kam George, der sich sehr zögerlich verhielt. Ich hatte ihn falsch eingeschätzt. Die Art und Weise, wie er nun meine Hand hielt, hatte etwas sehr klammerndes, angstvolles an sich. Es liess ihn jünger wirken, und wehrloser. Der fordernde, junge Mann, der seine Jugend mit einer brüskierenden Kaltschnäuzigkeit überspielte, bedeutete mir, dass er mich brauchte.  Selbst sehr irritiert durch die Situation nahm ich das zur Kenntnis, aber es drang erst im Nachhinein richtig in mein Bewusstsein.

Er begab sich unauffällig in den Hintergrund, und zog es vor still zu bleiben. Die Wand wies eine erstaunliche Dicke auf. Unser Weg, der im Grund kein Weg, sondern ein bahnen durch eine Masse war, glich einem immer tieferen Eindringen, bis wir einen leichten Lichtschein sahen, der uns blendete, aber einen Teil der Silhouette von Amanda offenbarte.

Verirrte, tanzende Strahlen zeichneten sich auf ihrem verschwitzten Körper ab. Als sie die Öffnung, die sich vor ihr auftat, mit beiden Händen immer weiter auseinander zog, warf sie mir einen fragenden Blick zu, den ich fast nur erahnen konnte. Ich war zu sehr geblendet.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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