FILO im Wohnzimmerkonzert, Tollhaus am 31.03.2026

FILO im Wohnzimmerkonzert, Tollhaus am 31.03.2026

FILO beim Wohnzimmerkonzert im Tollhaus am 31.03.2026
FILO beim Wohnzimmerkonzert im Tollhaus am 31.03.2026

Mit den Wohnzimmerkonzerten hatte das Tollhaus eine Reihe aufgelegt, die aus dem üblichen Programm bewusst heraussticht. Sie findet einerseits nicht auf den Bühnen des Veranstaltungsortes statt, aber geht auch in der Präsentation und im Design andere Wege. 

In der Verantwortlichkeit legt das Tollhaus diese Konzerte ganz bewußt in die Hände der dort beschäftigten Azubis. Diese reichen sie traditionell an die folgenden Jahrgänge weiter, so dass im Laufe der Zeit etwas entstanden ist, was einen ganz eigenen Konzert-Charakter hervorgebracht hat.

Diese Events fallen in der Gestaltung und Durchführung aus dem bekannten Rahmen. Die Räumlichkeiten werden umgestaltet, die auftretenden Künstler erscheinen dabei in einem Ambiente, das tatsächlich eher einem Wohnzimmer gleicht, und das anwesende Publikum hat die Möglichkeit dafür Sessel und anderes Polstermobiliar, sowie Kissen als Sitzplätze zu nutzen.

Atmosphärisch in einem heimeligen Kokon angesiedelt, entwickeln diese kleinen Musik-Aufführungen einen Sympathiewert, der mehr wie eine Feierlichkeit im vertrauten Freundeskreis, als wie ein kommerzielles Konzert wirkt.

Einen Getränkeausschank gibt es nicht, dafür holt man sich selbst seine Flaschen aus eine bereit gestellten Kühlschrank und bezahlt wird über eine offene Kasse. Ebenso gibt es die Möglichkeit am Ausgang eine Spende zu geben, die fortan ähnliche Konzerte ermöglicht. Denn die Wohnzimmerkonzert sind günstig, 5 Euro ist der Eintritt. Deswegen nicht weniger liebevoll und mit sehr viel Sinn fürs Detail gestaltet.

So werden Lampen neben Topfpflanzen aufgestellt, der Hintergrund für die MusikerInnen gleicht einer Tapete, und seit Neuestem bietet sich das Ambiente auch für gestaltende KünstlerInnen an.

Anna Stitz, eine Karlsruher Künstlerin, stellte in diesem Rahmen ihre abstrakten, vielschichtigen Gemälde aus und präsentierte damit ihr Werk einem interessierten Publikum. Eine Option, die sicherlich auch in Zukunft eine gute Chance für weitere Kreative darstellen kann.

Die Auszubildenden des Tollhauses zeigten, dass dieses Konzept zukunfts- und ausbaufähig ist, aber auch, dass es von den Innovationen der kommenden Generationen lebt und gute Chancen hat spannend zu bleiben.

Mit FILO stellten sich ein junges Duo vor, das – bestehend aus den MusikerInnen Ophelia (Gitarre) und Francis (Keyboard) – vornehmlich eigene Interpretationen bekannter Songs darboten. 

Mit dem Sound des Pianos und der Gitarre, sowie dem Gesang, gelangen ihnen dabei Varianten der Klassiker von Seal, Tina Turner, Alanis Morissette, sowie Wheatus. Diese in einem neuen Gewand zu erleben, machte einen Teil der Faszination aus. 

Reduziert und fast zugeschnitten auf die Location, überzeugten sie mit ihren Stimmen, die sie geschickt im harmonischen Duett und Wechselspiel zur Betonung der Passagen nutzten. 

FILO beim Wohnzimmerkonzert im Tollhaus am 31.03.2026
FILO beim Wohnzimmerkonzert im Tollhaus am 31.03.2026

So gewagt – zum Beispiel – die Annäherung an „Valerie“ von Amy Winehouse erscheinen mochte, so gut meisterten sie die möglichen Klimmen, und überzeugten in der eingesetzten Stimmlage.

Überhaupt bot das vorgetragene Programm mit de Komposition der Gitarristin eine Überraschung. So dass man sie gerne ermutigen möchte, auf diesem Weg weiter zu gehen, ihren Songs eine Chance zu geben, und hier eine Richtung einzuschlagen, die Potential hat.

