Der Spieler – Teil 16

Der Spieler – Teil 16

Der Spieler (Fortsetzungsroman auf Jazznrhythm.com in loser Folge)

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der sechzehnte Teil, und geht darum, das alles viel einfacher wirkt, als man glaubt und Boots auch nicht mehr das sind, was sie versprechen.

Andreas Allgeyer.04.02.2026

Der Abend war schon angebrochen. Meine Beine fühlten sich bleischwer an. In ungestörten Minuten hatte ich meine Boots verflucht. Kamen mir Wanderer entgegen, grüßte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Jeder Stein hatte sich durch die Sohle gedrückt. Jeder Schritt brannte bald wie Feuer und jeder Versuch, den Schmerzen auszuweichen, machte es nicht besser.

Ich näherte mich der Stadt von Osten. Karlsruhe ist umgeben von Wald und Natur. Das machte es relativ einfach, Wege zu nutzen, die die größten Straßen umgingen. Aber diese Stadt hatte auch eine beeindruckende Polizeidichte. Die Siebziger Jahre hatten der Region übel mitgespielt. Terrorismus bedrohte die örtlichen Gerichtsbarkeiten. Der Schutz der höchsten deutschen Richter und Staatsanwälte erforderte eine besondere Umsicht. 

Ich leierte die Grundregeln wie ein Mantra herunter: Bewege dich zügig, als ob du ein Ziel hast. Wirke entschlossen, als befändest du dich auf dem Heimweg. Strolche nicht herum, ducke dich nicht, bleibe in Bewegung. Es war der Dreisatz eines Verfolgten im Überwachungsstaat. Je geduckter man wirkte, je verhaltener die Reaktionen waren, und je unbestimmter man unterwegs war, umso verdächtiger, aber auch schutzloser wirkte man.

Wir hatten diese Bücher alle gelesen. Stadtguerilla Handbuch. Das ging meistens tiefer und weiter als wir es jemals wollten. Wenn du eine Waffe bei dir trägst, verändert das deine Haltung.

Die Öffnungszeiten mancher Geschäfte hatten sich in den letzten Jahren mehr und mehr in die Abendstunden verlegt. Die Straßenbahnen, die in der Ferne über die Felder fuhren, wirkten wie überfüllte Aquarien. Die Menschen drückten sich an die Türen und Fenster. Für einen Augenblick durchbrachen sie die aufkommende Dunkelheit, die von einem leichten Nebel begleitet wurde. Das Rauschen und der Klang von Metall auf Metall verband sie mit der Erde. Aber die Gleichmäßigkeit und Geschwindigkeit, mit der sie über der weißen dunstigen Wolkenschicht an mir vorbeifuhren, wirkte geisterhaft. Die weiße Schicht ließ sie dahingleiten. 

Ich kam an verlassenen Wohnhäusern vorbei, registrierte sie in den Augenwinkeln und merkte mir ihre Position. Ich würde das nicht mehr lange schaffen. 20 Kilometer hatte ich locker unterschätzt. Ich hatte einfach zu lange nichts vergleichbares mehr gemacht. 

Die Feuchtigkeit, die aus dem Boden kroch, benetzte meine Kleidung. Das fühlte sich erstmal nur seltsam an, aber je tiefer es eindrang, um so mehr spürte ich eine unangenehme Kälte. Dieser Hoodie, der dabei einen seltsamen Gestank entwickelte, schien jede Art von Wasser aufzunehmen wie ein Taschentuch. 

Die drei Äpfel begannen in mir – ich hatte sie alle unterwegs verspeist – seltsame Sachen zu machen. Ich wollte nicht darüber nachdenken. Ich versuchte dem keine Aufmerksamkeit zu schenken. Das Problem zu verdrängen, aber mein Magen war nur noch regelmäßige Mahlzeit in ausgewogenen Zusammensetzungen gewohnt. Ich reagierte hochsensibel wie eine Prinzessin auf alles, was davon abwich. 

Gottseidank, war ich alleine unterwegs. Büsche waren in erreichbarer Nähe. Ich redete mir das Problem klein. Dass es immer Möglichkeiten und Lösungen gibt. Ich aus allem Schlamassel wieder rauskomme. Aber wenn ich ehrlich war, wäre ich jetzt gerne aufgewacht oder an einem anderen Ort gewesen.

Ich hörte eine Kirchturmuhr, zählte mit, und wunderte mich, dass es sowas noch gab. Ich hatte nicht mehr darauf geachtet in den letzten Jahren. Das Konzept war mir aber noch vertraut. Es war 20:00 Uhr. Die Innenstadt leerte sich gerade, der Club öffnete seine Türen. So hatte ich mir das vorgestellt. Was immer ich mir auch sonst noch so vorgestellt hatte.

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