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Interview mit DJ Wendelgaard über Soul, Jazz und besondere Locations

Interview mit DJ Wendelgaard über Soul, Jazz und besondere Locations

DJ Wendelgaard
DJ Wendelgaard

Wer Norwegen kennt, vor allem im Winter, wird wissen, wie sehr das Land von geprägt ist von seinen scheinbaren endlosen Wäldern, schneebedeckten Bergen, aber auch welch eine spannende Musikkultur dort möglich ist. Meine Reise durch einen kleinen Teil Norwegens führte mich vor allem durch Konzerthallen und Plattenläden der Städte Oslo und Bergen. Geprägt von einer einzigartigen Metalkultur, hat sich in Norwegen auch eine lebendige Jazzszene und etwas, das sich Nordicana nennt, etabliert.

Im Rahmen meiner Reise lud ich Eindrücke auf diese Webseite, aber auch in Social Media, hoch Und lernte dabei DJ Wendelgaard durch einen Austausch auf den bekannten Plattformen kennen. Sie überraschte mich durch sehr eigene Events in beneidenswerten Locations. Fernab von den Tanzflächen dieser Welt bewegt sich dabei in einem Ambiente, das neidisch und staunen macht. Es ist die nicht zu unterschätzende Aufgabe des kuratierens, die in der Wirkung mit Ort und Gelegenheit einem Event zur entsprechenden Stimmung verhelfen kann. Ich wollte mehr darüber wissen, und wir verabredeten die Aufnahme eines Podcasts. 

Ich bin der langsamste, und unentschlossenste Podcaster, der sich im Netz findet, hadere immer mit der Tonqualität und so kommt es nun zu dazu, dass das, was einst als Podcast geplant war, ein transkribiertes Interview ist. 

Andreas (JAZZNRHYTHM.com): Samanta, ich freue mich sehr, dass wir unser Gespräch wiederholen können. Beim letzten Mal ist die Aufnahme leider verloren gegangen. Umso schöner ist es, dass wir heute noch einmal zusammenkommen. Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt?

Wendelgaard (DJ): Das verdanken wir deiner Norwegen-Reise. Du warst in Oslo und Bergen unterwegs und hast Konzertlocations, Plattenläden und Veranstaltungen porträtiert. Besonders dein Bericht über den Plattenladen Apollon Records in Bergen hat mich angesprochen. Ich habe mir daraufhin deinen Blog und deine Instagram-Seite angesehen und war beeindruckt von deiner Leidenschaft für Musik. So sind wir schließlich in Kontakt gekommen.

Andreas: Ich erinnere mich gut. Aufgrund deines Namens dachte ich zunächst, du würdest aus Norwegen stammen.

Wendelgaard: Das passiert tatsächlich häufig. Ich komme zwar nicht aus Norwegen, aber ich liebe Skandinavien. Seit etwa fünf oder sechs Jahren reise ich regelmäßig dorthin und verbringe viel Zeit in Norwegen und Schweden. Diese Verbundenheit spiegelt sich auch in meinem Künstlernamen wider.

Andreas: Was fasziniert dich so sehr an Skandinavien?

DJ Wendelgaard  bei Brunch and Beats im Cafe am Markt in Marburg
DJ Wendelgaard bei Brunch and Beats im Cafe am Markt in Marburg

Wendelgaard: Es ist die Kombination aus Natur, Kultur und Lebensgefühl. Die Weite der Landschaften, das besondere Licht und die Ruhe inspirieren mich. Gleichzeitig sind die Menschen offen für Kunst und neue musikalische Ideen. Diese Mischung hat mich von Anfang an begeistert.

Andreas: Als ich mich näher mit deiner Arbeit beschäftigt habe, fiel mir auf, dass du an außergewöhnlichen Orten auflegst – nicht in Clubs, sondern in stilvollen und exklusiven Locations. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Wendelgaard: Sehr gern. Ein besonders prägendes Engagement hatte ich in den historischen Frescohallen in Bergen. Dort habe ich klassischen Jazz auf Vinyl aufgelegt. Die Atmosphäre war einzigartig – die Musik fügte sich perfekt in die Architektur und das Ambiente ein. Es war ein unvergesslicher Moment für mich.

