DAËNK auf dem „Westwind“-Fest auf dem Gutenberg-Platz (Karlsruhe) am 20.09.2026
Das Fest auf dem Gutenbergplatz, das jährlich und mit viel Engagement stattfindet, ist eines jener Stadtteil-Feste, die in ihrem Umfang und der Gestaltung einen Charakter entwickelt haben, den man nicht mehr missen möchte.
Freiwillig und ehrenamtlich initiiert, beinhaltet es ein Programm, das sowohl in der Gemeinschaft der Anwohner begründet ist, wie auch in einem Sinn für Innovationen und Neuerungen. Aber auch der Bereitschaft sich auf ein großes musikalisches Spektrum einzulassen.
So bot es auch in diesem Jahr eine Bandbreite von den Chansons der zwanziger Jahre, über aktuelles Songwriting, bis zu Rock und Acid Jazz am Abend.
Der Gutenberg-Platz ist bekannt für seine kulinarische Vielfalt. So ist es kein Wunder, dass auch das Westwind-Fest hier heraussticht, wenn sowohl privat organisierter Kuchenverkauf, neben angesagtem Streetfood seinen Platz findet, und das alles in lockerer Nachbarschaft möglich ist. Man bringt seine Sitzgelegenheit mit, die Bereitschaft sich auf Yoga-Übungen einzulassen und den Spaß die Programmpunkte zu geniessen.
Die Auftritt sind mannigfaltig und wie in den Jahren zuvor musikalisch durchaus bemerkenswert.
DAËNKs Auftritt war schon für das Vorfest an der Günther-Klotz-Anlage fest eingeplant, ein Song speziell dafür war schon veröffentlicht und dann geschah genau das, was in diesem Sommer eher ungewöhnlich war: Es zog ein Unwetter auf. Er und „Across the Border“ mussten ihre Auftritte absagen – sie wurden auf das nächste Jahr verlegt – und somit war es für ihn in der Region eine Chance auf dem Gutenbergplatz sich dem Festivalpublikum zu stellen.
In einer verkleinerten Bandversion, einem Keyboard und dem Notebook, war es eine semi-akustische Variante seiner Show.
Es ist sowieso DAËNKs Stimme, die kraftvoll mit einem tiefen Timbre, seine Songs beherrscht, ihren Enthusiasmus transportiert und seinem Material die Eigenständigkeit als Alleinstellungsmerkmal verschafft.
Auf den Mittag angesiedelt, in einer Zeit, die zwischen Kaffee und Abendspaziergang bei einem gemischten Publikum angesiedelt ist, präsentierte er sich als jemand, der auch mit dem Manko einer ausfallenden Anlage spielerisch umgehen kann. Aber vor allem auch ohne Begleitung zu überzeugen vermag.
Nachdenklich über seinen Vater und dessen Krankheit, aber auch hymnisch über den Süden, das Klassentreffen und die Verbundenheit zu alten Freunden, steckte er ein weites Themenfeld ab, das verständlich und nachvollziehbar blieb.
DAËNK singt deutsch, und begibt sich damit in einen Bereich, der sprachlich eher weniger mit seinen Wurzeln im Grunge und Hardrock assoziiert wird. Er wagt sich an die großen und kleinen Gefühle, an die Liebe, an die Schicksalsschläge und die Dinge, die ihn im Laufe seines Lebens begleitet haben. Dass er das mit großer Stimme tut, zeichnet ihn aus, macht es nahbar und gibt den Werken eine ganz eigene Farbe.
Sein aktuelles Album – ein Herzenswunsch von ihm, es auf Vinyl heraus zu bringen – ist aktuell zu kaufen. Und seinen Namen sollte man sich schon deswegen merken, weil er mit Karlsruhe verbunden ist und es zu schätzen weiß.
Die Sommerpause ist vorbei, das NUN hat sein Programm wieder aufgenommen. Die Termine trudeln wieder ein, das Booking läuft und der Herbst kann damit beginnen. Eingeleitet mit Jon McKiel, offenbarte das NUN am Samstagabend sogleich worin die Stärke seines kuratierten Programms liegt.
