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Kategorie: MusikerInnen

Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam)

Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam)

Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Yes Ma‘am
Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Yes Ma‘am

Seit einigen Jahren verbringe ich ca. 10 Tage im Juli in den Niederlanden. Ich besuche dort Mitte Juli das sogenannte North Sea Jazz Festival, das im Ahoy Rotterdam stattfindet. Das North Sea Jazz Festival versucht einen Überblick über die aktuelle Situation im Jazz zu geben und deckt dabei traditionelle Richtungen ebenso wie Randbereiche ab. Als Randbereiche gelten hier Hip Hop, Soul, Electronic und artverwandtes. Das North Sea Jazz Festival gibt sich durchaus experimentell. Zu einem anderen Zeitpunkt gehe gerne nochmal speziell auf das NSJF ein. Es lohnt sich. 

Ich arrangiere das in der Regel so, dass ich das Festival selbst auf das letzte Wochenende innerhalb der 10 Tage lege. Die Zeit bis dahin verbringe ich in Den Haag. 

Erfahrungsgemäß hat jede Stadt ihre Eigenheiten. In den Niederlanden ist Amsterdam aufgrund seiner lebendigen Kulturszene und seiner Grachten sehr beliebt. Rotterdam ist eher für seinen moderne Ausrichtung und seinen Hafen bekannt. Und Den Haag für seine Institutionen hinsichtlich der Menschenrechte. 

Als ich das erste Mal das North Sea Jazz Festival besuchte, wählte ich – da es in Rotterdam stattfindet – diese Stadt auch als Domizil. Aber sehr schnell stellte sich heraus, dass, über den Zeitraum von 10 Tagen, Den Haag einen Mehrwert bietet. Als einzige Stadt der Niederlande hat Den Haag zum Beispiel einen Strand. 

Ich empfinde Den Haag auch als eine hübsche und angenehme Mischung aus Amsterdam und Rotterdam. Amsterdam zeichnet seine Grachten und alte Bauten aus. Rotterdam eher seine gewagte Architektur. Den Haag hat Beides. Grachten, Altstadt, sowie wuchtige, moderne Bauten im Börsenviertel. Den Haag ist Regierungssitz. Damit jene Stadt, die fast alle Botschaften und Konsulate in den Niederlanden beherbergt.

Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Bab L‘Bluz
Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Bab L‘ Bluz

Im Jahr 2025 versuchte ich weitere Konzerttermine in meinen Aufenthalt zu legen und entdeckte dabei das Bluegrass-Festival in Rotterdam. Bluegrass ist eine Richtung, die selbst in den USA, einen Sonderstatuts in der Countryszene bildet. Sie ist eine abgewandelte Form des sogenannten Western-Swings und fußt damit in der traditionellen Tanzmusik, die speziell in abgelegeneren Dörfern gepflegt wird. Banjo und Geige gehören neben den akustischen Gitarren zu den beliebten Instrumenten. Es gibt damit Übergänge und verwaschene Grenzen zum Blues, aber auch zur Cajun und der Zydeco Musik. Zydeco selbst wird oft als Spielart des Blues gesehen.

Das in Rotterdam seit vielen Jahren ein sehr engagiertes Bluegrass-Festival stattfindet, damit eher ein geschätzter Geheimtipp ist, wußte ich bis dahin nicht. Bluegrass-MusikerInnen haben eine kleine, aber hartnäckige Fangemeinde, die ihnen lange die Treue halten und vor allem zu den wenigen Auftritten nach reisen. Zu Einzelnen komme ich in den folgenden Tagen noch.

Wenn man Rotterdam in zwei Hälften teilt, dann könnte man die Zuglinie, die zum Rotterdamer Bahnhof – der Central-Station – führt, als Grenzlinie sehen. Auf der einen Seite, Richtung Hafen, ist Rotterdam mit einer wachsenden Skyline versehen, die jedes Jahr spektakulärer wird und sich durchaus mit großen Megastädten messen kann. Globale Unternehmen mieten sich dort ein, die Baugebiete werden den Hafenbecken abgerungen und ehemalige Arbeiterviertel werden von Neubauten durchbrochen. Das hat durchaus Aspekte der Gentrifizierung. 

