Der Spieler – Teil 41

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der einundvierzigste Teil, in dem Blut eine große Rolle spielt. Blut von Cörd, Blutsverwandtschaft, also wird es blutig. Aber so richtig.Andreas Allgeyer, 17.03.2026
Teil 41
Er schwankte. Was ich ihm sagte, mochte einleuchtend sein. Aber er konnte sich nicht zu weiteren Handlungen entschließen. Die Arroganz seines Vaters und die vorgetäuschte Selbstsicherheit war verflogen. Keiner von uns Beiden war in solchen Situationen geübt. Wir standen voreinander, abwägend, gleich zwei Kämpfer, die ihre Gegner einschätzen wollten.
„Sie wollen fliehen!“
Mehr eine Frage als eine Behauptung. Ich nickte.
„Ja, ich würde gerne fliehen, aber hier liegt mein Freund und verblutet. Die Frage einer Flucht stellt sich für mich nicht. Es ist viel eher so, ob sie es verantworten können, einen Menschen getötet zu haben. Und das wird unweigerlich geschehen, wenn wir nicht handeln.“
Cörd stöhnte im Hintergrund laut auf. Hatte wahrscheinlich meine Worte gehört.
„Ich komme mit.“
„In die Küche? Kommen sie mit.“
Ich trat mit diesen Worten in den Flur. Der Vater war nirgendwo zu sehen. Ich wußte überhaupt nicht, wo die Küche war. Alles war hier überdimensioniert, in einer unbekannten Epoche angesiedelt und der Flur präsentierte sich als ein schlecht beleuchteter Schacht. Der einzige Lichteinfall kam von der Tür, durch die wir herein gekommen waren. War mir gar nicht so aufgefallen.
Ich öffnete zwei Türen bis ich von hinten hörte „Geradeaus!“. Man hätte es sich denken können. Zur Küche gehörte, wie in fast allen Häusern und Wohnungen aus den Siebzigern, die erste Tür, auf der wir nach dem Eingang trafen. Ich öffnete sie, und erwartete eine überschaubare Räumlichkeit, deren Einrichtung mir vertraut vorkam.
Das Gegenteil war natürlich der Fall. Die Küche stand dem Wohnzimmer in nichts nach. Zu groß, zu edel, zu leer. Nicht auszudenken, dass hier irgendjemand Arbeiten verrichtete. Die Kochstelle war – was hatte ich mir eigentlich gedacht (?) – in der Mitte des Raums, von allen Seiten gut erreichbar. Einige Barhocker waren inspirationslos verteilt. Man konnte sich richtig vorstellen, wie emsige Hausangestellte vorbei schwebten, Teller und Tassen ein-, aus- und umräumten.
Ich war ratlos. Wo? Dachte ich.
„Links unten. Bei der Mikrowelle. Links unten.“
Ich sah keine Mikrowelle. Mein Blick irrte über die Ablagefläche, an den Hängeschränken entlang. Alles, als ob es gestern eingerichtet worden wäre. Keine Spuren von feuchten Gläsern, keine Krümel. Der Boden glänzte, der Schrank glänzte, die Fenster glänzten, die Kochfläche glänzte. Ich begann eine Schublade zu öffnen. Besteck. Messer. Ich sah eine Sekunde zu lang hinein.
„Links habe ich gesagt. Weißt du nicht wo links ist?“
Also übersprang ich drei Schubladen und wand mich der Vierten zu. Ein Bündel Küchentücher. Ich schnappte mir wahllos so viele wie ich tragen konnte, und eilte an dem jungen Mann vorbei. Er starrte mir nach. Ich spürte seinen Blick im Rücken. Um die Blutung aufzuhalten, würde das nicht ausreichen. Damit könnte ich etwas eingrenzen, aber mehr war nicht drin.
Ein Gedanke, der rumorte, war die Frage, wo sich der Vater aufhielt. Ich hörte ihn nicht, sah ihn nicht und als ich Cörd erreichte, war er dort auch nicht. Wenn er die Polizei gerufen hätte, wovon ich ausging, dann hätte diese schon auftauchen müssen.
Cörd jammerte vor sich hin. Ich ging in die Knie, setzte mich neben ihn. Seine Schulter, mittlerweile aber auch sein komplettes Hemd, waren vom Blut getränkt. Sein Auge sah mich beunruhigt an.
„Ich habe Angst, Klaus.“
Ich nickt, legte ein Küchentuch auf die Wunde und drückte dagegen. Das würde nicht helfen. Überhaupt nicht.