Charm of Finches auf dem Watthaldenfestival in Ettlingen am 21.06.2026
Immer mal wieder spült der Algorithmus der Social-Media-Kanäle das Porträt einer neunen Band in den Feed. Charm of Finches sind ein Duo aus Australien. Die Schwestern Mabel und Ivy Windred-Wornes sind aktuell auf Europatournee. Sie selbst beschreiben ihre Musik als eine Art Kammer-Folk, und bestechen dabei vor allem mit ausgeklügeltem Harmoniegesang, den sie mit Keyboard, Geige und Gitarre untermalen.
Renommierte Namen, die auch gerne auf dieser Seite erwähnt werden, folgen ihnen mittlerweile auf den Kanälen, denn was sie machen und auf der Bühne zeigen, ist eine melodiöse Art feingliedrigen Pops, der mittlerweile schon zu vier Alben geführt hat.
Das Watthaldenfestival in Ettlingen führte sie dabei, fast passend, in eine schöne Parklandschaft der gleichnamigen Grünanlage am Ende der Ettlinger Altstadt. Malerischer Baumbestand, ein kleiner See, umgeben von vielen Ständen, gehört das Festival zu jenen Veranstaltungen, die vor allem für die Anwohner Ettlingens geschätzt werden.
Charm of Finches auf dem Watthaldenfestival in Ettlingen am 21.06.2026
Engagierte Gruppen präsentierten sich selbst und ihre Arbeit, während eine große Zahl kulinarischer Spezialitäten als Gaumenfreuden aufgefahren wurden. Der Eintritt zum Festival ist frei, da es sich aus Spenden und dem Verkauf der Festivalbändchens finanziert.
Es sind derzeit die heißesten Tage, die das Ende des Junis und den Anfang des Sommers einleiten. Angekündigt sind und waren Rekordtemperaturen. So waren die unbedachten Reihen Bierbänke vor der Bühne fast leer, denn die beiden Schwestern gehörten zu den frühen Acts des Tages. Um 14:30, als die Schattenplätze rar waren, der Himmel klar und die Sonne ihre Strahlkraft voll entfaltete, gab es kaum eine Chance der Hitze zu entfliehen.
The Charm of Finches machten ihrem Namen alle Ehre. Songs, die geformt sind aus der Schönheit ihrer Stimmen, die ihre Wurzeln in der reichen Tradition der keltischen und Anglo-amerikanischen Volksmusik haben, waren im Grunde genau das, was man unter Bäumen, beim leichten Rauschen eines Windes geniessen möchte.
Und es war ihrem Verständnis an gutem Klang geschuldet, was sich hier als eine Art zeitgenössischem Folk mit eingängigen Pop-Anleihen als einnehmende Musik für ein Publikum anbot, dass alle Altersklassen vertrat. Eine Reihe Preise wurde ihnen ihn ihrem Heimatland schon aus verständlichen Gründen verliehen. In Ettlingen bewiesen sie, dass es durchaus verdientes Lob war.
Charm of Finches auf dem Watthaldenfestival in Ettlingen am 21.06.2026
Demnächst kann man sie in der Nähe von Karlsruhe, im Betriebswerk in Heidelberg, erleben. Am 5ten August gastieren so dort für eine Abend, mit wahrscheinlich laueren Temperaturen, und einem Sound, der dazu passt. Wer dieses Jahr noch etwas entdecken will, und Gefallen an gut abgestimmten Gesang, sauberer Spielweise und einer erstaunlichen Reinheit in der Instrumentierung finden kann, sollte die Möglichkeit nutzen.
Vor nicht all zu langer Zeit fand in dem neuen Club 8 lights (Kaiserpassage 1) ein Konzert ukrainischer Bands aus Karlsruhe statt.
Die Liste der Bands machte neugierig. Handelte es sich doch um Gruppen und MusikerInnen, die bisher noch nicht mal im Karlsruher Archiv aufgeführt waren.
Eine der Bands waren Bloshka and the Love Spirits, die bereits kurze Zeit später auf einem Hoffest in der Karlsruher Südstadt zu sehen war.
