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Autor: Andreas Allgeyer

Redakteur und Autor auf Jazznrhythm.com. Interessiert an jeder Art Musik, lernt gerne dazu, möchte alle Konzerte erleben und alle Platten gehört haben. Klappt nicht. Aber auf dem Weg dahin sollen alle mitkommen. Weitere Infos (Bild, FAQ, Mail etc.) Hört gerade folgendes (Externer Link): Jazznrhythm auf Last.FM
Stina Holmquist im NUN Kulturaum, Karlsruhe, am 08.03.2025

Stina Holmquist im NUN Kulturaum, Karlsruhe, am 08.03.2025

Stina Holmquist im NUN Kutlurraum, in Karlsruhe, 08.03.2025

Er war fast ausverkauft. Der NUN Kulturraum hatte ungewöhnlich viel Publikum empfangen. Vertreten waren alle Altersklassen. Etwas, was für das NUN spricht, aber auch für Stina Holmquist, die mit ihrer Band im NUN gastierte. Beinahe war auch die Bühne zu klein im Anbetracht der fünfköpfigen Gruppe. Sängerin Stina Holmquist trat für ihrer ersten „Broken Glass“ Tour in voller Besetzung vor ihr Publikum: Drums – Lasse Holmquist, Bass  – Joshua Mandlburger, Gitarre – Tarik Mujadizic, Synths und Trombone (!) – Paul Sabel. 

Stina, selbst am Keyboard, und verantwortlich für alle Songs, bewegte sich dabei stilsicher in einem Umfeld aus komplexen Pop-Harmonien. Kleine Geschichten, Anekdoten und Elemente aus dem Leben einer jungen Frau, die mit einer gekonnten Mischung aus Dramatik und Leichtigkeit davon erzählt. In den besten Momenten verträumte Songstrukturen, die aufbrechen für Stürme und entschlossene Abgesänge. 

Eingeleitet von einem klaren, akzentuiertem Gitarrenspiel, weiten Keyboardbögen, und tanzbaren Ableitungen. Mittelpunkt, und im klaren Focus, der englischsprachige Gesang von Stina Holmquist. In einer Bandbreite, die Elektro-, Dreampop und ähnliche Spielarten vereinnahmen möchte. Ungeahnt leichtfüßig und tanzbar zum Ende hin, verspielt und verwinkelt im Songwriting.

Spannend, und auf jeden Fall erwähnenswert ist der sporadische Einsatz der Posaune, der überraschend im Hintergrund für eine dichte Atmosphäre sorgte, Die Dramaturgie der Songs gewann dadurch, wurde unterlegt, aufbereitet, und, alles in allem, komplexer.

Überhaupt wurde den einzelnen Instrumenten in einer angenehmen Art und Weise viel Raum für Einleitungen, und Betonungen gelassen. Der Sound, und das muss man auch dem NUN in seiner Größe zugute halten, war sauber, klar und von den einzelnen Künstlerinnen getragen. Stina Holmquists Songs beinhalten Steigerungen und eine klares Drehbuch, das sie in eine befreiende, exzessive Höhe führen kann. 

Im Zusammenhang wäre es leicht möglich, eine Menge Namen zu nennen, die im Einfluss geltend gemacht werden könnten. Es hat sich viel getan in den letzten Jahren, und im Stil sind Songs heute verletzlicher und kantiger geworden. So findet sich auch bei Stina Holmquist viel von dem, was man heute so jenseits des Mainstreams verorten will, obwohl es genau dort  schon ist. Soll heißen, wenn heutzutage die Stimme in Höhen hinaustreibt, in kurzen Schreien sich etabliert, und davon abgleitet, dann ist das durchaus ein Zitat, aber auch eine Eigenständigkeit, die gefällt, weil sie die Entwicklung abbildet. Und die Fähigkeiten, die heute den Pop herausragend machen können. Aber das nur mal so. Weil es gefiel. In der Dramatik, Zusammensetzung und dem Ergebnis.

Zwei Zugaben, und das Publikum stand sowieso schon – hätte also gut und gerne noch weitere Stücke genossen. Insofern gehe ich von einem Wiedersehen aus und freue mich.

Stina Holmquist hatte eine EP im Gepäck -„It dances on the windowsill“, die einen guten Überblick über ihr Schaffen liefert. Aber man darf vor allem auf jene Songs gespannt sein, die sich noch nirgendwo außer in ihrem Live Programm finden.  April hat sie gesagt. Im April gibt es etwas, auf das man achten sollte. Also.

Externer Link: Stina Holmquist https://www.stinaholmquist.de/

Externer Link: NUN Kulturraum https://nun.cafe/

Plattenladen in Bergen: Apollon

Plattenladen in Bergen: Apollon

Externer Link: https://apollon.no/

Adresse: Nygårdsgaten 2A, 5015 Bergen, Norwegen

Für gebrauchte Platten gibt es in Bergen verschiedene Adressen. Allerdings waren es die Öffnungszeiten, die nicht ganz in die Tagesplanung passten. Anders sah es bei Apollon aus. Apollon hat von morgens um 10:00 bis morgens am nächsten Tag um 0:30 offen.

