Misa

Misa Teil 26

Wir nannten die Rituale und Regelmäßigkeiten, die sich mit uns und um uns abspielten, nach einer gewissen Zeit, Tage, und begannen diese zu zählen. Wir hatten keinen Zeitmesser, der uns dabei unterstützt. Aber gemessen am Schlafbedürfnis und unseren Wachphasen sahen wir die Gleichförmigkeit als Unterstützung einer Schätzung an, die uns entgegenkam. Innerhalb eines definierten Tages passierte nichts unvorbereitetes. Es gab keinen Bruch in den Ritualen, keine Verhöre oder ähnliches, was wir vermutet hatte. Man kümmerte sich nicht weiter um uns. Gab uns zu essen, beobachtete uns leidenschaftslos und eher wie eine Nebensache und wandte sich vermehrt den anderen Gefangenen zu.

Auch die anderen Gefangen hatten sich den Tag mehr oder weniger sinnvoll eingeteilt. Wie der Zeiger einer Uhr grüßte mich der Troll jeden Tag um dieselbe Zeit mit seinem Mittelfinger. Es war eine obszöne Bedrohung. Und er war ein besonders prachtvolles Exemplar seine Gattung. So ausgewachsen und stattlich wie er war überragte er mich bestimmt um zwei Köpfe, war umrahmt von einem wilden Bart und einem ungebändigten Haarwuchs, dem er viel Raum und Freiheit gewährte. Er lachte jedes Mal, wenn er mich sah, aber es fehlte darin eine beruhigende Note, die mir den Umgang mit dieser Tradition erleichterte. Er schien auch nur an mir Interesse zu haben. Meine beiden Begleiter ignorierte er gekonnte. Ihnen schenkte er keinerlei Beachtung. War also nur etwas zwischen ihm und mir.

Sie gaben uns zu essen, hielten die Temperatur angenehm und achteten darauf, dass wir die Zelle nicht mit unseren Fäkalien kontaminierten. Mal abgesehen davon, die Zelle war extrem schmutzabweisend und wurde die auch noch gegen Ende eines jeden Tages fast unter Wasser gesetzt, um auch noch den letzten Dreck raus zu spülen.

Alles in allem wurden wir weitestgehend ignoriert. Einzelne, der jungen Leute, setzten sich vor die Trolle und beobachteten sie über Stunden. Lange Zeit schienen sie davor zu meditieren, machten sich Notizen, zeichneten oder rechneten. Keines der Wesen schien das zu stören. Es wirkte, als wären sie es nicht anders gewohnt.

Ich hatte Mühe, die Zeitspannen zu zählen. Wir vermuteten zwar einen Rhythmus, der unseren Vorstellungen von Tag und Nacht glich, doch noch immer hatten wir saubere Hände, langweilige Nahrung, einen regelmäßigen Stuhlgang, aber nichts , was uns half die Langeweile zu vertreiben. Amanda machte Liegestütze, übte sich im Yogasitz, rannte auf der Stelle, betrieb Atemtechniken und hatte wahrscheinlich die beste Methode gefunden mit all dem klarzukommen. George bewegte sich kaum, und sein blasses Gesicht wirkte wächsern, seine Haut fahl und unter seinen Augen bildeten sich Ringe, denn er schlief kaum. Und wenn, dann sehr unruhig. Erhob er sich, dann wirkte er alt, und grau, unbeweglich und steif. Ich selbst versuchte Amanda nachzueifern, aber musste sehr schnell aufgeben. Ich erzähle nicht, was ich sonst tat, aber mir fiel nicht sehr viel ein, was ich mit meinem Körper machen konnte, und auch wenn Amanda es ekelhaft fand, so war mir spätestens  am dritten Tag alles egal. Ich bekam einen Bart, und meine Haare fielen mir bereits auf die Schultern, als ich mal wieder daran dachte, was Bald John Peacock, Karl und Mario jetzt wohl machten.  Von einer Tür war noch lange nichts zu sehen, und unser Aufenthalt schien kein richtiges Ende zu haben. Ein Ziel war nicht zu sehen, und auch von den anderen Wesen sah ich keines, dass aus seinem Gefängnis geführt oder entlassen wurde. Ich verwahrloste. Nicht so wie George, aber genug, um mich selbst zu hassen.

Wir sprachen immer weniger, und die Art und Weise wie wir uns ankläfften bedeutete nichts gutes. Ich war schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum mit anderen Leuten so nahe beisammen gewesen. Die Verrichtung bestimmter Tätigkeiten entblösste mich mehr, als ich es mir nahestehenden Menschen bisher erlaubt hatte. Und weder Amanda, noch George standen mir wirklich nahe. Der Hass, den ich ihnen entgegen brachte, entsprach zu hundert Prozent dem Hass, den ich mir selber zukommen liess. Ich mochte meinen Geruch nicht, ich mochte nicht, dass ich mich nicht davon säubern konnte. Meine Haare neigten zum Fetten, mein Körper zum schwitzen, das Essen bekam mir nicht, auch wenn mein Magen schon einiges  gewohnt war, und es reichte eben nicht, nur die Hände zu reinigen. Was bildete sich dieser Haufen überhaupt ein?