Andreas: Wird bei solchen Veranstaltungen getanzt, oder steht die Musik eher im Hintergrund?

Wendelgaard: Beides ist möglich. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Atmosphäre. Die Musik begleitet das Essen und die Gespräche, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es geht um Genuss und Entspannung.

Andreas: Ein ähnliches Setting hattest du auch in Schweden, richtig?

Wendelgaard: Ja, in Strömstad, das oft als „schwedische Riviera“ bezeichnet wird. Dort habe ich in einem Spa- und Resort-Hotel Lounge-Musik auf Vinyl gespielt. Die Musik fügte sich harmonisch in die Umgebung ein und schuf eine besondere Stimmung.

Andreas: Wie kommst du zu solchen Engagements?

Wendelgaard: Sowohl durch eigene Initiative als auch durch Anfragen. Wenn ich eine Location entdecke, die mich inspiriert, spreche ich die Betreiber an. Oft entsteht daraus eine Zusammenarbeit. Gleichzeitig melden sich Veranstalter bei mir über Social Media oder Empfehlungen.

Andreas: Für viele Veranstalter dürfte das ein Experiment sein.

Wendelgaard: Das stimmt. Der erste Auftritt ist immer eine Art Versuch. Doch die Resonanz ist meist sehr positiv. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn Menschen die Musik genießen und gemeinsam besondere Momente erleben.

DJ Wendelgaard In der SPIN Bar - Listening Bar in München
DJ Wendelgaard In der SPIN Bar – Listening Bar in München

Andreas: Welche Rolle spielt Vinyl in deiner Arbeit?

Wendelgaard: Eine sehr große. Vinyl hat eine besondere Klangqualität und vermittelt ein Gefühl von Authentizität. Außerdem verleiht es den Veranstaltungen eine zusätzliche Wertigkeit. Das bewusste Auflegen von Schallplatten passt hervorragend zu stilvollen und ruhigen Settings.

Andreas: Welche Künstler finden sich typischerweise in deinen Sets?

Wendelgaard: Vor allem Klassiker des Jazz: Nina Simone, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Nat King Cole und Blossom Dearie. Auch Frank Sinatra und Dean Martin gehören dazu. Ergänzend spiele ich Künstler wie Gregory Porter, Norah Jones oder George Benson.

Andreas: Du bist musikalisch sehr vielseitig.

Wendelgaard: Ja, ich bleibe offen. Selbst Fleetwood Mac integriere ich gelegentlich in Lounge-Sets. Stücke wie „Dreams“ passen hervorragend in eine entspannte Atmosphäre.

Andreas: Das zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen Jazz, Lounge und Pop sein können.

Wendelgaard: Genau. Entscheidend ist die Wirkung eines Songs. Wenn er zur Stimmung beiträgt, findet er seinen Platz im Set.

Andreas: Wie reagieren die Gäste auf deine Musik?

Wendelgaard: Oft sprechen sie mich an, wenn sie ein Stück wiedererkennen. Viele verbinden persönliche Erinnerungen mit der Musik. Das macht solche Momente besonders emotional und schön.

Andreas: Zu welchen Tageszeiten finden deine Auftritte statt?

Wendelgaard: Meist tagsüber – zum Frühstück, Brunch oder Dinner. Jazz ist vielseitig und eignet sich für viele Gelegenheiten.

Andreas: Spricht deine Musik ein bestimmtes Publikum an?

Wendelgaard: Nein, sie ist generationsübergreifend. Die gleichen Menschen, die abends im Club tanzen, genießen tagsüber entspannte Jazzmusik.

Andreas: Wie bist du selbst zur Musik gekommen?

Wendelgaard: Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Musik allgegenwärtig war. Das Radio lief ständig, und ich wurde mit unterschiedlichsten Genres vertraut. Musik war immer ein Bestandteil des Lebens.

Andreas: Gab es einen konkreten Moment, der dich zum Auflegen brachte?

