Misa

Misa Teil 27

Ich fiel. Ich wurde gestoßen. Ich landete auf dem Boden und zwar genau vor dem Alten. Eine Hand griff in meine Haare – sie waren ja jetzt lange genug – und riss meinen Kopf zurück. Mein Hals wurde überdehnt, in meinem Genick knackte etwas und mir entfuhr ein kehliger Schrei. Konnte ich nicht verhindern. Dafür sah ich den Alten besser als je zuvor.

“Christopher Martin, nicht wahr?”

Ich saß nackt auf meinen Knien, mein Blick zu ihm hochgerichtet und antwortete ihm nicht.

“Vorkoster. Welch ehrenwerter, aber unterschätzter Beruf. Sie wissen nichts mit dir anzufangen. Dabei wäre die Geschichte anders verlaufen ohne deinesgleichen .”

Ich behielt meine Stellung bei. Er sinnierte, und sah mich dabei unablässig an.

“Wir haben den Krieg verloren. Dachten wir. Dabei ist er noch nicht vorbei.”

“Welcher Krieg?”

Meine Stimme war mir fremd. Sie hallte in mir wieder, aber wurde mir nicht vertrauter.

“1945. Der Führer brachte sich im Bunker in Berlin um. Der Krieg schien vorbei. Ich musste fliehen.”

“Sie sind Deutscher? Ein Nationalsozialist?”

“Nein, ich bin Wissenschaftler. Ich forsche, unterrichte, arbeite an der Zukunft und dem Fortbestand der Menschheit. Der Nationalsozialismus war eine Episode. Eine Zeit, in der wir den Grundstein legten für eine Forschung, die sich über die kleinbürgerliche Moral hinwegsetzte um Großes zu leisten und das Ergebnis in den Vordergrund stellte. Es lehrte uns, dass sich brillante Köpfe Ideologien zu nutze machen sollten. Aber sich ihnen nicht unterwerfen dürfen. Nicht unterwerfen, Vorkoster. Das ist der Trick. Der einzige, wenn es nach mir geht.“

Er beugte sich zu mir herunter, nahm mein Kinn in die rechte Hand und zog mich nahe an sein Gesicht.

“Sie riechen nicht gut, Vorkoster. Tatsächlich stinken sie. Können wir etwas für sie tun? Ihnen das Leben angenehmer machen. Unter Menschen, ihresgleichen. Sie verstehen, Vorkoster Christopher?“

“Sind sie einer von diesen gottverdammten KZ-Ärzten?”

“Sie kommen aus meiner Zukunft, nicht wahr? Ich bin für sie ein Teil der Geschichte, habe ich recht? Sie beurteilen das mit der Arroganz der Sieger, kleiner Vorkoster.  Das macht es einfach für sie. Sie fühlen sich auf der moralisch richtigen Seite. Aber haben sie nicht alle von der Forschung profitiert? Von unserer Forschung? Dem was wir rausbekamen?“

“Sie haben Grenzen überschritten..”

“Es ist meine verdammte, heilige Pflicht Grenzen zu überschreiten.“ Er hob die Stimme an. „ Meine verdammte heilige Pflicht. Wenn sie mich fragen. Und sie müssen mich fragen. Nur mich. Sie waren nicht dabei. Sie lebten damals noch nicht einmal. Für sie ist das Geschichte, vergessen sie das nicht, Vorkoster Christopher.

Fühlen sie sich in der Position mir Vorwürfe zu machen? Wie kommen sie dazu? Sie sitzen nackt zu meinen Füßen. Auf einem fremden Planeten. Welche Moral herrscht hier? Ist ihr Leben auch nur einen Pfifferling wert? Einen verdammten Pfifferling? Ich könnte ihre Freundin verspeisen. Wer würde mir das anlasten wollen? Wo ist ihre Vernunft? Mäßigen sie sich. Ich rede mit ihnen. Noch.“

Er schüttelte meinen Kopf gewaltsam.