Das NUN hat ein Händchen und Herz für die kleinen Auftritte, die verhältnismäßig unspektakulär daher kommen. Wo andernorts die Lightshow, die Gimmicks aus Rauch und Seifenblasen, sowie die Lautstärke der Boxen triumphieren mag, ist es beim NUN – angesiedelt in einem Wohnhaus – eher die ruhige, zurückhaltende Atmosphäre, eben das Innenhalten. Und die Möglichkeiten andere, vielleicht auch neue Facetten eines Schaffens auszuspielen. Wer im NUN auftritt verzichtet in der Regel auf die verzerrten Gitarren oder die fetten Drums.
Der richtige Platz also für Details, verfrickelte und verspielte Sounds und Songwriter, die ihre Melodien in einem Spektrum zwischen Lo-Fi und Bedroom-Productions entwickeln.
Jon McKiel hatte genug Balladen im Gepäck, aber auch ein feines Gespür für ein langsames, rhythmisches Herangehen. Ein ausgeruhtes Set aus Americana, Folk-Anklänge und gut gewählten Loops, sowie harmonischen Chorgesang rundeten das Bild, das er mit Colin Crowell (Synthesizer) schuf, ab. Gut gewählter Stoff also, der – beheimatet in Kanada – auf seinem zweiten Konzert in Deutschland, in Erzählweise und Komposition ein eigenständiges Klangbild entwickelte.
Jon McKiels Auftritt war ein lässiges, zurückgelehntes Event. Im Detail verriet es große Vorbilder, viel Liebe in eine schwungvolle Tanzbarkeit, aber auch eine angenehme, der Location angepassten Bescheidenheit.
Sitzend, mit einem tragbaren Pult auf den Knien kreierte Colin Crowell sphärische, vielschichtige Sounds, begleitete Jon im Background und schwankte dabei zwischen Tradition, Psychedelischer Tiefe und erfrischender Experimentierfreude. Mit nur einer kleinen Auswahl an rhythmischen Instrumenten – gerade mal einem minimalen Drumsetting – war trotzdem genug Raum und Kraft für die Lust am Mitwippen und einer Ahnung, von dem was möglich wäre.
Jon McKiel zeigte sich als sonorer, gelassener Erzähler, der mit großer Coolness und viel Liebe für die Kleinigkeiten das Charakteristikum der kleinen Bühne zu nutzen wußte. So zeigte er, dass das klassische Konzept des Songwriting, basierend auf seiner Gitarre und seiner Stimme, mit den aktuellen Möglichkeiten, einem freien Zugang dazu und der Lust an der Eigenständigkeit, Großes schaffen kann.
Die Bedeutung kleiner Bühnen, an ungewöhnlichen Orten ist heutzutage nicht zu unterschätzen. Gefühlt sind mehr Bands unterwegs, als es jemals zuvor waren. Die Ticketpreise bewegen sich aktuell in konträre Richtungen.
So ist es teilweise verwunderlich, wie hoch sie im populären Bereich unter der Führung großer Firmen klettern, während sich in einem Segment, das vergleichbar mit dem Preis einer Pizza ist, fast schon fallen. Obwohl in dem letzteren Bereich die Anzahl der Bands und MusikerInnen wachsend ist.
Das im NUN KünstlerInnen aus Übersee auftreten, teilweise nur eine Handvoll Auftritte in Deutschland absolvieren, ist etwas, das für beide Seiten – sowohl beim Publikum wie auch bei den Kreativen – nicht unterschätzt werden sollte.
Im Falle von Jon McKiel handelte es sich um eine Persönlichkeit, die in einem eigenen Sounduniversum auf einem Weg ist, das noch spannende Optionen offen hält. Sollte wiederkommen. Und sollte gehört werden.
In diesem, zweiten Teil stehen vor allem Themen im Vordergrund, die mittlerweile mehrheitlich fast alle MusikerInnen betreffen. Und dabei vieles anderes verdrängen können. Kreativität, und das Bemühen diese als Beruf auszuüben, konfrontieren in einer digitalen Welt alle KünstlerInnen mit neuen, schnell wechselnden Publikations- und Einnahmequellen.