Wendelgaard: Ja, in Schweden. In einem Secondhandladen entdeckte ich rund dreißig Jazzplatten für jeweils einen Euro. Ich nahm sie alle mit und fragte mich anschließend, was ich mit ihnen tun sollte. Mir wurde klar, dass Musik gehört werden muss – und so begann meine Reise als DJ.

Andreas: Wann hattest du deinen ersten Auftritt?

Wendelgaard: Ein Bekannter vermittelte mir einen Gig in einer Bar in Köln. Dort konnte ich erstmals auflegen und merkte sofort, wie viel Freude mir das bereitete.

Andreas: Deine Musik richtet sich eher an Genießer als an Tänzer.

Wendelgaard: Genau. Wenn getanzt wird, dann eher langsam – und manchmal hilft auch ein Glas Wein. (lacht)

Andreas: Du verbringst viel Zeit in Skandinavien. Wie verteilt sich das?

Wendelgaard: Etwa 30 Prozent meiner Zeit verbringe ich in Norwegen und Schweden, den Rest überwiegend in Köln und Umgebung.

Andreas: Wie erlebst du die Jahreszeiten im Norden?

Wendelgaard: Die Winter sind lang und dunkel, während die Sommer von nahezu endlosen Tagen geprägt sind. Beide Extreme haben ihren eigenen Reiz und inspirieren mich auf unterschiedliche Weise.

Andreas: Bergen hat dich besonders beeindruckt.

Wendelgaard: Ja, es ist eine echte Jazzstadt mit einem eigenen Jazzfestival. Die Offenheit gegenüber neuen Klängen ist faszinierend.

DJ Wendelgaard
DJ Wendelgaard

Andreas: Während meiner Norwegenreise fiel mir auf, dass das Land stark von Heavy Metal geprägt ist. Umso überraschender war deine Jazzpräsenz.

Wendelgaard: Das macht den Reiz aus. Skandinavien ist musikalisch vielseitig – von Metal bis Free Jazz. Diese Vielfalt ist inspirierend.

Andreas: Welche musikalischen Einflüsse prägen dich besonders?

Wendelgaard: Neben den Jazzklassikern schätze ich auch Bossa Nova, Swing und Lounge-Musik. Entscheidend ist für mich die emotionale Wirkung.

Andreas: Gibt es besondere Momente, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Wendelgaard: Ja, wenn Gäste lächelnd zuhören oder sich für die Musik bedanken. Diese Augenblicke sind unbezahlbar.

Andreas: Du schaffst also Klangräume, die Erinnerungen entstehen lassen.

Wendelgaard: Das ist ein schönes Bild – und genau das ist mein Ziel.

Andreas: Zum Abschluss eine Gegenfrage: Welche musikalische Entdeckung hat dich zuletzt überrascht?

Wendelgaard: Eine musikalische Entdeckung, die zwar schon ein paar Jahre her ist, aber mich bis heute immer wieder begeistert, ist die US-amerikanische Jazz-Pop-Band Lake Street Dive. Die Musiker mischen herausragend Jazz, Pop und auch Soulelememte und setzen mit ihren guten Texten noch einen oben drauf. Ich bin nachhaltig begeistert von der musikalischen Leichtfüßigkeit und Authentizität. Welche musikalische Entdeckung ist es denn bei dir?

Andreas: Mich beeindrucken immer wieder junge Bands in kleinen Karlsruher Locations wie dem KOHI oder dem nun. Zuletzt haben mich Flora Falls, Paula Paula und die Punkband Sexbeat nachhaltig beeindruckt. Außerdem freue ich mich auf ein Wohnzimmerkonzert der Singer-Songwriterin Anne P.

Wendelgaard: Das klingt wunderbar. Ich bin gespannt auf deinen Bericht.

Andreas: Samantha, vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

Wendelgaard: Ich danke dir. Es hat mir große Freude bereitet.

Andreas: Bis zum nächsten Mal.

Wendelgaard: Sehr gern. Auf Wiedersehen!

Externe Links:

DJ Wendelgasard – https://linktr.ee/dj.wendelgaard?