Als ich bereit war, alle Hoffnung fahren zu lassen, und wilde Phantasien beim Betrachten meiner Mitgefangenen entwickelte, brach die Barriere vor uns für einen Moment zusammen, zwei schweigende Exemplare der jungen Menschen, ganz ohne Kladde und Tablett übertraten die Grenze zu unserer Zelle, packten mich und schleppten mich hinaus. Das geschah so überraschend, wie Amanda blinzeln und sich George gerade mal auf seiner Pritsche drehen konnte. Schon war ich draußen.

Einer meiner letzten Blicke galt dem Troll, der es jeden Tag so gut mit mir meinte, und ich erlebte, wie er den Mund öffnete, innehielt, und seine Augen zu kleinen Untertassen wurden. Er war also erstaunt. Wenn etwas ungewöhnliches passiert, dann lässt man es sich doch gerne von jemanden bestätigen.

Sie gingen gewohnt grob mit mir um, aber ich hatte nichts anderes erwartet. Und meine Neugierde war groß genug, um alles mit mir geschehen zu lassen. Abholen war besser als darin zu verbleiben. Im Gegensatz zu unserer Ankunft erregte ich dieses Mal überhaupt kein Aufsehen. So wie sie mich durch die Zellen zerrten, hätte ich mit allem gerechnet, aber nur die Trolle und Echsenmenschen beobachteten was vor sich ging. Und da sah ich auch sie, die Zentauren. Also gab es auch Zentauren. Was fast logisch war.

Soweit ich das feststellen konnte, und meine Position war dabei nicht sehr übersichtlich, oder gut zu nennen, schleppten sich mich an ein ganz anderes Ende des Hangars. Zu einer Stelle, die ich bisher nicht kannte. Durch das beständige Wackeln und rauf und runter drücken meines Kopfes war es sehr schwierig die Position und Dimension zu erfassen, die all dieses ausmachte. Tatsächlich versuchten die Beiden mich möglichst regelmäßig zu zerren, zu ziehen und zu schlagen. Auch wenn es erstaunlich leidenschaftslos war, gab es dennoch kaum einen Fleck an meinem Körper, an dem ich nicht ihre Fäuste und Hände spürte. Ich wollte mir die Hämatome nicht vorstellen, die mich überziehen sollten.

Es gilt zu bedenken, dass ich keinen Widerstand leistete. Ich ging gefügig mit, folgte ihnen wie ein vertrotteltes Schaf und dennoch behandelten sie mich, als würde ich gerade eine Rebellion anzetteln. Und ich schwor mir, sollte ich jemals die Chance haben, dann würde ich genau das tun. Unter Folterern mag es verschiedene Philosophien geben. Vielleicht wussten sie tatsächlich, wie man mich oder andere Wesen brechen konnte. Durchaus möglich. Ich kenne mich dabei nicht so aus. Ich fühlte nur eine heiße Wut in mir aufsteigen, die sich über alles legte und mein Denken mehr und mehr verkleisterte. Ich biß die Zähne so stark zusammen, ich schmeckte mein eigenes Blut. Ich gönnte ihnen keinen Ton von mir. Selbst mein Stöhnen äußerte sich in einem Biss, der mir fast die Zunge gekostete hätte. Ich spürte nie zuvor so einen Widerstand in mir, wie in diesen Momenten, in denen sie keinen in mir vermuteten und mich dennoch brechen wollte.

Natürlich führten sie mich in ein verwirrendes System aus Gängen, Aufzügen, Rolltreppen und Laufbändern. Sie boten alle Transportmöglichkeiten auf, die ich mir vorstellen konnte, und als ich zudem in ein Röhrenfahrzeug geschmissen wurde, konnte ich sehen, wie der Schattenriss einer dunklen, verwinkelten Stadt an mir vorbeisauste. Es gab nicht die geringste Chance, dieses System, durch das sie mich führten, zu verstehen.  In meiner bisherigen Ahnung befand ich mich sehr tief in einem künstlichen Gebilde, aber ich hatte die Orientierung verloren, wie tief.  Vor meinem geistigen Auge gab es regelmäßig den Versuch, das Steigen, Fallen und Fahren in ein Verhältnis zu bringen und so etwas wie eine Karte aufzubauen, aber ich hatte schon vor langer Zeit jeglichen Bezugspunkt verloren. Wie , zum Teufel, sollte ich den Weg zu dem Trapper und dem argentinischen Rinderbaron jemals zurückfinden?

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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