Das Konzept von Apollon ist bemerkenswert. Tagsüber ein normaler Plattenladen, spezialisiert auf Neuheiten. Nachts jedoch eher eine Bar, die gut gefüllt ihre Gäste neben den Plattenregale bedient. Platten kann man weiterhin kaufen, doch der Barbetrieb ist vorherrschend. 

Apollon führt auf den ersten Blick ein gepflegtes Sortiment Pop/Rock, hat aber auch eine breite Sammlung Heavy Metal, Hip-Hop und Electronic. Was nicht sofort auffällt und ich nachts beim ersten Besuch fast übersehen habe, war der große Anteil norwegischer Musik aller Richtungen, der sich in Schubladen unterhalb von Pop und Rock verbarg. Lokale MusikerInnen haben eine eigene Schublade, in der ich zum Beispiel „Embla & the Karidotter“ fand. 

Aber auch Silja Sol, deren Auftritt ich vor einigen Tagen verpasste.

Apollon ist ausgesprochen gut ausgestattet, die wichtigsten Veröffentlichungen sind in Fächern rund um die Bar und oberhalb der Platten eingeordnet. Auch Jazz ist im hinteren Bereich präsent und ebenfalls ausgewiesen ist der Norsk-Anteil.  Ich hatte es in einem anderen Bericht schon erwähnt: Skandinavischer, aber vor allem auch norwegischer, Jazz hat in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Doch – bedingt durch das umtriebige ACT-Label – ist der Bezug in Deutschland nicht sonderlich schwer. Die Platten sind gut vertreten, leicht auffindbar, und in jedem gepflegten Handel erhältlich.

Die Idee, eine Plattenhandlung an eine Bar zu koppeln, ist verführerisch. Tagsüber und nachts schienen beide Konzepte voneinander zu profitieren. Zugegeben, wenn die Bar voll ist, dann übersieht man so manches. Aber atmosphärisch absolut eine Empfehlung. 

Plattenläden in Oslo – 2ter Teil

Plattenläden in Oslo – 2ter Teil

Neseblod Records

Schweigaards Gate 56

Externer Link: https://neseblodrecords.bigcartel.com/

Neseblod Record Store, Oslo,2025

Wenn man es nicht übertreiben will, und auch verspricht, nichts internationales zu kaufen – sich nur auf die lokalen Acts zu konzentrieren – dann darf Neseblod Records nicht dazwischen kommen. 

Neseblod Records ist legendär, wichtig und einen Besuch wert. Es gibt Stimmen, die besagen, das genauso ein Plattenladen aussehen muss. Klein, eher eng, vollgestopft bis zur letzten Ecke, mit einem Keller der Katakomben gleicht. 

Die Grundfarbe der T-Shirts, die überall hängen, der Tasche und überhaupt allem ist schwarz. Und das aus gutem Grund. Neseblod ist ein Tempel und Museum, aber auch eine wichtige Anlaufstelle, für alle, die die härtere Gangart mögen. Metal in allen Spielarten, Punk, Hardcore, sowie alles außen rum und mittendrin, ist der Schwerpunkt.

Die Platten stehen gepresst in den Regalen, die Kassetten und CDs klettern zur Decke hoch, und dazwischen finden sich Bücher über obskure Punkfanzines, der Geschichte des Metals allgemein, des Death- und Blackmetals sowieso und T-Shirts, T-Shirts, TS-Shirts. 

Natürlich sind alle großen Namen vertreten, und man muss in den Keller runter, weil da unten ein Thron aus Stein steht, komische Bereiche mit abgesperrten Gittertüren sind, Schilder, die auf Black-Metal verweisen, und Spuren eines Brandes zu sehen sind.

Neseblod Record Store, Oslo, 2025 Basement

Es geht das Gerücht um, das Neseblod abgebrannt sei. Das Internet erzählt davon. Tatsächlich, so der Besitzer ist das ein Jahr her, und es ging nur um den Keller. Als ich letztes Mal darin war, wurde im Keller noch gearbeitet. Es sieht nicht viel anders aus, aber die Arbeiten scheinen beendet. Man muss Zeit mitnehmen, die Muse sich tief einzugraben, und sollte Kenntnis von der Sache haben. 

Mitgenommen habe ich eine Platte von den Cramps. Damit natürlich meinen eigenen Schwur gebrochen. Die Cramps sind definitiv nicht regional, aber mindestens so legendär wie der Laden und, verflixt, ich vermisse sie immer wieder.

Ob ihr ein Faible für die Richtungen habt, die hier angeboten werden, oder nur mal reinschnuppern wollt – gönnt euch Neseblod. Es ist dunkel, es ist heimelig, es ist pure und wichtige Geschichte. Eine Lektion, die man in Oslo einfach mitnehmen muss.