Locations in Karlsruhe: Wir brauchen Informationen fürs „Karlsruher Archiv“!

Locations in Karlsruhe: Wir brauchen Informationen fürs „Karlsruher Archiv“!

KOHI am Werderplatz in der Südstadt Karlsruhe (Symbolbild für die aktuelle Musikszene in Karlsruhe)
KOHI am Werderplatz in der Südstadt Karlsruhe (Symbolbild für die aktuelle Musikszene in Karlsruhe)

Die Band- und Musikgeschichte von Karlsruhe ist –  aus verständlichen Gründen – eng mit der Geschichte der Clubs und Jugendzentren verknüpft. Karlsruhe hat aktuell eine sehr lebendige und gar nicht mal so kleine Szene. Es gibt eine erstaunliche Auswahl an Locations, die sich für Live-Gigs anbieten – auch wenn einige sehr spezialisiert sind und nicht für jeden Act geeignet. So muß man doch unter dem Strich sagen: In Karlsruhe gibt es beispielhaft viele Leute, die sich um die Thematik Kultur kümmern. 

Das bleibt spannend und freut uns sehr. Vor allem Clubs wie das KOHI, das NUN und den Tempel, um nur einige zu nennen (es gibt wesentlich mehr) sind so etwas, wie die Adressen, in denen viele Bands ihre ersten Erfahrungen sammeln können oder in denen unbekanntere KünstlerInnen aus den Nachbarländern ihre Chance auf einen gewissen Bekanntheitsgrad wahrnehmen können. 

Es ist gar nicht genug abzuschätzen, wie wichtig das in einer Zeit ist, in der Playlisten bekannter sind als die darin enthaltenen Interpreten. Das ist eine Entwicklung, die zu einer zunehmenden Anonymisierung im Independent-Bereich führt – gerade bei Leuten, die bisher wenige Veröffentlichungen und kein großes Label hinter sich haben.

Was uns allerdings mehr und mehr interessiert sind auch jene Bühnen und Veranstaltungsorte, die im Laufe der Jahrzehnte verschwunden sind. Oder sich gewandelt haben. Manche Hallen und Räume wurden ehemals gerne für Konzerte genutzt, sind aber durch neue Möglichkeiten komplett aus dem Fokus gerückt. So war zum Beispiel das Anne-Frank-Heim früher für einige Bands (aber auch Rockdiscos) in den Siebzigern ein beliebter Anlaufpunkt. Die Ostadthalle, einst eine Festhalle auf dem Messplatz, wurde ebenfalls nicht selten für Konzerte gebucht. Ebenso gab es auf dem Messplatz durchaus mal ein Zirkuszelt (ich kann mich schwachen so ein Konzert mit den „Strassenjungs“ erinnern). 

Im Jugendzentrum Mühlburg gab es sehr kontrovers diskutierte Auftritte von „Checkpoint Charlie“, das Jugendzentrum Knielingen veranstaltet Festivals und auch in Durlach fand einiges statt, das durchaus wichtig war.

Es gibt Orte, die heute nur noch schwer recherchierter sind, weil die meisten Belege (Flyer, Fotos, Eintrittskarten etc.) verschwunden sind. So gab es in der Kaiserallee 25 zum Beispiel das Capitol. Ein Kino, dass 1956 den Betrieb aufgenommen hat, und irgendwann Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger in einen Veranstaltungsort für Konzert gewandelt wurde. Auf wenigen Fotos, die sich im Stadtarchiv finden, kann man Verweise auf bekannte Gruppen, wie zum Beispiel den Scorpions finden. Aber es gibt Gerüchte über ganz andere Namen und Auftritte.

Auch der Keller des Krokodils wurde z.B. oft gerne als Auftrittsort genutzt. 

Kurz: Wir suchen Material. Alles was es an Flyer, Eintrittskarten, Fotos, Streichholzheftchen und Geschichten gibt. Wir suchen Zeitzeugen, die dabei waren und davon berichten können. Ganz besonders würde es uns natürlich freuen, wenn jemand Lust hat davon zu erzählen. Gerne nehmen wir einen Podcast über diese Geschichten auf und hoffen damit etwas Geschichte für alle zugänglich zu machen. 