Bewegt man sich vom Hafen weg, in das Landesinnere, auf die andere Seite der Gleise, findet man sich in einer sehr multikulturellen Umgebung wieder. Rund um den Platz Noordplein haben sich vor allem arabisch-geprägte Unternehmen angesiedelt. Die Frauen tragen mehrheitlich sehr modische Varianten des Kopftuchs und die Küche der Fast-Food-Restaurants entspricht dem vorherrschenden Kulturkreis. In der Hauptstraße, die direkt auf den Platz mündet, geht es ausgesprochen lebendig und bunt zu. In den Seitenstraßen gibt es Galerien und einige Spezialgeschäfte, die hier Platz für Experimente finden. 

Ehemaliges Gefängnis Oude Noorden-Rotterdam
Ehemaliges Gefängnis Oude Noorden-Rotterdam

Ebenso findet sich hier auch ein Bauprojekt, dass sowohl außergewöhnlich, wie gekonnt die Umwandlung eines ehemaligen Gefängnisses in ein Wohnhaus abbildet. Aus einem sternförmigen, typischen Gebäude, dass früher Zellen und seine Gefangenen beherbergte, ist quasi eine kleine Siedlung mit Reihenhäuschen und repräsentativen Wohnungen geworden. Zellenstrukturen wurden heraus und so umgebaut, dass es zu geräumigen Immobilien in einer parkähnlichen Anlage wurden.

Ehemaliges Gefängnis Oude Noorden-Rotterdam
Ehemaliges Gefängnis Oude Noorden-Rotterdam

Die komplette Gegend, die sich um den Platz für das Bluegrass-Festival schmiegt, entspricht einer aufstrebenden Community, die Freiraum für unterschiedliche Lebensweisen, aber auch einen guten Humus für interessante Formen und Varianten bietet. Kleine Cafés mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen haben sich hier angesiedelt. Da niederländische Städte immer wieder von größeren und kleineren Flüssen durchkreuzt werden, liegt auch Noordplein direkt an einem Fluß, der sehr zum Flair der Gegend beiträgt.

Es spricht für das Festival, dass der Eintrittspreise vergleichsweise symbolischer Natur sind und es damit vor allem Menschen aus dem Viertel anzieht, die das Angebot gerne annehmen.

Das Festival selbst spielt sich auf drei Bühnen ab, von denen zwei für die musikalischen KünstlerInnen vorgesehen sind und eine für Talks, Engagements, Vorstellungen von Initiativen und ähnlichem gedacht ist. Überhaupt ist das Festival neben dem kulinarischen Angebot sehr darauf bedacht, kleinen Händlern aus dem Themenkreis (Instrumente, Tonträger, Kleidung, Vintage-Artikel, aber auch  Handwerkskunst) eine Plattform zu bieten. 

Das Publikum besteht – wie bereits erwähnt – erfreulicherweise zum großen Teil aus der Community der Umgebung. Die auftretenden KünstlerInnen waren mir teilweise schon von anderen Gelegenheiten bekannt und von einer erstaunlich hohen Professionalität. Dabei gibt es sowohl niederländische Vertreterinnen, wie auch ausgesprochen bekannte Namen aus den USA, aber auch aus Frankreich und anderen Ländern. Wer sich auskennt, dem werden Namen wie Chicken Wire Empire, Yes M‘am oder Angry Zeta durchaus geläufig. Wer sie nicht kennt – betrachte es als Empfehlungen.

Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Pixie & the Partygrass Boys
Rotterdam Bluegrass Festival 4,5 & 6 Juli 2025 (Noordplein Rotterdam) Pixie & the Partygrass Boys

Country und Bluegrass haben den Ruf eine eher konservative Musikrichtung darzustellen, die in einem vergangen Amerika verhaftet ist. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Wie in vielen anderen Stilrichtungen auch, fand tendenziell in den letzten Jahren eine Öffnung zur Americana und Roots-Bewegung statt. Zwei Richtungen, die sich zwar auf die Ursprünge besinnen, aber auch sehr kritisch die Verdrängung der einstigen Kultur betrachten und um ihre Erhaltung gegen die Kommerzialisierung kämpfen. Dabei kommt es zum Schulterschluss mit dem Blues und den artverwandten Richtungen. Und Blues heißt in dem Fall auch mal jene Richtung, wie man sie aus Magreb kennt. Also mit afrikanischen Einflüssen, wie sie Bab‘n‘Bluz darboten. 

Das Bluegrass-Festival ist alles in allem ein liebenswertes, kleines Treffen von Fans, die bereit sind, den Themenkreis durchaus auszuweiten. So lange es sich um traditionelle, handgemachte  Musik handelt, die irgendwie verwandt ist, mit dem was Plattenlabels wie Sugarhill, Rounder und Folkways allgemein publizieren. An drei Tagen wird dabei eine möglichst bunte Palette vor einem ebenso farbenfrohen Publikum geboten. Mit etwas Glück trifft man dort natürlich auch Menschen, die so viel Spaß an dem Ganzen haben, dass sie den Lebensstil repräsentieren. Ist für alle genug Platz da, und sie laden garantiert im nächsten Jahr wieder ein. Karten sollte es schon bald geben.

Das „Karlsruher Archiv“ – ein paar Worte zum Projekt

Das „Karlsruher Archiv“ – ein paar Worte zum Projekt

Das „Karlsruher Archiv“ - Bands und Musikerinnen in Karlsruhe und Umgebung.
Das „Karlsruher Archiv“ – Bands und Musikerinnen in Karlsruhe und Umgebung.

Vorneweg: Das „Karlsruher Archiv“ ist aktuell nur ein Arbeitstitel. Ob er beibehalten wird, oder aber langfristig die richtige Bezeichnung für das Projekt ist – das ist im Augenblick noch nicht festgeschrieben. 

Die Idee ist einfach. Karlsruhe hat – wie jede andere Stadt – eine reichhaltige Musikgeschichte. Das geht quer durch alle Genres, Vereine, Singkreise und Zeiten. Einiges ist durchaus dokumentiert. Es gibt ein paar Bücher, aber auch manche Webseiten haben in der Vergangenheit Gutes geleistet und sind zu loben. Ich werde in den folgenden Tagen noch darauf zurückkommen.

Unter https://jazznrhythm.com/bands-musikerinnen wird es erstmal nur ein wachsendes Listing mit Bandnamen und MusikerInnen geben. Wenn weitere Informationen auftauchen, dann werden sie auf einer eigenen Seite zur jeweiligen Band hinzugefügt. Einzige Voraussetzung, die es derzeit gibt: Es muss irgendeinen regionalen Bezug zu Karlsruhe oder der näheren Umgebung geben.

Dieser Bezug kann – von Fall zu Fall – weiter gespannt als vorgesehen sein. Manche MusikerInnen haben mehrmals den Wohnsitz gewechselt und sind, obwohl sie lange Zeit in Karlsruhe beheimatet waren, mittlerweile ganz woanders verortet. In bestimmten Fällen ist es eher das Plattenlabel, dass seinen Wirkungskreis in der Region hat.

Die Entscheidung, wie der Bezug zu Karlsruhe aussieht, fällt manchmal nicht leicht, und ist immer auf den Einzelfall gemünzt. Das kann diskutiert werden, aber soll auch in der Beschreibung der Band-Seite hervorgehoben werden.

