Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

The Twiolins - Foto by Hans Altenkirch
The Twiolins – Foto by Hans Altenkirch

Die Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik mögen – je nach Betrachtungsweise – auf den ersten Blick klein oder aber unüberwindbar erscheinen. 

Ausgehend von der gemeinsamen Komponente, der Musik, lassen sich die Gemeinsamkeiten durchaus aufzeigen, aber auch die wichtige Merkmale herausarbeiten, die zu differenten Wege und Möglichkeiten führen. 

Die Klassik gehört zu einem Spektrum der musikalischen Richtungen, die auf jazznrhythm.com seltener betrachtet werden. Dabei beinhaltet dieses Genre die spannendsten, experimentellsten und herausforderndsten Themen, die es in der Musik gibt. Wie gestalteten sich ein Stil, in dem Arrangements und Interpretation, aber auch Werktreue, und teilweise lebenslange Beschäftigung mit Stücken verstorbener KomponistInnen oftmals im Vordergrund steht?

The Twiolins sind junge, innovative Musikerinnen (Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich) , die als Geigenduo mit ihrer Sichtweise und ihrer Spielfreude sehr individuelle Wege einschlagen. Seit 2025 in dieser Zusammensetzung auf den Konzertbühnen zu Gast, stellen die Twiolins eine seltene und mutige Variante in dieser Kombination dar.

Ihr Engagement für die Klassik führt sie nicht nur die bekannten Orten und Festivals – auf denen sie sich mit den Werken großer KünstlerInnen und junger Talente auseinandersetzen – sondern bringt sie auch mit einem Publikum zusammen, das der Begegnung mit Klassik frisch und neu gegenübersteht. 

So traf ich die beiden Violinistinnen vor über zwei Monaten bei einer Aufführung eines Stückes für Kinder, in denen sie die Klänge ihrer Instrumente spielerisch vermittelten. Diese vielseitigen Tätigkeiten, die – neben dem Einsatz in den sozialen Medien und den Aktivitäten auf verschiedenen Plattformen – ein sehr komplexes MusikerInnen-Leben darstellen, führten zu dem folgenden Gespräch.

Aufgrund der Länge wird das Interview in zwei Teile veröffentlicht. Der erste Teil erscheint am 31.08.2026, der zweite folgt am 07.09.2026.

Mehr über The Twiolins auf:

Webseite – https://www.thetwiolins.de

Das Konzert und das Publikum

Andreas (Jazznrhythm.com)
Tolles Publikum diesmal – sehr emotional und enthusiastisch. Ich war ehrlich überrascht, wie sie mitgegangen sind: Füße getrampelt und an den richtigen Stellen richtig mitgelebt.

Marta Danilkovich
Das war auch so geplant – eine geführte Explosion, ein Mitmachkonzert.

Marie-Luise Dingler
Aber sie waren wirklich sehr responsive.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Die Kinder heute Morgen waren zurückhaltender?

Marie-Luise Dingler
Ja, sehr vorsichtig und zart. Das waren sehr sensible Kinder.

Marta Danilkovich
Man muss sie trotzdem führen. Wenn Emotionen, Aufgaben und Geschichten sich ständig abwechseln, bleibt die Aufmerksamkeit erhalten. Gerade bei Kindern ist das eine der größten Herausforderungen.

Die Geschichte des Duos

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von euren Kinderkonzerten wusste ich gar nichts. Ich kannte nur euer aktuelles Video. Erst auf eurer Website habe ich gesehen, dass es die Twiolins schon seit über 15 Jahren gibt – und dass ihr euch in der heutigen Besetzung erst vergangenes Jahr gefunden habt.

Marie-Luise Dingler
Das Duo habe ich ursprünglich mit meinem Bruder gegründet – eigentlich spielen wir schon zusammen, seit wir zwölf Jahre alt waren. Ab 2009 wurde daraus ein professionelles Projekt mit Website, Namen und später vier CDs.

Während der Corona-Zeit hat sich mein Bruder beruflich immer stärker auf Audio- und Veranstaltungstechnik konzentriert. Ende 2024 hat er schließlich entschieden aufzuhören. Da habe ich überlegt, wie es weitergeht, und musste sofort an Marta denken. Sie hatte selbst zehn Jahre lang ein Geigenduo, daher kannte ich ihre Arbeit.

Marta Danilkovich
Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber wir haben uns immer aus der Ferne beobachtet.