Bloshka and the Love Spirits sind eine junge, vierköpfige Band, bestehend aus
Bloshka – Gesang und Akustikgitarre
Joachim– Kontrabass
Jonnie – Schlagzeug/Cajon
Yulia – Piano
Auf dem Hoffest des Vintage Hunter in der Karlsruher Südstadt, traten sie allerdings zu dritt auf. Es handelte sich um einen der ersten heißen Tage des Jahres. Die Sonne brannte herunter, Schattenplätze waren rar. Es war Mittag, und die Hitze erreichte ihre höchsten Temperaturen. Trotzdem wählte die Keyboaderin Yulia eine Skimütze als Kopfbedeckung. Bloshka and The Love Spirits fallen auf.
Nicht nur, weil Bloshka in ukrainischer Sprache singt. Die Artikulation bewegt sich zwischen Höhen und Tiefen, die Songs sind geprägt von einem filigranen Konstrukt, das eine Art poetischen Pop präsentiert. Müßte man ein Genre nennen, würde man den Begriff Dreampop wählen, um die akustisch geprägten Songs zu beschreiben.
Einige Tage später traf ich die Sängerin in einem Cafe, um mich mit ihr über die Geschichte der Band, die Entwicklung und die ukrainische Szene zu unterhalten. Es zeigte sich eine der spannendsten Bands, die derzeit in Karlsruhe Fuß fassen.
Bloshka & the Love Spirits werden in den nächsten Wochen an den verschiedensten Locations auftauchen. Zeit also, sich den Namen zu merken.
Bloshka & the Love Spirits
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Eure Gruppe heißt Bloshka & The Love Spirits. Wie lange gibt es euch schon?
Bloshka
Mit meinem Schlagzeuger spiele ich seit Sommer 2023 zusammen, mein Kontrabassist kam wenige Monate später dazu, meine Pianistin vor etwas mehr als einem Jahr. Die Band gibt es insgesamt seit etwa zweieinhalb Jahren. Den Namen „The Love Spirits“ tragen wir allerdings erst seit letztem Sommer.
Andreas Allgeyer
Und du schreibst die Songs?
Bloshka
Ja. Ich schreibe die Lieder und bringe sie als Demo mit in die Probe. Danach entwickeln wir die Arrangements gemeinsam weiter. Jeder bringt Ideen ein, bei denen ich einschätze, wie es sich in das Stück einfügt. Wenn meine Musiker bei einem neuen Song improvisieren und mich etwas besonders berührt, dann bestehe ich darauf, dass dieser Teil erhalten bleibt.
Andreas Allgeyer
Du hast eine sehr flexible Stimme. Hast du eine musikalische Ausbildung?
Bloshka
Ich bin eigentlich Saxophonistin. In meiner Heimat habe ich Saxophon studiert. Schon als Kind war ich auf einer Musikschule, mit Musiktheorie, Chor und Gehörbildung. Später habe ich zusätzlich Gesangsunterricht genommen.
Andreas Allgeyer
Mit Saxophon hätte ich nicht gerechnet.
Bloshka
Viele nicht. Aber als Saxophonistin beschäftigt man sich automatisch mit Jazz, Standards und vielen verschiedenen Stilrichtungen. Das hat mich musikalisch geprägt.
Andreas Allgeyer
Wie würdest du eure Musik beschreiben?
Bloshka
Meistens sagen wir Indie Dream Rock oder Alternative Rock. Viele meiner Songs folgen nicht den klassischen Popstrukturen. Oft sind es eher Geschichten oder emotionale Entwicklungen, die sich langsam aufbauen.
Andreas Allgeyer
Fast alle Texte sind auf Ukrainisch?
Bloshka
Ja. Das ist für mich eine sehr bewusste Entscheidung. Ich komme aus einer Stadt nahe der russischen Grenze. Dort wurde fast ausschließlich Russisch gesprochen. Auch ich habe bis zum Beginn des Krieges hauptsächlich Russisch gesprochen und geschrieben.
Nach dem 24. Februar 2022 habe ich mich gefragt, wie ich weiterhin Kunst in einer Sprache machen kann, die für mich plötzlich mit dem Angriff auf meine Heimat verbunden war. Seitdem schreibe ich ausschließlich auf Ukrainisch.
