Misa

Misa Teil 24

Ihre fragende Reaktion bedeutete sicherlich etwas, aber egal was es war, es gab sowieso nur eine Richtung. Und so zuckte ich mit den Schultern, und forderte sie auf, weiter voran zu gehen. Von George, der mir folgte, vernahmen wir nichts. Ich ging davon aus, dass er sowieso kein Licht sehen konnte. Ich spürte nur seine klammernde Hand, die mich nicht mehr loslassen wollte. Ich zog ihn mit mir weiter. Wie den kleinen Bruder, den man gerade in die Hölle zerrt.

Es war zu erwarten. Je dunkler der Ort ist, aus dem man kommt, umso heller ist der, den man erreicht. Es hatte eine gewisse Logik, die dazu führt, die Augen fest zu zukneifen, und weiterhin blind zu bleiben. Ich war geblendet, aber von einer schmerzenden Stärke, die selbst meine Augenlider durchdrang. George fiel auf die Knie und hielt sich die Hände vor den Augen, während er sich päpstlich gen Boden näherte. Amanda stand wie eine verschwitzte Kriegerin in der Mitte des Raumes, breitbeinig und nackt, umhüllt von einer gigantischen Kuppel, deren halbrunde Bauweise eine einzige große Lichtquelle war. Ich sah keine Lampen, ich sah nur Helligkeit aus allen Richtungen. Wir waren schattenlos, denn unsere möglichen Schatten wurden immer wieder überschrieben. So musste es also im Inneren einer Lampe sein, dachte ich. Ein Irrwitz. Als ob es das Auge es nötig hätte, ohne einen Bezugspunkt zu sehen. Ich bemerkte, dass sich ein Schmerz hinter meiner Stirn ausbreitete, der stechend wie eine heiße Nadel meine Hirnschichten durchbrach. Im Baukasten für potentielle Folterer musste dieses Arrangement eines der höheren Level sein. George behielt seine Position bei, ich senkte den Kopf und suchte einen Ausweg.

Es war in den ersten Momenten nicht erkennbar, ob sich hier noch irgendetwas anderes aufhielt. Ich konnte nichts erkennen. Wir schwiegen, obwohl es keinen Grund dafür gab. Das Keuchen von George war eines der wenigen Geräusche, die mein eigenes lautes Schnaufen durchdrangen. Amanda gab keinen Ton von sich. Sie sah sich um, fuhr mit einer Hand durch ihr Haar und wirkte bereit für alles, was kommen konnte. Oder kommen sollte.

„Ist das wieder so ein Raum, in dem wir einen Ausgang suchen müssen?“, durchbrach ich die Stille.

Amanda schüttelte entschlossen den Kopf. „ Nein, ich höre Stimmen.“

„Du hörst Stimmen? Dieses Gebrabbel von den Aufgepumpten? Orks und Trolle?“

Sie hielt innen, drehte sich um und legte ihre Hand an die Lippen.

Ich machte eine hilflose Geste.

Aber sie flüsterte nur: „Englisch!“

Ok, dachte ich. Harren wir der Dinge. Dieses konnte kein Raum für herum vagabundierende Augen sein. Dazu war dieses Interieur schlicht zu unangenehm. Für Augen.

Und tatsächlich vernahm ich Schritte und ein entferntes Stimmengewirr, dass einer Diskussion glich. Männliche und weibliche Stimmen überschlugen sich, nahmen schärfere Töne an, wechselten sich ab, und brandeten wieder auf. Die Schritte waren in einer Vielzahl nicht einzeln zu erkennen. Sie klangen nach schweren Tritten, gut besohlten Schuhen, widerhallten, und näherten sich von unserer linken Seite. Ich legte meine Hand über die Augen, und sah in die Richtung.

Fast gleichmäßig und uniform kam Menschen auf uns zu, die in weißen wehenden Mänteln, Tablets und Kladden mit sich führten. Sie wirkten geschäftig, entschlossen und mit einem Auftrag verbunden, der sie zu uns eilen liess. An ihrer Spitze fand sich ein grauhaariger, älterer Herr, dessen Haare kurz geschoren waren, um möglicherweise ihre Lichtungen zu kaschieren. Er wirkte agil, kräftig, schlank, aber durch die tiefen Furchen und Falten, sowie den Abständen zwischen seinen Zähnen, die sein plaudernder Mund offenbarte, uralt. Ein drahtiger Methusalem in einem wehenden, übergeworfenen Mantel, den er so trug, als hätte er zwei Dutzend davon vorrätig.

Hinter ihm kam eine Gruppe von einer unbestimmten Größe, die alle in Kleidung und Haltung ihm glichen, aber sehr viel jünger waren. Eigentlich wirkten sie so jugendlich wie George, und auch wenn sie pausenlos mit einander plapperten, schienen sie ihm, dem alten Herrn zu folgen.  Je näher sie kamen, umso mehr wurden es. Hielt ich es im ersten Moment noch für eine überschaubare Truppe, so offenbarte sich mir, als sie dann vor uns standen, eine Menschenmenge, die bis zum Ende des Raumes reichte. Und wie Wellen brandeten ihre Gesprächsfetzen an uns heran.

