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Schlagwort: Noise Rock

Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026

Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026

Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026
Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026

Eine Art Vorwort (weil es an der Zeit ist)…

Die Lage ist schwierig. Es kann gar nicht falsch sein, auch darüber zu schreiben. 

Als Aufhänger ein Konzert von Musa Dagh zu wählen, ist bedauerlich, aber das Thema zieht sich durch alle Genres und betrifft alle KünstlerInnen, die in dieser Zeit auf Tour sind. 

Auffallend bei Musa Dagh ist: Es handelt sich um eine gut bewertete Band, deren Relevanz von Wikipedia anerkannt ist. Ihre Zusammensetzung basiert auf bekannte Namen und das aktuelle Album erntet gute Kritiken.

Der Gitarrist Aren Emirze (ehemals Harmful), die Bassisten und Sängerin Sandra Fink (Safi), sowie der Schlagzeuger Martin „Dog“ Kessler (z.B. ehemals H-Blockx) sind also durchaus innerhalb der Kreise, die ihr Publikum darstellen, bekannt und beliebt. 

Trotzdem, und das ist auffallend, wurde das Konzert am Donnerstag von gerade mal geschätzten 20 Leuten besucht, die sich selbst in der Stadtmitte etwas verloren wirkten. 

Wenn es sich um Ausnahmen handelt, dann mag man das abhaken. Man kann mögliche Gründe vermuten, und sich damit zufrieden geben. Dann ist es kein Thema.

Aber es häuft sich. Es kommt gar nicht so selten vor. Touren werden abgesagt. Konzerte neu geplant, manche trotzdem durchgezogen und hin und wieder wird das Problem schon vorher transparent genannt.

Kommt es zu Zahlen, die verdeutlichen können, wie es aktuell aussieht, dann darf man unproblematisch davon ausgehen, dass ein Konzertpreis von 40 Euro, wie er an der Abendkasse für Musa Dagh berechnet wurde, das Minimum für eine Band darstellt, die sich auf Deutschlandtournee befindet. 

Das mag für EinzelkünstlerInnen, die mit Gitarre und dem Zugticket durch das Land reisen – mit dem Einsatz von Nerven und Zeit – zu unterbieten sein. Aber für eine 3-köpfige Band, die Hotels, Equipment, einen Transporter und noch einiges mehr braucht (eventuell noch jemand für Merch und Sound) handelt es sich um einen Betrag, der kaum die Kosten deckt. 

Denn an der Gestaltung des Ticketpreises ist ja auch noch Veranstalter und weitere Kostenpunkte beteiligt.

Sieht man gleichzeitig, dass der Markt für physikalische Tonträger fast nicht mehr existent ist,  dann handelt es sich beim Merch um ein weitere Einnahmequelle. Aber diese kann maximal einen kleinen Teil der Kosten abfedern. Die Lage ist prekärer als viele sie sich eingestehen wollen. Oder sie sehen möchten.

Bei Streaming (also Spotify, Apple-Music, Deezer, Tidal etc.) handelt es sich nicht um die Option, ein geregeltes Einkommen zu erwirtschaften, sondern um einen Rückschritt in jene Zeiten, als MusikerInnen ihr Auskommen über Dienstleistungen, Nebenjobs und Hochzeiten oder ähnlichen Veranstaltungen verdienten. 

Egal wie viel ein Streamingdienst abwirft – keiner konnte bisher den Ertrag, den der Tonträgerverkauf früher gesichert hat, erreichen. 

Zwar gibt es auch über Streaming eine Handvoll großverdienende KünstlerInnen, doch handelt es sich um Ausnahmen. Die wachsende Mehrheit finanziert sich über endlose, fleißige Touren, bis ihre persönliche Entscheidung gegen die Musik fällt. Für ein stabiles Leben, möglicherweise mit Kind, ist die Situation oftmals zu prekär.

Wir befinden uns fast wieder in jener Zeit, in der es noch keine physikalischen Tonträger gab. Als fahrende Musikanten oder Mäzenatentum diese Kulturrichtung prägten.

Und dann stellt sich die Frage: Woran liegt es, das Konzerte wie dieses kein Publikum finden? Ist das Angebot zu groß? Der Konkurrenzdruck durch andere Konzerte ein Faktor? Ist der Preis zu hoch, das Geld zu knapp, der Markt zu unübersichtlich, die Werbung zu schlecht? Und wenn letzteres ein Faktor ist: Wie macht man mittlerweile gute Werbung?

….. und das Konzert

Die Stadtmitte, obwohl mittlerweile etabliert für ihre Clubkonzerte, wird oft immer noch als ein Club wahrgenommen, der so gar nicht zu jener Gangart passen will, die im hinteren Saal das Tempo bestimmt. Abgetrennt vom Lounge und Tanzflächen-Bereich, hat sich die Stadtmitte einen Ruf geschaffen, der durchaus experimentellen und ungestüme Acts eine Bühne bietet. 

Während sich vielerorts engmaschiger Filter über die Auswahl legt, wird in der Stadtmitte gerne den Genres gefrönt, die gewagt an das Dunkle und Laute gehen möchten. Musa Dagh befanden sich damit genau am richtigen Ort. 

