Der Spieler – Teil 52

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der zweiundfünfzigste Teil, und jetzt wird es unglaublich historisch, weil die Geschichte gerade beginnt aus den Fugen zu geraten.
(Nebenbei: Wenn jemand Vermutungen äußern will, wie es weiter geht – dann würde mich das interessieren. Bitte unten ins Kommentarfeld schreiben)
Andreas Allgeyer, 23.03.2026
Er gab meinen zwei Bewachern ein Zeichen. Sie waren mehr Stütze, als dass sie mich von etwas zurückhalten konnten, aber jetzt hoben sie mich von dem Stuhl, nahmen mich in die Mitte und schleiften mich wortlos aus dem Raum. Das geschah zusammenhangslos. Ich hätte das Zeichen nicht deuten können, so unvermittelt geschah es.
Mir war es noch möglich kurz Inges Gesicht zu sehen, doch ihre Augen hatten sich von mir abgewandt. Sie sah nicht zu mir, sie blickte aus dem Fenster. Irgendwo in die Weite des Nichts. Ich vermutete mich immer noch auf der Spitze eines Berges, denn anders konnte ich mir das vorherrschende Blau des Himmels nicht erklären.
Aus meiner Sicht wurde es durch kein Merkmal unterbrochen. Hier, wo wir uns befanden, gab es aus meinem Winkel keine Bäume, Häuser, andere Berge oder Tiere zu sehen. Der Fahrstuhl hatte alles vollbracht, um mir komplett die Orientierung zu nehmen.
Sie zogen mich einmal quer durch den Raum, durch die Tür, die von Blumscheid und Inge als Eingang genutzt wurde. Die Choreographie ihrer angestimmten Handlungen, wie sie mich griffen und mit welcher Wortlosigkeit sie diese Aktionen vollzogen, verriet Übung und ein hohes Maß an effizienter Abstimmung. Sie agieren wie Pfleger. Oder andere Personen, die so etwas jeden Tag machten.
Zugegeben, das flößte Respekt ein, taugte vor allem dazu alle Hoffnung fahren zu lassen. Ich wusste, dass Professionalität immer dazu dient, Widerstand ein zu dämmen. Aber allein die Tatsache, dass sie wussten, wie das Spiel funktioniert, war beunruhigend.
Die Geschichte der V2-Rakete war mir nur insofern geläufig, als das sie nicht so funktionierte, wie man sich das damals vorgestellt hatte. Sie kam zu spät. Der Krieg befand sich bei ihrem Einsatz schon in der Endphase. Doch ich war nicht der große Experte. Sie wurde aber dennoch mehrere tausend Mal abgefeuert, und verrichtete in London und Antwerpen verheerende Zerstörung an. Nicht nur die Amerikaner hatten ein Interesse an dieser deutschen Ingenieurleistung. Es gab nach dem Krieg ein Wettrennen zwischen den Großmächten um die Eroberung des Weltraums. So nannte man das damals. Dieser historische Rahmen war mir wohlbekannt.
Blumscheid hatte nur Andeutungen gemacht. Die eigentlich Aussage verbarg sich zwischen den Zeilen und ich kam nicht dahinter, was er mir eigentlich mitteilen wollte.
Meine Füße schleiften über den Boden. Die beiden Bewacher zerrten mich über den Flur, der in einem blutigen Rot gehalten war, dass sowohl die Tapeten, wie auch den Teppich unter mir seine Farbe gab. Ansonsten waren auch hier die goldenen Verzierungen zu sehen, die um die Türen den Rahmen ein barockes Aussehen gaben. Da sich hier keine Fenster fand, beleuchteten Neonröhren mit ihrem kalten Licht den Gang. Die Anzahl der Türen liessen kleine Zimmer oder große mit einer Menge Zugänge vermuten. Der Flur selbst schien gar nicht so lang, wir kamen sehr schnell voran, erreichten eine Treppe, die in gleichem Design aber mit viel Marmor auf den Stufen und Handläufen nach unten führte. Ausgelegt darauf, dass wir gemeinsam ohne Probleme nebeneinander nach unten gelangen konnten. Man konnte meinen, es wäre an alles gedacht worden, aber ich bezweifelte, dass Blumscheid etwas mit der Erbauung und ursprünglichen Nutzung zu tun hatte.
Wir gelangten auf diesem Weg ein Stockwerk tiefer. Ich hätte viel dafür getan, meine Beine selbständig bewegen zu können, aber ich fühlte mich vollkommen kraftlos. Ein leerer Magen, praktisch kein wirklicher Schlaf, die nagende Ungewissheit und das verdammte Alter forderten ihr Tribut.
In einem neuen Flur, der dem oberen glich, öffneten sie eine verschlossene Tür. Hievten mich auf ein bereitstehendes Bett, legten meine Beine hoch und verliessen den Raum. Ich war alleine. Das war alles andere als ein Kerker, wie ich ihn ursprünglich erwartet hatte. Der Raum glich eher einem Hotelzimmer. Es gab ein Waschbecken, eine Tür hinter der sich vermutlich eine Toilette befand, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch und , wie erwähnt, das Bett. Er war fensterlos, stattdessen fand sich an der Stelle, gegenüber dem Bett, ein Gemälde. Auf diesem eine Szene wie von einem flämischen Maler aus dem 17.Jahrhundert. Eine dramatische Lichtung in einem Wald mit knorrigem, alten Baumbestand, in dem offensichtlich ein seltsames Flugobjekt landete. Ich hatte Mühe meine Augen davon abzuwenden. Und war versucht den Firnis zu überprüfen, doch konnte mich kaum aufraffen, in eine sitzende Position zu kommen. Rahmen und Bild wiesen Spuren von Alterung auf, die auf die Distanz erschütternd authentisch wirkten.
Ich stöhnte, sank zurück und schlief sofort ein.