Das Wohnzimmerkonzert mit FILO zeigt, worin die Stärken des Konzeptes liegen. Bot es doch einen geschützten Rahmen für sehr junge und neue Bands, aber auch für Ideen, die in diesem Zusammenhang entstehen können. Beiden, den Veranstaltern und auch den MusikerInnen, ist zu wünsche, dass es bestehen bleibt, sie weiterhin viel Erfolg hat und man sich unbedingt wieder sieht.

Externe Links:

FILO – https://www.instagram.com/filo.blue/

Wohnzimmerkonzerte – https://www.instagram.com/wohnzimmerkonzerte_tollhaus/

Anna Stitz – https://www.instagram.com/anna.stitz/

Schreiborte: Stuttgart (Part 1)

Schreiborte: Stuttgart (Part 1)

Die württembergische Landesbibliothek in Stuttgart
Die württembergische Landesbibliothek in Stuttgart

Mit den Möglichkeiten, die sich in Stuttgart als Schreiborte anbieten, werde ich mich mehrmals befassen müssen, denn sie sind zum Einen vielfältig, und zum Anderen nicht mit einem einzigen Besuch erfassbar. 

Es handelt sich daher bei diesen kurzen Beschreibungen nur um Notizen, die mir und anderen helfen sollen, in dieser Stadt eine Möglichkeit zum Arbeiten und Lernen mit Büchern und Schriftmaterialien zu finden.

Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

Adresse: Konrad-Adenauer-Straße 10, 70173

Die Württembergische Landesbibliothek gehört zu den eindrucksvollsten und größten Bibliotheken des Bundeslandes. Von außen wirkt sie eher unspektakulär und zweckmäßig, von innen bietet sie jedoch unzählige Arbeitsplätze in ganz unterschiedlichen Ausstattungen und Formen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie auf die Bedürfnisse der Lesenden und Lernenden optimal zurechtgeschnitten sind. So bieten sie alle Stromanschlüsse, in den meisten Fällen Leselampen und sind größtenteils an den Außenseiten oder in deren Nähe angebracht, so daß durch die Fenster Tageslicht auf die Arbeitsplätze fällt.

Die Arbeitsplätze befinden sich in jedem Stockwerk, allerdings liegt im unteren Bereich der Schwerpunkt auf der Nutzung des Zeitschriftenauslagen und ähnlicher Lektüre. Unabhängig davon jedoch gibt es auch hier die Möglichkeit mit dem Notebook und Büchern länger zu schreiben.

Eine Besonderheit gibt es für externe BesucherInnen zu beachten: Die Bibliothek ist frei zugänglich, somit kann sie auch während eines einmaligen Stopps genutzt werden, jedoch benötigen die Schließfächer, die Buchung der Arbeitsplätze und das interne W-Lan einen gültigen Bibliotheksausweis. Solange es keinen gebuchten Anspruch gibt, können die Tische jedoch genutzt werden. Sind allerdings freizumachen, falls jemand mit einer gültigen Buchung erscheint.

Externer Link: https://www.wlb-stuttgart.de/

Die Universitätsbibliothek Stuttgart (Stadtmitte)

Adresse: Holzgartenstraße 16, 70174 Stuttgart

Während die Württembergische Landesbibliothek aufgrund ihres Neubaus in der Regel stark belegt ist, bietet sich die Universitätsbibliothek, unweit des Hauptbahnhofs auf dem Gelände der Uni-Stuttgart an. 

Schon im Eingangsbereich finden sich weiträumige Tische, die sich als Lern- und Arbeitsbereich anbieten. Zwar ist die Ausstattung dieser Räumlichkeit nicht ganz so individuell und reichhaltig wie in der Landesbibliothek, doch der Platz, der angeboten wird, macht das unproblematisch wett. Die Steckdosen finden sich am Ende der langen Tische, so daß sie nicht von jedem Sitzplatz aus genutzt werden können, aber einfach erreichbar bleiben.

Das WLAN der Uni ist verfügbar, kostenlos und nicht zugangs-beschränkt. Zwar entspricht die Universitätsbibliothek ihrem Nutzen und ist vom Designfaktor nicht hervorstechend, trotzdem bietet sie eine ruhige Möglichkeit ein Schreibprojekt zu aktualisieren und hat dafür taugliche und ungestörte Arbeitsplätze. 

