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In Space we are Punks (vielleicht ein Anfang)

Eine Art Short Story von Jazznrhythm

Wir hatten uns das Raumschiff zusammen geschnorrt. Es war einen Heidenarbeit, und keiner von uns mochte im Nachhinein darüber  reden. Das Ding sah weder gut aus, noch flog es zuverlässig. Aber wir hatten keine Lust dort zu bleiben, wo wir waren, also sattelten wir die Pferde und suchten das Weite.
Unser Väter hatten die Flüge zur Kunst erklärt, aber die Tage waren vorbei, und wir mussten es uns eigentlich nur noch bequem machen. Die Sitze warfen wir raus, und einige Teppiche aus Maultierhaar wurden ins Panoramacockpit gelegt. Baku brachte eine Wasserpfeife mit, und ich rollte das Backgammon-Spiel aus. Wir hatten keine Lust zu schlafen, und wollten die Reise geniessen.
Marlene lief die ganze Zeit nackt herum, und machte Baku ganz irre damit, aber er hatte genug Stoff dabei, um apathisch in den Raum zu starren. Wir hörten die schlimmste Musik, die wir finden konnten, doch die Dienste, die uns das lieferten wechselten ständig und blieben nicht konstant. Eigentlich hätte es schon lange möglich sein sollen, einer Richtung auf die nächsten tausend Jahre zu folgen, aber irgendwie herrschte hier Zensur, dort Nebel und manchmal kam irgendwas dazwischen, was wir nicht verstanden.
Wir hatten alle unsere Ausbildungen abgebrochen. Zu richtigen Berufen taugten wir nicht, und egal was uns das Leben antat, wir waren bereit zurück zu treten. Ich hatte die Augen eines bekifften Mönchs und sah nur durch zwei Schlitze. Es war ein Leiden, dass ich mir auf den langen Reisen zugezogen hatte. Ich sah immer weniger, und war auf dem Weg zu einer Operation, die mir helfen sollte. Marlene wollte mal wieder in den Dschungel, und Baku liebte mich abgöttisch. Wollte es aber mit Marlene treiben. Es war verwirrend, und unsere Hirne begannen sich aufzulösen, wenn wir miteinander sprachen.
Wir knallten die Steine auf das Backgammon, und lauschten mit einem Ohr den regelmäßigen Geräuschen, die das Schiff von sich gab. Es war ein atmender Organismus. Wir mussten auf die Herztöne achten, sonst waren wir verloren. Nach drei Sprüngen war uns schlecht, und weder Baku noch ich hatten Lust irgendetwas zu essen. Marlene lag unter der künstlichen Sonne in unserem Keller, und wir tranken den Eistee, denn wir in den Zwischenwänden lagerten.
Als es fiepte, schob Baku den Teppich beiseite, um dem aufsteigenden Display Raum zu geben. Es materialisierte sich wie der Rauch einer Wasserpfeife und zeigte uns die Umgebung in all ihrer Farbigkeit. Wir durchquerten das Areal der Casinowelten. Eine Gegend, die bekannt für ihre Glücksritter und Arschlöcher war. Hier tanzten die Mädels auf dem Tisch und Haudegen, die uns haushoch überlegen waren, schmissen das Geld in den Ring. Die Casinowelten bestanden aus vier Planeten, die sich bemühten möglichst viele Brücken zueinander zu bauen. Sie sahen sich als Staatenverbund an, leisteten Lobbyarbeit im Sternenrat und hatten eine ganze Menge Probleme wegen ihrer unzüchtigen Bevölkerung. Piraten sahen sie als Hafen an, und wir waren nun umgeben von Piraten.
