Durchsuchen nach
Schlagwort: Karlsruhe

ÁRSTÍÐIR im NUN, Karlsruhe am 13.12.2024

ÁRSTÍÐIR im NUN, Karlsruhe am 13.12.2024

Es kann ja durchaus sein, dass man nur eine Insel nehmen muss, die mit ein paar wenigen Menschen besiedelt und dann abwartet. Vielleicht noch richtig unangenehmes Wetter dazu, das die kleinen Menschlein gehörig einschneit. Und einfriert. Am Schluss, wenn das Werk als gelungen betrachtet werden kann, ist noch Platz für ein paar Vulkane. Die dann ihr eigenes Süpplein köcheln.

So oder so ähnlich mag Island sein. Ungeachtet all der wunderbaren Landschaft, der Fjorde, seltsamen Vögeln und eben Lichter, die den Himmel zur Bühne machen. Und jetzt stellt sich jeder noch folgendes vor: Nachdem das alles Jahrhunderte vor sich hingebrodelt hat, wird es in Stücke gepresst, in Musik also (das ist hier gemeint) und ungefähr das könnte ÁRSTÍÐIR sein.

Fünf Musiker aus einem Land, in dem wahrscheinlich jeder irgendwie mit jedem verwandt ist. Traditionen daher immer in der Familie bleiben. Tradition ist der Gesang, vielstimmig, mit seltsamen Harmonien, aber auch mit einer Sprache, die uns so unbekannt scheint, als wäre sie samt ihrer Schrift aus dem Weltall gefallen. 

Meine erste Begegnung mit traditioneller, isländischer Musik war in den Achtzigern, als mir eine MusikKassette (90 Minuten) von dort zugesandt wurde, in der Menschen in eben jener Sprache in einer Art Chor sangen. Vollkommen unverständlich, und weit entfernt von Björk und Mezzaforte. Das waren so die bekannten Botschafter Islands waren. Wenn es um Musik ging. Mezzaforte hatte einen Hit (GardenParty). Björk wurde sowieso für alles geliebt.

ÁRSTÍÐIR im NUN war ungefähr so, als wären die Experten für Folk und Jazz übereingekommen, aus den Traditionen Islands nun das schönstmögliche zu formen, was überhaupt….

Ein kammermusikalisches Kleinod, das Staunen macht, angesichts der Professionalität, dem klar strukturierten Spiel und der Reinheit der Darbietung. Der Isländer, so lernte man, singt. In der Gruppe, mit vielen, gerne, oft, nicht immer so, wie wir es kennen – hier verstand ich – aber mit viel Liebe zum Detail und der Geschichte. Man möge entschuldigen, war eben für sich, siehe oben, die Vulkane das Wetter. Da war es schon mal möglich, dass sich anderes einschlich, aber jetzt, und das bewiesen ÁRSTÍÐIR, nehme man gerne und alles auf.

Es gibt Musikerinnen, die würden sich um manche zehn Sekunden, die da zu hören waren, reißen, so einfach wirkten die Titel, so komplex war der Aufbau. Und immer bedacht, wie ein stummer Drohnenflug, über Meer und Land, auf Schönheit und Harmonie. Es war ein Teil der Weihnachtstour. Nicht überraschend, wenn das Publikum andächtig, versunken und in Gedanken auf den Reisen beiwohnte. Die Spannbreite des Dargebotenen ging über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Dazwischen selbstkomponiertes, im acappela vorgetragenen Gesang aber auch Werke deren Ursprünge wahrscheinlich in den langen Wintern, den einsamen Hütten, und den heißen Quellen lagen. Und dann über die mündliche Übertragung zur Reife gelangten.

Wörter gab es mit dazu, für den Heimweg und die nächste Reise. „Hi!“, „Skøl“ und „Takk“. „Skøl“ kannte ich schon. Es war mal auf einer Flugreise, eingequetscht zwischen der halben Bevölkerung der Insel, das einzige Wort, das ich kontinuierlich während des Fluges hörte. Und zwar so oft, dass ich mir wirklich ernsthaft Sorgen machte.

„Takk“, was Danke heißt, ist das was ich dem NUN aussprechen müsste. Letztes Konzert in diesem Jahr. Krönender Abschluss, sozusagen. An Professionalität kaum zu überbieten. Ein märchenhaftes Gemälde, in dem sich Fabelwesen schlafend sammeln könnten. So ruhig, zurückgelehnt und doch mit einer Freude an der Location und für das Publikum. Klassisch für Momente auch nur ein Dialog aus Cello und Geige, bis wieder zwei Gitarren und das Keyboard die Führung übernahmen. 