Andreas Allgeyer
Seit wann lebst du in Deutschland?
Bloshka
Seit März 2022. Wir sind sehr früh geflohen, weil wir die Angriffe direkt erlebt haben. Helikopter, Explosionen – das war alles sehr nah. Also haben wir beschlossen zu gehen.
Andreas Allgeyer
Wie reagieren Menschen hier auf die ukrainischen Texte?
Bloshka
Viele sagen nach Konzerten: „Ich habe kein Wort verstanden, aber es hat mich berührt.“ Das freut mich sehr. Musik muss nicht immer übersetzt werden. Man kann Gefühle auch ohne Sprache verstehen.
Andreas Allgeyer
Wie viele Konzerte habt ihr inzwischen gespielt?
Bloshka
Mehr als zehn, wahrscheinlich eher fünfzehn oder mehr. Unser erstes Konzert war ein Wohnzimmerkonzert im Tollhaus. Seitdem spielen wir regelmäßig, besonders im vergangenen Sommer fast jeden Monat.
Andreas Allgeyer
Wie kommt ihr an Auftritte?
Bloshka
Teilweise werden wir inzwischen eingeladen. Ansonsten schreiben wir Veranstalter an, bewerben uns auf Ausschreibungen oder organisieren Konzerte selbst.
Andreas Allgeyer
Sind die ukrainischen Musiker in Karlsruhe gut vernetzt?
Bloshka
Ja. Die Community ist ziemlich groß. Es gibt viele kulturelle Veranstaltungen, und dadurch kennt man sich meistens zumindest vom Sehen.
Andreas Allgeyer
Die anderen Musiker deiner Band sind keine Ukrainer?
Bloshka
Nein. Trotzdem würde ich uns als ukrainische Band bezeichnen, weil die Texte, Themen und die kulturelle Perspektive ukrainisch sind.
Andreas Allgeyer
Wie geht es weiter?
Bloshka
Wir arbeiten gerade an einer EP mit fünf Songs. Wenn alles klappt, erscheint sie im September. Auf Spotify findet man mich weiterhin unter dem Namen „Bloshka“, weil ich schon vor der Band unter diesem Namen Musik veröffentlicht habe.
Andreas Allgeyer
Woher kommt eigentlich der Name?
Bloshka
Das ist mein Spitzname. Mein Nachname hat sprachlich etwas mit einem Floh zu tun. Weil ich klein bin, nannten mich Freunde früher „Bloshka“, also ungefähr „kleiner Floh“. Daraus entstand später mein Künstlername.
Andreas Allgeyer
Du hast vorhin erwähnt, dass es eine wichtige Geschichte gibt, die erklärt, warum du heute Musik machst.
Bloshka
Ja. Mein erstes Lied habe ich mit zehn Jahren geschrieben. Damals war ich bei meiner Großmutter im Garten. Irgendwie kam plötzlich eine Melodie, und obwohl ich damals fast nur Russisch sprach, war das Lied auf Ukrainisch.
Später wollte ich eigentlich Gesang studieren. Mein Saxophonlehrer sagte jedoch zu mir: „Vergiss das. Du kannst nicht singen.“ Ich war sechzehn und habe ihm geglaubt.
Einige Zeit später gründete derselbe Lehrer eine Band und suchte eine Sängerin. Ich habe vorgesungen, wurde aber nicht genommen. Das hat mich sehr verletzt.
Danach habe ich beschlossen, Gesangsunterricht zu nehmen und herauszufinden, was wirklich möglich ist.
Ein halbes Jahr später veröffentlichte ich meine erste Single und spielte mein erstes Wohnzimmerkonzert vor ungefähr zwanzig Menschen.
Andreas Allgeyer
Wie alt warst du damals?
Bloshka
Gerade zwanzig geworden.
Und eine Woche später begann der Krieg.
Andreas Allgeyer
Das verändert natürlich alles.
Bloshka
Ja. Als ich nach Deutschland kam, wusste ich zunächst nicht, wie es weitergehen sollte. Eines Nachts träumte ich, dass ich mit einer Gitarre auf der Straße stehe und singe.