Wie die Twiolins mit diesen Herausforderungen umgehen, welche Wege sie dabei beschreiten, und wie offen sie dieses für sich selber gestalten, sind die Schwerpunkte des folgenden Gesprächs. In diesem letzten Teil geht es nicht nur um die Optionen, die sich neu öffnen, sondern auch um die Bedrohungen, sowie die Flexibilität, die von allen Beteiligten erwartet wird.
Die beiden KünstlerInnen sind stark auf Social Media vertreten, nutzen das Internet versiert und kundig, verschließen sich dabei nicht den neuen Entwicklungen. Sie versuchen vor allem ebenfalls bei ihren Auftrittsformaten ständig neue Wege zu beschreiten.
Wer mehr über die Twiolins erfahren möchte, findet weitere Informationen und Links zu ihren verschiedenen Präsentationen auf Ihrer Webseite: https://www.thetwiolins.de
Streaming und Tonträger
Andreas (Jazznrhythm.com) Der klassische Tonträgerverkauf spielt heute kaum noch eine Rolle. Deshalb bleiben Streamingdienste oder Plattformen wie Bandcamp.
Marie-Luise Dingler Bandcamp nutzen wir erst seit Kurzem.
Andreas (Jazznrhythm.com) Dabei heißt es doch immer, Musik müsse möglichst kurz sein.
Marie-Luise Dingler Das gilt vor allem für Pop und Radio. Unsere Zielgruppe hört ganz andere Formate. Klassische Werke dürfen auch im Radio deutlich länger sein.
Natürlich konkurrieren wir auf YouTube mit kurzen Inhalten. Aber unser Publikum nimmt sich Zeit. Deshalb funktionieren auch längere Videos.
Marta Danilkovich Man sollte sich ohnehin nicht zu sehr an vermeintliche Regeln klammern. Langfristig funktioniert vor allem das, was authentisch ist.
Marie-Luise Dingler Unser aktuelles Video hat bereits mehrere Tausend Aufrufe erreicht. Auf Facebook hatten wir sogar Beiträge mit mehreren Hunderttausend Aufrufen.
Ich poste regelmäßig auf Facebook und Instagram. Likes sind zwar zurückgegangen, aber im Alltag merke ich ständig, dass die Leute unsere Beiträge trotzdem sehen. Deshalb versuche ich, mich nicht vom Algorithmus verrückt machen zu lassen. Entscheidend ist, die eigene Zielgruppe kontinuierlich zu erreichen.
Marta Danilkovich Kontinuität schafft Vertrauen.
Marie-Luise Dingler Genau. Daraus entstehen Fans, Konzertbesucher und letztlich auch neue Aufträge.
Social Media – zwischen Algorithmus und Authentizität
Andreas (Jazznrhythm.com) Wie viel Zeit investiert ihr in Social Media?
Marie-Luise Dingler Das ist schwer zu sagen. Allein das Erstellen eines Videos kostet viel Zeit – Material sichten, schneiden, veröffentlichen.
Marta Danilkovich(lacht) Ich würde eher sagen: ein bis zwei Stunden am Tag.
Marie-Luise Dingler Am aufwendigsten sind Beiträge mit Bildern und Texten. Diese typischen »Fünf Dinge, die ihr über unsere neue Single wissen müsst«. Für die Formulierungen nutze ich inzwischen auch KI als Unterstützung. Trotzdem dauert es lange, bis so ein Beitrag wirklich gut aussieht.
Marta Danilkovich Und nach einem Tag ist er schon wieder verschwunden.
Andreas (Jazznrhythm.com) Genau das ist das Frustrierende. Man steckt unglaublich viel Arbeit hinein und kurze Zeit später interessiert sich niemand mehr dafür.
Marta Danilkovich Instagram ist ohnehin keine Plattform für lange Diskussionen. Dort funktionieren vor allem persönliche Videos.
Marie-Luise Dingler Man muss ausprobieren, was zur eigenen Zielgruppe passt. Bei uns funktionieren Live-Aufnahmen mit Abstand am besten – besser als aufwendig produzierte Musikvideos.
Andreas (Jazznrhythm.com) Du nutzt also tatsächlich KI beim Schreiben?
Marie-Luise Dingler Ja, als Ideengeber oder um Texte schneller zu formulieren. Die Kreativität bleibt trotzdem meine eigene.