Marie-Luise Dingler
Eigentlich waren wir die einzigen Geigenduos, die das in dieser Form gemacht haben.

Marta Danilkovich
Genau – wir waren praktisch die Konkurrenz.

Marie-Luise Dingler
Es gibt einfach sehr wenige Geigenduos. Ich habe Marta gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Wir haben eine Probe vereinbart, es hat sofort funktioniert – und dann haben wir angefangen.

Der Name „Twiolins“

Andreas (Jazznrhythm.com)
Den Namen habt ihr übernommen, obwohl sich die Besetzung geändert hat?

Marie-Luise Dingler
Ja. Einen Namen über viele Jahre aufzubauen, kostet unglaublich viel Arbeit. Website, Drucksachen, Konzertankündigungen – das alles neu aufzusetzen wäre ein riesiger Aufwand gewesen. Außerdem hatte ich bereits viele Konzerte unter diesem Namen gebucht.

Marta Danilkovich
Und weil ihr Bruder komplett mit der Musik aufgehört hat, sprach auch nichts dagegen, den Namen weiterzuführen.

Marie-Luise Dingler
Genau. Außerdem beschreibt der Name perfekt, was wir machen. Deshalb sind wir einfach dabei geblieben.

Der Kompositionspreis

Andreas (Jazznrhythm.com)
Spannend fand ich auch euren Kompositionspreis. Gibt es den noch?

Marie-Luise Dingler
Wir haben ihn insgesamt viermal ausgeschrieben. Der organisatorische Aufwand war allerdings enorm – Sponsoren finden, den Wettbewerb durchführen, das Abschlusskonzert organisieren. Während des Studiums und in den ersten Berufsjahren war dafür noch Zeit. Aber sobald der Konzertbetrieb richtig läuft, wird so etwas kaum noch machbar.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Habt ihr die eingereichten Kompositionen anschließend auch gespielt?

Marie-Luise Dingler
Ja. Aus den Gewinnerwerken haben wir Konzertprogramme entwickelt, CDs aufgenommen und Notenausgaben veröffentlicht. Davon haben die Komponisten der ersten drei Wettbewerbe sehr profitiert. Beim letzten Wettbewerb hat uns Corona ausgebremst – wir konnten das Programm nur noch einmal aufführen, eine CD ist dann nicht mehr entstanden.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das eröffnet ja ganz neue musikalische Welten.

Marie-Luise Dingler
Das hören wir oft. In der Praxis war zeitgenössische Musik aber immer schwer zu verkaufen. Viele Veranstalter wünschen sich Mozart oder Vivaldi – also Werke, die jeder kennt. Als wir die Vier Jahreszeiten ins Programm aufgenommen haben, ist unsere Karriere deutlich angesprungen. Davor war es mit progressiver klassischer Musik wesentlich schwieriger. Es gibt ein neugieriges Publikum, aber viele möchten lieber Bekanntes hören als Neues entdecken.

Marta Danilkovich
Bekannte Programme verkaufen sich einfach leichter. Da muss man niemandem erst erklären, warum sich ein Konzert lohnt.

Klassik, Publikum und Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von außen betrachtet wirkt die Klassikwelt manchmal ungewöhnlich. Es gibt unzählige hervorragende Aufnahmen, aber kaum einen Sammlermarkt oder Wiederverkaufswert für Tonträger. Oft hört man: „Warum soll ich mir noch eine Aufnahme der Vier Jahreszeiten kaufen?“ Dabei klingt eure Version völlig anders als viele andere.

Marta Danilkovich
Unsere Bearbeitungen eröffnen tatsächlich eine neue Perspektive. Ursprünglich ist das Werk für Solovioline und Kammerorchester geschrieben, wir übertragen es auf zwei Geigen.

Dafür muss man fast selbst zum Komponisten werden. Aus zehn, zwanzig oder noch mehr Stimmen entsteht am Ende eine Fassung für zwei Instrumente, die trotzdem die Essenz des Werks bewahrt. Das ist weit mehr als reine Interpretation.

Marie-Luise Dingler
Trotzdem interessieren sich nur wenige Menschen für unterschiedliche Interpretationen desselben Stücks. Das machen vor allem echte Klassikliebhaber. Die meisten möchten einfach schöne Musik hören. Ob es davon zehn verschiedene Einspielungen gibt, spielt für viele keine große Rolle.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Hat es die Klassik heute schwerer als Rock oder Pop?