Wie immer, und eigentlich dürfte ich es nicht jedesmal erwähnen, war es wieder eines der intimen, ruhigen Konzert im NUN, bei dem die Zeit fast vergessen wird und immer das Gefühl bleibt, dass man sich schon lange kennt, oder? Jetzt. Gerade. Wenn das doch so nahe ist, und das weiterträumen so leicht. Waren die gut. Respekt vor soviel Musikalität.

Ansa Sauermann im NUN, Karlsruhe am 12.12.2024

Ansa Sauermann im NUN, Karlsruhe am 12.12.2024

Ansa Sauermann im NUN,Kalrsruhe

Es gibt Namen, denen begegnet man so oft, dass man denkt: Hast du schon gehört. Kennst du. Aber etwas konkretes verbindet sich damit nicht. Und, um das zu steigern, reden alle, die ein bißchen oder ein mehrfaches jünger sind, von diesem Namen so, als wäre er selbstverständlich. Oder es einfach nur ein Unding, wenn man ihn nicht kennt.

So ging mir das mit Ansa Sauermann. Ich nickte beflissen und verständig. Und wühlte verzweifelt in meinem Gedächtnis, um nicht als vollkommend unwissend da zu stehen.

Um es kurz zu machen: Das NUN, zwar nicht sehr groß, aber immerhin, war voll. Die Menschen sangen mit, den die kannten die Texte. Ich nicht. Manche tanzten, spätestens in der letzen halben Stunde. Das ist selbst für das NUN eher ungewöhnlich. Weil, schlicht zu wenig Platz. Im Allgemeinen. Doch, wo ein Wille..

Die Wurzeln von Ansa liegen in Dresden. Musikalisch in der langen Tradition deutscher Liedermacher und Songwriter. Immer wenn man denkt, da fehlt noch etwas, da ist doch etwas abgebrochen, dann tauchen Erben wie Ansa auf und erneuern alles. Anders als man es bisher kannte. Frecher, authentischer, mit einfacheren Worten, und einer klaren ungekünstelten Sprache. Denn es gab ja irgendwann auch Punk.

Und wenn Ansa davon spricht, dass er eigentlich lauter spielt, dann mag man ihm das sofort glauben. Denn so sehr, wie er die kleine Bühne nutzte, um mit allen möglichen und unmöglichen Barrieren zu brechen – wenn sie jemals da waren – so kann man ihn sich auf großen Bühne, auf Festivals und mit lauten Gitarren vorstellen. Kann man. Hier wurde er begleitet von einem wunderbar humorvollen Bassisten, und einem Schlagzeuger, der damit perfekt harmonierte. Die Band präsentierte sich – eigentlich größer – als Trio. Mit einer Brise Zurückhaltung, einem eher akustischen Set, einem kleinen, nahen Clubkonzert eben. 

Komplett in Deutsch, was wahrscheinlich nur deswegen auffällt, weil ich auf viel zu viele Konzerte gehe, die egal aus welchem Land, anglo-amerikanisch dominiert werden. Wie sehr man das vermissen kann, merkt man dann, wenn Menschen wie Ansa wissen, wie sie Akzente setzen, die Sprache gebrauchen können, die Melodie daraus formen und die Worte stilsicher einsetzen. Die bewußte Reduzierung, der Mangel an Ausschweifung und die ungebremste Leidenschaft zeichnet seinen Vortrag aus. Und das kam im NUN, wo man ihm so nahe wie möglich, und im Grunde nicht mal ein Mikrofon nötig war, bestens zur Geltung. 

Im NUN sitzt man bei den Interpretetinnen. Manchmal auch dahinter. Die Nähe ist der Reiz und die Atmosphäre, aber kann für das Publikum bedeuten, dass es zu zwei Drittel nur den Rücken sieht. Und egal wie faszinierend der Rücken ist, sympathischer wurde es, als Ansa, sich mit der akustischen Gitarre ohne Mikrofon auf den Sessel des herrenlosen Schlagzeugs setzte und einfach sang. Zu jenen, die ihn bisher eben nur von hinten gesehen hatten. Es sind die Momente, ohne Filter, ohne Technik, die bewahrheiteten, dass mit dem Namen Ansa auch immer von Authentizität und Ehrlichkeit, sowie Nachvollziehbarkeit gesprochen wurde. 

Es war natürlich der Charme, gepaart mit einem schalkhaften Witz, der es ihm sogar erlaubte, ohne Unterbrechung eine Saite auszuwechseln, seinen Merch dabei anzupreisen und das Konzert damit am Laufen zu halten. Die Band spielte dazu beflissen, jene Melodie, die jeden Fahrstuhl schmelzen lässt. Klappte, funktionierte, zielsicher. Der Mann ist seit zehn Jahren im Musikgeschäft. Glaubt man erst nicht, weil so jung. Glaubt man dann, wenn er nach Sekunden das Publikum erobert hat. So halt. Mit einem Lächeln. Einwandfrei. Feines Entertainment, wunderbare  Geschichten, wie wir sie alle kennen. Und gerechte Leidenschaft und Wut, über die Dinge, die uns alle wütend machen. Das Publikum bekam alles, was es wollte. Die Zugabe, den Spaß und sehr viel Freude. Das hätte die ganze Nacht gehen können. Mal ganz im Ernst.