Interessanterweise bekommen genau die Beiträge, in die ich besonders viel Arbeit stecke, oft nur wenige Reaktionen. Unsere Zielgruppe möchte uns einfach spielen sehen.
Marta Danilkovich Vielleicht sollten wir manche Inhalte einfach direkt in die Kamera erzählen.
Marie-Luise Dingler Das könnte funktionieren. Ich habe viele Formate ausprobiert. Am zuverlässigsten laufen Videos von Live-Auftritten. Dieses Unmittelbare kommt offenbar am besten an.
Andreas (Jazznrhythm.com) Also selbst dann, wenn jemand aus dem Publikum filmt?
Marie-Luise Dingler Ja. Ton und Bild sollten natürlich ordentlich sein. Aber entscheidend ist dieser echte Moment.
Marta Danilkovich Menschen möchten das Gefühl haben, einer echten Person zuzusehen. Daraus entsteht Nähe.
Marie-Luise Dingler Gerade im Klassikbereich möchten die Leute erleben, wie du auf der Bühne spielst. Deshalb bleibt das unser wichtigstes Format.
YouTube und Streaming
Andreas (Jazznrhythm.com) Spielt YouTube dabei eine besondere Rolle?
Marie-Luise Dingler Ja. YouTube ist tatsächlich die einzige Plattform, über die wir regelmäßig Einnahmen erzielen – keine großen, aber kontinuierliche. Gleichzeitig funktioniert dort jedes Format ein wenig anders.
Andreas (Jazznrhythm.com) Spotify zahlt zwar wenig, ist aber wahrscheinlich die wichtigste Werbeplattform.
Marie-Luise Dingler Genau. Wenn dich niemand hört, nützen höhere Ausschüttungen auf kleineren Plattformen wenig.
Unsere neue Single wurde beispielsweise in die Spotify-Playlist „New Classical Friday“ aufgenommen. Dadurch erreichen wir viele neue Hörer. Das bringt zwar keine großen Einnahmen, aber Sichtbarkeit.
Andreas (Jazznrhythm.com) Und wenn jemand euch dort entdeckt?
Marie-Luise Dingler Dann hören sich manche Menschen gezielt weitere Stücke von uns an. Genau dafür sind solche Playlists wichtig.
KI – Werkzeug statt Ersatz
Andreas (Jazznrhythm.com) Sobald Künstler KI einsetzen, wird häufig sehr emotional darüber diskutiert.
Ich nutze sie selbst bei der Interviewbearbeitung. Ohne diese Unterstützung müsste ich Monate daran sitzen.
Marie-Luise Dingler Ich sehe das ganz entspannt. KI übernimmt Routinearbeiten. Kreativ bleiben wir trotzdem selbst.
Zum Beispiel hilft sie mir bei meiner Website. Früher musste ich dafür jemanden beauftragen. Heute frage ich einfach nach dem nächsten Schritt und bekomme sofort Hilfe.
Marta Danilkovich(lacht) Und man kann die KI sogar anschreien – sie bleibt trotzdem freundlich.
Marie-Luise Dingler Genau. Und am Ende verlangt sie keine Rechnung.
Andreas (Jazznrhythm.com) Ich nutze sie oft auch als zweiten Blick: Was könnte ich noch verbessern? Gibt es rechtliche Stolperfallen? Welche Möglichkeiten habe ich übersehen?
Marie-Luise Dingler Früher war ich schlecht darin, nach Lösungen zu suchen. Heute beschreibe ich einfach mein Problem und bekomme eine verständliche Antwort. Das spart unglaublich viel Zeit.
Was mich eher nervt, sind die ganzen KI-Bilder im Netz. Aber ich glaube, das ist ein vorübergehender Trend.
Andreas (Jazznrhythm.com) Das hoffe ich ebenfalls.
Marie-Luise Dingler Was Menschen wirklich suchen, sind echte Begegnungen und Live-Erlebnisse. Das wird keine KI ersetzen.
Andreas (Jazznrhythm.com) Dann gewinnt das Live-Konzert vielleicht wieder die Bedeutung zurück, die es vor den Tonträgern einmal hatte.
Marie-Luise Dingler Genau. Tonträger verlieren an Bedeutung – das Live-Erlebnis gewinnt.