Marta Danilkovich
Jedes Genre hat seine eigenen Herausforderungen. Pop lebt von Rhythmus, Groove und eingängigen Strukturen. Jazz verlangt Improvisation und damit kreatives Komponieren im Moment.

Die klassische Musik ist über Jahrhunderte gewachsen. Große Werke besitzen viele Ebenen, die sich nicht beim ersten Hören erschließen. Gerade das macht sie faszinierend. Selbst wenn man ein Stück über Jahre spielt, entdeckt man immer wieder neue Farben, Harmonien und Zusammenhänge. Deshalb bleibt klassische Musik lebendig.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das gilt also auch für euch als Musikerinnen?

Marta Danilkovich
Auf jeden Fall. Popstücke können nach vielen Wiederholungen langweilig werden. Bei klassischer Musik wächst man ständig weiter. Man arbeitet sich an Werken ab, die einen immer wieder fordern. Gerade diese Herausforderung macht den Reiz aus.

Marie-Luise Dingler
Man sollte dabei nicht vergessen: Klassik funktioniert nach wie vor. Wir leben von gut besuchten Konzerten. Natürlich füllen wir keine Arenen, aber unsere Säle mit 100 bis 200 Besuchern sind regelmäßig voll. Und große Orchester beweisen ebenfalls, dass klassische Musik ihr Publikum findet.

Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Mir ging es eigentlich um die Offenheit des Publikums. Im Pop scheint Neues oft leichter akzeptiert zu werden. In der Klassik wünschen sich viele eher das Bekannte.

Marta Danilkovich
Neue Musik braucht oft Zeit. Viele Werke werden erst Jahre oder Jahrzehnte später wirklich angenommen.

Marie-Luise Dingler
Aber welches Publikum ist wirklich offen für Neues? In jedem Genre gibt es nur einen kleinen Teil, der bewusst nach neuen Ideen sucht. Die meisten Menschen bleiben lieber bei Bekanntem.

Marta Danilkovich
Das liegt nicht nur an der Musik. Menschen haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Das gilt für neue Nachbarn genauso wie für neue Gesetze oder neue Kunst.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Streamingdienste müssten diese Offenheit doch eigentlich fördern.

Marie-Luise Dingler
Theoretisch schon. Praktisch erscheinen jeden Tag so viele neue Veröffentlichungen, dass niemand sie alle wahrnehmen kann. Dieses Überangebot schafft eher Orientierungslosigkeit.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Und man verliert die Möglichkeit, sich wirklich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen.

Marta Danilkovich
Genau. Heute muss alles schnell gehen. Dadurch fehlt oft die Geduld, sich über längere Zeit auf ein Werk einzulassen.

Soweit der erste Teil des Interviews. Im 2. Teil geht es vor allem Social Media, KI und Streaming. Themen also, die unabhängig vom Genre alle MusikerInnen betreffen und sich mehr und mehr in den Vordergrund drängen.

Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026

Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026

Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026
Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026

Rumgesprochen hat es sich bisher noch nicht, dass Heidelberg eine neue Location für Konzerte hat. Bisher war Understatement ein Markenzeichen und wenn man davon erfährt, dann am ehesten über die Tourdaten der Gäste oder aufgrund von seltenen Tipps.

Das UGZWO befindet sich auf dem Gelände des umgebauten Betriebswerks Heidelbergs. Eine Örtlichkeit, die vor allem von Startups bzw. jungen und innovativen Unternehmen genutzt wird. Aber auch einige Orte für Gastronomie und eben das UGZWO haben ihr Domizil dort. Irgendwie hat das alles mit dem TANKTURM zu tun, doch das Betriebswerk ist fast 100 Meter davon entfernt und steht hinter dem großen Möbelhaus XXL-Lutz. Visiert man das Bauhaus als möglichen Zielort an, dann liegt man nicht so falsch.

Das Betriebswerk zeichnet sich durch eine moderne Kulisse im historischen Gewand aus. So wurden einige Charaktereigenschaften des ehemaligen Betriebswerks erhalten und mit modernen Glasfassaden und Beton ergänzt. Im Grundriss ist es daher den alten Werkstätten noch ähnlich, das Fundament und die Räumlichkeiten zeugen noch von der massiven Bauweise, aber im Detail offenbart sich durch einen großzügigen Innenhof, verschachtelten Treppen und differenten Raumgestaltungen ein offenes und mediterranes Klima.