Zu den wenigsten Namen liegen relevante Informationen vor. Die meisten Bands haben nur kurzzeitig in der hiesigen Szene gewirkt und sind entweder in neue aufgegangen oder das Hobby Musik ist anderen Interessen gewichen. Es besteht die Hoffnung, dass wir etwas von dem Enthusiasmus erhalten können. So interessiert uns weiterhin jede Band, auch wenn sie nicht mehr existiert. In vielen Fällen sind die Übergänge zu weiteren musikalischen Projekten fließend. Aus Band A ging Band B hervor, die Musiker waren vorher in einem Schulprojekt, einem Orchester oder einem Singkreis. Nichts fällt vom Himmel, nichts entsteht aus sich selbst.

Es gab eine gewisse Skepsis, ob wirklich jedes Genre Einzug in das „Karlsruher Archiv“ erhalten soll. Auch welche, die sich z.b. nicht durch eigenständige Werke, sondern eher durch die Interpretation fremder Stücke, auszeichnen. Die Entscheidung fiel gegen eine geschmackliche Eingrenzung. So manche musikalische Biographie zeigt große Wechsel zwischen den Genres auf. Heute in der Tanz-Combo, morgen in der Rockband und dazwischen eventuell Volksmusik – das ist nicht so ungewöhnlich, wie es sich vielleicht anhört. 

Zugegeben, das Archiv ist eine sehr aufwändige, langfristige und langwierige Aktion. Es bedarf Hilfe und Information. Viele Namen tauchen nur noch in Notizen auf. Es fehlen die Besetzungslisten, die Diskografien und beteiligten Personen. Es fehlen vor allem Anekdoten, historische Einordnungen und Bezüge. Wer etwas weiß, darf sich gerne an andreas@jazznrhythm.com oder an die Jungs von Dixigas-Records wenden. (https://dixigas-records.de/) . Tex Dixigas sammelt seit vielen Jahren alles was es an Tonträger aus der Region gibt, und ist sehr an weiterem Material interessiert. jazznrhythm.com hat dabei das Vergnügen, sein bestehendes Archiv zu sichten und chronistisch aufzuarbeiten. Helft mit, wenn euch der eine oder andere Name bekannt vorkommt.

Bare Egil(Support: Curtains of wool) im John Dee, Oslo, am 13.02.2025

Bare Egil(Support: Curtains of wool) im John Dee, Oslo, am 13.02.2025

Die Norweger hatten Spaß. „Was machst du hier? Wenn du die Sprache nicht verstehst?“

„Es ist ein Experiment. Ein Test.“

„Wir können ihm sagen, das er deutsch sprechen soll.“

„Nein, nein, alles okay!“

„Wir können es ihm sagen, er kann das bestimmt!“ Sie lachten, tranken ihr Bier und tatsächlich, kaum war Bare Egil nach der ersten Pause auf der Bühne, riefen sie ihm zu zweit irgendwas mit „Tysk“ zu. Auch wenn ich überhaupt nichts auf norwegisch verstehe: tysk heißt deutsch.

Auf der Ankündigung trug Bare Egil einen Cowboyhut. Ich war müde, suchte noch ein Ticket für den 13ten Februar 2025 und dachte an Nordicana. Also Country. Auf skandinavisch. Oder besser: Americana aus Norwegen. Meist englisch, und in Deutschland eher eine Nische ohne Fans.

Ein paar Stunden vor dem Konzert las ich einen übersetzten Wikipedia Artikel: Bare Egil ist ein sehr bekannter Comedian in Norwegen. Populär, wortlastig, schräg und intuitiv. Die Bare Egil Band ist ein Nebenprojekt. So jemand ist außerhalb Norwegens komplett unbekannt. Ein Comedian. Comedian heißt in Deutschland mittlerweile: Die erste Reihe ist Programm und auch in der zweiten und dritten bist du nicht sicher.