Marta Danilkovich Gefühle lassen sich nicht künstlich erzeugen.
Wirtschaft, Kulturförderung und die Realität des Musikerlebens
Andreas (Jazznrhythm.com) Immer häufiger sehe ich Bands, die einen Teil ihrer Musik vom Laptop oder iPad abspielen. Früher war das eher die Ausnahme.
Marie-Luise Dingler Bei den ganz großen Acts funktioniert das Livegeschäft nach wie vor hervorragend. Im kleineren Bereich ist die Situation schwieriger. In der Klassik profitieren wir allerdings von einer gewachsenen Förderstruktur.
Andreas (Jazznrhythm.com) Im Popbereich scheint der Druck deutlich größer geworden zu sein. Wenn ein Arenakonzert mehrere Hundert Euro kostet, bleibt für viele Besucher kaum noch Budget für kleine Clubs. Gleichzeitig konkurrieren dort immer mehr Musiker um dieselben Veranstaltungsorte.
Marie-Luise Dingler Diese Entwicklung gibt es tatsächlich. In der Klassik sieht die Situation etwas anders aus. Viele Konzertreihen werden öffentlich gefördert. Wenn man dort eingeladen wird, sind Gage, Werbung und oft auch Hotelkosten bereits abgesichert. Davon kann man durchaus leben.
In der Popularmusik hängt dagegen vieles vom Engagement einzelner Veranstalter, Vereine oder Sponsoren ab.
Andreas (Jazznrhythm.com) Wir hatten einmal über das französische Modell gesprochen, bei dem Streamingplattformen durch eine Steuer zur Kulturförderung beitragen.
Marie-Luise Dingler Soweit ich weiß, fließt dort ein Teil der Einnahmen wieder an Künstler und Projekte zurück. Das ist zumindest ein Anfang.
Marta Danilkovich Kultur wird oft erst vermisst, wenn sie plötzlich nicht mehr da ist. Gerade die Corona-Zeit hat doch gezeigt, wie wichtig gemeinsame kulturelle Erlebnisse für Menschen sind.
Corona
Andreas (Jazznrhythm.com) Wie habt ihr diese Zeit erlebt?
Marie-Luise Dingler Überraschend produktiv. Wir haben Livestreams gemacht, Social Media intensiv genutzt und ich konnte endlich mein Kinderbuch schreiben.
Natürlich war das wirtschaftlich keine normale Zeit. Aber unser Publikum hat uns unterstützt – mit Bestellungen, Konzerttickets und viel Resonanz.
Im Sommer konnten viele Veranstaltungen nachgeholt werden. Deshalb waren die finanziellen Einbußen am Ende deutlich geringer als zunächst befürchtet.
Andreas (Jazznrhythm.com) Viele Musiker erzählen heute noch, wie stark sie diese Zeit belastet hat.
Marie-Luise Dingler Für uns ist das inzwischen abgeschlossen.
Marta Danilkovich Ich hatte kurz vor Corona zwei CDs fertig produziert und konnte sie lange kaum verkaufen. Trotzdem gab es immer etwas zu tun – Förderanträge, neue Projekte oder Videos.
Psychisch war diese Zeit schwierig. Aber ich habe versucht, sie als Herausforderung zu sehen. Wenn sich eine Tür schließt, muss man nach einer anderen suchen. Wachstum entsteht selten in der Komfortzone.
Mehrere Standbeine
Andreas (Jazznrhythm.com) Ihr habt euch inzwischen mehrere Standbeine aufgebaut.
Marie-Luise Dingler Das gehört zum Musikerleben dazu. Es gibt intensive Tourphasen und ruhigere Zeiten. Diese Leerläufe nutze ich für andere Projekte.
Aus meinen Erfahrungen mit Booking, Pressearbeit und YouTube sind inzwischen Webinare entstanden, die ich unter anderem über die GEMA oder den Tonkünstlerverband anbiete.
Andreas (Jazznrhythm.com) Du engagierst dich außerdem in verschiedenen Verbänden.
Marie-Luise Dingler Ja. Ich bin unter anderem bei der GEMA, der GVL, Pro Musik und dem Tonkünstlerverband aktiv. Berufsverbände sind wichtig, wenn sie die Interessen von Musikern tatsächlich vertreten.