Wer also z.B. irgendetwas über das mysteriöse Capitol weiß – wir sind unglaublich neugierig, was das war, wie es dort zuging und wer dort spielte. Meldet euch einfach bei andreas@jazznrhythm.com oder bei Dixigas Records in der Ebertstraße 2.

Die Musik-Szene von Karlsruhe braucht ein öffentliches Archiv .. und warum wir es jetzt einfach machen. Ein Gespräch mit Tex Dixigas

Die Musik-Szene von Karlsruhe braucht ein öffentliches Archiv .. und warum wir es jetzt einfach machen. Ein Gespräch mit Tex Dixigas

Ein Beispiel der Musik-Szene aus Karlsruhe: Rädelchen und Martin Müller (mehr wird folgen)

Ein paar einleitende Worte zu diesem Interview: Karlsruhe hat ein unbestimmte Anzahl an MusikerInnen, Bands und Menschen, die sich mit Musik beschäftigen. Es gibt hier Labels, eine unglaubliche Anzahl an Veranstaltungsorten, die nicht mehr existieren, aber trotzdem in Erzählungen präsent sind, aber auch viele Locations, die heute noch die Farbigkeit der hiesigen Szene ausmachen. 

Es gab bisher verschiedene Versuche, all das, was Karlsruhe bot und bietet, abzubilden. Diese finden sich hier im Internet, aber auch bestimmt in den Archiven der Tageszeitungen oder Clubs. 

Um dem Thema ein kleinen, neuen Anstoß zu geben und Hilfestellung zu bieten, möchte ich mit der Unterstützung von Tex Dixigas (Martin Christoph), von Dixigas Records, auf diesen Seiten so weit wie möglich und in loser Folge vergangenes, zukünftiges und aktuelles aus der wilden Szene von Karlsruhe präsentieren. Das können Diskografien, Features, Bios, Anekdoten und vieles, was uns zugetragen wird, sein. Das werden Interviews sein, aber auch einfach mal Erzählungen.

Wie viel das wird, wie tief das geht – das werden wir sehen. Wer dazu beitragen kann, wird willkommen geheißen. Gerne würden wir die Geschichten von Zeitzeugen hören. 

Um ein bißchen zu zeigen, wo die Reise hingeht, aber auch was passieren kann, wenn man sich auf diese Reise begibt, soll dieses Interview zeigen, dass quasi das einführende Gespräch zwischen mir und Tex war.

Tex Dixigas bei Top oder Flop in seinem Plattenladen Dixigas Records

Jazznrhythm (Andreas Allgeyer): Weswegen wir uns jetzt getroffen haben und uns unterhalten, sind die Karlsruher Geschichten. 

Du hast mir erzählt, du interessierst dich dafür. Du hast sie archiviert, gesammelt und das über viele Jahre. Die Frage ist: Warum?

Tex Dixigas (Martin Christoph):  Ich habe ganz normal angefangen, wie jeder Musikliebhaber, dass ich Konzertplakate von der Wand genommen habe von den Bands, die ich mochte.

Ich mochte auch immer schon Karlsruher-Bands. Das war früh ganz klar. Je jünger man ist – du kennst die ganzen Leute. Beispielsweise als ich DJ in der Katakombe war. Dort hingen sie alle rum. Die hatten alle eine Band. Dann hattest du selber eine Band. 

Du bist am Wochenende auf das Konzert von der Band, die du kanntest, gegangen.

Ich habe Flyer mitgenommen und Plakate. Als ob es Lou Reed wäre. Ich habe das in eine Kiste geschmissen. Machen ja viele.

Selbst wenn es dann eine eigene Band ist, schmeißt du es in eine Kiste, kaufst die Platte von der Band und irgendwann hast du viel von Karlsruhe. 

Aber das war kein Karlsruhe-Archiv.

Ganz wichtig zum Beispiel, war die Beethovens . Es gibt hier die Moonlights und die Beethovens. Als ich jung war, waren die Moonlights zum Beispiel so eine Tanzbands 

Jazznrhythm: Die sind noch unterwegs, nicht wahr? 

