Der Spieler – Teil 37

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der siebenunddreißigste Teil, und etwas zutiefst menschliches bringt mich eine unglaubliche Bedrängnis.Andreas Allgeyer, 13.03.2026
Das Problem, das hauptsächlich uns alte Männer betrifft, ist, dass wir irgendwann ganz dringend auf die Toilette müssen. Daran lässt sich wenig ändern, auch wenn wir es gerne täten. Das kommt schlagartig, und nimmt panische Ausmaße an. Ich kann nur vermute, womit das alles zu tun hat. Ein Teil davon, dürfte mein Lebenstil sein. Und davon die Folgen. Aber über die möchte ich wiederum nicht nachdenken.
Während ich glaubte, ich hätte Blumscheid nun voll im Griff, merkte ich, dass ich diese Stellung nicht lange halten konnte. Ich fixierte den Mann an, kniff die Augen zusammen, und hoffte, dass ich damit entschlossen aggressiv wirkte. Tatsächlich versuchte ich jedoch etwas wegzudrücken, und manchmal half mir die Psychologie. Eine Art von Selbstsuggestion, die ich als echte Ninja-Leistung schätzte, war hin und wieder ausreichend, das Problem zu verlagern. Half nicht immer, aber oft, und könnte nun meine Rettung sein.
Blumscheid blickte mich auffordernd an. Er fühlte sich bestimmt nahe seiner Erlösung, nachdem ich angekündigt hatte, mit ihm reden zu wollen. Sein Sohn war gefährlicher, er wirkte wie ein verschlafener Panther, der seine Müdigkeit abstreifen und mich angreifen wollte. Nichts, womit zu Spaßen war. Auch niemanden, den ich bewußt aus den Augen lassen konnte. Nie war Cörd wertvoller, als in diesen Minuten. Der jedoch lehnte nach wie vor mit dem Rücken am Glas und benahm sich wie jemand, dessen Selbstheilungskräfte komplett nachgeladen werden mussten.
Ich atmete tief durch. Klang wie Ungeduld, war aber eine ähnliche Atemtechnik wie bei Schwangeren kurz vor der Geburt. Ich konnte das gut. Man gewöhnt sich so manches an. Praktiken, von denen man nie wußte, dass man es irgendwann mal braucht. Ganz im Ernst, es war genau so, als ob meine Blase unvorbereitet und jetzt – genau in dieser Minute – platzen wollte. Es handelte sich dabei um etwas, dass in keinem Handbuch für solche Situationen beschrieben wird, und das machte mir eine solche Höllenangst, dass die ganze Selbstsuggestion zum Teufel war.
„Cörd?“ Ich hoffte, er hörte mich, denn ich vernahm nur ein leises fragendes „Hm?“
Beobachtete dabei, aus den Augenwinkel heraus, wie sich sein Kopf leicht zu mir hin bewegte. Er sah mich an, aber wirkte selbst wüst und zerschlagen. Er hatte nie gute Tage erlebt – also so richtig gute – aber zu dem aktuellen Zustand gab es definitiv bessere. Das Blut hing in Speichelfetzen auf seiner Kleidung, ein Auge konnte wahrscheinlich nicht gerade viel sehen – es war immer noch zuggeschwollen. Ob mehr oder weniger, das konnte ich nicht beurteilen, doch so wie er mich fixierte, war er ein einäugiger, Blut spuckender, alter Mann, den ich zu mir her winkte.
„Ich brauche dich, Cörd. Du musst mich hier ablösen!“
„Ich dachte, Sie wollte uns endlich aufklären, was das hier soll!“ Blaffte Blumscheid.
Erstaunlich mutig, dachte ich. Ich war sowieso überrascht, wie sich so ein kleiner Richter im Angesicht der Waffe aufführte. Mein Kopf versucht immer wieder herauszubekommen, woher das kam, aber gleichzeitig bemühte ich mich diesen beängstigenden Gedanken zu verdrängen.
Wenn er so mutig in die Waffe blickte, wußte er dann etwas, was mir bisher verborgen blieb?