Andreas (Jazznrhythm.com) Gerade Pro Musik scheint da einiges zu bewegen.
Marie-Luise Dingler Der Verein ist noch jung, aber er füllt eine Lücke. Lange gab es kaum jemanden, der sich speziell für freischaffende Musiker eingesetzt hat.
Ich möchte mich bei Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich für dieses umfassende und interessante Gespräch bedanken. Innerhalb der Präsenz von Jazznrhythm.com sind klassische Konzerte und KünstlerInnen etwas weniger vertreten. Die Hoffnung ist natürlich, dass in Zukunft etwas verstärkt betrachten zu können, denn wie auch hier deutlich wir: Die Erfahrungen sind austauschbar, ähnlich, aber liefern oft auch neue Aspekte.
Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins
Die Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik mögen – je nach Betrachtungsweise – auf den ersten Blick klein oder aber unüberwindbar erscheinen.
Ausgehend von der gemeinsamen Komponente, der Musik, lassen sich die Gemeinsamkeiten durchaus aufzeigen, aber auch die wichtige Merkmale herausarbeiten, die zu differenten Wege und Möglichkeiten führen.
Die Klassik gehört zu einem Spektrum der musikalischen Richtungen, die auf jazznrhythm.comseltener betrachtet werden. Dabei beinhaltet dieses Genre die spannendsten, experimentellsten und herausforderndsten Themen, die es in der Musik gibt. Wie gestalteten sich ein Stil, in dem Arrangements und Interpretation, aber auch Werktreue, und teilweise lebenslange Beschäftigung mit Stücken verstorbener KomponistInnen oftmals im Vordergrund steht?
The Twiolins sind junge, innovative Musikerinnen (Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich) , die als Geigenduo mit ihrer Sichtweise und ihrer Spielfreude sehr individuelle Wege einschlagen. Seit 2025 in dieser Zusammensetzung auf den Konzertbühnen zu Gast, stellen die Twiolins eine seltene und mutige Variante in dieser Kombination dar.
Ihr Engagement für die Klassik führt sie nicht nur die bekannten Orten und Festivals – auf denen sie sich mit den Werken großer KünstlerInnen und junger Talente auseinandersetzen – sondern bringt sie auch mit einem Publikum zusammen, das der Begegnung mit Klassik frisch und neu gegenübersteht.
So traf ich die beiden Violinistinnen vor über zwei Monaten bei einer Aufführung eines Stückes für Kinder, in denen sie die Klänge ihrer Instrumente spielerisch vermittelten. Diese vielseitigen Tätigkeiten, die – neben dem Einsatz in den sozialen Medien und den Aktivitäten auf verschiedenen Plattformen – ein sehr komplexes MusikerInnen-Leben darstellen, führten zu dem folgenden Gespräch.
Andreas (Jazznrhythm.com) Tolles Publikum diesmal – sehr emotional und enthusiastisch. Ich war ehrlich überrascht, wie sie mitgegangen sind: Füße getrampelt und an den richtigen Stellen richtig mitgelebt.
Marta Danilkovich Das war auch so geplant – eine geführte Explosion, ein Mitmachkonzert.
Marie-Luise Dingler Aber sie waren wirklich sehr responsive.
Andreas (Jazznrhythm.com) Die Kinder heute Morgen waren zurückhaltender?
Marie-Luise Dingler Ja, sehr vorsichtig und zart. Das waren sehr sensible Kinder.
Marta Danilkovich Man muss sie trotzdem führen. Wenn Emotionen, Aufgaben und Geschichten sich ständig abwechseln, bleibt die Aufmerksamkeit erhalten. Gerade bei Kindern ist das eine der größten Herausforderungen.
Die Geschichte des Duos
Andreas (Jazznrhythm.com) Von euren Kinderkonzerten wusste ich gar nichts. Ich kannte nur euer aktuelles Video. Erst auf eurer Website habe ich gesehen, dass es die Twiolins schon seit über 15 Jahren gibt – und dass ihr euch in der heutigen Besetzung erst vergangenes Jahr gefunden habt.