Lambert im Tempel, Karlsruhe, 28.11.2024

Lambert im Tempel, Karlsruhe, 28.11.2024

Lambert im Tempel, Karlsruhe, 28.11.2024

Also, über die Sache mit der Neo-Klassik müssen wir noch mal sprechen. Früher, so würden die altgedienten Sammler sagen, gab es ganze Labels, die bequemerweise  alles Jazz nannten – wahlweise New Jazz – und die Händler für Tonträger sortierten den Kram dann auch dort ein. Es gab und gibt auch noch heute „Neue Klassik“, aber das ist auch wieder etwas komplett anderes, und bezeichnet wahlweise auch nur Musik, die in den letzten hundert Jahren irgendwie klassischen Ansprüchen genügte.

„Neo Klassik“ könnte ein Phänomen der Streaming Zeit sein, in der wir uns gerade befinden, und für all jene die Zuflucht bedeuten, die Lounge und Ambient vielleicht doch etwas zu abgedroschen empfinden. Obwohl sich auch in diesen beiden Richtungen großartiges finden mag. Doch dazu komme ich wahrscheinlich zu einem angemesseneren Zeitpunkt, denn tatsächlich geht es hier um Lambert

Lambert ist so einer, der mit der Maske auf die Bühne kommt, wie vor ihm die Legenden aus einem ganz anderen Umfeld, sich an das Klavier setzt und vertrackte, verpuzzelte Melodien mit einer Detailtiefe spielt, von denen andere 20 Sekunden für ein ganzes Album nutzen möchten. Und wenn sich das Publikum sinnig und berührt zurücklehnt, weil all die Ansätze, Zitate und Feinheiten, doch schon irgendwie, aber auch nicht, mit der Klassik zu tun haben, dann fordert der Mann doch alle auf, mal ein bißchen mehr „Wow!“ und „Oh!“ zu rufen, an der Bar Getränke zu holen und überhaupt. Euphorie, Emotionen, Gläser an die Wand. Gut, letzteres hat er nicht gesagt.

Er weiß zu erzählen, er ist witzig, routiniert, fast schon ein Entertainer und dabei nahbar. Das wird honoriert. Spätestens als sein Schlagzeuger auf die Bühne kommt – Luca Marini, exzellenter Mann, nebenbei -nimmt das Tempo, etwas gemächlich, aber von Stück zu Stück, mehr zu. Ich habe ähnliches im Umfeld von Menschen erlebt, die Techno mit akustischen Instrumenten nachspielen. Erzähle mir keiner etwas von Neo-Klassik, wenn Lambert die Tasten mit dem Unterarm und dem Ellenbogen bedient. Dann klingt das eher so, als ob das Publikum gefälligst auf den Stühlen stehen soll, die Bühne brennen darf und wer tanzen will, sollte das verdammt nochmal tun. Er kann das alles.

Und das grandiose ist, selbst bei einer Verwandlung in einen alten Rock‘n‘Roller bleibt alles kunstfertig, setzt feine Akzente, ist sauber und mit viel Liebe für Kleinigkeiten, Möglichkeiten und Zitaten gespickt.

Ich gebe es zu, das Label „Neo-Klassik“ macht mich unruhig, weil es den Schirm zu weit aufspannt, jeden vereinnahmt, der mit einer klassischen Ausbildung Stücke verwandelt und modernisiert, und man bei Lambert sieht, dass ohne kontinuierliche Grenzüberschreitungen und dem Versuch Inspirationen aus anderen Welten zu bekommen, keine Größe und wirkliche Leistung möglich ist. Langer Satz? Ok, er kann es halt, und hebt sich damit aus der Masse der begabten Pianisten heraus, die ihren einzigen Trick gerne wiederholen. Die Vielfalt von Lamberts Spiel, die er in seinen Werken unterbringt, ist das Kapital, dem man stundenlang lauschen möchte.

Zwei Zugaben. Eine ohne Maske. Hey! Er hätte noch viel mehr machen können, und wir wären immer noch fasziniert gewesen. Er meinte, es ist Donnerstag, wir müssten ja alle morgen arbeiten. Mein Gott, wir wissen doch, dass das irgendwie geht.

