Der Spieler – Teil 56

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.
Dieses ist der sechsundfünfzigste Teil und der Schatz des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird enthüllt. Hier gehört ein Fragezeichen hin.
(Nebenbei: Wenn jemand Vermutungen äußern will, wie es weiter geht – dann würde mich das interessieren. Bitte unten ins Kommentarfeld schreiben)
Andreas Allgeyer, 26.03.2026
Einen Schritt hinter mir, gleich einem Schatten auf leisen Sohlen, führte mich der großbewachsene Mann den Gang hinunter. Wenn man das, was ich im Zimmer vollführt habe, Training nennen konnte, dann hatte es geholfen. Ich lief nicht ganz so unbeholfen wie zuvor, die Schmerzen hatten etwas nachgelassen.Vielleicht war ich nur besser darin, sie zu verdrängen.
U-Bahn-Stationen streicht man gerne in unterschiedlichen Farben, um den Gästen die Orientierung zu erleichtern. Dem umgekehrten Gedanken verfolgte man in diesen Fluren. Sie waren nicht zu unterscheiden. Die Farbgebung, aber auch das ganze Interieur, war gleich. Nach dem dritten Richtungswechsel war es nicht mehr möglich, den Weg zurück zu finden.
Wir liefen Treppen auf und ab, schwenkten in den einen Gang ein, verliessen ihn wieder, gingen gefühlt zurück um an der Stelle anzukommen, an der wir losgelaufen waren. Allein die Zahlen an den Türen änderten sich.
Das Konzept ging auf, ich fühlte mich wie nach einer Weile komplett verloren und sah in Sekundenabständen hinter mich, ob der Mann mir noch folgte. Mein Orientierungsinn vermutete eine der letzten Anweisungen verpasst zu haben.
Diese waren kurz und knapp. Links. Rechts. Geradeaus. Wie bei einer Navigation durch ein Programm. In einem abgesteckten Rahmen spielte er Varianten aus, aber lieferte keine Erklärungen, bereicherte seine Worte nicht oder strengte gar ein Gespräch an. Er verhielt sich, im wahrsten Sinne, stoisch.
Je weiter wir kamen, um so mehr meldete sich mein Magen. Ich kannte diese Steigerungsformen. Ich wollte nicht darüber nachdenken.
An einer Tür, sie trug die Nummer 410, stoppte mein Führer, öffnete sie und ließ mich eintreten. Er selbst schwebte lautlos davon. In das verwirrende System der tausend Flure.
Auch dieser Raum hatte keine Fenster, unterschied sich aber dadurch, dass er wie ein Büro eingerichtet war. Die Zahl der Aktenordner entsprach nicht dem Stand der Technik, aber dem Klischee eines Büros.
Inmitten altertümlicher Möbel, die unzählige flache Schubladen enthielten, saß Blumscheid wie ein Buchhalter mit einer Brille vor einem Berg Papier.
Er sah auf. Blickte mich ernst über den Rand der Brille an und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Versuchen Sie bitte nichts. Der Raum ist überwacht. Es sind mehr Augen auf sie gerichtet, als sie glauben. Und auch wenn sie jetzt denken, sie seien gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen – sie befinden sich in einer der modernsten Einrichtungen in diesem Land. – Zu diesem Raum haben nur eine Handvoll Menschen Zugang.“
„Sie sind einer davon?“
„Wie sie sehen. Bevor wir anfangen, eine kurze Frage. Sind sie aufnahmefähig? Wie geht es ihnen? Haben sie die Bücher gelesen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Machen wir uns nichts vor. Ich bin ihr Gefangener. Ich werde ihre Bücher nicht lesen.“
„Das sollten sie. Die Zusammenhänge sind sonst schwer zu verstehen.“ Er drehte sich mit seinem Stuhl. Für einen kurzen Moment sah ich seinen Rücken. Und mich dabei, wie ich die Hände um seinen Hals legte. Aber nichts geschah. Ich sah das nur. Ich rührte mich nicht.
„Das..“fuhr er fort.“Ist das, was wir zusammengetragen haben. Papier. Nichts als Papier. Vieles verschimmelt, zusammengeklebt, teilweise verbrannt, begraben unter Erde und in Felslöcher gestopft.“ Er schnaufte. „Nicht ein Blatt davon ergibt Sinn. Wenn sie es einzeln in den Händen haben, dann ist es Müll. Aber zusammen – hier in diesem Raum – handelt es sich um das wichtigste Werk in der Jetztzeit.“
„Woher kommt dieser Drang, mir das zu erzählen? Offensichtlich haben sie eine geheime Identität. Was soll diese Geschwätzigkeit?“
„Sie kommen aus dieser Nummer nicht mehr raus, mein Lieber. Sie werden wegen Mordes gesucht. Kein Mensch glaubt an sie.“
„Da würde ich nicht drauf wetten!“
„Ach, der Komissar. Dessen Dienstwaffe sie nutzten, um mich zu bedrohen? – Im Ernst, der hat mehr Probleme, als sie sich vorstellen können. Sie haben einen gehörigen Teil dazu beigetragen.“
„Nochmal: Warum erzählen sie mir das?“
„Ich möchte keine weiteren Untersuchungen zu dem Mord.“
„Dann schmeißen sie mich doch in den Fluss, oder lassen mich sonst wie verschwinden. Der alte Mann hat unter der Last seiner Schuld Suizid begangen. Alles gut.“
„Sie bringen mich auf Ideen.“ Er schmunzelte.