Marie-Luise Dingler Das Duo habe ich ursprünglich mit meinem Bruder gegründet – eigentlich spielen wir schon zusammen, seit wir zwölf Jahre alt waren. Ab 2009 wurde daraus ein professionelles Projekt mit Website, Namen und später vier CDs.
Während der Corona-Zeit hat sich mein Bruder beruflich immer stärker auf Audio- und Veranstaltungstechnik konzentriert. Ende 2024 hat er schließlich entschieden aufzuhören. Da habe ich überlegt, wie es weitergeht, und musste sofort an Marta denken. Sie hatte selbst zehn Jahre lang ein Geigenduo, daher kannte ich ihre Arbeit.
Marta Danilkovich Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber wir haben uns immer aus der Ferne beobachtet.
Marie-Luise Dingler Eigentlich waren wir die einzigen Geigenduos, die das in dieser Form gemacht haben.
Marta Danilkovich Genau – wir waren praktisch die Konkurrenz.
Marie-Luise Dingler Es gibt einfach sehr wenige Geigenduos. Ich habe Marta gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Wir haben eine Probe vereinbart, es hat sofort funktioniert – und dann haben wir angefangen.
Der Name „Twiolins“
Andreas (Jazznrhythm.com) Den Namen habt ihr übernommen, obwohl sich die Besetzung geändert hat?
Marie-Luise Dingler Ja. Einen Namen über viele Jahre aufzubauen, kostet unglaublich viel Arbeit. Website, Drucksachen, Konzertankündigungen – das alles neu aufzusetzen wäre ein riesiger Aufwand gewesen. Außerdem hatte ich bereits viele Konzerte unter diesem Namen gebucht.
Marta Danilkovich Und weil ihr Bruder komplett mit der Musik aufgehört hat, sprach auch nichts dagegen, den Namen weiterzuführen.
Marie-Luise Dingler Genau. Außerdem beschreibt der Name perfekt, was wir machen. Deshalb sind wir einfach dabei geblieben.
Der Kompositionspreis
Andreas (Jazznrhythm.com) Spannend fand ich auch euren Kompositionspreis. Gibt es den noch?
Marie-Luise Dingler Wir haben ihn insgesamt viermal ausgeschrieben. Der organisatorische Aufwand war allerdings enorm – Sponsoren finden, den Wettbewerb durchführen, das Abschlusskonzert organisieren. Während des Studiums und in den ersten Berufsjahren war dafür noch Zeit. Aber sobald der Konzertbetrieb richtig läuft, wird so etwas kaum noch machbar.
Andreas (Jazznrhythm.com) Habt ihr die eingereichten Kompositionen anschließend auch gespielt?
Marie-Luise Dingler Ja. Aus den Gewinnerwerken haben wir Konzertprogramme entwickelt, CDs aufgenommen und Notenausgaben veröffentlicht. Davon haben die Komponisten der ersten drei Wettbewerbe sehr profitiert. Beim letzten Wettbewerb hat uns Corona ausgebremst – wir konnten das Programm nur noch einmal aufführen, eine CD ist dann nicht mehr entstanden.
Andreas (Jazznrhythm.com) Das eröffnet ja ganz neue musikalische Welten.
Marie-Luise Dingler Das hören wir oft. In der Praxis war zeitgenössische Musik aber immer schwer zu verkaufen. Viele Veranstalter wünschen sich Mozart oder Vivaldi – also Werke, die jeder kennt. Als wir die Vier Jahreszeiten ins Programm aufgenommen haben, ist unsere Karriere deutlich angesprungen. Davor war es mit progressiver klassischer Musik wesentlich schwieriger. Es gibt ein neugieriges Publikum, aber viele möchten lieber Bekanntes hören als Neues entdecken.
Marta Danilkovich Bekannte Programme verkaufen sich einfach leichter. Da muss man niemandem erst erklären, warum sich ein Konzert lohnt.
Klassik, Publikum und Offenheit für Neues
Andreas (Jazznrhythm.com) Von außen betrachtet wirkt die Klassikwelt manchmal ungewöhnlich. Es gibt unzählige hervorragende Aufnahmen, aber kaum einen Sammlermarkt oder Wiederverkaufswert für Tonträger. Oft hört man: „Warum soll ich mir noch eine Aufnahme der Vier Jahreszeiten kaufen?“ Dabei klingt eure Version völlig anders als viele andere.