Das Kuriose daran: Ich konnte damals überhaupt keine Gitarre spielen.
Nach diesem Traum habe ich mir eine Gitarre besorgt und angefangen, sie selbst zu lernen.
Andreas Allgeyer
Spielst du heute noch Saxophon?
Bloshka
Nur selten. Meine Stimme ist inzwischen mein wichtigstes Instrument geworden.
Andreas Allgeyer
Hast du Lampenfieber?
Bloshka
Natürlich bin ich vor Konzerten nervös. Aber ich habe keine Angst vor der Bühne. Ich stehe seit meiner Kindheit auf Bühnen.
Mir ist wichtig, meine Gedanken und Gefühle mit Menschen zu teilen. Deshalb finde ich es manchmal schade, dass viele die Texte nicht verstehen. Gleichzeitig freue ich mich, wenn die Emotion trotzdem ankommt.
Andreas Allgeyer
Gibt es etwas, das dir besonders wichtig ist?
Bloshka
Ja.
Man sollte Kindern nicht sagen, dass sie etwas nicht können.
Lehrer, Eltern oder andere Erwachsene können mit einem einzigen Satz sehr viel beeinflussen. Viele Menschen tragen solche Aussagen ihr ganzes Leben mit sich herum.
Deshalb finde ich es wichtig, Menschen zu unterstützen, statt sie kleinzumachen.
Andreas Allgeyer
Du wirkst heute sehr selbstbewusst.
Bloshka
Das war nicht immer so. Früher hielten mich manche für seltsam oder zu anders. Irgendwann habe ich verstanden, dass genau das in Ordnung ist.
Anders zu sein ist nichts Schlechtes.
Andreas Allgeyer
Und heute?
Bloshka
Heute habe ich mein Leben in Deutschland, meine Arbeit, meine Freunde und meine Band. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich bin dankbar, dass ich weiterhin Musik machen kann. Und vor allem, dass ich Menschen um mich habe, mit denen ich das gemeinsam verwirklichen kann.
Den nächsten Termin bei dem man Bloshka & the Love Spirits sehen kann ist übrigens das Unifest in Karlsruhe (10-11.07.2026)
Wenn das TOLLHAUS sein ZELTIVAL ankündigt, dann weiß man, es beginnt eine ganz besondere Konzertreihe. Gut kuratiert und vom Ambiente passend zum Sommer knüpft das TOLLHAUS jedes Jahr eine Kette aus bemerkenswerten Acts.
Die KünstlerInnen kommen aus der ganzen Welt, die Genres sind bunt gemischt und es ist genau jenes Cocktail aus Vertrautem und Neuen, das ihnen allen zusammen eine Chance bietet. Es ist das 42. Jahr für das bekannte Format.
Und was am Anfang eher ein Option war, den Sommer auszunutzen und in ein Zelt umzuziehen, hat sich mit der Location im Schlachthof zu einer Mischung aus Biergarten und Barbecue-Party entwickelt.
Nicht nur, dass die große Konzerthalle zur Hälfte in ein Zelt umgewandelt wird, und damit seitlich offen ist, auch der Freiraum neben dem TOLLHAUS gestaltet sich dann als Chillout-Zone. Lampions, Biertische, Liegestühle, die Bepflanzung und eine Art Beach-Atmosphäre sorgen schon vor den Konzerten für einen Bereich, der zum Besuch einlädt.
Somit handelt es sich bei den 31 Veranstaltungen, die das TOLLHAUS angekündigt hat, um kleine Events, die eigenständig für einen runden Abend sorgen. Es gibt kulinarisches zu entdecken, die Getränkekarten sind reichhaltig und abwechslungsreich und die Atmosphäre wird gerne genutzt zum Wiedersehen und Treffen, so dass das angekündigte Konzert durchaus auch eine Entdeckung sein kann.
Um das zu gewährleisten, sind 6 Konzerte preislich in einem Angebot von 15 Euro, die es dann auch erlauben, sich auf KünstlerInnen einzulassen, die aktuell eher unbekannt sind, aber unter der Hand schon vielversprechend erwähnt werden.
