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Autor: Andreas Allgeyer

Redakteur und Autor auf Jazznrhythm.com. Interessiert an jeder Art Musik, lernt gerne dazu, möchte alle Konzerte erleben und alle Platten gehört haben. Klappt nicht. Aber auf dem Weg dahin sollen alle mitkommen. Weitere Infos (Bild, FAQ, Mail etc.)


Bisher schon in allen möglichen Berufen tätig gewesen (DJ, Zeitungsausträger, Hydraulik-Fachverkäufer, Autor, Bankkaufmann, pädagogische Arbeit, IT-Verkauf, IT-Administrator, IT-Support, Support in der Medizintechnik - Ophthalmologie -, Community-Administration - Musik, Literatur, Foto etc. -, Datenschutzkoordinator, Datenschutzauditor etc. etc.), aber immer noch neugierig auf die nächsten Jobs. 


Hört gerade folgendes (Externer Link): Jazznrhythm auf Last.FM

No Sugar, No Cream – Laden Zwei, 23.11.2024

No Sugar, No Cream – Laden Zwei, 23.11.2024

Um „No Sugar, No Cream“ vorzustellen, muss ich erstmal gestehen, dass ich in all den Jahren, die ich nicht in Karlsruhe lebte, viel verpasst habe. Im Fall von „No Sugar, No Cream“ definitiv zuviel. 

Mittlerweile schaut die Band auf eine lange Geschichte und insgesamt vier Alben zurück, von denen ich gerade mal ein einziges kenne („Future, Exhale“), das ich eher zufällig im Musikhaus Schlaile sah. Der Kauf war dann auch eine Überraschungsgeschichte. Denn es war vor allem das Label „Americana Band aus Karlsruhe“, das mich anzog.  

„Americana“, das ist ja dieses weit gegriffene Genre, das irgendwie aus Folk, alternativem Country und den Nebenflüssen besteht. Namen wie Cowboy Junkies, Lone Justice, Tindersticks und Lambchop fallen da ein. Und all das trifft es, aber auch wieder nicht.

Das schöne ist: „No Sugar, No Cream“ gehen damit so lässig und unbefangen um, als seien sie ausschließlich damit aufgewachsen, und bespielen diese Richtung mit einer Bravour, die an Fertigkeit und Können gegenüber den genannten Namen nicht zurück stecken muss. Doch im Gegensatz zu besagten Cowboy Junkies, Lambchop und Tindersticks, gelingt es ihnen auch, den Gang höher zu schalten, und das Thema so beschwingt anzugehen, dass es zum Tanze reizt.

Der Laden Zwei ist eine intime Angelegenheit, die in den Räumlichkeiten stattfindet, in denen normalerweise Mode und Accessoires verkauft werden. Die Theke wird beiseite geschoben, das Publikum kennt sich, die Atmosphäre ist sehr angenehm und familiär. Das Ganze wirkt, auch angesichts der erzählenden Songs, und den Stories dahinter, als verbringe man einen Abend unter Freunden, und staune über deren Können.

Die Versiertheit und Spielfreude der Musiker veredeln so etwas natürlich. Nachdem ich das Album gekauft und gehört hatte, war ich verwundert über die Qualität. Ich wußte zu dem Zeitpunkt noch nichts von den vier Alben insgesamt. Ich wußte im Grunde genommen gar nichts, suchte Informationen, schrieb sie an, wollte etwas über den nächsten Auftritt wissen und, ganz ehrlich, hätte sie am liebsten sofort interviewt. So wurde ich auf den Laden Zwei aufmerksam, den sie mir als nächsten Auftrittsort nannten.

Alles, was vom Sänger und Songschreiber Pete Jay Funk, zu den Songs erzählt wurde, drückte eine Verbundenheit zum Land, zur Ruhe und schwedischen Lebensweise aus. Ich war vor ein paar Wochen auch in den nordischen Gefilden, nicht Schweden, aber Norwegen, und könnte sie mir als begleitenden Soundtrack für die Reise vorstellen. Denn es passt: zu Holzhäuser, Veranden, Wälder, Herbst und Winter, sowie den ersten Sonnenstrahlen im Frühling. „No Sugar, no Cream“ haben den Sound, der zum Roadmovie oder zum Ausblick über das Tal einlädt.

Neben dem Schlagzeug (Frank Schäffner) , der Bassgitarre (Andreas Jüttner ) und natürlich dem Sänger (Peter Jay Funk) , ist vor allem die Geige (Heike Wendelin) ein hervorstechendes Instrument der Band, dass in den Kompositionen atmosphärisch zu begeistern weiß. 

Sollten alle Konzerte im Laden Zwei, in dem ich auch das erste Mal war, so sein, dann gibt es für mich ein kleines Juwel am Gutenbergplatz. Und ich werde noch oft dort auftauchen.