Marta Danilkovich Unsere Bearbeitungen eröffnen tatsächlich eine neue Perspektive. Ursprünglich ist das Werk für Solovioline und Kammerorchester geschrieben, wir übertragen es auf zwei Geigen.
Dafür muss man fast selbst zum Komponisten werden. Aus zehn, zwanzig oder noch mehr Stimmen entsteht am Ende eine Fassung für zwei Instrumente, die trotzdem die Essenz des Werks bewahrt. Das ist weit mehr als reine Interpretation.
Marie-Luise Dingler Trotzdem interessieren sich nur wenige Menschen für unterschiedliche Interpretationen desselben Stücks. Das machen vor allem echte Klassikliebhaber. Die meisten möchten einfach schöne Musik hören. Ob es davon zehn verschiedene Einspielungen gibt, spielt für viele keine große Rolle.
Andreas (Jazznrhythm.com) Hat es die Klassik heute schwerer als Rock oder Pop?
Marta Danilkovich Jedes Genre hat seine eigenen Herausforderungen. Pop lebt von Rhythmus, Groove und eingängigen Strukturen. Jazz verlangt Improvisation und damit kreatives Komponieren im Moment.
Die klassische Musik ist über Jahrhunderte gewachsen. Große Werke besitzen viele Ebenen, die sich nicht beim ersten Hören erschließen. Gerade das macht sie faszinierend. Selbst wenn man ein Stück über Jahre spielt, entdeckt man immer wieder neue Farben, Harmonien und Zusammenhänge. Deshalb bleibt klassische Musik lebendig.
Andreas (Jazznrhythm.com) Das gilt also auch für euch als Musikerinnen?
Marta Danilkovich Auf jeden Fall. Popstücke können nach vielen Wiederholungen langweilig werden. Bei klassischer Musik wächst man ständig weiter. Man arbeitet sich an Werken ab, die einen immer wieder fordern. Gerade diese Herausforderung macht den Reiz aus.
Marie-Luise Dingler Man sollte dabei nicht vergessen: Klassik funktioniert nach wie vor. Wir leben von gut besuchten Konzerten. Natürlich füllen wir keine Arenen, aber unsere Säle mit 100 bis 200 Besuchern sind regelmäßig voll. Und große Orchester beweisen ebenfalls, dass klassische Musik ihr Publikum findet.
Offenheit für Neues
Andreas (Jazznrhythm.com) Mir ging es eigentlich um die Offenheit des Publikums. Im Pop scheint Neues oft leichter akzeptiert zu werden. In der Klassik wünschen sich viele eher das Bekannte.
Marta Danilkovich Neue Musik braucht oft Zeit. Viele Werke werden erst Jahre oder Jahrzehnte später wirklich angenommen.
Marie-Luise Dingler Aber welches Publikum ist wirklich offen für Neues? In jedem Genre gibt es nur einen kleinen Teil, der bewusst nach neuen Ideen sucht. Die meisten Menschen bleiben lieber bei Bekanntem.
Marta Danilkovich Das liegt nicht nur an der Musik. Menschen haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Das gilt für neue Nachbarn genauso wie für neue Gesetze oder neue Kunst.
Andreas (Jazznrhythm.com) Streamingdienste müssten diese Offenheit doch eigentlich fördern.
Marie-Luise Dingler Theoretisch schon. Praktisch erscheinen jeden Tag so viele neue Veröffentlichungen, dass niemand sie alle wahrnehmen kann. Dieses Überangebot schafft eher Orientierungslosigkeit.
Andreas (Jazznrhythm.com) Und man verliert die Möglichkeit, sich wirklich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen.
Marta Danilkovich Genau. Heute muss alles schnell gehen. Dadurch fehlt oft die Geduld, sich über längere Zeit auf ein Werk einzulassen.
Soweit der erste Teil des Interviews. Im 2. Teil geht es vor allem Social Media, KI und Streaming. Themen also, die unabhängig vom Genre alle MusikerInnen betreffen und sich mehr und mehr in den Vordergrund drängen.
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