Im Laufe der vielen Jahren, in denen das ZELTIVAL zu einer geliebten und geschätzten Tradition wurde, hat sich auch immer wieder gezeigt, dass es gerade für junge MusikerInnen und Bands eine erste, größere Bühne sein kann.
Für manche war es deswegen auch gerne ein Ort, an den sie wiederkehren – obwohl ihre Popularität schon für andere Spielstätten geeignet ist. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang MEUTE, die 2025 gerne nochmal zurück gekommen sind.
Das ZELTIVAL ist damit jene Zeit, die auf DAS FEST vorbereitet, es einleitet und den Sommer mit seinen lauen Abenden schon frühzeitig mit Höhepunkten versorgt. Eine Reihe, das jedes Jahr mit abwechslungsreichen Namen aufwarten kann und 2026 eine große Bandbreite mit KünstlerInnen aus Lateinamerika bietet. Doch auch Jazz aus Norwegen mit Jan Gabarek oder Musik aus Südafrika mit Freshlyground gehört zu den diesjährigen Highlights.
Das ZELTIVAL hat sich vor allem als experimentierfreudig und spannend erwiesen. Einem Ruf, der heute verpflichtend ist, und damit auch einen Musical-Gardening-Abend und einem Mitbringfrühstück ermöglicht. Ideen also, die beweisen, dass das Konzept immer ausbaufähig und auch für die nächsten Jahre interessant ist.
Ein Link zum aktuellen Programm findet sich unten.
Vor einigen Wochen fand im 8 Lights (Kaiserpassage 1, Karlsruhe) ein gemeinsames Konzert verschiedener ukrainischer Musiker statt. Interessant daran war, dass es – obwohl anscheinend gut besucht war – weitgehend unbeachtet blieb und einen Querschnitt durch eine Szene zeigte, der vielleicht bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde.
In Zusammenarbeit mit der Deutsch-Ukrainischen Verein in Karlsruhe konnten sich im Laufe des Abends einige MusikerInnen aus der Region präsentieren, die in ganz unterschiedlichen Genres unterwegs sind.
Kein Name der Auftretenden war mir bisher bekannt, und auch die Sprache, die ich auf den Videos von dem Konzert sah, verstand ich nicht. Aber eine Szene, die lokal existiert und es schafft ein eigene Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die gut besucht ist und gleichzeitig von den üblichen Veranstaltungskalendern nicht bekannt gemacht wurde, machte neugierig.
Ich nahm in den folgenden Tagen mit einigen der Aktiven über Social Media und persönlich Kontakt auf, um mir ein Bild zu verschaffen, um wen es sich handelte.
Nik Prana ist ein junger Singer-/Songwriter aus der Ukraine. Angelehnt an der amerikanischen Tradition des Folk und Country, kurz Americana genannt, tendiert er mittlerweile zu einer eigenen Art von Country Pop.
Er war einer der jungen Musikerinnen, die ich traf, um mich in einem kurzen Gespräch über die Szene und die musikalische Entwicklung zu unterhalten. Ich begegnete dabei einen ernsthaften jungen Mann, der sehr reflektiert die Optionen und die allgemeine Situation im Business betrachtet.
In einem stark Anglo-amerikanischen Markt, der geprägt ist von einer westlichen Pop- und Rockkultur, finde ich es ausgesprochen interessant, wenn es junge Kreative wagen eine neue Klangfarbe mit ihrer Sprache einfließen zu lassen.
An einem dieser bereits erstaunlich warmen Tage im Frühling 2026 trafen wir uns in der Karlsruher Innenstadt, um das folgende Gespräch zu führen.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Mir ist euer Konzert aufgefallen, weil dort mehrere Leute aufgetreten sind, von denen ich noch nie gehört hatte. Meine Website beschäftigt sich mit der Karlsruher Musikszene, und plötzlich habe ich gemerkt: Die ukrainische Community fehlt bei uns praktisch komplett. Deshalb wollte ich einfach mal nachfragen. Du bist Singer-Songwriter und singst auf Ukrainisch und Englisch?