Moop Mama – Karlstorbahnhof 20.11.2024

Moop Mama – Karlstorbahnhof 20.11.2024

Man möchte es nicht mehr Brass-Revival nennen, aber es ist schon erstaunlich, wie sich die Landschaft in den letzten 10 Jahren geändert hat. Brass Bands, das waren mal die Bands aus dem Bierzelt oder eben in der Dixieland. Maschine Band, also etwas, das dem Sarg voraus ging. Irgendwie alles eher gemütlich und in der aktuellen Popmusik nicht so recht vorstellbar. 

Es war natürlich immer klar, dass die Besten der Guten aus Bayern kommen. Labrassbanda ging voran, aber dann ging es scheinbar Schlag auf Schlag. Heute gibt es die Meute, Make a Move, die Jazzrausch Bigband, aus Brasilien Techno Brass und in Frankreich LGMX. Wie die Verzahnungen dazwischen sind, wer wem voraus ging und was davon Avantgarde ist, das mag man von Fall zu Fall entscheiden. Tatsächlich gibt es Verzahnungen! Doch dazu später mehr. Und in all dem belegt Moop Mama einen besonderen Platz. Seit 2008 sind Moop Mama aktiv, und das als Hip-Hop-Rap-Brass Band. Anfangs mit dem Rapper Keno. Mittlerweile hat er das Mikrofon an Älice weitergegeben und es fällt schwer darüber nachzudenken, ob das jemals anders war.

Älice tobte im neuen Karlstorbahnhof über die Bühne, rappte, tanzte, hielt das Ding am Laufen. Frontfrau in allen Facetten, hatte sie das Publikum erstaunlich schnell im Griff und auch die alten Songs wirkten wie aus einem Guß. Moop Mama hat ein erstaunlich großes Oeuvre, das abgearbeitet werden will und dabei veritablen Hits, die zum Mitsingen einluden. Erwähnt seien hier „König der Stadtmitte“, „Liebe“, „Elefanten“ und „Alle Kinder“. Und das Publikum schien sie alle zu kennen.

Mittlerweile besteht die Menge der Studioalben aus – je nach Zählweise –  5, und die Livealben aus 2. Die Zählweise ergibt sich aus der Veröffentlichungspolitik des letzten Albums „Wieder laut“, das in zwei Ausgaben und Etappen erschien. Einmal, randvoll mit vielen Stickern bei der Vinyledition, als „Wieder laut 1“ und „Wieder laut 2“, sowie einer Zusammenfassung in einem Doppel-Album.

Ähnlich war es fast bei dem Livealbum, das es ebenfalls als 1 und 2 gibt. Älice ist eine Bereicherung, die Band hatte selten frischer, munterer und verspielter gewirkt. Sie wirbelt wie ein Cheerleader zu den Solos über die Bühne, immer auch Animateurin wie Blickfang, unterstützt die Drumbattles und beherrscht die Moves. Es wirkt so als hätte die Band sich radikal verjüngt.

Und nochmal zu Bayern und der Verzahnung. Wer sich heute die Biografie der Band ansieht, die Instagram-Profile durchklickt, wird feststellen, es gibt ganz wunderbare Verwicklungen in Richtung Glenn Miller und der Jazzrausch Bigband. Und die Jazzrausch Bigband kommt wie Moop Mama oder Labrassbanda aus Bayern. 

Stoppok im Tollhaus – 10.11.2024

Stoppok im Tollhaus – 10.11.2024

Es ist eine Art Klassentreffen. Eine treue Gemeinde, die dem Ruf Folge leistet, die Songs auswendig kennt, mitsingt, und dafür sorgt, dass es von Beginn an einfach funktioniert. Seit 30 Jahren ist Stefan Stoppok nun unterwegs, und das zeigt sich vor allem auch daran, dass er – ganz Entertainer, ganz in seinem Element – sein Publikum im Griff hat. Und es ist tatsächlich sein Publikum, dass er mit heiserer Stimme durch das Programm führt.

Er hat eine neue Platte mitgebracht, „Teufelsküche“, dazu im Merch Kochschürzen und einen jungen Liedermacher aus Duisburg, Philipp Eisenblätter. Allgemein ist er als humorvoller Netzwerker bekannt. Der Musiker der Musiker. Die Inspiration für kommende und bereits vergangene Talente. So macht es Sinn, dass er neben den Klassikern wie „Dumpfbacke“, die vielstimmig bestätigt wurden, auch mal als Solonummer das eigentliche Duett mit Cäthe „Wer du wirklich bist“ darbot. Was erstaunlich gut funktionierte, selbst für diejenigen, die Cäthe stark vermissten.

Überhaupt – handelt es sich bei „Teufelsküche“  doch um das 20ste Album seiner Karriere – darf man nie vergessen, wieviele Musiker und Musikerinnen bereits seinen Weg gesäumt haben und ihn begleiteten. Die Liste der Namen scheint endlos, und irgendeinen davon kennt jede. Es sind zuviel bekannte.