Das UGZWO findet sich in den unteren Räumlichkeiten, und offenbart eine hohe Kellerhalle , sowie lichten Einblicken aus dem oberen Bereich. Es ist ein ungewöhnlicher Veranstaltungsort mit einem nüchternen, konzentrierten Ambiente, der aber dadurch auch viel Raum für die unterschiedlichsten Events bieten kann. Alles befindet sich noch in einer Opening-Phase, kann über die sozialen Medien beobachtet und abonniert werden, doch gestaltet sich noch frisch und mit einem sehr familiären, offenen Charakter.

Das Publikum ist durchweg erstaunt und angetan, aber in der Regel zum ersten Mal dort. 

Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026
Charme of finches im UGZWO, Heidelberg am 05.08.2026

Charme of Finches sind eine australische Band der Schwestern Mabel und Ivy Windred-Wornes, die aktuell auf einer kleineren Europatournee auch in Heidelberg zu Gast waren. Ihre Musik und ihre Liebe zu Vintage-Shops ergeben eine Kombination, die sich an den frühen englischen Folksongs und deren Harmonien orientiert. 

Das UGZWO kämpfte noch etwas mit zurückhaltenden Möblierung des hohen Raums und seinem hallenden Effekt. So wirkten die zweistimmigen Gesänge der Schwestern, die wie in einem Kanon sich ergänzen und ineinander greifen, nicht ganz so differenziert, wie zum Beispiel bei einem ihrer letzten Auftritte im Ettlinger Park vor einigen Wochen, aber dennoch war der faszinierende Hang zu einer dunklen Poesie zu erkennen. Vor allem sind es die wilden Träume, und Geschichten von den Reisen durch Australien, die sie inspirierten – und von zarten Melodien begleitet- vorgetragen.

Geprägt von großen Vorbildern, intonierten sie auch ein Stück von Kate Bush. Dieses konnte dann sehr gut aufzeigen, wie different ihre vokalen Parts bei den schwierigen Hürden wirkten. 

Ausgestattet mit Keyboard, Geige und Gitarre hatte all das fast kammermusikalische Anklänge, und verwies in Lyrik und Ausdruck auch auf die angloamerikanischen Traditionen. Da verschmolz die Eingängigkeit des Pops mit Ansätzen altenglischer Chorgesänge, die sich in ihrer Stimmlichkeit und Zwiesprache ergänzten.

Charme of finches nutzen eine unaufgeregte, zurückhaltende Variante des zeitgenössischen Pops, pflegen dabei die Erbschaft der Singer-Songwriter und wissen sie zu nutzen. In ihrem Auftritt und seiner Gestaltung hielten sie den filigranen Eindruck aufrecht und wußtenmit ihrem Liedgut zu überzeugen. 

Das UGZWO ist eine überschaubare Location, deren Qualität sich auch in der Nähe zu den Auftretenden zeigt. Im Falle der Charme of Finches wären die Verstärkung durch den Einsatz der Lautsprecher fast nicht nötig gewesen, zeigt sich doch vor allem bei den akustischen, quasi unplugged vorgeführten Songs, dass sie mühelos – ohne Hilfsmittel – überzeugen konnten. Im Gegenteil: Nur mit ihren Stimmen und der Gitarre offenbarte sich wie passend ihr Name doch gewählt war. 

Das UGZWO hat noch einige Events für dieses Jahr angekündigt – darf also gerne empfohlen werden. Die Chame of Finches, die versprochen haben, das nächste Jahr wieder zu kommen, sollte man sowieso in Erinnerung behalten.

Externe Links:

UGZWO – https://betriebswerk.de/ugzwo/

Charme of Finches – https://www.charmoffinchesband.com

Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026

Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026

Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026
Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026

Vom Ambiente kommt das BIX einem historischen Jazzclub wahrscheinlich am Nähesten. Ausgestattet mit Tischen und einer Bar bietet es für eine überschaubare Anzahl Gäste (vermutlich 60-100, aber es gibt auch noch Stehplätze am Rand) Platz. Die Gastronomie offeriert eine kleine, aber durchaus exquisite Speisekarte, und die Getränkeauswahl ist erschöpfend. Eine Stunde vor dem Konzert und während des Abends wuseln Bedienungen durch die Reihen, die Plätze werden gewechselt und unglaublich beeindruckende Musiker brillieren mit großartigem Material.

