Misa

Misa Teil 22

„Nein, mitnichten, überhaupt nicht. Aber du darfst auch hier nicht davon ausgehen, dass du irgendetwas machst, dass sie nicht wissen. Du bist ein Sklave. Wir wissen das, und du bist noch nicht lange genug da. Sklave heißt, nichts von dem, was hier geschieht, auf deinem freien Willen basiert. Das ist ein Hamsterkäfig, ein Experiment. Du kannst nicht sterben, das ist das Problem. Damit haben sie dich. Schwer zu verstehen?“

Misa

Misa Teil 21

Wir waren nackt. Keine Kunstfasern hingen an uns. Recycling und der Kompostierung unserer fleischlichen Hüllen hätte also nichts im Wege gestanden. Ich fand es ausgesprochen bedauerlich, Amanda und George in einer überwindbaren Entfernung nackt zu wissen. Und gleichzeitig zu ahnen, wie wir in Kürze gemeinsam, in tausend Fetzten gerissen irgendwo herumliegen würden. Ich hätte mir gewünscht, dass diese Zustand der Nacktheit zu anderen Optionen führen hätte können.

Misa Teil 18

Und plötzlich sprang ich vor. Und weiß nicht, was mich da geritten hatte. Wie ich auf die verdammte Idee kam. Und dabei sah ich seine feuchten Augen. Nochmal. Ganz nahe. Seinen verwirrten Blick, als er das Gewehr blitzschnell dreht, und mir den Kolben ins Gesicht schlug. Ich hörte etwas krachen, fühlte für eine Moment nichts. Es war als ob mich ein Sturm beiseite fegte. Dann lag ich im Waldboden, spuckte Blut, hörte Bald John stöhnen, und Amanda zu mir rennen. Mario schrie. Und erst in den nächsten Momenten, die mir den Wald wieder brachten, hörte ich seine Worte. „Fesselt ihn. Mit irgendwas, nur fesselt ihn.“

Ich dachte, er meinte mich. Ich wollte mich wehren, aber Amanda drückte mich runter, zeigte mir ihr blutiges Messer und flüsterte mir viel zu nahe ins Ohr: „Danke!“

Misa Teil 15

Karl war bei jeder Schlacht dabei. Es gab ihm einen Schub. Er wirkte wie ein Fremdkörper inmitten er schmächtigen Jungs aus der Großstadt. Herausragend aus jeder Gruppe, fiel er auf, darum trug er den Helm, eine Pilotenbrille, und das Tuch aus Palästina. Auf dem Rücken seiner Lederjacke hatte er mit weißer Farbe ein Fadenkreuz gemalt.

Darunter stand. „Schieß doch, Bulle!“

Er tanzte die ganze Nacht durch Pogo, trank Bier, spuckte es auf der Straße regelmäßig aus, und ging zurück in den Club. Nach einem Monat hatte er seine erste Freundin. Ein kleines, zerbrechliches Wesen, das am laufenden Band Zigaretten drehte, alles in Frage stellte, und erst in seinen Armen ruhiger wurde. Sie war brüsk, unentschlossen, von daheim fortgelaufen und nannte sich Desaster. Die meisten nannten sie aber Desi. Das machte es einfacher. 

Misa Teil 11

Sie trug ihr rotes Haar wie ein geschleudertes Meerschweinchen. Die kurzen Haare standen in alle Richtungen, wirkten fest wie die Stachel eines Igels und waren von unterschiedlicher Höhe und Dichte. In ihrem Gesicht zeichnete sich alles ab, von der schlechten Gesellschaft durch ihre Gefährten, bis zu dem Gebrauch aller Substanzen, die zum Vergessen beitragen konnte. Ihr Körper war drahtig und muskulös. Um ihre Arme rankten sich die Adern wie Efeu um einen Baum, und ihre Augen blitzten mich böse an.

Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 4)

Mir wurde schwindlig, da ich dem Geschehen nicht glauben wollte. Dieses war entweder ein fiebriger Traum oder, so beschlich mich das Gefühl, hier erlaubte sich jemand einen bösen Streich. So sehr einige Erklärungen möglich waren, so wenig konnte ich  fassen, was ich hier sah.  Der Mann, der ganz offensichtlich aus Fleisch und Blut, und noch immer in einer eigenartigen Diskussion mit den beiden Wächtern verwickelt war, war seit tausenden von Jahren tot. Es sahen ihn so viele Menschen sterben, dass er sich unmöglich hier befinden konnte.

Misa (Anfang 63 v. 300 – Teil 3)

Gerechnet an meinem Bartwuchs dauerte es Monate, die wir im Bauch des lebenden Schiffes verbrachten. Wir konnten uns nicht selbst begutachten, aber ich nannte Bengal schon scherzhaft „Freitag“ und mich selbst „Robinson“. Meine Untätigkeit und die Begrenztheit unserer gemeinsamen Zelle führten mich zu Selbstgesprächen und fortwährenden Beleidigungen meiner Person.

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