Amanda hatte sich ihnen zugewandt. Und ich tat es ihr gleich. George hob nur seinen Blick und blinzelte. Ich kniff meine Augen dagegen in Schlitzen zusammen, und ich wußte genau, wie grimmig mein Gesicht aussah. Garstigkeit wäre noch ein zurückhaltendes Wort für meinen Ausdruck.

Der Alte schob sich die Ärmel seines Mantels mit der jeweils anderen Hand zurück, und betrachtete Amanda mit einem Blick, wie man Waren betrachtet, deren Preise zu hoch sind. Es war diese fatale Mischung aus Begehren und Geringschätzigkeit.

Seine nun freien Arme zeigten ein komplexes System aus Muskeln und Adern, dass sich um schmale Knochen zog, und sie wie das verwirrende Wurzelsystem eines Baumes wirken liess. Er trug eine überdimensionale, goldene Uhr am rechten Handgelenk, die fremdartig und klumpig wirkte. Er hob diese Hand, zeigte mit dem Finger in die Höhe von Amandas Brüsten, und sprach langsam, als ob Amanda ein Kind mit einer Lernstörung wäre: „Ihr seid hier falsch!“

Er zerdehnte jedes Wort so unangenehm, dass es mein schmerzendes Hirn an Punkten berührte, die mich zum Hass anstachelten. Das geschah so schnell, wie ich es mir selbst nicht eingestehen wollte.

Die Meute hinter ihm, die so farbenfroh in Haut- und Haartönen war, wie man sich das nur vorstellen konnte, war verstummt, hob aber zu diesen Worten ein synchrones Murmeln an, und verstummte sofort wieder. Man war sich also einig.

„Ihr gehört hier nicht her.“ wiederholte der Alte mit Nachdruck. Und war kurz davor, mit seinem erstaunlich langen Fingernagel die Haut von Amanda zu berühren. Ich trat einen Schritt vor.  Und kam damit in sein Sichtfeld. Ganz langsam, wie man es von falsch justierten Robotern kannte, wandte er sich mir zu. Seine Augen betrachteten auch mich, aber das Begehren, das er Amanda gewidmet hatte, fehlte komplett. Im Gegenteil, er betrachtete mich mit einer offensichtlichen Widerwärtigkeit, die ich sofort entgegen konnte.

Er wedelte unbestimmt mit der Hand, als würde er Fliegen aus einer Damenhandtasche verscheuchen wollen, und stieß aus seinen schmalen, vertrockneten Lippen hervor.

„Verschwindet. Macht das ihr fortkommt. Wo sind die Augen?“

Und wieder erhob sich der Chor. Wieder schienen sie seine Worte mit einem vielstimmigen Gemurmel unterstreichen zu wollen. Und wieder verebbten sie genauso schnell, als hätte jemand einen Taktstock geschlagen. Sie verharrten alle gleichmäßig auf die Sekunde und folgten seinen Blicken auf uns. Hätte mich nicht gewundert, wenn auch sie nur Luft enthalten hätten.

„Wo sind die Augen?“ wiederholte er wieder, in der für uns bestimmten Dehnung und dem Tonfall, den er angemessen hielt.

Ich sagte nichts. Ich blieb gleichbleibend stehen.

„Waar is die oë?“

Ich sah ihn an. Er zuckte mit den Schultern, drehte sich zu seinem Gefolge um und dann wieder zu uns.

„Hvar eru augun?“

Keine Reaktion von uns. Das gleiche Spiel. Umdrehen. Gefolge anschauen, wieder zu uns.

„Nasaan ang mga mata?“

Null Reaktion. Amanda sah ihn abschätzig an. Er uns, dann seine Leute, und die wirkten verzweifelt und er versuchte es in der nächsten Sprache.

„Kie estas la okuloj?“

„Ina idanu?“

„Non dauden begiak?“

„Qhov twg yog qhov muag?“

„Où sont les yeux?“

„Auhea na maka?“

Es folgten noch eine Menge Versuche. Hätte ich meine Ausrüstung dabei gehabt, dann hätte ich sogar gewusst, welche Sprachen er bemühte.

Er schien den Entschluss zu fassen, dass mit uns nicht viel anzufangen war. Ein Schicksal, dass wir von diesem Planeten ja schon kannte. In der Folge rief er mit einem grazilen Fingerschnippen einige seiner Jünger zu sich, denen er die Anweisung gab, uns mit zu nehmen. Sie waren dabei nicht zimperlich, und fassten uns mit harten Griffen an den Armen, um uns mit sich zu führen. Wir wehrten uns, doch überraschenderweise fanden wir uns beim kleinsten Zeichen von Widerstand, in einem unüberschaubaren Tumult, und noch mehr von diesen weißbefrackten Mitläufern stürzten auf uns ein, ergriffen uns, drehten uns die Arme auf den Rücken, zogen den Kopf zurück, rissen an den Haaren, und hieben von allen Seiten auf uns ein, als müssten sie einem unverständlichen Hass freien Lauf lassen. Das schien ihnen zu gefallen. Warum auch immer. Sie zerrten und rissen uns mit sich. George schleiften sie gar auf seinem Rücken aus dem Raum, während Amanda ihren Widerstand schnell aufgab und bereitwillig mit ihnen ging.  Ich hasste sie auch alle. Sofort. In diesem Moment.

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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