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Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

Klassik im Zeitalter von Streaming und KI – Ein Gespräch mit The Twiolins

The Twiolins - Foto by Hans Altenkirch
The Twiolins – Foto by Hans Altenkirch

Die Unterschiede zwischen Klassik und Popmusik mögen – je nach Betrachtungsweise – auf den ersten Blick klein oder aber unüberwindbar erscheinen. 

Ausgehend von der gemeinsamen Komponente, der Musik, lassen sich die Gemeinsamkeiten durchaus aufzeigen, aber auch die wichtige Merkmale herausarbeiten, die zu differenten Wege und Möglichkeiten führen. 

Die Klassik gehört zu einem Spektrum der musikalischen Richtungen, die auf jazznrhythm.com seltener betrachtet werden. Dabei beinhaltet dieses Genre die spannendsten, experimentellsten und herausforderndsten Themen, die es in der Musik gibt. Wie gestalteten sich ein Stil, in dem Arrangements und Interpretation, aber auch Werktreue, und teilweise lebenslange Beschäftigung mit Stücken verstorbener KomponistInnen oftmals im Vordergrund steht?

The Twiolins sind junge, innovative Musikerinnen (Marie-Luise Dingler und Marta Danilkovich) , die als Geigenduo mit ihrer Sichtweise und ihrer Spielfreude sehr individuelle Wege einschlagen. Seit 2025 in dieser Zusammensetzung auf den Konzertbühnen zu Gast, stellen die Twiolins eine seltene und mutige Variante in dieser Kombination dar.

Ihr Engagement für die Klassik führt sie nicht nur die bekannten Orten und Festivals – auf denen sie sich mit den Werken großer KünstlerInnen und junger Talente auseinandersetzen – sondern bringt sie auch mit einem Publikum zusammen, das der Begegnung mit Klassik frisch und neu gegenübersteht. 

So traf ich die beiden Violinistinnen vor über zwei Monaten bei einer Aufführung eines Stückes für Kinder, in denen sie die Klänge ihrer Instrumente spielerisch vermittelten. Diese vielseitigen Tätigkeiten, die – neben dem Einsatz in den sozialen Medien und den Aktivitäten auf verschiedenen Plattformen – ein sehr komplexes MusikerInnen-Leben darstellen, führten zu dem folgenden Gespräch.

Aufgrund der Länge wird das Interview in zwei Teile veröffentlicht. Der erste Teil erscheint am 31.08.2026, der zweite folgt am 07.09.2026.

Mehr über The Twiolins auf:

Webseite – https://www.thetwiolins.de

Das Konzert und das Publikum

Andreas (Jazznrhythm.com)
Tolles Publikum diesmal – sehr emotional und enthusiastisch. Ich war ehrlich überrascht, wie sie mitgegangen sind: Füße getrampelt und an den richtigen Stellen richtig mitgelebt.

Marta Danilkovich
Das war auch so geplant – eine geführte Explosion, ein Mitmachkonzert.

Marie-Luise Dingler
Aber sie waren wirklich sehr responsive.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Die Kinder heute Morgen waren zurückhaltender?

Marie-Luise Dingler
Ja, sehr vorsichtig und zart. Das waren sehr sensible Kinder.

Marta Danilkovich
Man muss sie trotzdem führen. Wenn Emotionen, Aufgaben und Geschichten sich ständig abwechseln, bleibt die Aufmerksamkeit erhalten. Gerade bei Kindern ist das eine der größten Herausforderungen.

Die Geschichte des Duos

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von euren Kinderkonzerten wusste ich gar nichts. Ich kannte nur euer aktuelles Video. Erst auf eurer Website habe ich gesehen, dass es die Twiolins schon seit über 15 Jahren gibt – und dass ihr euch in der heutigen Besetzung erst vergangenes Jahr gefunden habt.

Marie-Luise Dingler
Das Duo habe ich ursprünglich mit meinem Bruder gegründet – eigentlich spielen wir schon zusammen, seit wir zwölf Jahre alt waren. Ab 2009 wurde daraus ein professionelles Projekt mit Website, Namen und später vier CDs.