Das John Dee gehört zum Rockefeller. Ist ein Eingang neben dem Haupteingang, etwas kleiner, zwei Theken, Clubatmosphäre. Nicht viel Platz um unsichtbar zu bleiben. Keine Ahnung, wieviele Leute rein passen. Ich gehe mal von maximal 200 aus, aber dann ist es dicht und voll und wahrscheinlich ein Gekuschel. 

Angekündigt, draußen an der Tür, war ein Support. Curtains of Wool. PsychelicBand hieß es auf der Instagram Seite von Bare Egil. Man sei glücklich und freue sich darauf, dass man Curtains of Wool als Support gewonnen habe. Im ganzen Internet findet sich nur ein seltsames Photo mit drei Musikern, die ein ähnliches Muster wie der Hintergrund des Bildes trugen, dazu Augenmasken und alle scheinen ein ähnliches Geburtsdatum zu haben. Die Seite eines Labels listet drei Mitglieder, alle mit ihrem Geburtsjahr (1999) auf, sonst ist absolut gar nichts zu finden.

Die Bühne bestand aus einem wildgemusterten Wollvorhang, vor dem ein kleines, verkleidetes Schlagzeug (mit eben jenen Mustern bedeckt) und eine Gitarre, sowie ein Bass aufgereiht waren. Drei Musiker traten durch den Vorhang. Alle bekleidet mit ebenjene Muster des Vorhangs, inklusive einer Augenbinde (Muster des Vorhangs! ). Es fiepte, es waberte, das Schlagzeug wurde sanft gerührt, während mit beseelten Stimmen von Liebe, Glück und guter Dinge gesungen wurde. Harmonien, die aus den Sechzigern nach oben gespült, ungehemmt übernommen und geradezu rauschhaft und demütig dem ursprünglichen Sound frönten. Für eine Generation, die zusammen gesunken in Sitzsäcke indischen Lebensweisheiten lauschten. Oder einfach nur irgendwelche Kräuter rauchten.

Das Publikum lachte. Selbst ich, der ihn nicht kannte, wußte, einer der drei war Bare Egil, und die Band niemand anders als die Bare Egil Band. Drei Musiker, die ernsthafter nicht sein konnten. Aber auch keine Hemmungen hatten, dem Sound so komplett zu verfallen, dass der Beamer eine Lightshow mimte, während sie – musikalisch einwandfrei – ein Retro-Happening in der reinsten Kultur zelebriert. Hätte kaum jemand ein Problem damit gehabt, dafür Eintritt zu zahlen. Wie eine Zeitmaschine, denn man muss es ihm lassen: Bare Egli mag für seinen Wortwitz bekannt sein, aber er kann spielen.

Und dann kam die Pause. Die Norweger tippten mir auf die Schulter, sagten irgendwas und ich musste mich outen. Sie lachten, wir verglichen unsere Sprachen, kamen auf München, und auf Hamburg, und das man dort „Moin!“ sagt. Jederzeit, morgens, mittags und abends. Sie hatten getrunken, ich hatte getrunken. Das mit dem Bier ist eine komische Sache hier. Unglaublich beliebt, viel zu teuer, und nach 20:00 kannst du nirgend wo eines kaufen, aber in der Bar ist es möglich, es dir bis in die Frühe rein zu kippen.

Curtains of Wool im John Dee am 13.02.2025

Als Bare Egil wieder auf die Bühne kam, alleine und als Mönch verkleidet, fingen sie an zu rufen. Er solle doch auf tysk sprechen. No,No,No, rief ich nach hinten. Um Gottes Willen. Aber sie lachten nur, und er hatte nichts gehört.

Ganz ehrlich? Ich habe kein Wort verstanden. Nicht einen Witz, und deren gab es wohl viele. Das Publikum war begeistert, sie lachten, grinsten, schmunzelten, riefen etwas und kannten zwei drittel der Songs. Sie sangen mit, sie jubelten, sie forderten bestimmte Titel.

