Wie schreiben in diesen Zeiten?
(Dieser Text erschien zuerst am 18.09.2020 auf der Seite https://aufbruch.notsourban.com/wie-schreiben-in-diesen-zeiten )
Der Versuch alle Themen zu übersehen, die aktuell in der Diskussion sind, ist wahrscheinlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Was gerade noch klappen dürfte, aber das Leben auch nicht reichhaltiger macht, ist eine Verweigerung sich mit Dingen zu beschäftigen, die auf Twitter oder in den Nachrichten bewegen.
In meinem persönlichen Umfeld wird Twitter keine große Bedeutung zugestanden, obwohl natürlich Nachrichten aus diesem Dienst entstehen, aber auch vermehrt daraus zitiert wird. Sieht man die Bedeutung Twitters also außerhalb der Plattform, dann ist es wahrscheinlich der größtmögliche Multiplikator, den man sich vorstellen kann. Im Positiven wie im Negativen sind die Themen, die heute auf Twitter besprochen werden (oder „trenden“) spätestens morgen in den Nachrichten. Faktisch versuchen sich die redaktionell betreuten Plattformen sehr schnell all das aufzugreifen, was die Twittergemeinde bewegt. Und es funktioniert.
Es ist noch nicht so ganz raus, ob dieses nun das Utopia ist, also eine Demokratisierung der Publizierung bedeutet, oder ob es das genaue Gegenteil ist. Was wir jedoch spüren, das ist – ebenfalls im Guten, wie im Schlechten – die Macht der Wörter und ihrer Bedeutung. In den sozialen Medien ist es sehr normal Dinge und Aussagen auf die Goldwaage zu legen, die früher vielleicht im Strom der Nachrichten untergegangen wären. Es gab keine Plattform, die so schnell Gleichgesinnte zusammen bringt, und eine zeitnahe Welle auslöst, die gleichzeitig ein Gemeinschaftsgefühl auslöst. Das kann, ohne es jetzt endgültig bewerten zu wollen, erschreckend und beflügelnd sein. Es kann zur Vorsicht gemahnen oder Trotz auslösen.
Menschen meiner Generation (und ich meine damit all jene, die in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts oder davor geboren wurden) sind mit den starken, prägenden Begriffen wie z.b. Gleichberechtigung groß geworden, haben aber auch den Widerstand dagegen erlebt, der es schaffte positive besetzte Begriffe abzuwerten. Galt „politische Korrektheit“ einst als sinnvolle Sprachkorrektur, die versuchte abwertende Begriffe nicht nur ins Bewusstsein bringen, sondern auch als dem täglichen Umgang zu tilgen, so wurde es bald ein Synonym für gut gemeinte Zensur. Und diese Betrachtung war unabhängig von der politischen Richtung.
Ich bin mit Klaus Kinski, Bukowski und Henry Miller aufgewachsen. Eric Jong, Anaïs Nin und Mika Waltari, aber auch Johannes Mario Simmel gehörten zu den Autor*innen meiner Jugend. Ich fand das Chaos, den Widerspruch, die unmöglichen Sichtweisen, die deftige Sprache, das Überschreiten der Grenzen und das Teilhaben an Welten, die mir authentisch vorkamen, grundsätzlich gut. Ich bin mir nicht sicher, ob mich davon irgendetwas geprägt hat, oder mir mein Weltbild formte. Das ist aus der eigenen Sicht schwer zu sagen. Die Menge, die ich früher las, war um einiges größer, als das , was ich heute an Belletristik lese.
Henry Millers Bücher waren zeitweise verboten. Charles Bukowski war es grundsätzlich egal, ob er gehasst oder geliebt wurde. Hauptsache man sprach über in. Anaïs Nin schrieb ihre Erotika gegen Geld und hatte das Gefühl sich dabei zu prostituieren. Sie übertrieb maßlos, schrieb Szenen, die verstören sollten und Handlungen, die sie selbst wahrscheinlich nicht mal erleben wollte. Ähnlich war es in dem Werk „Opus Pistorum“ von Henry Miller, das sich nahtlos in diese Zeit einfügen lässt. Wie in einer Enzyklopädie versuchte er in einem Stakkato alle Spielarten, die ihm bekannt waren, einzubringen. Und einiges davon wäre auch heute – würde das Buch nun erscheinen – das, was man klassisch einen Skandal nennen würde. Gemessen an der Tatsache, dass sein Name in den Diskussionen nicht wirklich auftaucht, gehe ich davon aus, dass er zu einer Generation geht, die heute nicht mehr als bedeutungsvoll erscheint.