So ungefähr muss man sich das vorstellen. Dass das Klaus Wagenleiter Trio mit seinen versierten und bekannten Drei hier zu Gast war entsprach schon einer gewissen Logik, denn schaut man sich die Namen der nächsten Acts auf der Vorschau an, so begegnet man dem Veranstaltungsort mit einem gewissen Respekt. Eigentlich kommen da alle hin, von denen man schon mal gehört hat. Alle, die man eben genau in einer solchen Kulisse sehen will. Vorne, vor dem Eingang im Bohnenviertel – direkt gegenüber einer Kirche – gibt es noch eine Art beschirmter Biergarten, so dass man die Zeit vor dem Auftritt hier verbringen kann. Die Sitzplätze vor der Bühne sind sowieso reserviert.

Sandie Wollasch war ursprünglich mit dem Klaus Wagenleiter Trio angekündigt. Leider ist in der letzten Woche, nach langer Krankheit, ihr Vater – der bekannte Musiker Jochen Wollasch – verstorben, daher begleitete das Trio und Klaus Graf nicht nur Sandrine Neye, sondern auch Vivien Zippert.

Es sind die Kombinationen, die Jazzkonzerte zu etwas außergewöhnlichem machen. Das Zusammenspiel, die Improvisationen, aber auch das gegenseitige Eingehen auf die einzelnen Parts und das Können der Beteiligten.

Mit Sandrine Neye wurde das Trio, sowie Klaus Graf am Saxophon, um eine weiche, beachtliche Soul- und Jazzstimme ergänzt, die schon bei einigen Auftritten von Sandie Wollasch glänzen durfte. Sie gehört mit ihrer außergewöhnlichen Interpretation einiger Klassiker, aber auch dem einen oder anderen Werk von Sandie selbst, zu jenen Namen, die man sich merken darf, denn ihre Art der Darbietung erscheint mühelos und ausdrucksstark zugleich, deckt aber ein Spektrum ab, das Staunen macht. Ohne Zweifel eine der Stimmen, die in den nächsten Jahren noch auf einigen Plakaten zu finden sein wird. 

Die Musiker um Klaus Wagenleiter, sowie der Pianist selber, sind wohlbekannt, in ihren Solis bemerkenswert, versiert fehlerfrei und in der Spielweise von einer warmherzigen Freude begleitete. Das Fehlen von Sandie war – ohne Zweifel – immer im Raum, auch wenn Vivien Zippert mit leidenschaftlicher Stimme im Dialog mit Klaus Graf sang, scattete und begeistern konnte. 

Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026
Sandrine Neye, Vivien Zippert, Klaus Graf und das Klaus Wagenleiter Trio im Bix, Jazzclub, Stuttgart am 30.07.2026

Die Stärke des Abends waren die nahtlosen Übergänge, das Einfließen der Klassiker, der Eigenkompositionen, sowie die Fähigkeiten aus bekannten Stücken neue Varianten zu entlocken und, vor allem aber die Persönlichkeiten und Klangfarben der InterpretInnen, die es schafften, den Abend zu einer Entdeckung und Gewinn zu machen, auch wenn man die Abwesenheit von Sandie Wollasch bedauerte. 

Für ihre Familie und Sie selbst möchte ich alles Mitgefühl ausdrücken. Für Jochen Wollasch, dem ich viel zu spät persönlich begegnet bin, mein Bedauern. 

Auch wenn Sandrine Neye und Vivien Zippert zusammen mit den Musikern von Klaus Wagenleiter und Klaus Graf ein wundervolles Konzert präsentierten, bleibt der Wunsch nach einer Wiederholung mit der Stimme von Sandie in einer ähnlichen Kombination.

Externe Links:

Sandrine Neye – https://sandrineneye.de/de/index.html

Klaus Graf – https://klausgraf.de

Klaus Wagenleiter – http://klauswagenleiter.de

Vivien Zippert –https://vivizena.com

Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026
Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Am Rande der Enz, etwas hinter Pforzheim, liegt Neuenbürg. Folgt man zu Fuß dem Flusslauf gelangt man durch einen Talweg, an Pferdeweiden vorbei in das kleine Städtchen. Wie viele Gemeinden, die am Rande einer größeren Stadt liegen, ist auch Neuenbürg gut an Pforzheim angebunden. Mit der Karlsruher AVG über die Nr.6 zu erreichen, kommt man über den Südbahnhof nahe an das Schloss Neuenbürg.