Und ich verstand gar nichts. Es ist ihm zu gute zu halten, dass er wirklich seine Gitarre beherrscht. Er spielt sie brasilianisch, lässt den Samba anklingen, amerikanisch, traditonell, mit Anklängen an Klassiker, Meldodien, die an Rock Hymnen vorbei schrammen und er kann es, er kann es wirklich.

Nach dem ich gelesen hatte, dass er hier populär für seine Gags ist, die sowohl gesellschaftlich, wie auch politisch durchaus treffend und beißend sein können, hatte ich mir dreimal überlegt, ob ich die Karte nicht verfallen lasse. Es ist so einfach müde zu werden, wenn man auf der Couch vor dem Fernseher mit Netflix sitzt. Aber ich war noch nie im John Dee. Und fernsehen – kann ich auch daheim. Also, Jacke, Boots, Kälte. Raus und wieder mal durch die quirlige Stadt. Vor Beth Hart im Sentrum standen mal wieder Schlangen. Und ich war froh, im John Dee gewesen zu sein, denn der Mann konnte spielen und NorwegerInnen, die ihren Spaß haben, können ansteckend sein. War wirklich angenehm. Muss man sagen. Ohne dass auch nur ein Witz von ihm bei mir ankam. Muss er ja nicht wissen. Habe ja trotzdem geklatscht.

Externer Link: Bare Egil (Intagram) -www.Instagram.com/baregilband

Externer Link: John Dee – www.rockefeller.no

Hellacopters (Support: Spiders) im Rockefeller in Oslo, am 12.02.2025

Hellacopters (Support: Spiders) im Rockefeller in Oslo, am 12.02.2025

The Hellacopters im Rockefeller in Oslo am 12.02.2025

Aus der Ferne war es relativ schwer, die Veranstaltungen zu finden, die während meiner Zeit in Oslo stattfinden. Die Hellacopters hatten schon mal auf irgendeinem Festival gespielt. Das war schon eine halbe Ewigkeit her. Ich hatte Mühe mich daran zu erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, welches es war. Das waren ein paar Typen, die ziemlich geradeaus und knackig spielten. 

Rockefeller, Hellacopters, ich buchte das also bei Ticketmaster. Mittlerweile, einige Wochen später, waren sie plötzlich auf den Covern der wichtigen Magazine. Die Tour führt auch durch Deutschland. Plötzlich waren sie wieder da. Größer, mächtiger, breiter, als ich gedacht hatte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das Rockefeller war ausverkauft. Ticketmaster erinnerte mich daran. Verwies auf alles, was ich nicht machen sollte. Das das Konzert hier erst ab 18 Jahren war. 

Ich ahnte schlimmes. Zwei Tage zuvor, bei Carly Pearce, erstreckte sich schon vor 19:00 Uhr die Menschenschlange vor dem Konzert über zwei Straßen. Also pünktlich sein. Ich hatte den Eindruck, auch bei dem gestrigen Konzert in der Kulturkirche, dass man allgemein in Norwegen vorbildlich und eher früher erscheint. 

Um das Rockefeller herum gibt es noch das Sentrum. Muss größer sein, und auch ein Ort, an dem Konzerte stattfinden. So ganz habe ich das noch nicht verstanden, aber das Programm schlüsselt sich in drei Orte auf: John DeeSentrum Scene und eben dem Rockefeller. Vor dem Sentrum fand sich genau jene Schlange, mit der ich gerechnet hatte. Vom Sentrum über einen offenen Platz, in eine Nebenstraße. Ständig strömten Menschen hinzu. Hatten die Hellacopters ihr Konzert umverlegt? Smartphone, Ticketmaster. Nein, alles okay, das Konzert fand wie geplant im Rockefeller statt. Im Sentrum spielte Opeth. Wohl heiß begehrt und stark geliebt. Allein ich habe keine Ahnung.