Während der Corona-Zeit hat sich mein Bruder beruflich immer stärker auf Audio- und Veranstaltungstechnik konzentriert. Ende 2024 hat er schließlich entschieden aufzuhören. Da habe ich überlegt, wie es weitergeht, und musste sofort an Marta denken. Sie hatte selbst zehn Jahre lang ein Geigenduo, daher kannte ich ihre Arbeit.

Marta Danilkovich
Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber wir haben uns immer aus der Ferne beobachtet.

Marie-Luise Dingler
Eigentlich waren wir die einzigen Geigenduos, die das in dieser Form gemacht haben.

Marta Danilkovich
Genau – wir waren praktisch die Konkurrenz.

Marie-Luise Dingler
Es gibt einfach sehr wenige Geigenduos. Ich habe Marta gefragt, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Wir haben eine Probe vereinbart, es hat sofort funktioniert – und dann haben wir angefangen.

Der Name „Twiolins“

Andreas (Jazznrhythm.com)
Den Namen habt ihr übernommen, obwohl sich die Besetzung geändert hat?

Marie-Luise Dingler
Ja. Einen Namen über viele Jahre aufzubauen, kostet unglaublich viel Arbeit. Website, Drucksachen, Konzertankündigungen – das alles neu aufzusetzen wäre ein riesiger Aufwand gewesen. Außerdem hatte ich bereits viele Konzerte unter diesem Namen gebucht.

Marta Danilkovich
Und weil ihr Bruder komplett mit der Musik aufgehört hat, sprach auch nichts dagegen, den Namen weiterzuführen.

Marie-Luise Dingler
Genau. Außerdem beschreibt der Name perfekt, was wir machen. Deshalb sind wir einfach dabei geblieben.

Der Kompositionspreis

Andreas (Jazznrhythm.com)
Spannend fand ich auch euren Kompositionspreis. Gibt es den noch?

Marie-Luise Dingler
Wir haben ihn insgesamt viermal ausgeschrieben. Der organisatorische Aufwand war allerdings enorm – Sponsoren finden, den Wettbewerb durchführen, das Abschlusskonzert organisieren. Während des Studiums und in den ersten Berufsjahren war dafür noch Zeit. Aber sobald der Konzertbetrieb richtig läuft, wird so etwas kaum noch machbar.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Habt ihr die eingereichten Kompositionen anschließend auch gespielt?

Marie-Luise Dingler
Ja. Aus den Gewinnerwerken haben wir Konzertprogramme entwickelt, CDs aufgenommen und Notenausgaben veröffentlicht. Davon haben die Komponisten der ersten drei Wettbewerbe sehr profitiert. Beim letzten Wettbewerb hat uns Corona ausgebremst – wir konnten das Programm nur noch einmal aufführen, eine CD ist dann nicht mehr entstanden.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das eröffnet ja ganz neue musikalische Welten.

Marie-Luise Dingler
Das hören wir oft. In der Praxis war zeitgenössische Musik aber immer schwer zu verkaufen. Viele Veranstalter wünschen sich Mozart oder Vivaldi – also Werke, die jeder kennt. Als wir die Vier Jahreszeiten ins Programm aufgenommen haben, ist unsere Karriere deutlich angesprungen. Davor war es mit progressiver klassischer Musik wesentlich schwieriger. Es gibt ein neugieriges Publikum, aber viele möchten lieber Bekanntes hören als Neues entdecken.

Marta Danilkovich
Bekannte Programme verkaufen sich einfach leichter. Da muss man niemandem erst erklären, warum sich ein Konzert lohnt.

Klassik, Publikum und Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Von außen betrachtet wirkt die Klassikwelt manchmal ungewöhnlich. Es gibt unzählige hervorragende Aufnahmen, aber kaum einen Sammlermarkt oder Wiederverkaufswert für Tonträger. Oft hört man: „Warum soll ich mir noch eine Aufnahme der Vier Jahreszeiten kaufen?“ Dabei klingt eure Version völlig anders als viele andere.