Unser Schiff wirkte wie die Toilette der Piratenkreuzer, und wir bauten, ja, hofften darauf, dass sie das wirklich so sahen. Alleine, es gab keine Garantie. Tatsächlich bot diese Gegend jedem Schwachsinn Raum, und so legte Baku den Finger an seine Lippe und bedeutete mir zu schweigen. Er tat das mit einer schläfrigen Liebenswürdigkeit, die ermüdenden war. Ich schloss die Augen, lehnte mich zurück. Wir alle hatten von den Scannern gehört, die das All einfach mal so nach Beute abchecken konnten. Auf einer Strecke von hier nach dort, oder noch weiter. Wir wußten es nicht so genau. Unsere Bildung war beschissen. Wir hatten keine Ahnung, was die Piraten konnten.
Wir glitten also so leise weiter, und bewegten uns, als ob Gelee uns einhüllte. Marlene schlief unter der künstlichen Sonne. Das war beruhigend. Das Schiff stöhnte und ächzte, aber das tat es immer. Wir nahmen es nur aufgrund des Sounds, der uns umgab, nie wahr. Aber die Boxen vibrierten nicht mehr und wir wurden der Tatsache gewahr, dass Reisen im All niemals lautlos waren.
Baku befingerte sich in der Körpermitte, da ihm wohl langweilig war. Ich sah das nur, weil ich mal kurz blinzelte, aber die Augen sofort wieder schloss. Das Display tanzte wie eine Fata Morgana zwischen uns, und spielte mit den Kreuzern, die wie Wale zwischen den Casionwelten schwammen. Piratengebiet.
Ich war ein cooles Kerlchen, mich erschütterte nicht viel. Ich war aufgewachsen und groß geworden auf einem berüchtigten Gefängnisplaneten, der eigentlich ein Paradies war. Keine Mauern, und eine Horde von Individualisten aus allen Welten erzog mich. Mein Wissen war auf Raub und Mord und ähnliche Themen begrenzt, aber ich hatte seitdem immer eine Waffe bei mir, die häßlich Löcher in alles reißen konnte. Ich fühlte sie neben mir. Direkt unter meinem Teppich. Ich hielt meine Hand drauf. Ich wartete. Wir trieben dahin. Das Schiff stöhnte. Marlene gab keinen Laut von sich.
Baku dagegen hatte überhaupt keine Ahnung vom Leben. Er war weiß, dicklich, trug seine Haare in alle Himmelsrichtungen. Und hatte sie überall. Ich fand ihn in einem Müllcontainer, in dem er mit einer virtuellen Brille fremde Planeten besah, während er Abfälle fraß. Er glich einem vergessenen Hund, und erst nach drei Jahren bekam ich raus, dass er mich schon immer verstanden hatte. Bis dahin hatte ich ihm jeden Mist erzählt. Das war nicht gut. Ich wollte nicht mit ihm schlafen, aber hatte es wohl mal gesagt. Seitdem tat er Dinge vor mir, die  ich ihm nicht mehr abgewöhnen konnte.
Marlene hatte alles, was wir nicht hatten. Vor allem einen Körper. Baku war ein ungepflegter Fleischbrocken, und ich hatte jedes unwichtige Teil verloren und ersetzt bekommen. Aber Marlene war eine Lichtgestalt unter uns. Sie war weder geformt, noch geändert, noch gerendert, noch aufgehübscht, noch operiert. Mir ging alles nach und nach kaputt. Sie blühte auf. Und durfte sich daher unter die Sonne legen. ich hätte es nicht gewagt. Niemals. Never. Nicht in diesem Leben.
Die Piraten kamen näher, stießen sich wieder ab. Als wären wir Magneten. Wir erregten ihre Aufmerksamkeit. Wir verloren sie. Es machte mich nicht traurig, aber unruhig. Ich war in einer zu schlechten Verfassung, um als Sklave zu taugen, und Baku hatte auch keinen Wert. Aber um Marlene konnte es uns Angst und Bange werden. Also hielten wir weiter den Atem an, flüsterten nicht mal und funkten uns unverständliches Zeug über unsere Augen zu . Baku verstand kein Wort von dem, was ich ihm sagte. Und auch das war viel zu normal.