Selina Cifric in der Stadtmitte am 22.10.2026
Selina Cifric in der Stadtmitte am 22.10.2026

Es zeichnet die Stadtmitte aus, als Support lokalen KünstlerInnen zu bevorzugen. Selina Cifric gehört zu den hart arbeitenden Singer-/Songwriterinnen in dem Metier. 

Umtriebig ist sie überall dort anzutreffen, wo man sie nicht vermutet. Sie reist weit, sie reist oft. Schätzt man die Häufigkeit ab, steht sie ein Drittel des Jahres auf irgendeiner Bühne. Etwas, was man ihr anmerkt. Nur mit akustischer Gitarre ausgestattet, zeigen sich selbst ihre eigenen Songs als kraftvoll, ausgeschliffene Stücke, die zwischen einem rauen Blues und ungehobelten Americana ihre Heimat suchen.

Selina ist dort zuhause, wo die Stimme sich in den Vordergrund drängt, das Gitarrenspiel schnell und verwegen kling, aber vor allem die Tonart zwischen Wut und Sensibilität beeindruckt. Immer mit einem Fuß im Punk, aber mittlerweile viel zu versiert, um dort mehr als die Wurzeln zu haben, weiß sie mit ihrer Erfahrung sehr genau wie das Ding klingen muss.

Sie rockte sich daher – selbst in dieser schmalen Version, alleine mit der Gitarre – aus der puren Songwriter-Situation heraus und man konnte sich gut vorstellen, mit welchem Verständnis und Energie eine Band mit ihr das Ding vorantreiben könnte. Aber, und das sei erwähnt: Nötig wäre es nicht.

Neben eigenem Material band sie Coverversionen ein, die sie mit ihrem Timbre einfärbte, und damit ungeschliffener, aber auch entsprechend ehrlich, interpretierte. Da war Tracy Chapmans Hymne von der Revolution und der Wunsch nach dem Benz von Janis Joplin. Material, das wie geschaffen schien, in diesem Zusammenhang und dem allgemeinen Wunsch nach Veränderung. 

Die Entscheidung und Wahl für sie war gut getroffen, korrespondierte sie doch nur zu gut mit der brachiale Bereitschaft zum Lärm von Musa Dagh . 

Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026
Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026

In einer Dreibesetzung, nur bestehend aus Drums, Bass und Gitarre waren sie angetreten alles vor ihnen und nach ihnen zu zerlegen. Das brauchte Standvermögen, geschützte Ohren und die Bereitschaft sich darauf einzulassen. Das hatte seine Zeit und seinen Moment, aber vor allem war die Wucht nach Selinas Auftritt ein Vermögen, das sie problemlos ausspielen konnten.

Safi, hier am Bass und Gesang, hatte das KOHI schon erfolgreich besucht. Die Kombination als Frontfrau dieser Band war neu, die Vehemenz jedoch gewohnt entschlossen. Safis Performance ist immer geprägt von ihrer Entschlossenheit, mit der sie sich sowohl in ihrem Basspiel, wie auch in ihren Gesang beweist. 

Im Zusammenspiel mit Aren Emirze ergaben sich dabei, eingehüllt in einem Orkan aus Unbeschreiblichkeiten, sowie einem Tornado aus Geschwindigkeit und purer Lust am Lärm, ein feines Spiel aus Zitaten und klassischen Anklägen, die manchmal nur für Bruchteile eines Stückes erkennbar waren.

Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026
Musa Dagh (mit Safi und als Support: Selina Cifric) in der Stadtmitte am 22.10.2026

Ungeachtet der fast leeren Stadtmitte, konnte man keine Spielfreude vermissen. So gab die Band alles, vollführten die Reise durch das Zentrum des Sturms, zeigten sich dabei gelassen, sympathisch und dennoch so entschlossen, dass selbst die Gitarren-Saiten ihrem Anspruch nachgaben. 

Musa Dagh, vor allem mit Safi, hätten den Laden in seiner besten Füllung zum Schwitzen bringen können, das heutige Unwetter vorweg nehmen mögen und diese Chance mindestens verdient. 

In den Details und der Intensität, sowie einer hektischen Fingerfertigkeit, handelte es sich bei ihnen um eine Live-Band, die zur Entdeckung taugt. 

Geradlinig, einem Tempo und Sound verpflichtet, trotzdem verspielt, schoßen sie kurzweilig durch ein bündiges Programm. Es glich einem  beständigen Funkenflug durch die Verstärker.

Man nehme die Lust am frühen Rock’n’Roll, die Frechheit des Punks, jage das durch den Mixer, und schütte ein paar Oud-Weisen hinein. Und dann stelle man alles auf Anschlag, und erhöhe auf jeden Fall die Geschwindigkeit. So ungefähr. Und doch viel mehr. 

Nächstes Mal bitte voller. Der Saal. Nicht der Sound. Und bestimmt gibt mir mein Ohrenarzt auch noch einen Tipp. Aber auf jeden Fall wieder.

Externe Links:

Musa Dagh – https://www.musadagh.info

Safi – https://safimusic.com

Selina Cifric – https://www.selinacifric.com

Stadtmitte – https://die-stadtmitte.de