Tex Dixigas: Die sind immer noch unterwegs. Wahrscheinlich null original Mitglieder, aber das waren ursprünglich die Moonlight Brothers. Von denen gibt es eine richtige Single, also auch auf CBS, das Nightwalk. Das war ein richtiges Instrumental. Die wollten jemand werden. War national veröffentlicht. 

Dann kam die Beethovens .Das hat mir jemand vorgespielt . Die Beethovens sind knallhart. Das ist richtig Garagen-Punk. Das ist kein Beat. Nur auf einer Seite. Dann suchst du. Von den Beethovens habe ich das Cover zehn Jahre lang gesucht. Die Single habe ich dreimal, aber das Cover – das habe ich zehn Jahre lang gesucht. Das heißt was!

Irgendwann denkst du, was gibt es denn noch in Karlsruhe? Du suchst tiefer. 

Ich hatte meinen Laden. Da sind immer Platten reingekommen.

Manchmal stand hinten drauf Karlsruhe, war aber Orgelmusik. Also ab in das Karlsruhe-Töpfchen

Irgendwann hast du genug. Du telefonierst du die Jungs ab und sagst, hast du noch Platten ? Jemand erzählt dir: „ Ah, da gab es einen, der hat was“.

Zum Beispiel Werner Kühn, aus dem Schlaile, der dir Platten verkauft hat. Irgendwann sagt er zu jemanden, du bist der beste Schlagzeuger Karlsruhes gewesen und dann wird es halt spannend. Je tiefer du in der Materie bist, desto spannender wird es dann.

Jazznrhythm:  Bei dir ist das Genre- und richtungsübergreifend?  Es ist nicht so, dass du auf eine bestimmte Richtung festgelegt bist?

Tex Dixigas: Ja, Karlsruhe will ich einfach alles. Ich sage immer, egal ob es der Gesangsverein Grötzingen oder die Hottscheck Hexen singen, ob es der KSC oder Black Metal ist, ich will alles.

Weil sonst ist es ja nicht lustig. Sonst ist ja kein Karlsruher Archiv.

Jazznrhythm: Genau. Zeichnet Karlsruhe irgendwas aus?

Tex Dixigas: Ja, dass die Stadt sich wenig für dich interessiert. Bis du berühmt bist und dass die meisten Bands besser dran sind, wenn sie abhauen. Das ist Karlsruhe. Alle Bands, die auf sich halten, sind auswärts berühmt geworden. 

Dann kommen sie zurück und erst dann sagt Karlsruhe: „Unsere Söhne!“

In Mannheim ist das anders.

Aber du musst hier als Karlsruher Band erst als Hamburger Band bekannt werden. Ein paar Leute haben es ja auf L’age d’Or geschafft. Aber die Jugendfestivals in Karlsruhe sind ganz gut. 

Es gibt auch ein Archiv, aber die haben es viel später angefangen als ich.

Jazznrhythm: Das wäre die nächste Frage, ob es tatsächlich schon ein Archiv gibt. Wer sich da bisher darum gekümmert hat? Du bist anscheinend jetzt in der Tiefe der Einzige. 

Tex Dixigas: Es gibt mehrere Karlsruher Sammler .Es gibt auch einige, die haben bestimmt wesentlich mehr als ich. Das Problem ist: Die machen nichts damit.

Die transportieren das nicht nach außen. Die haben das zu Hause. 

Mein Plan ist ja das man etwas damit man macht. Eine Ausstellung z.B.

In meinem alten Laden hatte ich alles voll mit alten Plakaten. 

So richtig seltene Plakate, z.B. mit spätere RAF-Terroristen. Karlsruhe ist total spannend. Wir hatten Beatbands, bei denen spätere RAF-Terroristen dabei waren. Die Stadt Mannheim hätten schon einen eigenen Raum im Museum gemacht.

Jazznrhythm: Ich weiß, dass Karlsruhe natürlich eine besondere Beziehung zur RAF hat. Die meisten Biografien landen einfach in Karlsruhe, wenn du in die Tiefe gehst.