Der erste Pirat, der sich zwischen uns materialisierte, liess mir nicht mal die Chance nach meiner Waffe zu greifen. Er tauchte dort auf, wo das Display gerade noch die fremden Schiffe gezeigt hatte,  trat sofort auf meine Hand, kickte gekonnt meine Waffe weg und sah mich mit einem schaumigen Grinsen an. Er war der häßlichste Kerl, der mir je begegnet war, und ich wuchs auf einem Gefängnisplaneten auf.
Er beachtete mich jedoch nicht weiter, und auch das war ich gewohnt, sondern drehte sich um und stapfte durch das, was wir Deck nannten. Er schmiss jeden Kram zur Seite, der beweglich war, trat gegen alles, was nach Blech klang, und spuckte verächtlich durch die Gegend. Neben ihm tauchte der nächste Bursche aus, und der bestand quasi nur aus Zöpfe, die bis zur Erde reichten. Er roch wie ein nasser Hund, hatte vorbildliche Zähne, und ein Messer das ebenso glänzte, wenn es beständig über uns schwebte. Er wirkte wie ein Halsabschneider und Henker. Ich lehnte mich zurück, denn es gab nichts mehr für mich zu tun, außer meine Waffe zu suchen. Feuchtigkeit hatte sich um Baku ausgebreitet, und wir ahnten, dass dieses eventuell die letzten interplanetarischen Minuten waren, die wir gemeinsam erlebten. Ich hätte seinen sexuellen Wünschen nachgeben sollen. Alles war besser, als das hier.
Sie sprachen kein Wort. Sie wüteten in unserem Schiff, als wäre es ein Schrotthaufen, in dem sie nach Teile suchten. Sie rissen Kabel aus den Wänden, malträtierten Schläuche und hoben Bodenplatten. Sie brachten Platinen und Teile zu Tage, deren Existenz ich bestritten hätte. Ich glaubte nicht mehr an eine Heimkehr.
Natürlich rettete uns Marlene. Sie köpfte mit angewinkelten Beinen, und einem Sprung aus dem Stand in die Schulterhöhe den Burschen, dessen Zöpfe wie ein Fixstern an mir vorbeiwirbelten, und trat den anderen, der uns zuerst besucht hatte, in einem Staccato aus wilden Fußtritten an die Panoramascheiben. Sie tat dass mit einer Behändigkeit, die mir unverständlich war, und die nicht zu unserer Lautlosigkeit passten. Aber, verdammt, sie war still. Vollkommen ohne Ton, wie das Haar des Zweiten, das an mir vorbeischwebte, und dabei keinen Mucks  von sich gab.  Ihre Beine hatten sich unzüchtig geöffnet und in einer obszönen Geste Schneiden freigelegt, die nur einen Schluss zuliessen. Und dieser machte mir soviel Angst, dass ich krabbelnd fliehen wollte.  Das Schiff hatte seinen Herzstillstand erreicht. Es hörte auf zu atmen. Der erste Pirat rutschte an den Panoramascheiben herab hinterliess eine gelbe Spur, so flüssig wie schleimig war, und der zweite lag mit seiner unteren Hälfte inmitten von technischem Gerümpel. Unser Schiff sah aus wie eine Drogenhölle nach der Razzia.
Buka stellte sich tot. Aber seine Augen waren aufgerissen, sahen Marlene an und färbten sie vor Entsetzen rot, während seine Haut einem frischgeschöpftem Papier glich.
Marlene setzte sich auf den Boden, besah sich das Backgammonspiel und liess etwas krachen, dass wir bisher für Muskeln gehalten haben.
„Du bist ein verdammter Roboter?“
„Yeah!“
„Für was….?“
Sie tippte mir auf die Nase, lachte leise und ihre Pupillen stachen in die meinen, während sie sprach: „Das, für das ich geschaffen wurde, hätte dir gefallenen, aber sorry, vorbei. Nun lass uns einfach das Abenteuer beginnen.“
Baku zog sich hoch. Sah sie an. Ging davon. „Ach, scheisse.“
Es wurde fortan nicht besser. Aber anders.