Der Spieler – Teil 67

Der Spieler – Teil 67

Der Spieler (Fortsetzungsroman auf Jazznrhythm.com in loser Folge)

Der Spieler ist ein Fortsetzungsroman auf den Seiten von Jazznrhythm.com. Unregelmäßig, ohne Ankündigung, oder einem festen Termin, erscheinen weitere Abschnitte.

Dieses ist der siebenundsechzigste Teil und wir dringen immer tiefer ein. Tiefer und tiefer.

(Nebenbei: Wenn jemand Vermutungen äußern will, wie es weiter geht – dann würde mich das interessieren. Bitte unten ins Kommentarfeld schreiben)

Andreas Allgeyer, 11.04.2026

Ich folgte ihr. Versuchte mir den Weg einzuprägen, doch gab nach der dritten Treppe auf. 

Den Weg, den wir nahmen, führte uns zum Teil nach oben. Jedoch an dem nächsten Ende ebenfalls wieder nach unten. Die Zahlen an den Türen änderten sich. Sie schienen das einzige, konstante Ordnungskriterium. Im Vorbeieilen aber nicht zu erkennen.

So gelangten wir großen, schnellen Schritten –  nach fünf Richtungsänderungen –  an einer Tür die mit der Zahl 1945 beschriftet war.

„Eintausendneunhunderfünfundvierzig?“

„Nein,“ sagte sie „Neunzehnhundert fünfundvierzig“.

„Das Jahr? Das war das Ende des zweiten Weltkriegs. Der Untergang des Dritten Reiches.“

„Ja. Aber auch das Todesjahr Hans Dominiks. – Und der Beginn einer neuen Zeitrechnung“

Sie öffnete die Tür, trat ein und zog mich mit sich. Wir befanden uns in einem wesentlich kleineren Flur, der geradezu schmucklos wirkte. 

Die Wände waren von einem metallenen, silbrigen Grau. Vor uns befand sich eine Tür in derselben Farbe. Gänzlich umbeschriftet. Für mehr als zwei Personen war kein Platz. An seinen Ecken und möglichen Öffnungen war er mit einer breiten Gummierung abgedichtet.

„Eine Schleuse?“

„Ja, so ungefähr.“

Sie schloss hinter uns die Tür. Verharrte ein paar Sekunden und öffnete jene vor uns. Wir gelangten auf diesem Weg in eine Art Umkleide. 

Stilistisch glich es dem Raum, in dem wir uns zuvor befunden hatte. Rund war vorherrschend. Das Design der Spinde, die sich in der Mitte befanden, war ähnlich weich und wolkig geformt. Alles hatte ein bißchen das Aussehen einer Zukunft, wie man sie sich vor 50 Jahren vorgestellt hatte.

Die Filme der  Siebziger pflegten diesen Stil. Mit dem Bewusstsein, dass die Zukunft verheißungsvoll und spannend werden würde. So waren sie sauber, wirkte alles immer unberührt und frisch, aber auch anpassungsfähig und entspannt kantenlos.

Der ganze Raum schien daher von einer fluoreszierenden Qualle inspiriert, in deren oberen Hälfte – einer Halbkugel -, wir uns nun befanden. Die Wände waren eine neblige Außenhaut, auf der sich bewegliche Silhouetten abzeichneten, die gigantische Gerätschaften sein konnten. 

Das Leben um diese Halbkugel war tonlos. Deutet man die Geschäftigkeit am Lichteinfall, dann taten sich große Dinge.

Ich blieb stehen, und versuchte die Schatten zu deuten. Glaubte sehr bald, dass es sich um Projektionen handelte.

Inge beobachtete mich:


„Wir müssen uns umziehen.“

„Warum?“

„Ich gehe immer noch davon aus, dass du interessiert und neugierig bist, wo du bist.“

„Ich glaube, du verstehst etwas falsch…“

„Ziehe dich einfach um.“

Sie öffenete einen Spind, zog ein Bündel weißen Stoff heraus und reichte es mir.

„Ihr habt mir doch diesen Schlafanzug gegeben…“

„Klaus!“

Ich nahm es ab.

Es war eine Art Leinenhose, aus dünnerem Stoff, ein T-Shirt mit angenähten Handschuhen und Schuhe mit integrierten Socken, die bis zu den Knien gingen. An ihrem Ende hatten sie eine Art Klettverschluss, der im Inneren der Leinenhose verankert werden konnte. Für den Kopf bekam ich eine Rennfahrer-Haube, die mich bis zum Kinn umschloss.

Ich zog meine Jogginghose aus, stand in der Unterhose vor ihr und verrenkte mich für das Oberteil. Ich bin nicht mehr der Jüngste. Mein Körper zog es vor mich bei allen Bewegungen zu quälen. 

„Alles“. Inge beobachtete mich.

„Wie alles?“

Sie deutete auf die Unterhose. „Das auch.“ Und fügte hinzu. „Nichts, was ich nicht kennen würde.“

„Aber..“ich deutete auf imaginäre Kameras.

„Du meinst, heute nacht hätte es das nicht gegeben?“ Sie wiederholte meine Bewegungen zu Decke.

Ich schob die Hose zu meinen Füßen, stieg aus hier raus und kam mir wie ein haarloser Affe vor. Die Körperhaltung leicht nach vorne gebeugt, den Bauch vorgestreckt, die Schultern hochgezogen und der Hintern wies nach unten. Ich konnte das sehr gut in den Schatten sehen, die sich aus den verschiedensten Lichtquellen wie ein Stern um ich verteilten. Ich stand im Zentrum. Ich konnte diesem Bild gar nicht entkommen. Aus dieser Sicht war nichts zu erkennen, was in meinem Schritt eigentlich sein sollte. Geschlechtslos. 

Langsam ging ich zur Bank, setzte mich, legte das Bündel Kleider ab, fühlte das kalte Plastik unter meinem Hintern und kam mir hilfloser als je zuvor ab. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie Inge  sich angezogen hatte. Sie stand vollkommen bekleidet vor mir. Sie wirkte jünger. Als wüßte sie, – kompetent und professionell -, genau, was sie tut. Ich kam mir wie ein schlechter Witz vor. Zufällig an diesem Ort. Rein katapultiert. 

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