Neseblod Record Store, Oslo 2025
Lake Street Dive (Support: Alisa Amador) im Rockefeller, Oslo am 14.02.2025

Lake Street Dive (Support: Alisa Amador) im Rockefeller, Oslo am 14.02.2025

Lake Street Dive im Rockefeller, 14.02.2025

Valentinstag. Luftballons und Blumensträuße waren in der ganzen Stadt unterwegs. Und vor dem Sentrum mal wieder eine gigantische Schlange für Father John Misty.  

Bei Lake Street Dive im Rockefeller schien es nicht so drängelnd. Aber das sollte sich ändern.

Ich hatte ihn bisher noch nie erlebt. Dieser ,nennen wir ihn mal, Taylor Swift-Effekt. Wenn junge Frauen, den Song mit voller Begeisterung und Lautstärke mitsingen, der Bühne entgegen schreien, sich freuen, nach vorne deuten und fast die Musik übertönen. Lake Street Dive also. Wieder etwas gelernt.

Die Überraschung des Abends war – ohne Zweifel und ohne, das jemand widersprechen kann – Alisa Amador. Die mit einer Handvoll Stücke, einem minimalen Synthesizer und einer Bassistin – während sie selbst Gitarre spielte und sang – das Publikum, und damit meine ich alle, dazu brachte sich einfach so ihn sie zu verlieben. Das ging so schnell und rasch, mit einfachen Worten und Charme. Nicht wissend wie einem geschah.

Alisa Amador im Rockefeller, Oslo, 14.02.2025

Zu einem Teil englisch, zum anderen spanisch, bot sie einen gelassenen Folkpop an. Und alle nahmen ihn dankbar ein. Melodien, die griffig genug waren, um sie wieder zu hören. Wieder zu hören. Und wieder zu hören.

Ganz klarer Höhepunkt: Der Gesang, der plötzlich von ihrer Begleiterin übernommen wurde. Fast gleichwertig. So das die Verwunderung zum Applaus wurde. Aber der Wunsch blieb: Man möchte mehr davon. Alisa Amador war als Support nur ein wunderschöner Moment. 

Lake Street Dive räumten die Bühne so leer, dass kein Monitor, keine Lampen, keine weiteren Boxen zu sehen waren. Die Location war im Grunde geräumt. Ein Gitarrist, ein Keyboard-Spieler, Drums, eine Bassistin und die Sängerin Rachael Price. Das war schon faszinierend leer und weitläufig. 

Im Grunde eine Country-orientierte Band, die mit Jazz und Soul  Einflüssen eine Art Westcoast-Sound spielt, der mit Blues flirtet und seine Herkunft eben in Nashville hat. Das funktioniert bereits seit Jahren so gut, dass die Diskografie umfangreich und die Gefolgschaft treu ist. 

Das ist tanzbar, eingängig und in jeder Beziehung professionell und mit leichter Feder so gestaltet, dass es angenehm und eingängig bleibt. 

In all den Jahren hat sich ein Repertoire angesammelt, das in der Halle in den ersten Sekunden erkannt und verstanden wurde. Es wurde mitgesungen, getanzt, gefeiert. Lake Street Dive schaffen es, ihre wichtigen Botschaften in einer zeitlosen Musik zu packen, die alles mitnimmt, was um und seit den 70er geschah. 

Die schönsten Momente und damit Höhepunkt der Show, waren genau jene drei Songs, bei denen sie sich umeinander scharrten, das Mikrofon teilten, und ohne Drums oder breiten, fetten Keyboard-Parts, – die sie locker können – das minimierten, was sie ausmachte: Die Liebe zum Soul und den Folksongs der Cowboys. Die kräftige Stimme von Rachael Price, das Stehbass von Bridget Kearny, sowie Akie Bearmiss, an einem Minikeyboard, das sich in eine Mundharmonika wandelt und nicht zu vergessen Mike Calabrese allein Perkussiv – das war erdverbunden, nah, live und großartig.

Und jetzt nochmal zum Anfang: Die Zugabe, angefangen mit dem alten Soul-Klassiker von Darly Hall und John Oates „Rich Girl“ war der Punkt, an dem sowieso alle tanzten. Aber die Begeisterung rechts von mir, war ansteckend und faszinierend. Hey, das ist eine wunderbare Zeit, in der Frauen die Musik prägen, ihre Songs finden und sie Wort für Wort auswendig können. Zähle mir die Superstars der aktuellen Charts auf und wir landen genau bei solchen Szenen, die von einer kraftvollen Identifikation und Selbstbestimmung erzählen. 

Für den letzten Abend in Oslo genau das richtig. Ist schon sehr cool hier in Oslo. Kann man lassen.

Externer Link: Alisa Amador –https://alisaamador.com/

Externer Link: Lake Street Dive – https://www.lakestreetdive.com/

Externer Link: Rockefeller – https://www.rockefeller.no/