Ich nutzte dabei vor allem jenen Eingangsbereich und sah keine Notwendigkeit weitere Bereiche zu erkunden.

Externer Link: https://www.stuttgart.de/organigramm/adresse/universitaetsbibliothek-stuttgart

Die Stadtbibliothek Stuttgart

Adresse: Mailänder Platz 1, 70173 Stuttgart

Zuerst mal: Ganz egal, ob man sich für Bücher interessiert – Die Stadtbibliothek ist ein architektonisches und ikonisches Meisterwerk. Oft abgelichtet, gerne als Beispiel aufgeführt, findet sie sich in dem Stadtteil, dass neben der Stuttgart 21-Baustelle in den letzten Jahren entstand.

Eingebetet in einer Umgebung aus aktuellen Bürobauten, schicken Fast-Food-Ketten und geräumigen Plätzen gehört sie sie zu den aktuellsten Bibliotheken des Landes. Sollte man mindestens einmal besucht haben. Aufgeteilt über 8 Stockwerke, die entweder über einen Fahrstuhl oder ein luftiges, verschwenderisches Treppensystem zu erklimmen sind, bietet sie viel Raum zum Chillen, Lesen, Relaxen und die dazu erforderliche Ruhe.

Im oberen Bereich gibt es ein Cafe, sowie ein Zugang zur Dachterrasse. Die Stadtbibliothek Stuttgart hat den Charme auf ihrer Seite, aber ist natürlich auch hoch frequentiert und daher mit einem Buchungssystem für die Arbeitsplätze ausgestattet. Nicht desto trotz kann man das Café oder die Polster auf jedem Stockwerk für eine Schreibsession nutzen.

Die Atmosphäre ist angenehm, die Ausstattung der vorhandenen Plätze entspricht dem modernen Standard (Steckdosen und Licht ist vorhanden), aber man sollte im Besitz eines Bibliotheksausweis sein, wenn man dieses geniessen will. 

Sie ist wie alle Bibliotheken, die ich nennen werde, frei zugänglich, tauglich als Tagesziel und bzgl. der Architektur auf jeden Fall für Instagram-Stories geeignet. Wer es aufgeräumt, licht und hell mag, sollte unbedingt vorbei schauen.

Externer Link: https://stadtbibliothek-stuttgart.de/

Weitere Texte zu den Schreiborten:

Schreiborte: Stuttgart (Part 1)

Mit den Möglichkeiten, die sich in Stuttgart als Schreiborte anbieten, werde ich mich mehrmals befassen müssen, denn sie sind zum Einen vielfältig, und zum Anderen nicht mit einem einzigen Besuch erfassbar.  Es handelt sich daher bei diesen kurzen Beschreibungen nur um Notizen, die mir und anderen helfen sollen, in dieser Stadt eine Möglichkeit zum Arbeiten und Lernen mit Büchern und Schriftmaterialien zu finden. Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart Adresse: Konrad-Adenauer-Straße 10, 70173 Die Württembergische Landesbibliothek gehört zu den eindrucksvollsten und größten...

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Schreiborte: Einleitung oder An welchen Orten lässt es sich in Baden-Württemberg schreiben

Ich gehöre zu jener Sorte Mensch, die – wenn sie dann mal zum Schreiben kommen – eher außerhalb ihres Wohnbereiches kreative Texte verfassen. Das können Beiträge über Musik sein, aber auch der Fortsetzungsroman, der sich in den Tiefen dieser Webseite befindet. Ich ziehe es dabei vor, ruhige Orte zu finden, die es mir ermöglichen über einen längeren Zeitraum Texte zu verfassen, ohne dass ich jemanden dabei störe. Cafés stellen in diesem Sinne eine Notlösung da, und werden auch gerne genutzt,...

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Flavian Graber bei Dixigas-Records am 30.03.2022

Flavian Graber bei Dixigas-Records am 30.03.2022

(Mit Interview)

Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records
Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records

Flavian Graber, vielen noch bekannt als Mitglied und Frontman der Band „We invented Paris“ ging die Dinge schon immer ein kleines bißchen anders an. War „We invented Paris“ unter anderem dafür bekannt, dass sie gerne unter dem Begriff Künstler-Kollektiv angesiedelt wurden, so versucht auch er selbst – nun auf Solopfaden – Wege und Möglichkeiten jenseits des gewohnten Kulturbetriebs zu finden. 