Das Schloss Neuenbürg liegt auf dem höchsten Punkt der Ansiedlung, beherbergt ein Schlossmuseum, ein Restaurant, einen guten Ausblick über die Stadt und die umgebenden Wälder, sowie einen ehemaligen Schlossgarten. Dieser ist mit seiner Ummauerung geradezu prädestiniert in historischer Kulisse, weit oberhalb von der Ortschaft, als Eventgelände genutzt zu werden.

Es bot sich an, die Infrastruktur eines – am nächsten Tag stattfindenden – Electronicfestival für die Vorstellung eines eigenen Konzeptes zu nutzen. Masou & Leise, die es geschafft haben, für ihre detailreiche Musik ein ganz eigenes Genre zu kreieren, wagten in diesem Rahmen einen Konzertabend zu schaffen, der hoffentlich der Startpunkt für eine kleine Tradition darstellen könnte.

Denn, nicht nur, dass die beiden Künstler ein sehr aufwändiges Konzept hinsichtlich ihrer eigenen Musik verfolgen, sie schafften es auch drei befreundete Künstlerinnen mit einzubinden. Drei Namen, die zu den Hoffnungen der hiesigen Singer- und Songwriterinnen-Szene gehören, aber jeweils ganz differente Wege verfolgen. 

Die Auswahl war daher vorbildlich kuratiert, die Location bot mit ihrem weiträumigen Festivalgelände, dem Loungemobilar, aber auch dem fein eingestellten Sound, viel Raum für die Anwesenden, einen gemütlichen Einstieg und einen schon am Nachmittag beginnenden Konzertabend.

Fernanda Tarrech im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026
Fernanda Tarrech im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

 

Fernanda Tarrech ist eine junge Sängerin aus Uruguay. Aufgefallen ist sie in die letzten Jahren und Monaten an verschiedenen Locations in der Umgebung. In einer charmanten Mischung aus Englisch, Deutsch und Spanisch präsentierte sie eigene Songs, traditionelle Anklänge und Coverversionen. Mit wenigen Gesten, einer Leichtigkeitkeit und Ruhe, die ihre Auftritte auszeichnet, scheine ihre Werke so vertraut und bekannt, als wären sie schon den ganzen Sommer da und als Begleiter ausgewählt. 

Irgendwo zwischen der Lässigkeit des Bossa Novas, und der Leichtfüßigkeit des Mestizo interpretierte sie – nur begleitet von ihrem Gitarrenspiel – ein Bündel eingängiger Melodien.

Vor kurzem hatte sie Karlsruhe verlassen und sich Berlin zugewandt. Einer Stadt, die sie sicherlich mit der vertrauten Schwerelosigkeit einnehmen wird. 

Sarah Weiß im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026
Sarah Weiß im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Ihr folgte Sarah Weiß, die auch schon auf dem letzten Weihnachtskonzert von Masou & Leise in der Schlosskirche Pforzheims, den Abend eröffnete. Wieder begleitet von ihrem Gitarristen Björn Koschnike, stellte Sarah Weiß ein Repertoire vor, dass mit einer einprägsamen Stimme und feinem Gitarrenspiel, Anleihen an Americana, dem guten Storytelling, aber auch der Tradition großer LiedermacherInnen folgt. In ihrem Instrumentarium und ihrer Spielweise gehört Sarah Weiß zu jenen, die sowohl das Klavier, wie auch die Saiteninstrumente virtuos zu nutzen wissen, um eine Grundlage für Songs zu entwickeln, die von den kleinen und großen Dingen, den Missgeschicken und dem Alltag erzählen. 

Sie macht das mit Humor, einem gutem Spiel und Dialog mit ihrem Publikum, aber auch mit einer Farbigkeit und einem Sinn fürs Detail, der viel über ihr Kunst verrät. Jedoch auch zeigt, das ihr Blick geschult ist, die Dinge in einer eigenen Weise kreativ zu interpretieren. Sarah Weiß gehört damit zu  jenen eigenständigen Musikerinnen, die mit ihrem Witz und ihrer Liebe für die Feinheiten, kleine Geschichten in feine Songs verpacken.