Rhonda/ Support: Amber & The Moon in der alten Hackerei 27.11.2024

Rhonda/ Support: Amber & The Moon in der alten Hackerei 27.11.2024

Amber & The Moon in der alten Hackerei in Karlsruhe 27.11.2024

Die Location schien gewagt. Steht doch die „Alte Hackerei“ für Punk und alles, was außen rum fantastisch gedeiht. Amber & the Moon dagegen machen leises, ruhiges Liedgut, dass sie in die Nähe zum Folk bringt, aber dann doch wieder nicht, weil durchaus elektrisch. Man bricht sich die Zunge und den Daumen, wenn man sich heute über Genres unterhält. Das Gehirn mag sich verrenken, am Schluss bleibt nur zu sagen, dass es schon sehr viel intimer wirkt, wenn eine vierköpfige Band abgespeckt auf zwei Personen auf Tour geht Und die schaffen es in einer der härtesten Locations von Karlsruhe das Publikum zum Mitsingen bewegen.

Das nötigt Respekt ab. Ronja und Jonathan von Amber and the Moon sind fast traditionell mit Rhonda verbunden, waren sie doch schon vor einiger Zeit auf einer ähnlichen Tour als Vorband dabei. In einem Raum der nicht größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer war erlebte ich sie damals in Bad Canstatt. Das Publikum bedrängt fast die Band, und das galt für Rhonda genauso wie auch Amber & the Moon. Umso schöner, dass man beidseitig gute Erinnerungen daran hat, denn es war ungefähr so, als befände man sich mit guten Freunden auf einer schönen Party.

Ähnlich in der alten Hackerei. Das die Vorweihnachtszeit angebrochen war, und außerdem ein Mittwochabend, all das mag mitgewirkt haben, aber unterm Strich muss man sagen, dass mit jedem Akkord, mit jeder glasklaren Zeile, die Anwesenden verharrten, lauschten und geneigt waren Amber & the Moon in das filigrane Gespinst ihrer Melodien zu folgen. Die alte Hackerei bot einen ungleich besseren Sound und eine richtige Bühne, die es für Amber & the Moon möglich machten, das Klangspektrum, und damit auch die leisen Töne, satter zu präsentieren. Etwas, was ihnen und ihren Werken gut tat, aber trotzdem dazu führt, dass man sich einfach mal die ganze Band wünscht. Wieviel mehr. Und überhaupt: Schon deswegen ist die bisher einzige Platte empfohlen.

Rhonda in der alten Hackerei, Karlsruhe, 27.11.2024

Zu Rhonda ist zu sagen, dass es ein schmerzlicher Abschied ist, wenn eine Band nochmal so rockig und fett seinen Abgang zelebriert. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass man sie vermissen wird, diese wilde Kombination aus Blues, Rock, Soul und anderen Americana-Elementen, die da in Technicolor aufgefahren werden. Rhonda beackert ein in Deutschland eher unbekanntes Feld, in dem die grandiose Stimme von Milo einen Sound präsentiert, der so vertraut und doch so eigen wirkt. Ich kenne keine Band in diesem Land, die auch nur annähernd so unverkennbar im amerikanischen Songbook und den damit verbundenen Traditionen rumwühlt wie Rhonda.

Man möchte nicht meinen, dass alle aus unserer Ecke stammen, so lässig, so beflissen, so kenntnisreich präsentieren sie ein Image, das als zeitlos gelten mag, aber irgendwo in der Experimentierphase kurz nach dem Beat seinen Ursprung hat. Die Gitarren rein wie Stahl, die Orgel, als wäre nach den Sechzigern kein ähnliches Instrument mehr erfunden worden, und das Schlagzeug mit einer ungestümen Coolness, die zu langen Straßen passt.  Das ist eine hitverdächtige, immer gute Mischung, mit der man Klischees, Werbespots und Tarrantinofilme unterlegen kann. Warum zu Fux gehen die auseinander, wenn es so wirkt, als wäre dieses zauberhafte Gemisch schlicht nicht zu fälschen?

Zur alten Hackerei: Es war damals, ehemals, als es mal sowas wie einen Hit gab („Camera“) als ich Rhonda zum erstenmal in der alten Hackerei sah, und dann wie gesagt in Bad Canstatt, wo ich quasi für Ben die Gitarre halten hätte können, so nahe war ich ihm. Wieviel ungezwungener, rauher und wilder war dieser letzte Gruß in dem Punkladen. Das wirkte genauso, als wären sie nun dort wo sie hingehörten. Rockig, fetzig, ausgelassen, nochmal, dieses mal, ein letztes Mal.

Die Hoffnung ist, dass jede Abschiedstournee irgendwann zu einer Réunion-Tour führt. Unbedingt, und ich würde viel dafür geben. Selbst Oasis haben das hinbekommen. Hat ja auch niemand dran geglaubt.