Wo „We invented Paris“ legendär die Möglichkeiten des Couch-Surfings für eine Tour nutzten, sind es nun bei Flavian sogenannte Küchentourneen oder Wander-Konzerte. Wie wichtig ihm diese gemeinsamen und verbindenden Erlebnisse sind, zeigte sich auch bei dem Konzert in den Räumlichkeiten von Dixigas-Records. So konnten sich Interessierte per Mail melden, um einen der raren Plätze zu ergattern, wurden aber auch gebeten, etwas zum Buffet beizutragen.

Dadurch entwickelte sich das kleine Ladenkonzert wie ein gemeinsames Fest, zu dem jeder etwas mitbrachte. Das Konzert selbst wurde allein auf Spendenbasis (also ohne Eintritt) finanziert. Unter diesem Gesichtspunkt lag Flavian Graber viel daran,  das Publikum mit ein zu beziehen, und somit zur gemeinsamen Gestaltung zu laden.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und sprengte den bekannten Rahmen. Nicht nur, dass allerlei und sehr verschiedene Zutaten auf den bereit gestellten Tischen zum Gelingen beitrugen, es gab auch die Option in seinen Rezeptbüchern, dem Künstler die Beschreibung einer eigenen Kreation zu hinterlassen. Er versprach doch tatsächlich, sie hinterher nach zu kochen.

Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records
Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records

Zusammen mit Nico Schnepf (Keyboard und Akkordeon, Mitglied des Vereinsheims) bestritt Flavian Graber einen Abend an der Gitarre mit schweizerdeutschem Gesang. Das er sie zuvor übersetzt vorlas, betonte die lyrische-poetische Komponente, aber zeigte auch, dass das Wort und ihre Verwendung für Flavian einen wichtigenTeil des Gesamtkonzeptes darstellte.

Es war die Bereitschaft und das Vermögen alle Sinne anzusprechen, die den Abend auszeichnete. Flavian nahm die Anwesenden auf eine Reise zu den Augenblicken und Momenten mit, die er mit eingängigen Kompositionen abrundete. Unterlegt wurden sie dabei  mit den Fotografien (auf einem Lichtkasten) von Nico Schnepf

Glich das Vortragen der gesprochene Teil seiner Texte einer Dichterlesung, so vermittelte der Charme seines Gesangs – in dem Timbre und Ton seiner Heimat – eine Färbung, die die Ruhe und Naturverbundenheit vermittelten. 

Auf diesem Weg zeichnete ihn vor allem die Offenheit aus, die den melancholisch-nachdenklichen Texten eine sympathische Natürlichkeit gaben. 

Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records
Flavian Graber (mit Nico Schnepf) am 30.03.2026 bei Dixigas-Records

Flavian nutzt die Sprache gerne. Sein Spiel ,und die Gestaltung damit, verraten eine lange Liebe, die er mit der Gitarre zu betonen weiß.  In der Zusammenarbeit mit Nico Schnepf am Keyboard gewann es eine fast sphärische und liebevolle Basis – vor allem und auch wegen dem eingesetzten Akkordeon. Nico Schnepf wusste mit ruhiger Hand den Charakter der vorgetragenen Werke zu ergänzen und zu verdichten. 

Wie gesagt, die Anwesenden mitzunehmen, sie kennenzulernen und einzubinden, war ihm Anliegen. Somit kein Wunder, dass es sich am Schluss tatsächlich um eines seiner „vielgerühmten Küchenkonzerte“ handelte, als er den Abschluss genau dort hinverlagerte: In die kleine Küche des Plattenladens. Eine Gestaltung, die an tausendundeine Party erinnert. Jener Ort, an dem dann die besten Gespräche stattfinden, die coolsten Leute zusammenstehen und die Getränke am Nächsten sind.

Flavians Konzerte sind kleine, wunderbare Events, die die Musik wieder als kommunikatives Element pflegen wollen, und man darf gespannt sein, welche Ideen ihn für die Zukunft noch kommen. Denn einen Teil davon will ich gar nicht erzählen, damit es noch die überraschenden Momente für jene gibt, die ihn in den folgenden Monaten nicht verpassen sollten.