“Ich will mich mit ihnen  unterhalten, Vorkoster! Nutze sie ihre Chance. Nur deswegen habe ich ein Interesse an ihnen. Erzähle mir, wie wir heute beurteilt werden. All die Jahre später. Jetzt, wo ihr Menschen das All bereist und eure Vorstellungen überprüfen könnt.”

Er wechselte die Höflichkeitsformen in der Anrede nach dem Grad seiner Erregung. Ich spürte die kleinen Explosionen in seinem Kopf. Die Theatralik seiner Gesten unterstrich das.

Ich saß nach wie vor zu seinen Füßen, meine Knie schmerzten, der Boden war rau. Aus einem Material, das nicht dafür geschaffen war, vor irgendjemanden zu knien.

“Ich glaube nicht, dass sich in der Beurteilung ihrer Taten jemals etwas ändern wird. Und sie haben verdammt Recht, meine Position ihnen gegenüber ist so schlecht, dass ich es mir nicht einmal erlauben kann, ihnen gegenüber ehrlich zu sein. Was, um Himmels Willen, macht so jemand wie sie hier?”

Er sog hörbar die Luft ein. Es rasselte etwas in seiner Lunge, und er wirkte fragiler, aber gleichzeitig muskulöser dadurch. Seine Adern traten für eine Sekunde stärker hervor, und ich glaubte, die Bewegung von Blut und Ärger zu sehen. Konnte mich aber auch täuschen. Mir lief der Schweiß hinab, und trotzdem war mir kalt.

“Ich betreibe die Forschung zu der ich bestimmt bin. Ich bin kein Dr.Mengele, auch wenn sie das jetzt von mir denken werden.”

“Wer zum Teufel sind sie?”

“Zweite Garde. Niemand, der heute noch in ihren Geschichtsbüchern erwähnt wird.”

Er holte aus.

“Wir waren Kommilitonen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er war kein brillanter Kopf, aber sehr diszipliniert, sehr akkurat, jemand, der bereit war der Wissenschaft, das zu geben, was sie benötigte…”

“Er war ein Mörder.”

“Ach, hören sie auf. Wenn sie Ahnung hätten, dann wüssten sie von seinen Beiträgen für die Grundlagenforschung. Sie wüssten von dem Wert dessen was er geleistet hat. Sie jedoch, sie Vorkoster, verlassen sich auf die sehr populäre Dämonisierung seiner Person. Allerdings berührten sich unsere Gebiete nicht so stark, als das ich ihm hätte assistieren können. Er war nicht das personifizierte Böse, als das sie ihn darstellen. Er war lediglich erhaben über das, was sie an diese Erde bindet. Und in diese beschissene Lage bringt.“

Er sah über mich hinweg, als ob er seinen Weg durch die Zeit suchte. Zurück in einen dunklen Teil der Vergangenheit, der schwer teilbar war.

“Josef Mengele interessierte sich, wie ich für die Erbkrankheiten. Aber sein Ansatz war ideologisch geprägt. Er wollte eine Rassenhygiene. Das war ein Ansatz, der zu der Zeit durchaus en Vogue war. Wenn ich das mal so sagen darf. Er rannte damit offene Türen ein. Ich persönlich war mehr von Hermann Joseph Muller begeistert. Die Mutationen, die durch Röntgenstrahlen ausgelöst wurden, hatten es mir angetan. Mit Menschen jedoch nur bedingt zu testen. Das war nicht mein Material. Bakterien. Bakterien, tausendmal schneller zu mutieren. Tausendfache Ergebnisse. Wunder, die sofort geschahen.

Die Begeisterung Dr. Josef Mengeles für die Arbeit im Konzentrationslager konnte ich nicht teilen. Seine Freiheiten waren phänomenal, aber auch die Unterstützung für meine Forschung war nicht zu verachten. Jedoch, machen wir uns nichts vor: Wer seine Forschungen nicht in der Nachbarschaft zu Leichenberge betrieb hatte hinterher einfach den besseren Leumund.”

Er reichte mir die Hand.

“Dr. Wilhelm Schattke, ich darf mich vorstellen. Stehen sie auf.”