Es war nicht die Schlange, mit der ich gerechnet habe. Die vor dem Rockefeller stand, aber ich hatte genau die Zeit richtig abgeschätzt, denn es wuchs. Nach hinten wuchs es. Auf jeden Fall. 

Spiders. Rockefeller,Oslo, 12.02.2025

Spiders kommen aus Göteborg. Vor der Bühne, links und rechts von mir, kannte man sie nicht. Der eine hatte in Spotify reingehört, der andere googelte die Webseite. Wir hatten keinen Schimmer. So geht das heute. 

Ohne Ankündigung. Dafür komplett im Siebziger Hardrock rammten sie ihr Set in den Boden. Die Sängerin, Ann-Sofia Hoyles, ist ein Statement. Die Frontfrau. Das, was kickt, und jenes was geht. Zwei Gitarristen, einmal Bass, das Schlagzeug im Rücken, nahm sie die Bühne im Alleingang. Alles auf Speed, alles schneller. Mit einem Boden, in dem der Punk wilde Blüten trieb. Die Spiders konnten die Show, die großen Gesten, und die Mikrofonständer um sich schwingen. Support, der auf die große Bühne will. Aber das auch kann. Und genau die Richtigen für die Hellacopters.

Den die rockten ihr Ding runter. Speed-Rock’n’Roll. Hochgeschwindigkeits-Gitarren-Gewitter, irgendwas. Keine Ahnung, wie man die Genres heute bemüht, um anderthalb Stunden Tempo zu beschreiben. Immer geradeaus. Immer ohne Kurve. Immer überlegen in der Hektik und der Choreographie. Fünf Rock‘n‘Roll-Helden, die alles herunter rissen, und keine Pause gönnten. Die Hellacopters machen ihren Name alle Ehre. Die Referenz zu sich selber war da. Und das Festival von damals gewann wieder an Farbe. Ja, so war das. Alle in schwarz, alle aufeinander abgestimmt. Zwei Gitarren, die sich Duelle lieferten, ein Bass, dass das Ding trieb, und ein Schlagzeuger, der es ohne Mühe im hektischen Stakkato krachen lässt. Nicht zu vergessen ein Keyboard. Und spätestens da – war es sowieso klassisch. Also Rock‘n‘Roll.

Die Hellacopters begannen und endeten mit dem flappernden Geräusch ihres Namensgebers. Dazwischen gaben sie einfach keine Ruhe. Sie trieben das Publikum vor sich her. Das Rockefeller besteht wie ein Theater auch aus zwei Emporen. Von oben und von unten. Genug um einen Hexenkessel zu entfache. Und das Publikum mit.  So gut, dass die Security nervös in Habacht-Stellung ging. Fans, die Crowd-Surfing testeten, Wellen, die von Hinten drückten, und die Hellacopters, hieben in die Gitarren, spielten sie in einem eigenen Tempo, ließen es krachen, rückkoppeln, gegeneinander wirken und wollten einfach nicht verharren. 

Da war alles dabei. Die Gitarrenmühle, wie sie einst die Who zelebrierten. Das in die Knie gehen, auf den Rücken spielen und vieles mehr. Die Hellacopters zeigten, das nichts an ihnen vorüber gegangen war. Sie gaben alles zurück. Anderthalb Stunden Schweiß. Ein Ritt durch den harten Rock, der heute auch melodiöser Metal genannt wird. Oder was auch immer. Es ist die Geschwindigkeit, die zählte. Der Lauf durch die Melodie, der nach Atem schnappen liess. Das macht ihnen keiner so schnell nach. Die Hellacopters fliegen wieder über Europa.

Externer Link: The Hellacopters –https://www.nuclearblast.com/de/pages/the-hellacopters

Externer Link: Spiders – wearespiders.com

Externer Link: Rockefeller Oslo –www.rockefeller.no