Interview mit Flavian Graber (vor dem Konzert)

Interview mit Flavian Graber Graber (ChatGPT- clean Fassung)

Andreas (Jazznrhythm): Hallo, Flavian. Willkommen in Karlsruhe.

Flavian Graber: Danke.

Andreas (Jazznrhythm): Im Vorfeld habe ich mich ein wenig über dich informiert – unter anderem über deine Website und Wikipedia. Dabei ist mir ein Begriff aufgefallen: „Feinkost“. Das kennt man ja eher vom Metzger oder aus dem Delikatessenladen. Was bedeutet das in deinem Zusammenhang?

Flavian Graber: Ich glaube, es hat tatsächlich genau damit zu tun. Feinkost bedeutet ja nicht einfach nur, etwas zu essen zu haben, sondern etwas Besonderes zu genießen. Und so verstehe ich auch meine Musik: nicht als „Fast Food“, das nur sättigt, sondern als etwas Eigenes, Spezielles, das man bewusst hört und genießt.

Andreas (Jazznrhythm): Du hast früher mit We Invented Paris auf Englisch gesungen, jetzt singst du auf Schweizerdeutsch – und zwar ausschließlich. Wie kam es dazu?

Flavian Graber: Das hatte mehrere Gründe. Zum einen hatte ich das Gefühl, dass es Zeit war, We Invented Paris zu beenden. Ich bin älter geworden und an einem anderen Punkt im Leben.
Dann habe ich mich gefragt, wie es weitergehen soll, und vieles ausprobiert. Unter anderem wollte ich herausfinden, ob ich einen Song in meiner Muttersprache schreiben kann, der mir nicht peinlich ist. Ich hatte lange eine ambivalente Beziehung zum Schweizerdeutschen. Es gab einzelne Dinge, die ich mochte – etwa Züri West oder Stefan Eicher – aber insgesamt hatte ich keinen richtigen Zugang dazu.
Als ich dann angefangen habe, auf Schweizerdeutsch zu schreiben, hat mir das unglaublich viel Freude gemacht. Ich kann viel differenzierter ausdrücken, was ich sagen will, und auch den soziokulturellen Hintergrund  mitnehmen, was mir im Englischen so nicht möglich waren. Und gesungen fühlt sich das einfach am direktesten an.

Andreas (Jazznrhythm): Wie reagieren denn deutsche Zuhörer darauf?

Flavian Graber: Ich war selbst überrascht. Anfangs dachte ich, das funktioniert wahrscheinlich gar nicht. Deshalb habe ich auch versucht, auf Hochdeutsch zu schreiben. Aber wenn ich zwischendurch einen schweizerdeutschen Song gespielt habe, kam oft das Feedback, dass der sogar besser ankommt.
Ein wichtiger Punkt war dann der Tipp, die Texte vorher übersetzt vorzulesen. So bekommen die Leute einen Zugang, fast wie bei einem Gedicht. Danach finden sie sich viel leichter in der Sprache zurecht.

Andreas (Jazznrhythm): Ihr habt ja immer wieder ungewöhnliche Tourkonzepte entwickelt – zum Beispiel Couchsurfing-Konzerte oder jetzt deine Wanderkonzerte. Ist das aus der Pandemie entstanden oder ein Konzept, das du weiterverfolgst?

Flavian Graber: Es ist tatsächlich in der Pandemie entstanden. Zum einen, weil klassische Konzerte nicht möglich waren. Zum anderen, weil meine neuen Songs ein aufmerksames Publikum brauchen.
Ich hatte schon früher die Erfahrung gemacht, dass unverstärkte Momente mitten im Publikum oft die intensivsten sind. Daraus ist die Idee entstanden, Konzerte in die Natur zu verlegen.
Man läuft gemeinsam mit einer Gruppe – etwa 30 bis 50 Menschen – durch die Landschaft und hält unterwegs an verschiedenen Orten an, um Lieder zu spielen. Das Besondere ist, dass währenddessen nicht gesprochen wird. Die Leute hören zu und nehmen die Umgebung sehr bewusst wahr. Dadurch entsteht ein durchgehender Spannungsbogen.
Das hat sich inzwischen etabliert – ich gehe jetzt in die sechste Saison und lade auch immer wieder Gäste ein, etwa aus dem Bereich Spoken Word.