Ronja Maltzahn im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026
Ronja Maltzahn im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Alle drei SongwriterInnen zeigten in ihrer Abfolge und in ihrem Programm die Unterschiede und Möglichkeiten, die ihre Kompositionen ausmachten. Als Ronja Maltzahn auftrat, kündigten sich schon die ersten Wetteränderungen an. Eine einzelne Gewitterwolke bewegte sich auf Neuenbürg zu. Fast zeitgleich zu dem Auftritt von Ronja Maltzahn erschien sie sie über dem Schloss. Ungeachtet dessen zeigte Ronja und ihr Partner mit einem experimentellen Sammelsurium an Instrumenten und Loopstations eine Spielfreude und Begeisterung für die Kommunikation mit dem Publikum. 

Auf dem Cello, auf der Gitarre, einem rosafarbenen Klavier, aber auch einem Ukulele-ähnlichem Saiteninstrument mit zwei Hälsen, zeigten die Beiden eine große Breite, boten dem Publikum die Möglichkeit zum Mitspielen und Mitsingen, banden sie mit Tönen ein, kreierten Songs auf der eigenen Bühne, verknüpften dieses mit Botschaften, und visuellen Kunstwerken.

Ronja Maltzahn zeigte eine Freude am Gesamtkunstwerk, der ganzheitlichen Betrachtung künstlerischer Kreativität und einem Wirken über die Musik hinaus. So waren ihre Songs mehrsprachig, eingängig, aber auch bemüht, neue Wege zu gehen, die sich ihr offenbarte. Eine vielseitige, offene Seele, die ihre Sensibilität für Entdeckungen und Begegnungen zu nutzen wusste. 

Honoriert wurde das mit einem Publikum, dass tapfer den Regen überstand, den Wolken trotzte, und mit dem Auftritt von Masou & Leise belohnt wurde. Der Wind wurde stärker, wirbelte über das Gelände, aber liess auch zu dem Beginn der beiden Künstler noch alles offen. 

Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026
Masou & Leise (Scopeglass Boutique Festival) im Schloss Neuenbürg am 31.07.2026

Masou & Leise bezeichnen ihre Musik selbst als Scopeglass. Schwer festzulegen, und in ihrer Aufführung ausgesprochen professionell, zeigten sich die beiden Musiker sehr zurückhaltenden, geben einem kleinen Kammerorchester – das sie begleitet – den meisten Raum, und nehmen selbst eher seitlich und hinten – am Klavier und dem Schlagzeug bzw. den Percussions Platz. Sie bewegten sich mit ihrem Programm in einem traumwandlerischen, fast verführerischem Feld, dass die verschiedenen Stilrichtungen wie Filmmusik, Ambient und Neo-Classic miteinander verbindet. Eigene Kompositionen, die schwebend, raumfüllend, aber in ihrer vorherrschenden Tendenz filigran erscheinen. 

Für einen Sommerabend, noch dazu Open Air, dem Himmel nahe und in einer historischen Kulisse, genau das Richtige. Ein Sound, der in seiner Fülle und seinem Reichtum, sowie dem Spiel zur Entspannung und Erholung einlädt. Die Kompositionen von Masou & Leise kommen unaufgeregt, laden zum Zuhören ein und waren als Ausklang und Höhepunkt des Abends gedacht.

Vorwiegend instrumental, in den verschiedensten Farben ausgeleuchtet, begrüßten sie die hereinbrechende Dunkelheit, untermalten sie mit Klavier und Streicherklängen, nutzten in fein austariertem Ton die Möglichkeiten des Geländes, doch es kündigte sich bereits ab der Hälfte ein Unwetter an, dass sich innerhalb von wenigen Minuten steigerte. Das Schloss Neuenbürg liegt in einer exponierten Lage. Zu groß war das Risiko eines Einschlags. Man wollte 20-30 Minuten warten, ob das Wetter vorbeizog, doch die Wolke war zu breit, der Himmel zu bedeckt, der Regen zu stark. Das Konzert wurde leider abgebrochen. Bis dahin ein außergewöhnliches Event, mit einer faszinierenden Mischung aus künstlerischen Interpretationen und Betrachtungen. Etwas, von dem man sich wünschen würde, dass es sich etabliert und einen Nachfolger im nächsten Jahr findet. Die Namen kann man sich alle merken.  Und die Location hat ihren Charme, um ein wesentlich größeres Publikum aufzunehmen.

Es war, wenn man sich das wünschen darf, ein guter Anfang.

Externe Links:

Fernanda Tarrech – https://www.fernandatarrech.com

Sarah Weiß – https://www.sarah-weiss.com

Ronja Maltzahn – https://ronjamaltzahn.de

Masou & Leise – https://masou-leise.de