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MCU-Filme habe ich nach einer Viertelstunde vergessen

Comics, so sagt man, sind ein aussterbendes Medium. Überhaupt Superhelden. Oberflächlich, amerikanisch, sexistisch, weit zurück in ihrer Zeit und Aussage.

Ich gehöre zu jenen alten Männern, die heute noch ein kleines Vermögen für diese Heftchen ausgeben, die immer noch Batman lesen, und mittlerweile bereit sind, für hochwertige Schmuckausgaben viel mehr zu zahlen, als sie jemals Taschengeld hatten. Die Zielgruppe für Comics hat sich gewandelt, die Zahlungsfähigkeit der Kunden auch, und trotzdem handelt es sich um ein aussterbendes Genre.

Marvel und DC versuchen seit geraumer Zeit ihre Geschichten für Charaktere und Themen zu öffnen, die früher überhaupt nicht in ihrem Fokus lagen. Beflügelt von ihren Filmen geht es nun auch um Frauen, Mädchen, Asien und einem verstärkt internationalen Erfolg, der die Verluste ausgleichen soll, die sie mittlerweile in Amerika erleben. Gleichzeitig wurden die Figuren zerlegt, neu interpretiert, teilweise realistischer, teilweise abgedrehter und sogar erwachsener, was aber meistens schlicht heißt, brutaler, hemmungsloser, gewalttätiger. Die Situation ist verfahren: Die Filme sind Megaerfolge, die Ursuppe Comics dümpelt vor sich hin.

In den letzten Jahren brachten Komödien um junge Männer ihre Weltfremdheit immer mal wieder mit einem vollgepackten Comicshop in Verbindung. Dort hielten sie sich einen großen Teil ihrer Zeit auf, wie in in einer Welt, die quasi ohne Frauen existiert. Beziehungslos, verträumt, mit einem Händler, der ein buntes T-Shirt und ebensolche Tattoos trägt. Mehr Freund als Händler, und vor allem ein Wissender, wenn es um Details, Zeichner und Autoren ging. Insiderwitze waren die Regel. In dieser Welt lebten die Legenden der X-Men, Avengers, Batman und Superman. Stets in wilder Konkurrenz zueinander. DC und Marvel. DC stand eher für eine zahme, konservative Richtung, Marvel für eine wendig Variante, sehr zeitnah, sehr bedacht darauf jung und wild zu wirken. Oft mehr Schein als Sein, aber genügend, um wie Telenovelas zu agieren und die Themen auf den Straßen aufzusammeln.

Je älter ich wurde, um so mehr versuchte ich mich dem Reiz der bunten Blätter zu entziehen. Und so wie ich das sehe, erging es vielen Menschen wie mir. Man wurde älter, aber fand immer mal wieder zurück zu Comics.

Deutschland hat keine Comickultur wie sie in Frankreich oder Belgien lebt. Es ist nicht eine eigene Literaturgattung, die gleichberechtigt zwischen der bildenden Kunst und der Belletristik steht. Es haftet der Bildgeschichte etwas kindliches an. Eine Welt, die verlassen werden sollte, wenn man älter, reifer und gesetzter wird. Der periodische SF-Roman in endloser Folge gereicht schon Besprechungen und Doktorarbeiten, und ist durch seine Gefolgschaft schon immer eine Mischung aus Schund und abgefahrener Voraussicht. Die Superhelden stehen immer noch am Straßenrand und kämpfen um ihren Einlass in das Feuilleton. Und erstaunlicherweise haben sie es mit den Filmen geschafft. Dabei sind sich alle einig, dass ein großer Teil der Werkte gut konzipierte Marketingmaschinen für die begleitende Industrie sind. Die Storys werden aus Versatzstücken, Verweisen und Heldenzusammenstellungen konstruiert, die es erlauben, eine Serie, eine Verzweigung zu schaffen, die dazu zwingt mindestens zwei Filme des Konzepts zu den Kassenschlager des Jahres zu machen. Die Anforderungen sind hoch, die Zahl der Beteiligten gleicht in Menge und Ausmaß denen einer Autofabrik in Brandenburg und die Gefahr eines Scheiterns hängt wahrscheinlich jedem so im Nacken, dass alles aufgeboten wird, was Hollywood herbeizaubern kann. Die lautesten, größten Tricks, die wildesten Explosionen, die nie gesehen Bilder, die fliegenden Menschen, die sich wie im Wildwasser bewegen, die Strahlen, die aus Augen, Händen und sonst wo herkommen und Welten, die wir noch nie gesehen haben. Und wenn es klappen sollte, dann bitte alles, wirklich alles in einem Film. Es ist wie Achterbahn fahren, eine Tour de Force durch das was möglich ist. Berauschend wild, in einer Geschwindigkeit, die Details vorbei rauschen lässt, bevor man sie erfasst. Und deren Details gibt es viele. Diese Filme sind gespickt mit Jahrzehnte altem Nerdwissen, dass sich in seinem Ausmaß auch nicht Wochen später voll erfassen lässt. Man muss den Film schon mehrmal gesehen haben. Artikel über Artikel beschäftigt sich mit den Easter Eggs, versteckten Hinweise und angerissenen Themen, die sich erst in zwei Jahren auflösen soll. Man neigt dazu, dahinter einen Plan zu vermuten, ein Konzept, eine Idee, eine Timeline, die in ihrer Gänze zu erfassen ist, wenn man alle Filme gesehen hat.

Selten wurde das Kino so nahe an die Streamingformate gebracht, wie in den Filmen des MCUs. Selten aber auch wurden die Fans so sehr mit hinein gezogen, in die Produktion, die Vorgespräche, die Umfragen und in die Entwicklung eines kommerziellen Konzeptes. Das Ergebnis ist erschlagend. Oft weit über zwei Stunden Kino, die in den Sessel drücken, Massenschlachten mit unzähligen Winzigkeiten zeigen und viele Informationen für Sekunden zuschmeissen. Zitate, die vieldeutig sind, Unterhaltungen, die nebulöser nicht sein könnten, Wirrwarr um Steine und Rätsel, die irgendwann zu einem Showdown führen sollen, an dessen Ende eine Unmenge neue Rätsel entstehen. Ich liebe das alles. Ich schaue es mir an. Und, das ist mir noch nie passiert, nach einer Viertelstunde, wenn ich die Colaflasche zurück zur Theke bringe, die leere Popcorntüte wegschmeisse, habe ich alles vergessen. Ich wundere mich, über die Diskutierenden, denn schon auf dem Heimweg verläuft sich alles und wenn der Filme, dann im Stream oder auf Blue-Ray auftaucht, habe ich null Ahnung, ob ich ihn wirklich gesehen habe.

Da ich schon sehr alt bin, schob ich es auf eine geistige Müdigkeit, aber mittlerweile glaube ich nicht mehr daran. Das Zeug ist zum schnellen Genuss, es birgt soviel Krimskrams, dass ich fast gezwungen bin, die Firma mit der kleinen Maus nochmal für eine zweite Sichtung zu bezahlen. Geht gar nicht anders. Spätestens wenn der nächste Teil kommt, muss ich mir vorher nochmal angesehen haben, um was es eigentlich geht.Und wie gesagt: Ich liebe das schon irgendwie.