Andreas (Jazznrhythm): Wie lang sind diese Wanderungen?

Flavian Graber: Eher Spaziergänge. Meist fünf bis sechs Kilometer, also etwa eine Stunde reine Gehzeit. Es gibt leichtere und etwas anspruchsvollere Strecken, aber alles bleibt im Rahmen.

Andreas (Jazznrhythm): Findet das hauptsächlich in der Region Basel statt?

Flavian Graber: Die regulären Touren ja – etwa 17 Konzerte über den Sommer. Aber ich werde auch immer wieder eingeladen, das an anderen Orten zu machen, zum Beispiel in den Alpen oder am Bodensee.

Andreas (Jazznrhythm): Du spielst hier heute im Plattenladen mit Keyboardbegleitung. Wie sieht das sonst auf Tour aus?

Flavian Graber: Meistens sehr reduziert. Ich nenne das „Küchenkonzerte“. Ich reise mit der Gitarre und spiele unverstärkt, oft in privaten Wohnungen.
Die Konzerte sind öffentlich zugänglich, aber die Adresse bekommt man erst nach Anmeldung. Die Gäste bringen Essen mit, sodass eine gemeinsame Tafel entsteht.

Andreas (Jazznrhythm): Finden diese Konzerte tatsächlich auch in Küchen statt?

Flavian Graber: Ja, durchaus. Der Begriff ist für mich auch inhaltlich wichtig. Er knüpft wieder an das Thema „Feinkost“ an, aber auch an den Küchentisch als Ort.
Für mich ist das ein zentraler Ort – dort passieren Gespräche, Konflikte, Alltägliches. Viele meiner Texte entstehen gedanklich an so einem Tisch. Und es ist ja oft so: Wenn man bei jemandem zu Besuch ist, endet alles in der Küche.

Andreas (Jazznrhythm): Du hast schon bei We Invented Paris mit Fotografie, Film und Design gearbeitet. Spielt dieses Gesamtkonzept für dich weiterhin eine Rolle?

Flavian Graber: Ja, auf jeden Fall. Ich sehe mich zwar als Singer-Songwriter im klassischen Sinne, aber eigentlich versuche ich eher, Räume und Momente zu schaffen, in denen Menschen etwas erleben können.
Mich interessiert es sehr, verschiedene Kunstformen zu verbinden. Oft sprechen unterschiedliche Disziplinen ja über ähnliche Dinge – nur auf ihre eigene Weise.

Andreas (Jazznrhythm): Wenn man deine Musik einordnen möchte – fällt das überhaupt leicht?

Flavian Graber: Nicht wirklich. Am ehesten ist es wohl Popmusik, vielleicht irgendwo zwischen Indie und Folk. Aber durch die Sprache und die Art der Präsentation kommt noch eine andere Ebene dazu, etwa durch die gesprochenen Texte.

Andreas (Jazznrhythm): Zum Schluss noch eine Frage zu Social Media: Wie stehst du dazu?

Flavian Graber: Sehr ambivalent. Ich merke, dass es mir persönlich nicht immer gut tut. Es hat oft etwas Oberflächliches oder auch Toxisches.
Gleichzeitig ist es natürlich ein wichtiges Werkzeug. Wenn ich es professionell betrachte, geht es darum, die Menschen zu erreichen, die wirklich etwas mit der Musik anfangen können.
Ich glaube nicht, dass es einfacher geworden ist als früher – nur anders. Früher gab es klarere Kanäle. Heute kann man theoretisch sehr viel machen, aber es ist auch ein Fass ohne Boden.
Für mich funktioniert es am besten, wenn ich Social Media als Werkzeug begreife und nicht versuche, dort ständig präsent zu sein.

Andreas (Jazznrhythm): Hast du deinen Frieden damit gemacht?

Flavian Graber: Für den Moment, ja. Wenn ich gar nicht präsent wäre, würde ich den Menschen, die meine Musik entdecken könnten, auch keinen Gefallen tun.

Andreas (Jazznrhythm): Vielen Dank für das Gespräch.

Flavian Graber: Danke dir.