Aber ich wusste jetzt nicht, dass es Bands gab. 

Tex Dixigas: Expression mit Knut Folkerts. Mit dem habe ich sogar schon telefoniert, aber das war schwierig.

Oder: Top spannend. Es gab eine Schülerzeitschrift aus Ettlingen, aus der Schule, auf der Christian Klar war.

Die war extrem links. Da sind MC5-Besprechungen aus den Früh-70ern drin. Ich habe jemandem getroffen, der bei der Schülerzeitschrift gearbeitet hat. 

Die Polizei hat dich, wenn du nur in der Klasse mit einem von denen warst, geschasst. Du hast dann keinen Job gekriegt. Du musstest fast in den Untergrund gehen. Es gab eine extrem politisch harte Linke.  Da redet niemand drüber. Das müsste eigentlich aufgearbeitet werden. 

Eigentlich müsst die Stadt Karlsruhe hingehen und sagen: „ Entschuldigung, dass wir euch alle verdroschen haben, liebe Karlsruher Kameraden. Ihr konntet nichts dafür, waren scheiß Zeiten“

Jazznrhythm: Die 70er waren extrem paranoid. Ich bin ja damals hier zur Schule gegangen. Ich weiß, was damals los war. Ich kenne die verschiedenen Schülerzeitungen, die extern außerhalb der Schule gedruckt wurden. 

(…)

Das heißt, du hast auch Jazz. 

Tex Dixigas: Im Jazz gibt es fantastische Sachen. Du schaust mich gerade so an, als ob du das nicht wüsstest. 

Jazznrhythm: Ich weiß das, ich war nur gespannt, was jetzt kommt. 

Tex Dixigas: Das Modern Jazz Quintett Karlsruhe mit Herbert Joos. Herbert Joos ist ja eine der Koryphäen, aber der hat Karlsruhe auf seiner Vita gestrichen. Ich habe ihn angerufen in Stuttgart, der war komplett aggressiv, der hatte null Bock auf Karlsruhe. Obwohl seine Band den Namen Karlsruhe in sich trug.

Das ist das Paradebeispiel. Der hat das Artwork für die Platten gemacht. Fantastisch, schwarz auf schwarz, silber auf weiß. Komplette außerirdischen Reisen per Jazz ausgedrückt.

Die Nada ist noch fantastisch. Es gibt ganz tolles Zeug aus dem Jazzclub Karlsruhe. Das Jazz Publikum muss der Wahnsinn gewesen sein. Aber die Jazzer sind eine eingekapselte Welt für sich. Die Walpurgis ist noch der Hammer. Eine ganz tolle Platte.

Da gibt es bestimmt auch noch extrem viel Zeug, Konzertplakate . Das haben die selber und das behalten die auch. 

Der Jazz-Club muss auch sehr, sehr geil gewesen sein, halt viel Avantgarde und abgefahrenes Zeug und so.

Jazznrhythm: Okay, aber das heißt, das ganze Zeug, das du bisher gesammelt hast, das ist noch nicht ausgestellt worden ? 

Das bräuchte tatsächlich eine Webpräsenz, die recherchierbar ist.

Jetzt können wir ein bisschen auch darüber reden, wie wir uns das vorstellen.  Bei meiner Web-Seite ist im Hintergrund eine Band-Liste. Die Liste hat die Tendenz unendlich zu werden . Das ist mir egal. Unabhängig von der Liste gönne ich natürlich jeder Gruppe, die auftaucht, eine eigene Seite.

Eine eigene Seite, in der man kurz sagt, das ist die Diskografie, und das waren die Mitglieder mit ihren Verzweigungen. 

Im Vordergrund werden weiterhin Konzerte, Platten und ähnliches besprochen. 

Wenn das passt, dann würde ich sagen, wir fangen ganz ganz harmlos an und fotografieren  erstmal Cover und Plakate. Widmen die dann den entsprechenden Bands.

Mit der Aufforderung, dass jemand, der oder die etwas was weiß, sich – um Gottes willen – melden soll. 