Nik Prana
Ja, beides. Früher hauptsächlich auf Englisch, inzwischen aber zunehmend auf Ukrainisch. In den letzten Jahren habe ich die Musik etwas zurückgestellt, weil andere Dinge wichtiger waren. Ich habe mich beruflich weiterentwickelt und arbeite als Softwareentwickler. Ursprünglich bin ich allerdings Physiker.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Das ist gar nicht so ungewöhnlich. Viele Physiker landen irgendwann in der Softwareentwicklung. Wie hat deine musikalische Entwicklung angefangen?
Nik Prana
Als Jugendlicher habe ich Hardrock und Metal gespielt. Ich war großer Metallica-Fan, hatte lange Haare und eine Explorer-Gitarre. Aber schon damals mochte ich auch ältere Bands wie Scorpions oder Deep Purple. Später habe ich gemerkt, dass ich eher ein ruhiger, sensibler Typ bin. Deshalb bin ich irgendwann bei akustischer Musik gelandet und habe die E-Gitarre praktisch komplett aufgegeben.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Und dann kamen die Singer-Songwriter?
Nik Prana
Genau. James Blunt war ein großes Vorbild, später auch Ed Sheeran. Heute höre ich vor allem Country-Pop. Besonders Brett Young hat mich beeinflusst. Über ein Cover seines Songs „In Case You Didn’t Know“ bin ich überhaupt erst auf ihn aufmerksam geworden. Seine Musik hat mich direkt angesprochen. Ich war inzwischen sogar mehrfach auf seinen Konzerten in Deutschland.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Country-Pop verbindet man hier nicht unbedingt mit ukrainischen Texten.
Nik Prana
Deshalb finde ich das ja spannend. Mein Umfeld besteht hauptsächlich aus ukrainischen oder russischsprachigen Menschen. Ich habe viele Jahre auf Englisch gesungen, aber irgendwann gemerkt, dass die Leute auf ukrainische Texte viel stärker reagieren. Außerdem ist Country-Pop auf Ukrainisch etwas eher Ungewöhnliches. Diese Nische gefällt mir.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Du kommst ursprünglich aus Charkiw?
Nik Prana
Ja. Als ich dort aufgewachsen bin, wurde fast überall Russisch gesprochen. Ukrainisch konnte ich verstehen, aber Russisch war meine Alltagssprache. Heute hat sich vieles verändert, aber damals war das ganz normal.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Das hat mir heute Morgen auch Kateryna Blokhina erzählt. Viele Menschen hier wissen gar nicht, wie verbreitet Russisch in Teilen der Ukraine früher war.
Nik Prana
Das stimmt. Für mich ist Ukrainisch beim Singen deshalb auch ein Stück weit eine bewusste Entscheidung.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Wann hast du angefangen, eigene Songs zu schreiben?
Nik Prana
Mein erstes komplettes Lied entstand vor über zehn Jahren. Das war eine sehr persönliche Geschichte. Vorher habe ich hauptsächlich Covers gespielt oder in Bands musiziert. Dieses erste Lied war das erste Mal, dass ich wirklich einen kompletten Song alleine geschrieben habe.
Danach habe ich zwar immer wieder Songs geschrieben, aber nicht besonders viele veröffentlicht. Inzwischen arbeite ich wieder regelmäßig daran. Gerade entstehen mehrere neue Stücke, darunter auch etwas schnellere Songs. Bisher war vieles eher ruhig und balladenhaft.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Wie bist du eigentlich in die ukrainische Musikszene in Karlsruhe gekommen?
Nik Prana
Über das ukrainische Kulturzentrum und über andere Musiker. Es gibt hier deutlich mehr ukrainische Künstler, als viele denken. Wir haben eine eigene Telegram-Gruppe mit Musikern aus Karlsruhe und Umgebung. Darüber entstehen viele Kontakte und auch Auftrittsmöglichkeiten.
Nach Beginn des Krieges sind die ukrainischen Kulturvereine deutlich gewachsen. Das Kulturzentrum in der Gellertstraße spielt dabei eine wichtige Rolle. Dort finden regelmäßig Veranstaltungen statt.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Dort habe ich auch schon Viktor Pashnyk mit seiner Bandura gesehen. Vorher wusste ich gar nicht, dass es diese Szene überhaupt gibt.