Externe Links:

Flavian Graberhttps://flaviangraber.com

Dixigas-Recordshttps://dixigas-records.de

Tonspur Nr. 37: Codamine – Codamine/ Ghosts,too…/ Last Exit

Tonspur Nr. 37: Codamine – Codamine/ Ghosts,too…/ Last Exit

Codamine - Codamine
Codamine – Codamine
Codamine - ghosts, too..
Codamine – ghosts, too..
Codamine - Last Exit
Codamine – Last Exit

Codamine – Codamine (2003)

  • Black Spirit Motel
  • Solitaire
  • Around the Bonfire
  • Hail
  • Haven
  • The Book of Fence
  • Cloudbuzz
  • #_1
  • Low
  • Coalpot
  • Neon Highway

Codamine – Ghosts, too… (2006)

  • Myself in brackets
  • Sunset
  • Solitaire
  • Too
  • Cloudbuzz
  • Spiderwebs
  • Anvil
  • Low
  • Hail
  • Hell are the others
  • The Book of Fence
  • Tidewater
  • Stumblesong (Bonustrack)

Codamine – Last,exit… (2006)

  • Shadowboxer
  • Baby can I hold you tonight
  • Song for the lonesome

Die Geschichte der Karlsruher Band Codamine (2002-2006 ) war angefüllt mit guten Rezensionen, viel Lob, aber währte dann doch nur eine Handvoll Jahre. Und in diesen brachten sie eine kleine, erinnerungswürdige Diskografie ans Licht.

Mit aller Kraft arbeiteten sie an der Verlangsamung der Popmusik und schufen damit auf einem breiten Nebenstrom etwas, das immer noch funktionieren will. So wurde kurz nach dem Jahrtausendwechsel etwas kreiert, dass sich wie eine schillernde Raupe nach oben kämpft und vergessen macht, das in all der Zeit sich die Welt x-mal gedreht hat, manches von unten nach oben gestülpt wurde und eine komplette neue Generation die Musik beherrschen will.

Ein schleppendes, schlurfendes Schlagzeug, das abwägend einen Beat vorgibt, eine Stimme, die verharrend die Atmosphäre dehnen möchte und spartanisches Spiel aller weiteren Instrumente – als ob sie sich die Wertigkeit ihres Einsatzes überlegen – gibt der Musik eine verruchte Trägheit, die zur längeren Betrachtung einlädt. 

Auf ihrem einleitenden Debüt-Album „Codamine“  – im Sommer und Dezember 2002 auch zum Teil live im Substage aufgenommen – präsentierten sie schon ein bündiges Konzept, das sich beharrlich weigerte den Trend zur Beschleunigung mitzumachen. Wunderschöner Starrsinn, der die einzelnen Passagen hervorhebt, einfach mal hergeht und alles zerlegt, um der Dehnung ihren Raum zu geben. Fast schon Kammermusikalisch im Ergebnis, aber vor allem gezeugt aus dem trüben Folk und dem Weg, den die voraus gegangen sind, die in Kirchen und versoffenen Bars das Ende und den Anfang des Lebens besangen. Egal in welcher Reihenfolge.

Verpasst haben wir sie wahrscheinlich alle, trotzdem macht es Sinn, nochmal danach zu graben. Codamine gaben dem Nebeltag eine Schönheit, die sie in lyrischen Kompositionen komprimierten. Dabei opferten sie alles der Melancholie, gingen keine Kompromisse ein und riskieren den verwunderten Blick, ob die Platte nicht zu langsam läuft. Ausgeklügelte Handwerk, das sich eher am Verzicht als an der Überfrachtung probierte. 

Sie sind dafür zu loben, dass sie dem Zeitgeist eine lange Nase gezeigt hatte, und heute schwer einzuordnen sind. In einer Welt in der Lambchop, Tindersticks und Slowcore/Emo-Gruppen um die Verminderung der Geschwindigkeit wetteifern, hätten sie einen der vorderen Ränge belegt und wären in den Topf gekommen, den wir brauchen, um wieder die Ruhe zu geniessen.

Schönes, raues Material für die schlaflosen Nächten und andere Momente mit geschlossenen Augen.

Man möchte den Suchenden ein gutes Händchen wünschen, und den Alben eine Neuauflage.