Marta Danilkovich
Unsere Bearbeitungen eröffnen tatsächlich eine neue Perspektive. Ursprünglich ist das Werk für Solovioline und Kammerorchester geschrieben, wir übertragen es auf zwei Geigen.

Dafür muss man fast selbst zum Komponisten werden. Aus zehn, zwanzig oder noch mehr Stimmen entsteht am Ende eine Fassung für zwei Instrumente, die trotzdem die Essenz des Werks bewahrt. Das ist weit mehr als reine Interpretation.

Marie-Luise Dingler
Trotzdem interessieren sich nur wenige Menschen für unterschiedliche Interpretationen desselben Stücks. Das machen vor allem echte Klassikliebhaber. Die meisten möchten einfach schöne Musik hören. Ob es davon zehn verschiedene Einspielungen gibt, spielt für viele keine große Rolle.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Hat es die Klassik heute schwerer als Rock oder Pop?

Marta Danilkovich
Jedes Genre hat seine eigenen Herausforderungen. Pop lebt von Rhythmus, Groove und eingängigen Strukturen. Jazz verlangt Improvisation und damit kreatives Komponieren im Moment.

Die klassische Musik ist über Jahrhunderte gewachsen. Große Werke besitzen viele Ebenen, die sich nicht beim ersten Hören erschließen. Gerade das macht sie faszinierend. Selbst wenn man ein Stück über Jahre spielt, entdeckt man immer wieder neue Farben, Harmonien und Zusammenhänge. Deshalb bleibt klassische Musik lebendig.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Das gilt also auch für euch als Musikerinnen?

Marta Danilkovich
Auf jeden Fall. Popstücke können nach vielen Wiederholungen langweilig werden. Bei klassischer Musik wächst man ständig weiter. Man arbeitet sich an Werken ab, die einen immer wieder fordern. Gerade diese Herausforderung macht den Reiz aus.

Marie-Luise Dingler
Man sollte dabei nicht vergessen: Klassik funktioniert nach wie vor. Wir leben von gut besuchten Konzerten. Natürlich füllen wir keine Arenen, aber unsere Säle mit 100 bis 200 Besuchern sind regelmäßig voll. Und große Orchester beweisen ebenfalls, dass klassische Musik ihr Publikum findet.

Offenheit für Neues

Andreas (Jazznrhythm.com)
Mir ging es eigentlich um die Offenheit des Publikums. Im Pop scheint Neues oft leichter akzeptiert zu werden. In der Klassik wünschen sich viele eher das Bekannte.

Marta Danilkovich
Neue Musik braucht oft Zeit. Viele Werke werden erst Jahre oder Jahrzehnte später wirklich angenommen.

Marie-Luise Dingler
Aber welches Publikum ist wirklich offen für Neues? In jedem Genre gibt es nur einen kleinen Teil, der bewusst nach neuen Ideen sucht. Die meisten Menschen bleiben lieber bei Bekanntem.

Marta Danilkovich
Das liegt nicht nur an der Musik. Menschen haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Das gilt für neue Nachbarn genauso wie für neue Gesetze oder neue Kunst.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Streamingdienste müssten diese Offenheit doch eigentlich fördern.

Marie-Luise Dingler
Theoretisch schon. Praktisch erscheinen jeden Tag so viele neue Veröffentlichungen, dass niemand sie alle wahrnehmen kann. Dieses Überangebot schafft eher Orientierungslosigkeit.

Andreas (Jazznrhythm.com)
Und man verliert die Möglichkeit, sich wirklich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen.

Marta Danilkovich
Genau. Heute muss alles schnell gehen. Dadurch fehlt oft die Geduld, sich über längere Zeit auf ein Werk einzulassen.

Soweit der erste Teil des Interviews. Im 2. Teil geht es vor allem Social Media, KI und Streaming. Themen also, die unabhängig vom Genre alle MusikerInnen betreffen und sich mehr und mehr in den Vordergrund drängen.