“Ich gestehe, ich habe noch nie von ihnen gehört.”

Er kicherte.

“Sehen sie. Sehen sie. Das meine ich. Unter dem Radar. Alles gut, nicht wahr?”

“Seit wann sind sie hier?”

“Das ist eine gute Frage. Ist ihnen schon etwas aufgefallen? Jegliche Zeitrechnung, die sie gewohnt sind, wird hier auf den Kopf gestellt. Funktioniert nicht. Wie soll ich ihnen also sagen, seit wann ich hier bin? Zeit hat scheinbar keinen Einfluss auf mich. Ich fühle mich jung, aber um ihre Frage zu beantworten, es war im Sommer 1968, als man mich aus einem Stadtpark in Hamburg entführte. ”

“Hamburg? Sie lebten in Hamburg? ”

“Ich bitte sie, warum nicht? Ich habe an der Universität gearbeitet. Ich hatte ein achtbares Renommee. Wo sollte ich sonst arbeiten?”

Ich stand auf. Stand ihm gegenüber

Sah ihm direkt in die wässrigen alten Augen.

“Sie sind ein verdammter Nazi. Sie hätten in Südamerika sein sollen.”

“Was habe ich gemacht? Ich bitte sie, ich habe Bakterien mit Röntgenstrahlen beschossen. Was Dr. Mengele und seines gleichen damit in den KZs abgestellt haben, das geht mich nichts an.”

“Sie haben ihre Mutationen in die Konzentrationslager geliefert? Sie sind ja irre!”

” Moment, die waren ganz scharf darauf. Meine Forschung musste finanziert werden. Wir stellen sie sich das eigentlich vor?” Sein Blick wurde bohrend. „Wie, in Drei-Teufels-Namen, stellen sie sich das vor? Ich bin Wissenschaftler. Das ist keine Passion, Vorkoster Christopher. Das ist eine Aufgabe.  Eine Verantwortung!“ Er wartete. Keine Ahnung auf was. „Wieso tragen sie keine Kleidung?“

„Sie stecken mich tagelang in eine Zelle und fragen mich, warum ich keine Kleidung habe?“ Ich kam ihm näher, mein Blick hing an seinen Augen und ich legte den Kopf schief. „Ich wollte den Augen folgen. Sie wissen, die Augen? Sie hatten mich danach gefragt. Wir wollten den Augen folgen. Wir kamen hier an. In diesem Königreich der Wissenschaft. In ihrem Spielzeugparadies. Sie sind hier der Gottkönig. Was können sie für mich tun? Geben sie mir und meinen Kameraden Kleidung. Nehmen sie mich als Menschen. Geben sie uns Würde, sie verdammter Nazi.“

Er lächelte. Er trat einen Schritt zurück, blickt an mir herunter, dann wieder herauf, dann blieb er lächelnd und ruhig stehen.

„Sie müssen es zugeben, Vorkoster, die Augen sind genial, oder? Auch wenn sie ein wahrer Schafskopf sind, dann müssen sie das zugeben, oder? Das mit den Augen habe ich gut gemacht, nicht wahr?“

(Für die Neueinsteiger:

Bisher gehörte diese Geschichte, zu einem Projekt, bei dem es um Romananfänge ging. Ab jetzt wird es ein Blogroman. Ich persönlich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob Blogromane überhaupt eine lesbare Variante sind. Das müsst ihr mir sagen.

Wie auch immer: Ab jetzt wird diese Fortsetzungsgeschichte mit einem gleichbleibenden Cover illustriert – zur schnelleren Erkennbarkeit – und auch in Wattpad mit etwas Verzögerung lesbar sein. 

Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch  um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Tatsächlich freue ich mich über jeden Kommentar, jede Nachricht, jeden Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Ihr dürft mich auf jeden Fehler aufmerksam machen. Ich versuche ihn zu berichtigen, aber den Lauf der Geschichte vorerst nicht nachträglich zu ändern. Erst muss sie fertig werden,und bis dahin ist es noch ein langer Weg. Es handelt sich um einen ersten Entwurf.)

 

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