Nik Prana
Genau. Viele Veranstaltungen bleiben innerhalb der Community. Deshalb bekommen Außenstehende oft gar nichts davon mit.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Besteht dein Publikum überwiegend aus Menschen aus der Ukraine?
Nik Prana
Ja. Ein eigenes Publikum habe ich bisher noch nicht wirklich aufgebaut. Natürlich kommen gelegentlich Freunde oder Bekannte. Aber ich bin noch an dem Punkt, an dem ich mir überhaupt erst eine feste Zuhörerschaft aufbaue.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Du hast aber Musik auf Spotify veröffentlicht?
Nik Prana
Ja, einige Songs aus den Jahren 2022 und 2023. Danach kam erst einmal nichts Neues. Jetzt möchte ich wieder aktiver werden.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Hast du eine Website?
Nik Prana
Im Moment nicht mehr. Die Domain ist irgendwann ausgelaufen. Derzeit nutze ich hauptsächlich Instagram und YouTube.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Eigentlich könntest du mit deiner Musik auch gut in kleineren Karlsruher Locations auftreten. KOHI, NUN oder ähnliche Orte.
Nik Prana
Solche kleinen Formate mag ich sehr. Für mich ist das Schönste, wenn die Leute wirklich zuhören. Große Veranstaltungen sind oft schwieriger, weil dort viel mehr Ablenkung herrscht.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Das NUN wäre wahrscheinlich tatsächlich ein passender Ort. Dort hören die Leute sehr aufmerksam zu.
Nik Prana
Genau solche Konzerte mag ich. Wenn die Atmosphäre ruhig ist und die Menschen wegen der Musik da sind.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Du hast zuletzt auch mit Bloshka & the Love Spirits zusammen auf der Bühne gestanden.
Nik Prana
Ja. Das war eigentlich spontan. Sie kannte einen Song aus meiner Setliste, und dann haben wir beschlossen, ihn gemeinsam zu spielen. Geprobt hatten wir vorher praktisch nicht.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Wie geht es jetzt weiter?
Nik Prana
Ich möchte neue Songs veröffentlichen und regelmäßiger Musik herausbringen. Früher habe ich relativ viel Geld in einzelne Produktionen investiert. Heute versuche ich, mehr selbst zu machen und dafür kontinuierlicher zu veröffentlichen.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Dann wird Social Media wahrscheinlich auch eine Rolle spielen.
Nik Prana
Natürlich. Aber ich glaube trotzdem, dass die Musik wichtiger bleibt als jede Marketingstrategie. Social Media kann helfen, aber schlechte Musik wird dadurch nicht gut.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Viele Musiker kämpfen trotzdem damit, sichtbar zu werden.
Nik Prana
Ja. Ich sehe das inzwischen aber relativ entspannt. Natürlich freue ich mich über Wachstum. Aber ich habe keine unrealistischen Erwartungen. Mir macht Musik Spaß. Das ist die Hauptsache.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Du hast vorhin etwas Interessantes über Fanbindung gesagt.
Nik Prana
Das habe ich von Damien gelernt. Es geht nicht nur um Streams oder Followerzahlen. Wichtiger sind die Menschen, die wirklich zuhören und einen unterstützen. Wenn jemand nach einem Konzert mit dir spricht oder einen Kommentar schreibt, solltest du darauf eingehen. Diese Beziehungen sind langfristig viel wertvoller als irgendwelche Zahlen.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Die Künstler, die im Kontakt bleiben, bauen oft die stärkste Verbindung zu ihrem Publikum auf.
Nik Prana
Genau.
Andreas Allgeyer (Jazznrhythm.com)
Letzte Frage: Wohin soll die Reise gehen?
Nik Prana
Ich möchte weiterhin Musik machen, auftreten und neue Songs veröffentlichen. Natürlich freue ich mich, wenn mehr Menschen zuhören. Aber für mich muss vor allem der Weg Spaß machen.
Der Weg ist das Ziel.
Wenn man nur auf Erfolg oder Zahlen schaut, wird Musik schnell anstrengend. Solange mir die Musik Freude macht, bin ich zufrieden.
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