Warum ?

( Kurzgeschichte 1 aus der Sammlung “..ohne Grund für kleines Geld” )

Ich flog über die Motorhaube. Und hätte ich keine Filzjacke angehabt, dann wäre ich wohl kaum wieder so schnell aufgestanden. Die Colabüchse schoss davon, dass Longboard sauste die Einfahrt runter, und ich spürte erstaunlich wenig. Stand vor ihrem Wagen, betrachtete meine Kleidung, meinen Atem in der Winterluft und sah sie verwirrt an. Meine Mütze war mir vom Kopf gefallen, und ich hob sie auf. Ich schmeckte Blut in meinem Mund. Aber als ich mit der Hand meine Lippe befühlte, und sie danach ansah, da bemerkte ich nichts.

Die Frau stieg schnell aus dem Auto. Fragte, wie es mir geht, und ob alles in Ordnung sei. Ich nickte. Überlegt. Sagte nichts. Aber nickte. Ein Kind saß auf dem Rücksitz. Seine Augen waren groß wie dunkle Golfbälle. Er sah aus wie ein kleiner Alien, und war blond wie seine Mutter. Auf seinem T-Shirt war ein gelber Bagger. Sie sprach weiter, gab mir einen Zettel. Meinte, dass sei ihre Telefonnummer. Und ihre Adresse. Und sie wollte meine. Reichte mir einen Stift, ich schrieb alles auf einen anderen Zettel, gestützt auf ihre Motorhaube. Ich wollte nach meinem Longboard schauen. Es lag irgendwo unten in der Einfahrt. Hatte gescheppert.

Ich war 17 Jahre alt, und die Cola trank ich nur, damit das verdammte Zeug in meinem Kopf wieder in Ordnung kam. Ja, ich würde zum Arzt gehen, sagte ich. Unbedingt, meinte sie. Unbedingt. Sie wiederholte es dreimal.

Immer wenn Menschen etwas dreimal wiederholten, dann bekam ich Kopfweh.  Ich nickte wieder und wieder. Für jemanden in ihrem Alter war sie hübsch. Ich knüllte ihre Adresse in meiner Hosentasche zusammen, weil ich nicht wußte wohin damit, und ging hinunter, um nach dem Longboard zu schauen. Ich hatte nur das eine, und das verdammte Ding war ein Unikat.

Ich spürte, dass ich mir auf die Zunge gebissen hatte. Daher das Blut. Als Mick Jagger das bei einem Skiunfall passierte, klang der Blues besser als vorher. Sagt man. Muss man sich mal vorstellen. Wer kennt heute eigentlich noch Mick Jagger?

Mein Board sah gut aus. Unverwüstliches Teil.

Egal wieviel Koffein ich mir reinschüttete, ich schlief trotzdem ein. Mein Kopf und ein Gletscher hatten dieselbe Richtung. Immer bergab. Ich warf mich auf mein Bett, starrte die Decke über mir an, schmiss ein kleines Kissen hoch, fing es wieder ein. Warf es wieder hoch, fing es wieder ein.

Das mit der Rippe ging erst am zweiten Tag los. Sie schmerzte ein wenig, dann stärker und schliesslich nahm sie mir stundenweise den Atem. Und Nachts die Bequemlichkeit. Ich kam mir behindert und alt vor. Ich rauchte dann mehr, sog es tiefer ein und blies es langsam zum Fenster raus. Es war kalt und klar. Selbst die Nächte waren heller. An den Bäumen hing kaum noch Laub, aber der Schneefall blieb noch aus. Es war nur eisig kalt.

Ich ging etwas gebückter. Das mit der Rippe war wirklich übel. Und das mit der Hand kam auch erst später. Beim Skaten kam sowas ständig vor, ich ging deswegen nicht zum Arzt. Blutabnehmen war keine Option. Wer genau hinsah, der konnte die Prellungen sehen. Der kleine Finger fühlte sich komisch an, bewegte sich kaum noch. Und die Rippe zwang mich zum aufstehen in der Nacht. Konnte nicht durchschlafen. War einfach noch mehr müde. Im Unterricht nahm ich ein paar Ibus, dann ging das, aber die Augen klappten zu. Es fühlte sich nicht an wie mein Leben. Und nur um es zurück zu bekommen, ging ich runter  zum Hafen, setzte mich mit den anderen Jungs dahin und trank noch ein Bier mit ihnen. Und Wodka. Oder was sie so da hatten. Bis zum Sonnenuntergang malten wir Männchen in den aufgeschütteten Strand und sprachen über die Dinge, die kommen sollten, und die Mädchen, mit denen wir es machen würden. Wir inhalierten tief, und ja, es war verdammt kalt, aber das ging schon. In der Ferne klirrte das Eis auf dem Fluss.