Eigentlich, so könnte man sagen,  ist Stoppok ein Projekt, auch wenn an seiner Seite beständig immer wieder Reggie Worthy und Sebel stehen, die ihn seit Jahren begleiteten. Allein der Name des Schlagzeugers ging mir verloren. Pardon. Der war neu. 

Nach all dieser Zeit ist ein Konzert ein Heimspiel, wenn das Publikum all die Jahre gefolgt ist, das Alter teilt und die Songs auswendig kann. Der Bluesrock, der zumeist die Grundlage für Stoppoks Werk ist, ist solide, fest und stampfend, bleibt klassisch und virtuos, denn der Mann kann spielen. Er beherrscht die Saiten, macht die richtigen Witze über Trump und Putin, trägt den roten Anzug, als wäre dies Vegas, und die Sonnenbrille, wie das Grinsen, das zeigt, dass er einfach weiß, wo er ist, was er ist, und das Show mal wieder gut läuft. 

Das ist rund, das ist solide, und darf sich gerne wiederholen.

Cassandra Wilson – New Moon Daughter

Cassandra Wilson – New Moon Daughter

Lange Zeit wurde Cassandra Wilson als Bluessängerin bezeichnet. Auch weil sich immer wieder Interpretationen alter Bluesklassiker unter ihren Stücken befinden. Doch ihre Herangehensweise ist viel zu sehr von der Kunstfertigkeit ihrer vokalen Fähigkeiten geprägt, als von den Geschichten, die dem Blues innewohnen. Cassandra Wilson veredelt den Blues. Sie hebt ihn auf das Level, in dem alle Bestandteile zu geschliffenem Gold und purer Kunst werden. Muss man erstmal machen.

Ich kann mich gut daran erinnern, als ich dereinst einem Kollegen von einem kommenden Auftritt im Karlsruher Konzerthaus vorschwärmte. Und tatsächlich verwendete ich den Begriff Blues, weil ein jeder dieses Genre mit ihr in Verbindung bringen wollte. War einfach so. Ich ergatterte Plätze für die erste Reihe. Mein damaliger Kollege schlief ein. Erste Reihe, zwei Meter von Cassandra Wilson entfernt. 

„New Moon Daughter“ enthält neben Klassiker wie „Strange Fruit“, Werke von U2, Neil Young, Son House, Hank Williams und Robert Johnson. Aber auch eigene Werke, die aus ihrer Feder stammen. Das all dieses homogen und stimmig, wie aus einem Guss wirkt und damit scheinbar unvereinbares zusammenbringt, das ist die Kunst, die Cassandra Wilson beherrscht. 

Eingespielt mit einer Band, die im wahrsten Sinn des Wortes Cassandras Stimme begleitet, herausfordert und unterstützt, reiht sie die Songs wie auf einer Perlenkette auf, lässt sie einzeln strahlen und zwingt damit zum Zuhören.

Während meiner Schulzeit gab es einen Religionslehrer, der sich vehement darüber echauffierte, dass der örtliche Pfarrer Jazz in seine Kirche holen wollte. Diese Musik wird in Kneipen gespielt, die habe nichts in der Kirche verloren. Das waren die Siebziger. 

Cassandra Wilsons Musik wird nicht in Kneipen gespielt, und wenn, dann hat sich der Laden bereits geleert und die Band versucht noch mal für sich selbst, das Beste aus dem Vorhanden herauszuholen. 

Wo man vermutet alles schon gehört zu haben – nehmen, wir „The Last Train to Clarksville“ – breitet Cassandra eine farbenreiche Sammlung verschiedener Stimmlagen aus, die unvermutet eine Reise eröffnen und den Zug durch die Prärie in alle Gefilde begleiten. Das ist bunt, tief, hoch, mit genug Blues um zu bereichern, aber dem Verständnis des Jazz geschuldet.

Nämlich genau das ist es, was Cassandra Wilson ausmacht: Sie nimmt den Blues, wie wir ihn alle kennen, liebkost ihn, hütet ihn wie ein filigrane Pflanze und verleiht ihm neue Weihen und ein Größe, die ihm die Meisterschaft verleiht. Lag schon immer in ihm. War schon immer da. Hat nur auf sie gewartet. „New Moon Daughter“ zeigt, warum wir Robert Johnson, Son House, aber auch Hank Williams schätzen müssen. 

Cassandra Wilson öffnet das Songbook und Erbe wie einen Schatz, den es zu pflegen gilt. Dabei leitet sie, mit aller Ruhe und Bedacht, durch die Geschichte, die Landschaft, in der sie aufwuchs, und die Zeiten, die wir als hart und entbehrungsreich empfinden.

Man möchte ihr jeden Song, den man bisher zu schätzen wußte, zuwerfen, um sich dann an ihrer Interpretation zu erfreuen. Sie macht alles nur besser. „New Moons Daughter“ ist eine außergewöhnliche, faszinierende Jazz-Platte, die in ihrer Ruhe der Konzentration und Besinnlichkeit dienen kann, aber auch einen faszinierenden Umgang mit vermeintlichen bekanntem Liedgut zeigt.