Denn, und das wird im Nachhinein wie ein Widerspruch wirken, die Tabubrecher von einst, die heute noch wegen ihren literarischen Qualitäten geschätzt werden, wirken jetzt nicht nur antiquiert, politisch-inkorrekt und vielleicht kritikwürdig, sie wurden gleichzeitig auch rechts und links medial überholt. Mit dem Bemühen auf die gesellschaftliche Wirkung der Sprache hinzuweisen, und die Manifestation in Begriffen aufzuzeigen, hat sich zeitgleich – ohne das es unbedingt in einer wirklichen Abhängigkeit stehen muss – eine Kultur entwickelt, die so präsent ist, dass es normal erscheint, wenn in Songs Wörter gebraucht werden, die aus einer Kultur der Unterdrückung stammen. In Film und Comics wurden in den letzten Jahrzehnten, erst testweise, dann mit erstaunlichem kommerziellen Erfolg, Grenzen in Darstellung und Aussprache aufgeweicht, die in den Siebzigern Entsetzen ausgelöst hätten.
„Punisher“,“Deadpool“,“Narcos“,“Walking Dead“, „The Boys“ wären ehedem weder als familientaugliche Serie, noch als Kino dieser Klasse angesehen worden. Heute handelt es sich dabei um eine Merchandising-Maschine, die die Logos dieser Produkte auch auf Strampler druckt. Und das alles, während gleichzeitig darüber diskutiert wird, wie Geschlechts-,Bevölkerungs- und andere Gruppen gleichwertig ernst zu nehmend präsentiert werden können.
Diese sehr komplexe und verwirrende Situation ist nicht gerade befreiend, sondern fordert im Grunde zu einer Stellungnahme heraus. Sie führt zu Statements, die sich als schädlich erweisen, oder zu Handlungen, die nicht durchführbar sind. Sie schlägt sich nieder in der Kunst, zuerst in der bildenden, aber dann auch in der Literatur. Soll heißen, dass ich mich frage, ohne das Auflösen zu wollen: Wie schreibt man heute?
Man mag es nachdenken oder Schere im Kopf nennen. Die Betitelung eines Zustandes, mit dem sich alle heute auseinandersetzen müssen, ändert nichts daran, dass es Teil einer Haltung sein wird, an der man gemessen wird. Es gibt die ersten Romane, die bewusst damit werben, sich jeglichem Zeitgeist zu entziehen. Was ja Quatsch ist, denn auch wenn man einfach nur dem Zeitgeist seiner Sozialisation nachhängt, ist es halt trotzdem ein Zeitgeist.
Gleichzeitig gibt es das Bemühen in Romanen ein Bewusstsein widerzuspiegeln, dass möglichen gesellschaftlichen Veränderungen gerecht wird. Obwohl ich mir auch hier nicht sicher bin, ob diese Veränderungen wirklich stattfinden, oder aktuell nur mit kommunikativen Mitteln überdeckt und kaschiert werden.
Ich bediene mich gerne Klischees. Klischees sind Vorurteile. Die richtige Statistik wird sie vielleicht unterstützen, aber das besagt nicht, dass sie auf einer Wahrheit beruhen, jedoch treffen sie auf fruchtbaren Boden. Wenn ich Terrorismus z.b. beschreibe, und es für die Handlung egal ist, macht es dann Sinn sie Land XY zuzuordnen, nur weil wir heute das Bild eines Terroristen mit einer bestimmten Region zu besetzen bereit sind?
Ich weiß, keine Region ist frei von Terrorismus, aber wir wissen alle, dass anhaltende Konflikte zu seiner Entstehung und Verbreitung beitragen. Und wie in fast allen aktuellen Filmen wäre es leicht eine Kriegsregion und ihre Einwohner zu nutzen. Wir alle wüßten schlagartig, was gemeint ist, das Bild würde funktionieren, und man käme damit klar.
Nur, trage ich damit dazu bei, dieses Bild auf Dauer zu festigen und zu manifestieren?
Wenn ich mich dieser Frage stelle, und ihre Beantwortung steht noch offen, dann fällt Schreiben sehr, sehr schwer. Wie also geht man damit um?
Und das war gerade nur ein Beispiel. Es geht um Sex, Gewalt, Gleichberechtigung, ethnischer Zugehörigkeit und vor allem um Gerechtigkeit.