Tex Dixigas: Es gibt viele Sachen, da weiß ich nur Geschichten. Ich habe z.B. eine Geschichte gehört-  ich kann dir nichts dazu sagen –  dass es eine GI-Metal-Band gab, die hier stationiert war. Die haben eine LP gemacht, während sie hier war. Alles, was ich weiß ist, dass ein Schwert auf dem Cover ist.

Mehr weiß ich nicht. So, und jetzt bist du dran, wie finden wir eine Heavy-Metal-Platte mit einem Schwert ? Da findest du Tausende, aber welche ist das?

Jazznrhythm: Darum geht es mir. Dieses Ding dann irgendwie zum Leben zu erwecken und die Leute anzuziehen, die etwas damit zu tun hatten.

Da ist die große Befürchtung, die ich bei der ganzen Geschichte immer wieder habe. Meine Generation war so eine Plattensammler-Generation, die stirbt jetzt aus und mit denen verschwinden tausende von Platten.

Tex Dixigas: Genau, ist so. Und bei Plakaten ist ja viel schlimmer. Plakaten und T-Shirts. Weißt du, was Leute sagen?

Die habe ich schon weggeschmissen. 

Jazznrhythm: Ich weiß jetzt schon, die Leute, die irgendwann mal meine Sammlung erben, brauchen eine klare Anweisung, was davon überhaupt irgendwas wert oder wo sie damit hingehen sollen.

Tex Dixigas: Sonst gehen die her und bestellen einen Laster und dann ist das Zeug weg. Und bei dir ist es bestimmt wieder lustig .Aber das ganz große Problem des modernen Plattensammler ist der Wert.

Ich habe ganz viele Platten, die finde ich einfach total geil und sie sind aber wertfrei. Das Einzige, was lustig ist, wenn halt einfach niemand weiß, was daran lustig ist. Irgendein Hit und die B-Seite ist halt voll geil. Ich habe zum Beispiel so eine italienische Schlager-Single, die habe ich hier in Karlsruhe gefunden. Eine der besten Progressiv-Rock-Singles. Aber nur die B-Seite, weil die A-Seite ist italienische Schlager.

Auf der B-Seite dürfte sich seine Hausband austoben als Dankeschön, dass sie mit ihm die A-Seite aufgenommen haben. Ist die was wert? Keine Ahnung. Es geht aber darum: wenn du sie auflegst, weiß keiner, was du auflegst.

Es baut aufeinander auf.

Es ist in Karlsruhe extrem wenig rausgekommen. Es gibt fast keine geile Hippie-LP .Es gibt die Poseidon. 

Es gibt 100 Bands , jedoch gibt es nur noch zwei, drei LPs, die sind hippieartig.

Bei Punk auch. Es gibt in meinen Augen keine einzige Punk-LP aus Karlsruhe. Oder Punk-Single. Es gibt ein paar Kassetten, aber es gab Bands. Auch New Wave-Leute. 

Aus Wörth gibt es noch ein paar total geile. Aus Pforzheim gibt es Wave-Veröffentlichungen. Es war aber von 76 bis 80 auch nicht so wahnsinnig viel Punk erschienen in Karlsruhe.

Jazznrhythm: Das wäre natürlich auch so ein Punkt, wo ich sagen würde, das muss man ausgraben. Da muss irgendjemand kommen und sagen, er hat mehr Ahnung. Und auf die bin ich eigentlich scharf.

Dass da irgendjemand vorbeikommt und dann sagt, da weiß ich viel mehr als ihr. Ihr habt überhaupt keine Ahnung.

Okay, dann würde ich sagen, der Plan steht.

Wir machen das, und führen das Gespräch immer mal wieder weiter,

So, dass es einfach transparent ist, was treiben wir da. Und worum es geht. 

Ich danke dir. 

Tex Dixigas: Nichts zu danken, ich hab dir Dank. Und den Rest machen wir dann.

Externer Link: Dixigas Records – Der Plattenladen von Tex Dixigas und Marco Sommer : https://dixigas-records.de/