FC-Profil vom 17.03.04

Vor einigen Tagen hatte ich ein Fotocommunity-Profil hochgeladen, das ich kurz darauf wieder änderte. Für die, die alles verpasst haben :

In den seltsamsten Momenten fallen einem die längst vergessenen Strophen ein, die die Kindheit begleitet haben. “ Es ist Juli, Sommernächte fliehen ohne Hast…“, und es ist gar nicht Juli, es sind keine Sommernächte, es ist schlicht März, einer der Monate, die dem April seinen gehörigen, notwendigen Vorlauf an Kälte und Unregelmäßigkeit geben.

Und trotzdem: Es sind genau jene Zeilen, genau jene Momente, die wie ein Deja Vu aus dem Hintergrund der letzten Gedanken auftauchen. Man denkt an den Geruch der Wiese, man denkt an Jeans, an T-Shirt, an Schweiss, an schmale, feuchte Spuren, an Dinge, die einen verheißungsvoll erscheinen und nicht von der Seite weichen möchten, an den ersten warmen Tagen…

Sonnenstrahlen. All überall, noch bösartig, und fetzig in ihrer Wirkung, noch kreischend und schnell und da und überall. Fast denkt man, man könnte sie greifen. Fast hofft man, sie mögen bleiben, fast verflucht man sie für die Schmerzen im Kopf, die schon davon zeugen, das nichts bleibt, wie es ist, und alles anders kommt. Nämlich kälter, härter, gemeiner, mit Regen und Trotz und anderen Widrigkeiten, die man des Nachts verfluchen möchte, wenn man einsam die Anzeichen der Migräne ins Kissen brüllt. Schon mal mit Wodka probiert? Schon mal mit Paracetamol? Ibuprofen? Doloirgendwas? Geheimtipps auf dem Kantinentisch, ausgebreitet und angeboten. Man würde manchmal alles nehmen, den Kopf am liebsten an die Wand schlagen, das er wie eine Eierschale zerspringt, vielleicht sollte man sich ein Ohr abschneiden, die Zähne einschlagen, wilde Drogen nehmen, ins Kissen beissen und den Magen wie unter Schmerzen zusammen krümmen.

In ein paar Tagen, wenn der Regen endlich der Sonne gewichen ist, der Dampf übers Rheintal kriecht, die subtropischen Bedingungen Urzustände feiern, und die Felder richtig heftig bearbeitet werden, dann fliegt alles mögliche über die Äcker und das weite Land, und das ist dann der zweite Teil, das ist das, was verwundern mag, wenn man sich nie darum kümmerte. Warum sind einem Pappeln feindlich gesonnen? Wie kommt es das Gras so bösartig ist? Warum jetzt, wenn man sich freut, auf die Tage mit dem tiefen, kalten, klaren Wasser, in das man sich abends, nach der Arbeit und dem anderen Scheiss fallen lassen möchte?

Das gabs doch früher nicht, sagt der Eine zu dem Anderen und seufzt sinnierend ins Bier, das gabs doch alles nicht, da war die Tomate doch noch ein runder, roter Schneeball und die Karotte eine lange phallusähnliche Rübe. Warum schmeckt das Zeugs nicht mehr, aber ist in der Lage, dich zum Niesen zu bringen?

Und der Andere, der immer alles weiß, der holt aus und erzählt, der redet lang und breit von der Gentechnik, von dem was geschieht, von den Strahlen des DVB-T, von den vermaledeiten Handys, von den Autoabgasen, von dem Zeuchs zwischen uns und dem Mars und dem Loch in dem Himmel und den armen Hunden in Australien, die sich die Nase am Strand verbrennen.

Und eigentlich, denkt der Eine, will man das gar nicht alles wissen. Nichts von alledem, nur mal darüber sprechen.

Mal wieder draußen sitzen, die Sonne anstarren und wie früher denken:“Es ist Juli, Sommernächte fliehen ohne Hast….“

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