Es war ein schneeloser Winter. Eine Menge Regen, und Temperaturen, die mir Kopfweh machten. So kam auch der Frühling, und der viel zu schnell. Ich war manchmal in den Clubs, aber das mit dem Pogo ging nicht mehr, und ich spuckte das Bier wieder aus. Auf dem Longboard war alles okay, vom Schwindel abgesehen, aber Tanzen konnte ich nicht mehr. Ich dachte manchmal an die Frau, aber eher daran, dass ich sie gerne wiedersehen würde, auch wenn sie so einen komischen Jungen hatte.

Aber ihre Adresse wurde mit der Jeans gewaschen, und einfach vorbeigehen wollte ich auch nicht. Außerdem war mir meist übel. Ich schlief viel.

Karl hatte mich die Treppe runtergeworfen, als ich mit seiner Freundin sprach. Ich wollte nichts von ihr. Ich mochte sie nicht mal. Aber sie mich. Und so passte er mich ab, nannte mich Spasti, schlug mir links und rechts eine rein, schmiss mich die Treppe runter, und ich fiel einfach, ohne das ich es recht mitbekam. Unten sammelten sie mich auf, schleppten mich auf eine Couch, holten die Schulärztin, gaben mir ein Schmerzmittel, das ich nicht kannte, fragten mich wieviele Finger sie hätten und solche Sachen, und ich sagte, alles okay. Dann ging ich heim. Legte mich aufs Bett, und bekam das verdammte Kissen nicht mehr an die Decke. Ich schlief ein.

Im Herbst entließen sie mich aus der Schule. Das war in Ordnung. Ich war alt genug, und ich hätte die Prüfung sowieso nicht geschafft. Ich hatte keine Ahnung, über was das letzte halbe Jahr geredet wurde. Das rollte einfach so vorbei. Das halbe Jahr. Unglaublich. Wie schnell so etwas vergeht.

Die ersten Blätter fielen schon wieder. Mein Vater und meine Mutter, die begegneten mir ja sowieso selten, aber nun wollten sie gar nichts mehr von mir sehen. Eigentlich hatten sie es ziemlich satt, sagten sie. Die Gammelei , die Drogen, und früher hätte ich ja wenigstens Sport getrieben. Sagten sie. Das Skateboard wäre wenigstens noch was gewesen. Sagten sie. Dabei hatten sie es gehasst. Schrie ich.  Aber ich würde ja nicht mal mehr Skateboard fahren. Sagten sie.

Oh, scheiße. Schrie ich. Was sie das denn jetzt interessiert?

Verdammt noch mal, was ich mir den einbilde? Schrie mein Vater. Und es wurde nicht besser, und dann wiederholte sich alles. Und ich bekam Kopfweh. Nahm das Longboard. Und rollte davon.

Es nieselte. Ich schloss die Jacke, fuhr zur Tankstelle, kaufte mir eine Büchse und rollte weiter. Ich steckte die Hörer in meine Ohren, und die Welt wurde Lärm, und ich Punk, und das Bier war gut, und der Herbst der übliche Mist.

Mein ganzes Leben fuhr ich dieselben Straßen. Ging ich dieselben Wege. Irgendjemand würde das an den Spuren im Asphalt mal sehen. Ich bin tausendmal an den selben Häusern vorbeigerollte. Habe immer wieder nach dem Mädchen geschaut, dass dort drüben wohnte. Und mir ging es kotzelend. Ich spuckte das Bier aus. Fuhr weiter. Und dort war der Briefkasten schon seit einem Jahr offen gestanden, wahrscheinlich lag eine Leiche in dem Haus und keiner wollte es wissen.

Ich rollte weiter, und um die Ecke, über die glitschigen Blätter, und stand plötzlich vor der Karre, in der vor fast einem Jahr das Alien-Kind gesessen war. Ich sprang vom Board, zuckte kurz, weil die Rippe, ihr wisst es ja, die verdammte Rippe immer noch schmerzte. Beugte mich runter, griff das Ding, passt dabei auf, dass ich nicht den kleinen Finger nutzte, und hob es hoch.

Als ich das erste Mal zuschlug, da ging gleich die Alarmanlage los. War ja klar. Aber es kam niemand. Kein Mensch kommt, wenn tagsüber die Alarmanlage los geht. Ich schlug noch mal zu, ich zerschmettert das Licht, arbeitete mich an der Heckscheibe ab, donnerte das Brett in die Tür, liess es auf das Dach niedersausen und schwitzte wie ein Eber. Ich keuchte, und die Rippe brüllte mich an, ich solle aufhören, aber ich hörte auf keinen Schmerz. Ich schlug einfach zu, bis das Brett zerbrach, mir die Tränen runterflossen und mich jemand gegen die Fahrertür schmiss.

Sie sagten. Ich solle mich mal ausschlafen. Ich würde bestimmt bald abgeholt, aber sie würden trotzdem gerne wissen warum. Sie fragten mich das ziemlich oft. Nach dem Warum. Immer wieder. Und in meiner ersten Nacht in der Zelle hatte ich deswegen einfach nur Kopfweh. Später wurde das besser.

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